(de) FdA-IFA, Gai Dào #33 - Vergesellschaftungsprobleme -- Zur alten Frage von Zentralismus und Föderalismus - Von: Philippe Kellermann

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Sat Sep 28 16:35:11 CEST 2013


Als 1918 der Bolschewik Bucharin die Differenzen zwischen Anarchismus und Marxismus auf 
den Punkt zu bringen meinte, erklärte er u.a.: Unser Ideal ist ,,die zentralisierte und 
planmäßig organisierte Produktion der Großbetriebe, letzten Endes die Organisation der 
gesamten Weltwirtschaft. Die Anarchisten hingegen geben einem ganz anderen Typus den 
Vorzug: ihr Ideal sind kleine Kommunen, die nach dem Wesen ihrer Struktur keine 
Großwirtschaft betreiben können, die ,Vereinbarungen' treffen und durch ein Netz von 
freiwilligen Verträgen miteinander in Verbindung stehen." (Bucharin 1918: 273). ---- 
Dahingestellt sei, ob die Beschreibung, die Bucharin hier von dem Anarchismus gibt, 
zutreffend ist, spricht er jedenfalls eine durchaus wichtige Differenz zwischen 
anarchistischen und marxistischen Ansätzen an.

Denn die Ablehnung des Zentralismus, als ei-
nen ,,herrschaftlich-zentralistische[n] Ordnungsprinzip" (Hug 1989:
58), stand seit jeher im Mittelpunkt anarchistischer Theorie. So er-
klärte Johann Most paradigmatisch: ,,Eine zentralistisch organisierte
Gesellschaft mag - aller Staatsliebe ihrer Befürworter ungeachtet
- keinen eigentlichen Staat vorstellen, allein sie würde ihrem gan-
zen Wesen nach eine stufenweise gegliederte Hierarchie von Wirt-
schaftsbeamten in sich bergen. Eine solche wäre nichts weniger als
eine autoritäre Aristokratie, welche den Begriffen von Freiheit und
Gleichheit schnurstracks zuwiderliefe." (Most 1899: 84).

Einen der zentralen Vorwürfe an die zeitgenössischen Bewegungen
formulierte Rudolf Rocker dann auch wie folgt: ,,Heute ist es die Idee
des Zentralismus, diese ureigenste Erfindung des Staates, welche die
Geister gefangen hält. Der Zentralismus ist zum Allheilmittel der
Zeit geworden, und wie man sich ehemals um die beste Form der
Kirche stritt und sich heute noch um die beste Form des Staates strei-
tet, so sucht man nun alle Mängel und Schäden des zentralistischen
Systems in seinen zufälligen Vertretern, nicht im System selbst."
(Rocker 1921: 126). Anders als zu Zeiten Rockers, scheint diese Idee
mittlerweile zunehmend ihre Macht über die Geister der Menschen
zu verlieren. So kritisierten Hardt/Negri unlängst: ,,Die Planung, wie
sie der Staatssozialismus praktizierte, starb eines elenden Todes, und
niemand sollte ihr eine Träne nachweinen oder gar auf den Gedan-
ken kommen, sie wiederbeleben zu wollen. Ihre Grausamkeit und
Ineffizienz resultierte vor allem aus der Zentralisierung der Entschei-
dungsgewalt."

(Hardt/Negri 2013: 105). Und selbst aus der Linkspartei sind Stimmen,
wie die von Manfred Sohn zu vernehmen, der schreibt: ,,Kapitalismus
bedeutet immer Konzentration von Kapital und Macht. (...) Die ganze
Geschichte des Kapitalismus ist eine Geschichte der Zentralisation."
(Sohn 2012: 14). Anders aber als Marx und Engels, die dies ähnlich sa-
hen, aber freudig festhielten, dass für ,,die Arbeiter (...) natürlich alles
günstig" sei, ,,was die Bour-
geoisie zentralisiert" (Marx
1866: 243), scheint Sohn vom
,,heilsame[n] Prinzip des Fö-
deralismus" (Bakunin 1868:
30) überzeugt. So sei die
,,Antwort auf den Zentralis-
mus des Kapitalismus eben
nicht (...) ein zentralistischer,
sondern ein dezentraler,
kommunal orientierter Sozi-
alismus" (Sohn 2012: 80). Und
ähnlich folgern Hardt/Negri:
,,Unter Föderalismus verste-
hen wir (...) kein System, in
dem eine Zentralmacht in
kleine politische Unterein-
heiten wie Bundesstaaten
oder Bezirke untergliedert
ist. Wir verstehen den Föde-
ralismus viel grundlegender als offene Beziehungen zwischen unter-
schiedlichen politischen Kräften aus der gesamten Gesellschaft, die
keiner abstrakten Zentralmacht unterstehen. Der Föderalismus, wie
wir ihn verstehen, ist nicht hierarchisch organisiert, sondern hori-
zontal, und fördert die Pluralität und die Prozessorientierung der Po-
litik." (Hardt/Negri 2013: 101).

