(de) FAU-IAA - Direct Action #222 - Auf die Zukunft setzen! -- Perspektiven für eine selbstverwaltete Wirtschaft

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Sat Apr 12 14:42:21 CEST 2014


Ein Text von José Luis Carretero Miramar, Professor, Mitglied des Instituts der 
Wirtschaftswissenschaften und der Selbstverwaltung (ICEA) und Autor des Buches "Die 
lebendige Selbstverwaltung - Projekte und Experimente der neuen Wirtschaft in der Hitze 
der Krise" (Queimada Ediciones, Madrid, 2013) ---- Schreie, Klagen, Beleidigungen. Die 
Polizeiknüppel erheben sich und schnellen herunter. Die Leute schwitzen, das Blut fließt, 
jemand weint. Die Gruppe der sitzenden Männer und Frauen mit eingehakten Armen versucht 
zusammen den Angriff der PolizistInnen abzuwehren, die in Begleitung der richterlichen 
BeamtInnen und der hochmütigen AnwältInnen der Immobilieninhaberbank dabei sind, die 
Zwangsräumung einer Familie aus ihrer Wohnung in einem ärmlichen Stadtviertel von Madrid 
zu vollstrecken.

So etwas ist schon hunderttausend mal seit Beginn der Krise in den spanischen Städten und 
Dörfern geschehen. Es ist ein sich wiederholendes Muster, eine wiederkehrende Szene der 
Angst, des Schmerzes und der Verzweiflung. Manchmal wird dieses erschreckende Szenario 
ermuntert durch die verwunderliche Würde von Menschen, die trotz allem versuchen 
Widerstand zu leisten, ihre Häuser, die Spielsachen ihrer Kinder, die geplatzten Träume 
aus den Jahren des Wohlstands zu verteidigen.

Es ist die Krise, die Erschütterung eines senilen, aus der Kontrolle geratenen 
Kapitalismus. Laut offiziellen Zahlen gibt es schon drei Millionen griechische Bürger ohne 
Recht auf ärztliche Betreuung und weitere 3.300.000 stehen kurz davor, diese zu verlieren. 
In Spanien haben seit Beginn der Krise 400.000 Personen in der öffentlichen Verwaltung 
ihre Arbeitsstelle verloren (hauptsächlich im Umfeld der kommunalen öffentlichen Fürsorge 
oder in den Bereichen der Gesundheit, der Erziehung oder der Altenpflege). In einem Land, 
das schon die Zahl von sechs Millionen Arbeitslosen überschritten hat, gab es in den 
ersten neun Monaten des Jahres 2013 21.949 kollektive Verfahren der Massenentlassung, die 
292.706 Personen betrafen.

Vor kurzem haben mehr als drei Millionen Personen in Spanien die Zahl derjenigen in die 
Höhe getrieben, die unter akuter Armut (Einkommen weniger als 307 Euro pro Monat) leiden, 
während die Situation des Armutsrisikos (Einkünfte unter 7040 Euro im Jahr) von 28,2% der 
Bevölkerung geteilt wird.

Auf globalem Niveau ist, trotz der triumphalen Bestätigungen der Rückkehr zum 
Wirtschaftswachstum, die Situation nicht viel besser. Laut der Internationalen 
Arbeitsorganisation (ILO) haben seit 2007 13 Millionen Frauen ihren Arbeitsplatz verloren 
und mehr als die Hälfte der arbeitenden Frauen befindet sich in einer evident prekären 
Arbeitssituation. Gleichzeitig betreffen die Kürzungen und Privatisierungen hauptsächlich 
die öffentlichen und sozialen Dienste, die es ermöglicht hatten, dass Frauen teilweise und 
vorübergehend von ihren Beschäftigungen der Pflege von Pflegebedürftigen und 
Familienangehörigen - welche ihnen die globale Gesellschaft auf die eine oder andere Weise 
aufzwingt - befreit wurden.

UND WAS SIND DIE ALTERNATIVEN?

