(de) (FdA-IFA) - Grundsatztext zu Diskriminierung und Heterosexismus

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Tue Apr 8 17:14:45 CEST 2014


DER DISKRIMINIERUNG ENTGEGENTRETEN! -- Alles Nazis oder was? ---- Wir sind gegen die 
Proteste gegen den Bildungsplan. Doch warum? ---- Einige bisherige Berichte (Artikel bei 
linksunten) versteiften sich auf das Thema Neonazis bei den Demonstrierenden gegen den 
Bildungsplan. Hier halten wir eine differenziertere Betrachtung für notwendig. Neonazis 
finden zwar klare Anknüpfungspunkte, sind aber nicht die Initiator*innen und stellen auch 
nicht die Mehrheit der Teilnehmer*innen der Proteste. Die Teilnehmer*innen rekrutieren 
sich vielmehr aus dem gesamten konservativen und reaktionären Spektrum: Christliche 
Fundis, PI-News1, Konservative Aktion, AfD, etc. Auch die Russisch-Orthodoxe Gemeinde 
scheint eine relevante Rolle einzunehmen. Unseres Erachtens ist Heterosexismus und 
Homophobie ein zentraler Antrieb für die Proteste der Bildungsplan-Gegner*innen, auch wenn 
sie selbst es leugnen und "nur um das Wohl ihrer Kinder besorgt sind".

Hier besteht immer die Gefahr: Wenn unsere Kritik zu sehr auf einzelne Akteur*innen 
abzielt, gibt man den restlichen Demonstrierenden den Raum, sich von diesen Akteur*innen 
inhaltlich zu distanzieren und ihre "besorgte Eltern"-Scharade weiter zu spielen.

Um an dieser Stelle entgegenzuwirken werden wir uns im Folgenden grundlegend mit den 
gesellschaftlichen Mechanismen, die hinter den Bildungsplangegner*innen stehen, 
auseinandersetzen.

Dazu wollen wir gerne etwas weiter ausholen und die ständig stattfindende unterbewusste 
Kategorisierung der menschlichen Wahrnehmung in Zusammenhang mit gesellschaftlichen 
Diskriminierungsformen setzen. Wir erklären die Schlagworte Heteronormativität und 
Heterosexismus. Erst darauf aufbauend wollen wir die Diskriminierung durch die 
Bildungsplangegner*innen aufgreifen.

Sind wir neutral?
Wir Menschen aus dem westlichen Europa halten uns gerne für aufgeklärt und objektiv. Was 
auch immer wir in unserem Alltag tun, wenn wir durch die Straßen laufen und andere 
Menschen wahrnehmen, beim Fernsehen, im Kino... - überall wo wir andere Menschen erblicken 
oder mit ihnen in Kontakt treten, nehmen wir von uns an, dass wir in einer relativen 
Unvoreingenommenheit anderen Menschen gegenüber leben. Sicher, mal gefällt uns eine Frisur 
nicht oder wir mögen bestimmte Personen nicht besonders. Aber ansonsten sind wir neutral. 
Oder nicht?