Aus anarchistischer Perspektive könnte man sich nun zwar ärgern,
dass der eine seine Zentralismuskritik gerade mit Marx in Verbin-
dung bringt - Zentralismus tauche ,,bei Marx - außer in der nega-
tiven Verbindung mit Spielarten des Zentralismus im Kapitalismus
- positiv nicht" auf (Sohn 2012: 33) - und die anderen (Hardt/Negri)
sich über ihre Quellen eher ausschweigen, und wenn, dann die Neu-
heit der Protestbewegungen der letzten Jahren als Inspiration an-
führen. Man könnte sich aber auch freuen, dass offenkundig genuin
anarchistisches Gedankengut einen zunehmenden Einfluss erlangt.

Auf der anderen Seite stellt sich aber auch die Frage, ob es für eine
emanzipatorische Politik ausreichend ist, sich mit diesem ,,Erfolg"
zufrieden zu geben, weil man selbst vermeintlich alles weiß, und des-
halb nur auf die Ankunft der Anderen auf den eigenen Standpunkt
zu warten braucht. Ist denn aber alles geklärt? Manfred Sohn scheint
sich seiner Sache erstaunlich sicher, wenn er schreibt: ,,Wo sind die
Hauptlehren, wo die institutionellen Sicherungen dagegen, dass
nicht ein dritter Anlauf zum Sozialismus nach der Pariser Kommune
und der Russischen Revolution ähnlich entgleist wie der zweite 1989
endgültig entgleist ist? (...)

Die hier versuchte Antwort
auf diese Kernfrage, die an alle
Linken gerichtet sein wird:
Das kann deshalb nicht noch
einmal passieren, weil nicht
erst nach einer gewonnenen
Revolution, sondern schon in
jedem Schritt ihrer langsamen
Entfaltung jedes Fitzelchen
dem zentralisierten Kapitalis-
mus abgerungener Macht nicht
an einen zentralisierten Sozia-
lismus übertragen, sondern an
der Basis der Gesellschaft ver-
ankert wird: In ihren Dörfern,
Städten und Betrieben. Ein
solcher in jedem Schritt seiner
Erringung an der Basis veran-
kerter Sozialismus ist anders
als der von 1917 bis 1989 un-pervertierbar." (Sohn 2012: 52f.; H.v.m.).
Sollten solche Selbstgewissheiten nicht vielmehr aufhorchen lassen?

Wie beispielsweise sieht es mit der Koordinationsproblematik aus?
Marx hatte in der Frage der Landverteilung kritisiert, dass, gebe
man das Land ,,an assoziierte Landarbeiter", dies bedeute, ,,die gan-
ze Gesellschaft einer besonderen Klasse von Produzenten auszulie-
fern" (Marx 1872: 62). Roman Danyluk knüpft aus anarchosyndika-
listischer Perspektive an eine solche Problematisierung an, wenn er
festhält: ,,Einige der konkreten Fragen und ökonomischen Probleme,
denen das Proletariat und die emanzipatorische Linke gegenüber
steht, lauten: Sollen sich die Betriebe und Produktionsmittel in den
Händen der jeweiligen Belegschaft befinden oder sollen sie Gemein-
eigentum sein, also auch der Kontrolle der Konsument*innen und
Anwohner*innen vor Ort unterliegen? Wer verwaltet eigentlich die
Betriebe? In Spanien waren dies damals im Spanischen Bürgerkrieg
Gewerkschaftskomitees (...). Daraus ergaben sich gleich mehrere Pro-
bleme." Unter anderem ein ,,Betriebsegoismus, der dazu führte, dass
in den verschiedenen Betrieben unterschiedliche Löhne gezahlt wur-
den und es bessere oder schlechtere Sozialleistungen gab" (Danyluk
2013: 78). In eine ähnliche Richtung zielt Martin Baxmeyer, wenn er
die Position vertritt: ,,Die Frage, wie diese soziale Kooperation ohne
(zumindest formell) steuernde und verwaltende Einrichtungen reali-
siert werden sollte, zumal in gesamtgesellschaftlichem Maßstab, war
eine chronische Lücke im Theoriegebäude des Anarchismus. (...)