Für die politische Rechte stehen sie fest: dauerhafte Verschuldung, wirtschaftliche 
Reformen in Form von mehr Arbeitsmarktflexibilität, Produktionsdezentralisation (...), 
Privatisierungen, Abbau der öffentlichen Dienste, endgültiger Abschied vom sogenannten 
Wohlfahrtsstaat (welcher in weiten Teilen der Welt nie wirklich existiert hat), 
politischer und sozialer Autoritarismus, offene Unterdrückung im Schatten des klassischen 
Strafrechts, welches jeden Widerstand im Keim erstickt... - und der Sozialliberalismus? Im 
Wesentlichen das gleiche Rezept: Reformen, Memoranden, Kürzungen, aber zumindest mit ein 
bisschen mehr bürgerlichen Freiheiten, verpackt in entpolitisierte Diskurse.

Die einzige Alternative, auf welche die Linke scheinbar abzielt, ist eine Rückkehr zum 
deformierten Keynesianismus. Das bedeutet öffentliche Ankurbelung der Wirtschaft, 
Regulierung der Banken, progressive Fiskalität, Einschränkung der internationalen 
finanziellen Transaktionen, Umstrukturierung der Schulden. Dennoch ist nichts zu sehen von 
einer Diskussion über die Arbeitsmarktreformen, die darauf abzielen, Europa in ein 
Territorium der exportorientierten Sklavenfabriken zu verwandeln. Keine Eigentums- und 
Machtumverteilung in den Betriebsstätten, auch nicht die konsequente Demokratisierung der 
Leitungsprozesse der öffentlichen Dienste, die das Privatisierungsfieber überlebt haben, 
sondern ein keynesianisches Modell des starken Staates im Schoß des globalen Marktes und 
der transnationalen Bewertungskreise. Genau hier verlaufen die Grenzen. Im Rahmen der 
globalen vielschichtigen Krise1 der kapitalistischen Produktionsweise hat die Strategie 
von einer Rückkehr zum Wohlfahrtsstaat mitsamt seinem Mythos vom unendlichen Wachstum 
keine andere Möglichkeit, auf kurz oder lang diesen Weg zu gehen.

Es fällt dabei immer schwerer, den sogenannten produktiven "guten Kapitalismus" vom 
spekulativen "bösen Kapitalismus" zu differenzieren. Um dem erstgenannten eine Chance zu 
geben, fehlt es an der Dynamik eines kontinuierlichen Wirtschaftswachstums. Es gibt 
scheinbar keine realen, kurzfristigen Optionen, um der globalen Ausbeutung von natürlichen 
Ressourcen, wie der globalen Ölförderung, die Stirn zu bieten. Ein neues globales 
Jahrhundert der Akkumulation im Stile der goldenen 30er Jahre hat allem Anschein nach 
begonnen. Die Entwicklung hin zu einer allumfassenden Konsumgesellschaft westlicher 
Prägung scheint die Klasse der Regierenden geradezu zu berauschen. Ob es nun gewollt ist 
oder nicht: dies steht eindeutig im Widerspruch zu den vorhandenen natürlichen Grenzen des 
Ökosystems.

Deshalb sind die umsetzbaren Alternativen, die nicht mit Schulden, Plünderung, Verarmung 
und Diktatur durch Finanzoligarchen einhergehen, eng mit dem Beginn eines Prozesses der 
gesellschaftlichen Transformation verbunden. Diese schrittweise Änderung, jener sozialen 
Struktur, wird möglicherweise konfliktgeladen sein. Das Bedürfnis nach einer anderen 
sozialen Struktur wird vermutlich konsequent verfochten werden. Es wird die Forderung nach 
einer Struktur sein, die auf den Massen, die in den Jahren der Krise auf die Straße 
gegangen sind, basiert. Das was an Forderungen auf den Plätzen dieser Welt (Puerta del 
Sol, Taksim, Tahrir...) bereits erbeten wurde, das was im Angesicht drohender und 
ausgeübter Polizeigewalt, von Athen bis Río de Janeiro, von New York bis in die Straßen 
von Lissabon, gefordert wurde: Demokratie. Es bedeutet, dass wir alle entscheiden können. 
Menschen wollen über ihr Schicksal und die Formen ihrer wechselseitigen Beziehungen selbst 
bestimmen.

Allerdings reicht es nicht aus, RepräsentantInnen zu haben die (gestärkt durch die 
globalen Finanzmärkte) für einen entscheiden. Demokratie erschöpft sich nicht in den 
Parlamenten, den Parteien und durch die Irreführungen einer Repräsentation: sie ist dort 
meist gar nicht anzutreffen...