Sozialisation und unterbewusste Kategorisierung
Dabei ist uns meist gar nicht bewusst, dass unser Gehirn ununterbrochen Menschen in 
Kategorien einteilt:
jugendlich, weiblich, von hier (vermutlich deutsch), dünn, trendy, attraktiv, oder: 
männlich, dick, mittleren Alters, südländisch, bieder, unattraktiv, vermutlich arm.
Ob im Sinne einer Beschränkung auf das Wesentliche oder aus Zeitmangel angewendet 
ermöglichen uns Kategorien und Klischees als vereinfachte und verallgemeinerte 
Vorstellungen über Menschen zunächst einmal Orientierung, Sicherheit und dienen einer 
schnellen Kommunikation.
Nun wäre theoretisch einer unbewussten Kategorisierung anderer Menschen in unserer 
Umgebung nichts vorzuwerfen, wäre sie neutral und bei Bedarf flexibel.
Ist sie aber nicht.
Wir nehmen zwar eine eigene Neutralität an, in Wirklichkeit aber wachsen wir in einer von 
Ungleichheit bestimmten Gesellschaft auf und verinnerlichen Rollen und 
Diskriminierungsformen. Was ist normal, was ist anders, wer/was sind "wir", wer/was sind 
"die anderen". Dieses Wissen ist ein gesellschaftlicher Code, den viele Menschen seit 
ihrer frühesten Jugend verinnerlichen und weitergeben. In der Familie, in Freundschaften 
und Beziehungen, über Medien, Politik, Wissenschaften, Bildung und so weiter.
Sozialisation bezeichnet die Verinnerlichung solcher gesellschaftlicher Normen. Über 
Sozialisation lernen wir in Kategorien zu denken, die in dem jeweiligen Zusammenhang und 
der (Entstehungs-)Geschichte unserer gesellschaftlichen Umgebung entstanden sind. 
Miteinbezogen werden dabei unterschiedliche Kategorien, die den Status und die Anerkennung 
von Menschen in einer Gesellschaft bestimmen, zum Beispiel: Geschlecht, Hautfarbe, Kultur, 
soziale Schicht, Background, Behinderung/Nicht-Behinderung, Alter,...Diese Kategorien sind 
von Menschen gemacht und haben reale Auswirkungen auf die betroffenen Personen.
Der heutige (westeuropäische) gesellschaftliche Ist-Zustand privilegiert Träger*innen 
bestimmter Eigenschaften (z.B.: männlich, heterosexuell, weiß, deutsch, gut gekleidet, 
nicht arm). Alle Menschen, die innerhalb dieser Gesellschaft sozialisiert wurden (und 
damit diese "Privilegien" als positiv und normal verinnerlicht haben), streben nach diesen 
Eigenschaften. Wenn Menschen diesen gesellschaftlichen "Idealzustand" nicht erfüllen 
(können oder wollen), werden sie als "anders" kategorisiert. "Anders" meint nicht nur 
abweichend vom gesellschaftlichen Ist-Zustand, sondern wird gleichzeitig auch negativ 
bewertet.

Gesellschaftlicher Ausgangspunkt
Wir leben in einer Gesellschaft, in der als "anders" wahrgenommene Menschen - Menschen die 
nicht den Wertvorstellungen der dominierenden Mehrheitsgesellschaft entsprechen - 
Ausgrenzung, Nicht-Anerkennung, und unterschiedliche Formen der Gewalt erfahren.
Unterdrückungsmechanismen wie beispielsweise gesellschaftliche Ausgrenzung und 
Diskriminierung gehen mit den bestehenden Hierarchien einher, die das Bild unserer 
Gesellschaft prägen. Sie führen zu Ungleichheit, untermauern bereits bestehende 
Diskriminierung und erneuern sich ständig selbst. Dieses ständige Erneuern passiert nicht 
von allein, sondern wird von Menschen bewusst oder unbewusst durchgeführt. Anstatt 
bestehende Ungleichheit und Hierarchien in Frage zu stellen, grenzt man sich gegen andere 
Menschen ab und diese aus. Besondere Benachteiligung, Gewalt und Herabwürdigung erfahren 
Menschen, die aufgrund von Äußerlichkeiten und anderen Merkmalen, ihrer Kultur, 
(angenommenen) Herkunft, sexueller Orientierung, Behinderungserfahrung, Alter und/oder 
Geschlecht diskriminiert werden.