Man hatte sich bis dahin oft mit Zweckoptimismus und einem uner-
schütterlichen Vertrauen in die ,wahre Natur des Menschen' behol-
fen: Wenn man der revolutionären Entwicklung nur ihren Lauf lasse,
werde sich ein solidarisches Miteinander ,von alleine' entwickeln"
(Baxmeyer 2012: 70). Und er erläutert die sich stellenden Fragen bün-
dig an anderer Stelle - am Beispiel von Bürgerwehren in südafri-
kanischen Townships: ,,Ich habe jüngst einmal den Strafenkatalog
in Händen gehalten, den eine dieser Bürgerwehren erstellt hat, und
in dem haarklein aufgelistet wird, welche Strafe für welches Verbre-
chen zu verhängen ist. Das geht vom Abschlagen einer Hand über
das öffentliche Totschlagen bis hin zum Verbrennen bei lebendigem
Leibe (eine ungute Reminiszenz aus den Tagen des Anti-Apartheid-
Kampfes: The necklace war damals in einigen Townships die Strafe
für tatsächliche oder angebliche ,Verräter'). So verständlich der Hass
solcher Leute in einer durch und durch brutalisierten Umgebung
auch sein mag: Kann und soll man tatsächlich zivilisatorische Min-
deststandards, die ja immerhin ihrerseits in langwierigen politischen
Kämpfen errungen wurden, auch, wenn sie in weiten Teilen der Welt
höchstens als hoffnungsvolle Forderungen existieren, über Bord wer-
fen, nur, weil man die Selbstorganisation für den Königsweg in eine
bessere Zukunft hält? Wer hätte tatsächlich das Recht, solchen Bür-
gerwehren Vorschriften zu machen? Wo fängt die kolonialistische
oder gar rassistische Hybris an und wo hört die Verteidigung ele-
mentarer Werte auf? Bei wem liegt die soziale Autorität? Soll es einen
verbindlichen Wertekatalog für selbstverwaltete Gemeinschaften ge-
ben? Wenn ja: Wer darf ihn erlassen? Wer seine Umsetzung einfor-
dern und überprüfen? Ist man auf diese Weise nicht schon wieder auf
dem Weg hin zu einem Herrschaftsmodell, das einem Staat verdäch-
tig ähnlich sieht und über kurz oder lang vielleicht doch wieder eine
soziale Totalität anstrebt?

Das sind Fragen, mit denen man sich auseinandersetzen sollte, wenn
man über Möglichkeiten und Grenzen künftiger Gesellschaftsmodel-
le nachdenkt und den Weg der sozialen Totalität mit all ihren Fußan-
geln und Unmenschlichkeiten nicht länger gehen mag." (Baxmeyer
2013: 28f.)

David Harvey hat unlängst in Rebellische Städte solcherart Fragen
folgendermaßen beantwortet: ,,'Würde die gesamte Gesellschaft als
Konföderation eigenständiger Kommunen organisiert', schreibt Iris
Marion Young, ,was würde dann die Entwicklung von Ungleichheit
und Ungerechtigkeit im großen Stil unter den Gemeinden (...) verhin-
dern und damit die Unterdrückung von Einzelnen, die nicht in den
privilegierteren und mächtigeren Gemeinden leben?' Solch ein Er-
gebnis können wir nur vermeiden, wenn irgendeine höhere Autorität
jene kommuneübergreifenden Transfers anordnen und durchsetzen
würde, die zumindest die Chancen und vielleicht auch die Ergebnisse
annähernd angleichen würden. (...)

Die einzige Art und Weise, wie allgemeine Regeln etwa der Umver-
teilung des Wohlstands zwischen den Gemeinden aufgestellt werden
können, ist entweder durch demokratischen Konsens (der, wie wir
aus geschichtlicher Erfahrung wissen, kaum freiwillig und ohne
Zwang erreicht wird) oder durch Bürger als demokratische Subjekte
mit Entscheidungsgewalt auf verschiedenen Ebenen innerhalb einer
Struktur der hierarchischen Regierung. Selbstverständlich gibt es
keinen Grund, aus dem alle Macht in einer solchen Hierarchie von
oben nach unten fließen sollte, und es lassen sich gewiss Mechanis-
men entwickeln, um Diktatur oder Autoritarismus zu verhindern.
Doch es ist einfach eine Tatsache, dass gewisse Probleme etwa des
Allgemeinwohls erst in einem bestimmten Maßstab sichtbar wer-
den, weshalb es nur angemessen ist, dass demokratische Entschei-
dungen in diesem Maßstab getroffen werden." (Harvey 2013: 262f).
Es ist hier jetzt nicht der Platz, die bei Harvey vorausgesetzten Im-
plikationen kritisch zu diskutieren, aber festzuhalten bleibt: Wenn
wir die klassisch marxistische ,,Lösung" dieser Frage vermeiden wol-
len und eben nicht - so Harvey in Bezug auf Hardt/Negris Ausfüh-
rungen in deren Buch ,,Common Wealth" - den Staat auf Seite 368
zerschlagen", um ihn ,,auf Seite 387 als Garanten für einen univer-
sellen Mindestlebensstandard sowie für allgemeine Gesundheitsver-
sorgung und Bildung wiederauferstehen zu lassen" (Ebd. 261), muss
diesen alten Fragen nachgegangen werden. All dies nicht zuletzt aus
einem banalen Grund, den Gabriel Kuhn mit der Organisationsfra-
ge in Verbindung gebracht hat: ,,Vor allem bedarf es politischer und
ökonomischer Visionen, die Menschen wirklich das Gefühl geben,
dass ihre grundlegenden Bedürfnisse auch in einer gerechteren und
solidarischeren Welt zu befriedigen sind. Menschen müssen darauf
vertrauen können, dass es zu essen gibt, dass Kranke versorgt wer-
den, dass sie sich im öffentlichen Raum sicher fühlen usw., und zwar
ohne Qualitätsverlust zum Hier und Jetzt. Das sind riesige Herausfor-
derungen" (Kuhn 2013: 130).

Literatur

Bakunin, Michael (1868):
Die revolutionäre Frage.
Föderalismus-Sozialismus-Antitheologismus.


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