Echte Demokratie ist beispielsweise das, was die Massen der argentinischen Arbeitslosen 
umsetzten, als sie sich im Angesicht der Krise entschieden, die Autobahnen zu besetzen. 
Oder die ersten Stadtteilversammlungen der "Bewegung 15. Mai" und die zapatistischen 
Gemeinschaften. Demokratie ist nicht dort, wo man gehorchen befiehlt...

EXISTIERT ABER DAMIT AUCH EINE ÖKONOMISCHE ALTERNATIVE?

Eine produktive Demokratie? Sie existiert nicht nur, sondern sie entwickelt sich, wächst 
und breitet sich vor unseren Augen aus. Und zwar in unzähligen öffentlichen, 
selbstverwalteten Projekten, die uns umgeben. Diese selbstverwalteten Projekte kämpfen für 
eine reale Alternative in Zeiten zunehmender Plünderung und Zerstörung von öffentlichen 
Einrichtungen. Die Alternative existiert und vollzieht sich in den Straßen. Es hat nichts 
Theoretisches und hängt weder von beschönigenden Formulierungen tadelnswerter, 
ethnografisch-historischer Studien ab, noch von rigorosen Statistiken. In den Poren dieser 
Gesellschaft breitet sie sich aus, lernt und drückt sich immer dringlicher aus: "die reale 
Bewegung, die den aktuellen Stand der Dinge abschafft".

Lenken wir nun unseren Blick auf konkrete Erfahrungen, die auf realen Menschen beruhen: 
Beispielsweise die Madrider Zeitung Diagonal, deren Redaktion selbstverwaltet und Teil der 
sozialen Bewegung ist. Sie erscheint 14-tägig mit einer Auflage von 15.000 Exemplaren und 
ist an Kiosken erhältlich. Die Anfänge von Diagonal reichen zurück auf die Produktion von 
Flugblättern, welche auf dem lebhaften Madrider Markt "El Rastro" zwischen Künstlerbuden 
und Ständen für Second-Hand-Kleidung unter die Menschen gebracht wurden. Vor kurzem wurde 
per Crowdfunding Geld gesammelt, eine größere Auflage zu finanzieren.

Wir sollten in diesem Zusammenhang nicht die Kreditkooperative Coop57 vergessen. Das 
kollektiv verwaltete Projekt finanzierte sich anfangs über die Entschädigungen, die den 
gekündigten MitarbeiterInnen des Bruguera-Verlags in Barcelona ausbezahlt wurden. Es 
finanziert und unterstützt selbstverwaltete, ökologische und soziale Projekte durch 
Kredite mit niedrigen Zinsen. Zudem gibt die Kooperative Privatpersonen die Möglichkeit, 
kleinere Beträge zu investieren, die dann wiederum Unternehmen zur Verfügung gestellt 
werden können.

Ein weiteres Beispiel ist die Katalanische Integrale Kooperative (Cooperativa Integral 
Catalana). Diese versucht ein globales Netzwerk aufzubauen, welches ein Leben jenseits des 
Kapitalismus ermöglichen soll. Die Grundlage bilden hier so genannte ecoxarxas 
(Tauschnetzwerke für Lebensmittel, Dienstleistungen oder Wissen), Ökofarmen, eine 
Kreditkooperative sowie ein selbstverwaltetes Gesundheitszentrum.

Auch wenn die Zahl der Beispiele in den letzten Jahren in Spanien stetig anstieg, soll es 
nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Initiativen noch relativ jung sind. In 
Lateinamerika hingegen sind diese Tendenzen schon länger vorhanden. Die Ursache hierfür 
liegt wohl in der gnadenlos ausgeführten Attacke seitens der Märkte, der Keimzelle der 
sogenannten new economy, auf die Lohnabhängigen. In Argentinien wurden seit der 
Wirtschaftskrise von 2001 vermehrt Fabriken, die von den "Eigentümern" geschlossen werden 
sollen, nach mühsamer Besetzung in Selbstverwaltung überführt. An dieser Stelle seien 
Unternehmen wie FaSinPat ("Fabrik ohne Chef"), vormals Zanón, in der Stadt Neuquén, die 
Druckerei Chilavert, die Grafikfirma Patricios oder der Metallbetrieb IMPA genannt. Laut 
einer Studie der "Offenen Fakultät" der Universität Buenos Aires, welches sich der 
Erforschung und Beratung selbstverwalteter Betriebe widmet, arbeiten in Argentinien mehr 
als 10.000 Menschen in den wiederhergestellten Unternehmen.

