(de) Politisch aktiv, ohne kaputtzugehen -- Zweite Auflage der gleichnamigen Veranstaltungs-Dokumentation erschienen - Von: GruppeX / Anarchistische Föderation Berlin

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Wed Sep 25 10:17:14 CEST 2013


Pünktlich zum Hochsommer ist nun die zweite Auflage der Broschüre "Politisch aktiv, ohne 
kaputtzugehen" erschienen. Wir waren ehrlich gesagt beim Druck der ersten Auflage, die 
immerhin 1500 Exemplare betrug, etwas unsicher, ob das nicht zu viel ist. Doch bereits 
nach gut zwei Monaten waren die Broschüren weg und verteilt. Trotzdem erreichte uns immer 
noch eine Vielzahl an Bestellungen und Anfragen, wodurch wir uns entschlossen haben, noch 
mal nachzulegen. ---- Als wir die Dokumentation der gleichnamigen Veranstaltungsreihe 
zusammenstellten, haben wir nicht damit gerechnet, dass die Broschüre so einen Anklang 
finden wird. Doch scheinbar gibt es in der "Szene" großes Interesse, sich mit den 
unterschiedlichen Schwierigkeiten politischer Aktivität auseinanderzusetzen.

Diese Auseinandersetzung war auch für uns Motivation die Veranstaltungsreihe
"Politisch aktiv, ohne kaputtzugehen" zu organisieren - teils aus eige-
ner Erfahrung, teils im Umgang oder Gesprächen mit anderen.

"Kaputt gehen" bedeutet für uns nicht (nur) die Niederlage im Stra-
ßenkampf gegen Nazis oder Repressionsorgane. Zu"kaputt" zu sein,
um weiter effektiv politisch tätig sein zu können, kann leider durch
sehr viele Faktoren ausgelöst werden. Das kann Überarbeitung und
Polit-Burn-Out sein, das Gefühl von Sinnlosigkeit und Vergeblich-
keit aller Bemühungen oder das starke Eingebundensein in Job und
andere Alltags-Orga-Dinge. Auch der Blick auf die sich auftuenden
Gräben zwischen Anspruch oder Utopie und Wirklichkeit können
den Eindruck vermitteln, aufgeben zu müssen. Es gibt viele weitere
Umstände, die die Polit-Aktivität erschweren und, wenn sie gehäuft
oder über Jahre hinweg angesammelt auftreten, dazu führen können,
dass mensch nicht mehr weiter machen kann oder will.

Dazu gehören beispielsweise informelle Hierarchien, Kommunika-
tionsprobleme, problematischer Umgang mit Konflikten, Entschei-
dungsprozesse, die den eigenen Ansprüchen nicht genügen, sowie die
mangelnde Unterstützung des Politumfelds beim Umgang mit Kin-
dern."Kaputt gehen" können wir auch, indem wir uns in Sackgassen
verrennen. So können wir uns an einem Thema festbeißen, das keine
Resonanz mehr erfährt, im Spezialist_innentum den Kontakt zu In-
teressierten verlieren, als Gruppe zerbrechen, keine Unterstützung
für unsere Themen finden, oder durch das Nicht-Reflektieren der ei-
genen Privilegien immer wieder in monokulturartiges Denken der
weißen Mittelschicht verfallen.

Diese Themen wurden in verschiedenen Veranstaltungen und Work-
shops behandelt und die Ergebnisse versucht festzuhalten und zu
dokumentieren. Für die Interpretation der Ergebnisse und einer Ein-
schätzung der Reihe an sich ist vermutlich zunächst eine Darstel-
lung unserer Motivation und eine kurze Definition des Konzepts des
"Kaputtgehens" vonnöten. Weil das für alle weiteren Schritte, inkl.
der Dokumentation selbst, von großer Bedeutung ist, sollten wir zu-
nächst klarstellen, dass wir einen sehr starken Fokus auf die Ent-
wicklung neuer Ideen und Lösungsansätzen sowie dem Festhalten
so genannter "Best Practices" legen woll(t)en - praktischen und po-
sitiven Erfahrungen, die für Andere hilfreich sein könnten. Daraus
ergibt sich zugleich, dass wir keine große Analyse der aktuellen Si-
tuation betrieben haben, um uns nicht in Problembeschreibungen zu
verlieren und die Zeit nur mit Jammern zu verbringen.