Diskriminierung
Ein wesentlicher Bestandteil von Diskriminierung ist die Zusammenfassung und 
Kategorisierung von Menschen zu Gruppen und der damit verbundenen Unterstellung bestimmter 
Eigenschaften. Die weit verbreitete Einstellung und Akzeptanz von Vorurteilen, die 
Menschen betrifft, diese in ihrem Handeln einschränkt und somit reale Auswirkungen auf 
deren Alltag hat, wird Diskriminierung genannt. 2
Es gibt viele verschiedene Formen der Diskriminierung, die sich gegenseitig überschneiden 
und bedingen. Gemeinsam haben sie, dass die betroffenen Menschen aufgrund von bestimmten 
Merkmalen oder ihrer Gruppenzugehörigkeit benachteiligt oder ausgegrenzt werden.
Die als "anders" wahrgenommene Menschen, jene, die nicht in die allgemein gesellschaftlich 
anerkannten Wertvorstellungen passen, sind täglich mit Diskriminierung konfrontiert. 
Gewalttätig ist Diskriminierung immer und kann tiefgreifende Auswirkungen auf die 
körperliche, seelische und geistige Unversehrtheit und die Entfaltungsmöglichkeiten der 
betroffenen Menschen haben.
Wir sehen daher drei Ebenen, auf denen sich die Gewalt durch Diskriminierung manifestiert.
1. Auf individueller Ebene: Hier wird Diskriminierung beispielsweise durch verbale Gewalt 
in Form von Vorurteilen, Witzen und Bemerkungen ausgedrückt, oder durch direkte 
körperliche Gewalt.
2. Auf gesellschaftlicher Ebene: etwa in Form von Ausgrenzung und einem allgemein 
anerkannten Wissen darüber, was natürlich und was unnatürlich ist, wer zu dem "wir" und 
wer zu "den anderen" gehört; ebenso durch psychische Gewalt wie Nicht-Anerkennung einer 
Identität und (Be-)hinderung einer persönlichen, individuellen Entfaltung.
3. Auf struktureller und institutioneller Ebene: Die Diskriminierten erfahren keine 
gleichberechtigte Beteiligung/ Mitgestaltung/ Mitwirkung/ Mitbestimmung an 
gesellschaftlichen Ressourcen, in sozialen, politischen, materiellen, kulturellen Bereichen.

Heteronormativität und Heterosexismus als Diskriminierungsform
Als Heteronormativität wird ein Geschlechtersystem bezeichnet, bei dem nur zwei 
Geschlechter, nämlich Mann und Frau, gesellschaftlich zur Norm erhoben werden.
Dabei wird das jeweilige Geschlecht (Mann oder Frau) sowohl mit den gesellschaftlich 
Rollenvorstellungen von Männern und Frauen verbunden, als auch mit der heterosexuellen 
Orientierung. Das heißt, dass es bestimmte gesellschaftlich anerkannte Vorstellungen 
darüber gibt, welche Rollen jeweils Männern und Frauen entsprechen, welche (eher) nicht, 
und dass die einzige natürliche Beziehungsform eine heterosexuelle Zweierbeziehung 
zwischen Mann und Frau ist.

Heteronormativität bestimmt somit, was als "normale" Sexualität gilt und ist gleichzeitig 
mit den von vielen Menschen verinnerlichten Normen und Vorstellungen bezüglich Körper, 
Geschlecht, Charakterzuschreibungen, Familie, ... verknüpft. Die daraus entstehende 
Diskriminierungsform wird als Heterosexismus bezeichnet. Sie lässt keine weiteren 
Sexualitäten und Geschlechter zu.

"Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber..."
Wie bereits in der Einleitung erwähnt werfen wir den Bildungsplangegner*innen 
heterosexistische und homophobe Diskriminierung vor. Unseres Erachtens ist Heterosexismus 
und Homophobie ein zentraler Antrieb für die Proteste der Bildungsplan-Gegner*innen, auch 
wenn sie selbst es leugnen und sich als "besorgte Eltern" darstellen.

Die heteronormative Form des Zusammenlebens (Vater, Mutter, Kinder) findet 
selbstverständlich und selbstbewusst im öffentlichen Raum statt. Andere Konzepte des 
Zusammenlebens hingegen haben sich im Privaten abzuspielen - und dort auch zu bleiben. 
Dieses Messen mit zweierlei Maß zeigt sehr deutlich die diskriminierende Haltung der 
Bildungsplangegner*innen. Das Verschweigen und die Nicht-Anerkennung bestimmter 
Identitäten ist auch in anderen Bereichen (z.B. Rassismus) ein machtvolles Ausgrenzungs- 
und Unterdrückungsinstrument.

Die Angst zu schüren, durch die bloße Erwähnung alternativer Sexualitäten und 
Geschlechterrollen seien Kinder und Familie bedroht, gründet auf Vorurteilen und falschen 
Unterstellungen, sie ist heterosexistisch und homophob.
Dieser Verbreitung diffuser Ängste und Unterstellungen wollen wir uns entgegenstellen und 
für gegenseitige Wertschätzung und eine selbstbestimmte Sexualität eintreten.
Wir haben uns dagegen entschieden der Argumentation der Bildungsplangegner*innen weiteren 
Raum in unserem Text zu geben.

Unsere Kritik
Wir kritisieren die Vorstellung einer natürlich gegebenen Heterosexualität von Mann und 
Frau und die damit verbundene Heteronormativität in der Gesellschaft.