An dieser Stelle könnten noch zahlreiche weitere Beispiele genannt werden, zum Beispiel 
aus Brasilien, Griechenland, Frankreich, Italien, Uruguay oder Ägypten. Wem die 
Ausführungen an dieser Stelle nicht reichen, kann sich darüber hinaus in meinem letzten 
Buch informieren, welches kürzlich in Spanien von Queimada Edition2 veröffentlicht wurde.

Es geht also um eine Vielzahl konkreter und realer Projekte, die vor unseren Augen 
entstehen. Aber es ist noch viel mehr als das: Sie trotzen auch der Gefahr, ähnlich 
konkurrenzbasierte Mechanismen zu entwickeln, wie sie für Institutionen des 
kapitalistischen Marktes typisch sind (professionelle Geschäftsführung, Kontrolle des 
internen Informationsfluss, Hierarchien), was in weiten Teilen der Genossenschaftsbewegung 
schon geschehen ist. Ebenso trotzen sie der Gefahr, ein bloßes Netzwerk zu sein, eine 
"Selbstverwaltung der Armut", subkulturell und randständig, wo einzig und allein prekäre 
Individuen versuchen, mehr schlecht als recht zu verwalten, was die KapitalistInnen nicht 
einmal mehr plündern wollen, da es schlichtweg nicht verwertbar ist.

Alle diese Erfahrungen und Projekte bleiben unbedeutend wenn sie nicht in der Lage sind, 
sich sowohl untereinander als auch mit Arbeitskämpfen und sozialen Protesten zu 
solidarisieren. Bestehende Kooperativen, Netzwerke, besetzte Dörfer und selbstverwaltete 
Fabriken müssen sich in ihrem Handeln jenseits von staatlichen oder wirtschaftlichen 
Hindernissen verbinden. Nur die gegenseitige Unterstützung durch die Vernetzung der 
ökonomischen Erfahrungen mit den gebündelten sozialen Kämpfen (für mehr Demokratie, für 
die Abschaffung repressiver und autoritärer Gesetze, für den Widerstand gegen 
Privatisierungen und prekäre Arbeitsverhältnisse, für die Verteidigung natürlicher 
Ressourcen und des Ökosystems...) können sich die konstruktiven Erfahrungen der Massen in 
eine weltweit kohärente Alternative verwandeln, die genug Kraft hat.

EINE WELTWEITE ALTERNATIVE AUFBAUEN...

Dies ist genau das, was sich in den letzten, zahlreichen Kämpfen und Erfahrungen aus 
selbstverwalteten Projekten entwickelt hat. Es gibt klassische und topmoderne 
Perspektiven. Beide umfassen klare Thesen (zum Teil bei unpassenden Gelegenheiten), die 
eine mögliche Gesellschaft skizzieren, in der die ProduzentInnen selbstbestimmt handeln 
und die Demokratie direkt auf Versammlungen praktiziert wird. Auch in wirtschaftlichen Fragen.

Es zeichnen sich im Prinzip zwei verschiedene Perspektiven ab. Die erste: eine engmaschige 
Vernetzung von versammlungsorientierten Organen, die sich von lokaler Ebene und 
arbeitsbezogenen Schwerpunkten aus miteinander verbünden. Diese orientiert sich an 
Mechanismen des imperativen Mandats und der Widerrufbarkeit durch die Delegation, um eine 
partizipative Planung des ökonomischen Lebens zu ermöglichen. Das klassische Modell des 
Anarchosyndikalismus sprach die CNT auf ihrem Kongress von Zaragoza 1936 an: über die 
Vorstellung der Funktionsweise ihrer gewerkschaftlichen Struktur, die auf Föderalismus und 
direkter Demokratie basiert. Ein Modell, das immer wieder neu, mit unvermeidlichen 
Veränderungen im Laufe der Zeit, versucht wurde. Mit Perspektiven wie die der umfassenden 
Demokratie, für die Takis Fotopoulos eingetreten ist.

