(de) FAU-IAA - Direct Action #222 - Ein Monat Streik, Protest und Diskussion -- FAU-Arbeitskampf in Szenekneipe schlägt Wellen in der Dresdner Neustadt

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Fri Apr 11 20:16:39 CEST 2014


Mehr Infos auf http://trotzdemunbequem.blogsport.de ---- Im Juli 2013 gründete sich die 
Basisgewerkschaft Nahrung und Gastronomie (BNG-FAU) in Dresden, die erste 
FAU-Branchengewerkschaft der Stadt. Bereits bis Jahresende hatte die BNG 
Arbeitsrechtschulungen, Informations- und Werbematerialien, einen Lohnspiegel, einen 
Gastro-Emailverteiler und eine Kampagne für einen gewerkschaftlich durchgesetzten 
Mindestlohn von 8,50Euro vorzuweisen. Im Februar trat die Gewerkschaft nach der Kündigung 
dreier Mitglieder einer Betriebsgruppe in einen einmonatigen Streik mit täglichen 
Protestposten und intensivierte ihre Tätigkeit in den Betrieben. ---- EINER DER LÄNGSTEN 
KELLNERINNENSTREIKS DER DEUTSCHEN GESCHICHTE ---- Schauplatz des Streiks war die 
Szenekneipe Trotzdem. Hier hatte die FAU im Laufe des Jahres 2013 alle vier KellnerInnen 
als Mitglieder gewonnen. Die Betriebsgruppe (BG) setzte im 2013 eine Lohnerhöhung von 20 % 
durch, verteilte regelmäßig Gewerkschaftswerbung im Betrieb und half aktiv beim Aufbau der 
BNG.

Die Aktivitäten entwickelten schnell einen gewissen Vorbildcharakter. So führten die 
BNG-Mitglieder während des Dienstes durchaus auch mal eine Gewerkschaftsdiskussion oder 
gaben Rechtseinschätzungen. Logischerweise wurde die Gewerkschaft nebst BG aber auch von 
ChefInnen zunehmend beobachtet. Zuletzt bewies sich die BG, als einer der KollegInnen 
durch eine Verletzung mehrwöchig ausfiel und die Einbußen an Trinkgeld durch eine Sammlung 
der restlichen KollegInnen und einiger Stammgäste abgefedert wurde.

Ende Januar - der Kollege war immer noch verletzt zu Hause, ein zweiter gerade im Ausland 
- wurde den drei Teilzeitkräften der BG mündlich auf den 1. April gekündigt. Die von der 
Chefin genannten Gründe erwiesen sich schon bei der ersten, direkt im Anschluss 
einberufenen, BG-Sitzung als haltlos. Die entlassenen KollegInnen erarbeiteten daraufhin 
einen Brief an die Chefin. Die BNG wurde von Beginn an in die Prozesse eingebunden und 
formulierte gleichzeitig einen Brief mit der Forderung nach einer Rücknahme der 
Kündigungen und dem Abschluss eines Haustarifvertrages oder Verhandlungen über einen Kauf 
der Kneipe durch die Belegschaft. Letztere Forderung basierte auf dem Wunsch der BG 
gemeinsam in einem Kollektivbetrieb zu arbeiten.

Die Chefin ließ eine dreitägige Verhandlungsfrist verstreichen, verkürzte die 
Kündigungsfrist in der schriftlichen Kündigung auf einen Monat und schickte den 
Gekündigten Mails mit teils grob beleidigendem Inhalt. Die BNG rief daher ab dem 2. 
Februar zum Streik für einen Haustarifvertrag auf und begann mit täglichem Protest vor dem 
Lokal.

Als Reaktion behauptete die Chefin in einer öffentlichen Stellungnahme, Hintergrund der 
Kündigungen seien Diebstähle im Lager, sie habe den/die TäterIn nicht ermitteln können und 
daher alle entlassen die Zugang hatten. Medien und private InternetkommentatorInnen nahmen 
diese Begründung willig auf. Es dauerte einige Tage um die wahren Fakten ans Licht zu 
bringen: Zugang hatten drei weitere Beschäftigte und mehrere Familienmitglieder. Die 
Begründung entstand offensichtlich erst unter öffentlichem Druck, es gab keine wirklichen 
Versuche die Diebstähle aufzuklären oder zu unterbinden, sie waren nicht einmal der 
Polizei gemeldet worden.