Wir gehen davon aus, dass Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität immer in einen 
gesellschaftlichen Kontext eingebunden sind und aus diesem entstehen.
Dabei werden diese Annahmen durch Medien, Literatur, Musik, ... und durch Institutionen 
wie die Kirche, Schule, (Teile der) Wissenschaft,... als angebliche Wahrheit untermauert.

Diese konstruierte Annahme heterosexueller Mann/ heterosexuelle Frau als einzig gültige 
Lebensweise empfinden wir als unmenschlich und diskrimierend, da sie aus unserer Sicht 
nicht der menschlichen Vielfalt gerecht wird.

Bildungsplan
Wir sind uns natürlich der Ironie der seltsamen Ausgangslage bewusst: Wir unterstützen und 
verteidigen eine Initiative der Landesregierung. Klar ist, dass wir nicht grundsätzlich 
gut finden, was die Regierung treibt und dass wir den Bildungsplan nur partiell 
unterstützenswert finden.

Uns ist es jedoch wichtig ein klares Zeichen gegen die reaktionären Kräfte zu setzen, die 
sich da zusammentummeln, um gegen den Bildungsplan vorzugehen.

Unsere Ansprüche an ein Bildungssystem sind sicherlich andere als die des Staates.
Aber auch das jetzige Bildungssystem sollte neben vielem weiterem den Menschen die nötigen 
Koordinaten mitgeben an denen sie sich orientieren können und auch Kritik- und 
Toleranzfähigkeiten vermitteln. Darüber hinaus ist es wichtig, dass jungen Heranwachsenden 
Wissen und Mittel an die Hand gegeben werden, die sie zur eigenbestimmten unvoreingenommen 
Selbsterkenntnis eigener Sexualität befähigen. An dieser Stelle begrüßen wir den Ansatz in 
den Arbeitsversionen des neuen Bildungsplans über alternative Formen bezüglich Sexualität 
und Geschlecht aufzuklären.
Das Schweigen über oder gar Tabuisieren von bestimmten Formen der Sexualität oder 
Lebensentwürfen steht einer gesunden selbstbestimmten Entwicklung junger Menschen und 
ihrer Sexualität entgegen.
Aufklärungsarbeit an Schulen ist also keine "Propaganda", sondern dient dem ureigenen 
Interesse aller Kinder.

Was wir wollen
Wir lehnen Hierarchien und die damit einhergehenden Unterdrückungsmechanismen und 
Diskriminierungen ab. Um diese abschaffen zu können, müssen wir diese erkennen und 
reflektieren.
Wir wollen Hierarchien bekämpfen, die die Menschen in einer Gesellschaft nach Macht und 
Nicht-Macht, in höhere und nieder Statusgruppen einteilen.

Hierzu ist es nötig, aktiv zu werden. Dazu gehört auch das Hinterfragen der eigenen 
Rollen, genaues Hinhören, aufmerksam machen, sich in den Weg stellen, Schreiben, es gibt 
ganz viele Möglichkeiten... jede*r kann etwas tun!

Ziel ist es, zu einem anderen Umgang der Menschen untereinander zu kommen - jenseits von 
Diskriminierung, Unterdrückungsmechanismen und Machtstrukturen.

Wenn wir eine Gesellschaft anstreben, in der Vielfalt das gesellschaftliche Bild prägt und 
unterschiedliche Lebensentwürfe gleichberechtigt nebeneinander stehen können, hat in 
dieser Form des Pluralismus Diskriminierung keine Berechtigung. Da Diskriminierung immer 
gewalttätig ist - auf die ein oder andere Weise - darf ihr kein Raum gelassen werden um 
sich auszubreiten.

Deshalb stellen wir uns dieser Diskriminierung entschlossen und kreativ entgegen. Auf der 
Straße, in unserem Alltag und in den Köpfen.

Für die freie Vereinigung freier Individuen.

Fussnoten:

1 Politically Incorrect-News: rechtes, reaktionäres Internetportal

2 Auch auf anderen Wegen wie beispielsweise institutionelle Gewalt kann Diskriminierung 
entstehen

Link zum Originalbeitrag 
http://lblb.pytalhost.de/texte/grundsatztext-zu-diskriminierung-und-heterosexismus.html


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