Die andere Perspektive ist ein bisschen komplizierter: Mit dem Wissen um die Grenzen, 
welche die Realität gesetzt hat, und der Erkenntnis, dass keine zentrale Organisation 
(unabhängig von ihrem Maß an Partizipation) über alle Kenntnisse verfügen kann, um eine 
treffsichere und ökonomisch zeitgemäße Vision zu haben, sollte man der Notwendigkeit von 
mehr oder weniger "freien" Formen des Marktes unter den Kooperativen, lokalen Initiativen 
und selbstständigen ArbeiterInnen Raum geben. Denn der Markt kann eine größtmögliche 
Flexibilität und Schnelligkeit bei der Einteilung der Ressourcen im Einzelfall 
garantieren. Natürlich: Wo es einen Markt gibt, gibt es Wettbewerb und somit auch Gewinner 
und Verlierer. Also ist es notwendig, parallel ein breites Feld an regulierenden 
Mechanismen zum Schutz der Allgemeinheit aufzustellen. Diese Mechanismen müssen generell, 
auf kommunaler und sozialer Ebene, demokratisch organisiert sein. Dies soll es erlauben, 
ein finanzielles Polster anzulegen, welches die Möglichkeit bietet, ArbeiterInnen von 
nicht überlebensfähigen Unternehmen zu reintegrieren. Eine Perspektive, die im richtigen 
Moment von dem libertären Ökonom Abraham Guillén hervorgebracht wurde, einem Kämpfer der 
CNT im spanischen Bürgerkrieg, der als Berater und Ideengeber für viele Sozial- und 
Guerillabewegungen in Lateinamerika fungierte.

Es gibt aber auch Momente, in denen die Entwicklung ganz andere Perspektiven eröffnen 
kann. Zum Beispiel die "partizipative Ökonomie", welche offen für angelsächsische Ökonomen 
und Gelehrte wie Michael Albert oder Robin Hahnel ist. Hier liegt die Betonung auf 
interessanten Ideen, wie die der Verteilung von "integrierten Paketen": einer besseren 
Verteilung von manuellen und intellektuellen Aufgaben für jeden Job, so dass in einem 
Kontext der Selbstverwaltung die Arbeitsteilung in der Produktion keine neuen Hierarchien 
im Sinne von Wirtschaftseinheiten erzeugt. Oder die von Andrés Ruggeri oder Dagnino 
entwickelten Analyseverfahren, welche die "soziotechnologische Angemessenheit" des 
Zusammenhangs zwischen selbstverwalteter Produktion und hochtechnisierter 
Arbeitstechnologie bis hin zur konkreten Anwendung untersuchen. Sind die Maschinen, die in 
der selbstverwalteten Produktion bereitgestellt werden, auch die gleichen, die im Rahmen 
des kapitalistischen Marktes Verwendung finden?

Es ist durchaus vorstellbar, dass in diesem Rahmen Möglichkeiten gefunden werden, durch 
die eine Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen den Betreibern direkt ermöglicht werden 
könnte. Andererseits werden Kontrolle und Überwachung gerne als notwendig angesehen. Aber 
trifft es denn auch wirklich zu, wenn man behauptet, dass der positive Effekt einer 
gesteigerten Produktivität meist nur von stärkerer Überwachung und Kontrolle ausgeht?

Projekte und Initiativen, die einen Rahmen schaffen und gestalten, um Selbstverwaltung und 
kollektive Ökonomie bis hin zum Anarchosyndikalismus voranzutreiben (wie das Institut der 
Wirtschaftswissenschaften und Selbstverwaltung (ICEA)) beschäftigen sich schon seit Jahren 
mit dem, was bereits in Spanien realisiert wurde. Es werden dementsprechend schon seit 
Jahren zahlreiche Texte über das Thema veröffentlicht, Konferenzen und Seminare abgehalten 
und mit anderen Medien zusammengearbeitet, um den Gedanken von einer alternativen, 
libertären und kooperativen Wirtschaft zu stärken.