Es folgten vier Wochen unter anderem mit täglichen Streikposten, Diskussionen mit Gästen 
und Passant_innen, Streikkonzerten (u.a. Geigerzähler, Andi Valandi, Atze Wellblech, 
AlArm). Allein: Vier Gesprächsangeboten zum Trotz zeigte die Chefin über die gesamte Zeit 
keinerlei Verhandlungsbereitschaft.

Das Lokal hat durch die Aufklärung der BNG in den vier Wochen massiv an Kundschaft 
verloren. Auch wenn die Chefin schnell mit StreikbrecherInnen antwortete, musste das Lokal 
an drei Wochenendtagen schließen. Zusammen dürfte der wirtschaftliche Druck auf den 
Betrieb daher enorm sein. Aktuell werden nun auch Klagen gegen die Kündigung von Seiten 
der Beschäftigten eingereicht. Auch Klagen bzgl. weiterer Nachforderungen schließt die BG 
nicht aus. Da sich der Konflikt damit zunächst auf eine juristische Ebene verlagert, 
setzte die BNG die täglichen Streikposten nach einer Demonstration am 27. Februar bis auf 
weiteres aus und konzentriert sich zunächst wieder stärker auf die Organisation anderer 
Betriebe.

Wolf Meyer von der Betriebsgruppe über die bisherigen Streikerfahrungen: "Das Maß an 
Solidarität war wirklich beeindruckend. Täglich erhielten wir Spenden für unsere 
Streikkasse und Solidaritätsschreiben. Als Betroffene hatten wir zu keiner Zeit das Gefühl 
allein zu stehen, sowohl finanziell als auch sozial. Das war - trotz Kündigung - eine 
wunderbare Erfahrung und auch der Beweis das unsere aufgebauten Strukturen bestens 
funktionieren." In den Streikwochen wurde der BNG u.a. Kaffee gesendet, GenossInnen 
produzierten Soli-T-Shirts, halfen bei der Pressearbeit, reisten z.T. hunderte Kilometer 
an um die Posten zu unterstützen. Aber auch von NachbarInnen und PassantInnen wurde immer 
wieder Essen und Geld gespendet, Wohnungen konnten genutzt werden, es wurde praktisch 
unterstützt. Aktuell unterstützen über 25 Gruppen und Projekte außerhalb der FAU den Streik.

AUSWIRKUNGEN AUCH IN ANDEREN BETRIEBEN

Im Zuge der Streik-Kampagne organisierte die BNG eine Reihe von Veranstaltungen, die sich 
mit der Situation in der Dresdner Gastronomie auseinandersetzen. So z.B. einen 
Vorstellungsvortrag der BNG, eine weitere Arbeitsrechtsschulung, eine 
Diskussionsveranstaltung und eine große Protestdemonstration mit einer Reihe von 
Redebeiträgen durchs Kneipenviertel Neustadt.

Im Zuge dessen waren FAU-AktivistInnen im Februar über 200-mal in anderen Betrieben um 
Veranstaltungen zu bewerben und zu diskutieren. Das Ergebnis war nicht nur eine Reihe von 
Neueintritten in das Allgemeine Syndikat und die BNG sondern auch eine breite Diskussion 
unter den Beschäftigten. Kaum eine Kneipe Dresdens, in der der Streik, seine Legitimität 
und die Interessengegensätze zwischen Beschäftigten und ChefInnen in den letzten Wochen 
nicht diskutiert wurden. Auch in Tram und auf der Straße konnte mensch immer wieder 
vernehmen, dass der Streik, aber auch syndikalistische Gewerkschaftskonzepte, diskutiert 
werden.

Die FAU hat dadurch an Boden gewonnen, die Dresdner BNG plant parallel zu den Klagen 
weiteren Protest und Diskussions- und Bildungsveranstaltungen für 
Gastronomie-Beschäftigte. Gleichzeitig will das Allgemeine Syndikat Dresden ab März sein 
Engagement in den Bereichen Pflege und Bildung wieder verstärken.

BNG-FAU Dresden


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