Denjenigen, die in den Sommermonaten das PDF auf der AFB-Seite
heruntergeladen haben, ist bestimmt aufgefallen, dass wir eine Ände-
rung gegenüber dem Originaltext vornehmen mussten: Aus Gründen,
die nichts mit der Broschüre an sich zu tun haben, bat uns eine vor-
tragende Person, den Text zu ihrer Veranstaltung herauszunehmen.
Wir respektieren diese Entscheidung und haben das Online-PDF so-
fort entsprechend abgeändert. Konkret geht es um den Workshop zu
"Stress- und Burnout-Prophylaxe". Nun hat es leider, entgegen unse-
rer Hoffnungen, keinen Alternativtext dazu gegeben. Da es sich bei
diesem Thema jedoch um den Kernbereich unserer damaligen Veran-
staltungsreihe und der nun vorliegenden Broschüre handelt, haben
wir entschieden, veranstaltungsunabhängig verschiedene Gedanken
dazu aufzuschreiben.

Wir haben als Reaktion auf die erste Auflage der Broschüre viel po-
sitives Feedback erhalten - aber auch eine umfassende Kritik. Wir
nehmen die Kritik sehr ernst und möchten versuchen, hier etwas
dazu zu entgegnen bzw. Dinge noch klarer stellen (auch vor dem Hin-
tergrund, dass ähnliche Kritik möglicherweise einfach nicht uns ge-
genüber verbalisiert worden ist):

Diese Broschüre geht über eine reine Dokumentation hinaus. Sie
enthält auch Kommentare und Bewertungen von unserer Grup-
pe, besonders in den als"Fazit" bezeichneten Abschnitten. Für
uns war diese Arbeit essentiell beim Versuch, konkrete"Best
Practices" aus Veranstaltungen herauszudestillieren, die diese
nicht oder nicht in deutlich ersichtbarer Weise hervorgebracht
haben.

Für die allermeisten, wenn nicht gar für alle Themen in dieser
Broschüre gilt, dass wir keinen Anspruch erheben, Expert_innen
in der Materie zu sein. Auch wir kämpfen in der Praxis mit vie-
len der im Reader diskutierten Fragen und wollen nicht besser
wissend klingen. Falls dies doch an einigen Stellen passiert sein
sollte, entschuldigt dies bitte und weist uns auf die entsprechende
Stellen hin, damit wir an unserer Ausdrucksweise arbeiten kön-
nen.

Sowohl die konkreten Ergebnisse der Workshops als auch un-
ter weiterführenden Schlussfolgerungen sind aus unserer Pers-
pektive entstanden und haben keine universelle Gültigkeit. Für
uns war es dennoch immens wichtig, anderen interessierten
Politaktivist_innen einen entsprechende Grundlage in die Hand
zu geben für ein Themenfeld, über das allzu häufig nur geredet
wird, jedoch nirgends konkrete Anhaltspunkte zu finden sind.
Entsprechend sind alle Ideen in diesem Heft nur Vorschläge und
müssen notwendigerweise an konkrete Situationen und Praxen
angepasst oder eben einfach verworfen werden. Wir rufen zum
Experimentieren auf!

An dieser Stelle möchten wir gleich einhaken: Wir erhalten regelmä-
ßig Anfragen, ob wir nicht die Reihe oder Veranstaltungen daraus
in anderen Städten wiederholen könnten ... Nun - lieber nicht! Aus
den oben genannten Gründen sehen wir euch als ebenso befähigt
dazu, zumal wir denken, dass für die meisten Veranstaltungen ein
praktisches und relativ ausführlich beschriebenes Gerüst zur Durch-
führung der Veranstaltung gegeben ist. Und nicht zuletzt haben wir
mittlerweile auch andere eigene Projekte - und wir sind sehr be-
strebt, ein Polit-Burnout zu vermeiden ;-)
o	
In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen und Ausprobieren.
Bestellungen und Feedback gerne weiter an: kaputtnix at riseup.net.

Eure Projektgruppe"Politisch aktiv, ohne kaputtzugehen" (AFB)


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