Wie bereits oben erwähnt, zeichnet sich eine neue Gesellschaft im zusammenbrechenden 
Kapitalismus ab. Genauso wie das damals aufkeimende Bürgertum, welches das "Ancien Régime" 
ablöste, braucht diese neue Gesellschaft neben neuen Ideen auch die Fähigkeit, diese so 
umzusetzen, dass den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, mit seinen drohenden 
Umbrüchen und offenen Möglichkeiten, begegnet werden kann.

ES IST DAHER WICHTIG, NEUE PERSPEKTIVEN ZU ETABLIEREN

...die sich an eine schnell wandelnde Welt anpassen können. Neue Analysen und Umsetzungen 
von effizienten Praktiken müssen entwickelt werden. Entwicklungen, die nicht durch bloße 
theoretische Wunschvorstellungen und Abstraktionen oder dogmatische Prinzipien blockiert 
werden können. Die allseits bekannten Aufstände der Ausgebeuteten und Unterdrückten haben 
schon immer existiert, aber der qualitative Unterschied, den die Gewerkschaftsbewegung in 
den Spuren des revolutionären Sozialismus hinterlassen hat, war immer gekennzeichnet durch 
die Möglichkeit, Erfahrungen aus dem Widerstand zu organisieren und zu systematisieren. 
Wir wissen heute, dass beispielsweise die Kämpfe der ArbeiterInnen im Agrarsektor eine 
Renaissance erleben. Zum einen liegt das daran, dass intellektuelle ArbeiterInnen und 
SyndikalistInnen sich allmählich wieder auf ihre Traditionen zu besinnen beginnen. Es gibt 
einige Belege: die Erinnerungen an die vergangenen Jahrhunderte, in denen die Konflikte 
durch ihre Protagonisten weitergegeben werden konnten. Auch wenn diese nicht als 
GewinnerInnen hervorgingen - die grundlegende Erkenntnis über die Notwendigkeit sich zu 
organisieren bleibt. Es gilt nach wie vor wachsam zu bleiben, damit wir nicht unsere 
Rechte verlieren und durch totalitäre Tyrannei vernichtet werden können. Es ist der 
Zeitpunkt des Wiederaneignens dieser Traditionen. Vom Denken ohne Dogmen oder Rigiditäten, 
über Praktiken der ArbeiterInnen-klasse. Anstatt dieses Wissen nur innerhalb dieser Klasse 
zu konservieren, sollte dieser Gedanke mit seinen Praktiken durch einen breiten Dialog in 
der Allgemeinheit etabliert werden. Aus wirtschaftlicher Sicht ist es heute mehr denn je 
an der Zeit, um an dem Konzept Wirtschaftsdemokratie (Selbstmanagement oder 
Selbstverwaltung) zu arbeiten. Mehr denn je, da die Menschen, die durch die "neoliberale 
Verwüstung" betroffen sind, dieses Konzept zwar nutzen, aber nur um aus ihrer 
unmittelbaren Situation einen Ausweg zu finden und dem drohenden ökologischen und sozialen 
Kollaps entgegenzuwirken. Es ist deshalb notwendig, dieses Konzept zu formen, es der 
Realität anzupassen, es zu diskutieren, zu verbreiten und zu vermitteln.

Lasst uns die Kämpfe um den Aufbau einer globalen Alternative begleiten, gestalten und die 
jahrzehntelange Ausgrenzung oder Marginalisierung beenden. Lasst uns stattdessen die 
Lebendigkeit der ArbeiterInnenklasse fördern. Denn diese ist lebendiger als je zuvor.

Madrid, 4. Januar 2014

José Luis Carretero Miramar

[1]  ...die nicht mit dem finanziellen Kollaps 2008 ihr Ende fand, sondern an ihrer 
innersten Eigenschaft, ihrer wirtschaftlichen Struktur und wirtschaftlichen Anpassung an 
die natürliche Umwelt und somit an den Lebensgrundlagen, ankam. Die fortschreitende 
kapitalistische Produktionsweise formt eine authentische Zivilisationskrise für die 
kommenden Jahrzehnte.

[2] Ein Verlag genossenschaftlicher Herkunft, in den 1970ern nach der Diktatur von einer 
Gruppe von Grafikern aus der anarchistischen Bewegung gegründet und auf dem Höhepunkt von 
"15M" wiedereröffnet wurde.

Übersetzung: Phil Leicht, Henry Ortega, Caro, Benjamin Most


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