(de) Was ist eigentlich Kapitalismus? -- Eine kurze Einleitung zum besseren Verständnis des Systems und seiner Krisen Von: FdA/IFA
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Tue Sep 17 10:00:51 CEST 2013
Vorwort: Der folgende Text wurde als Diskussionsbeitrag des damaligen Forums
deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA) für den Kongress der Internationalen der
Anarchistischen Föderationen (IFA) in St. Imier 2012 geschrieben. Wir wollten ihn längst
veröffentlicht haben und holen dies nun nach. An der Analyse hat sich (leider) nichts
Großartiges geändert. ---- Der Text geht allerdings beinahe ausschließlich auf
wirtschaftlich-finanzielle Aspekte ein und lässt soziale und politische Dimensionen des
Kapitalismus außen vor. ---- Unter dem Begriff Kapitalismus versteht man die Wirtschafts-
und Gesellschaftsordnung, die zurzeit in den meisten Teilen der Welt vorherrscht und
weitergehend auch die Geschichtsepoche, in der wir leben. Die zentralen Instrumente
stellen dabei das Recht auf Privateigentum, Geld als Tauschmittel, um Privateigentum zu
erwerben, und die Preisbildung für Güter über dezentral organisierte Märkte dar, mit dem
(vorgeblichen) Ziel den größtmöglichen Wohlstand für "alle" zu schaffen.
Der Kapitalismus basiert auf der Annahme, dass alle Menschen
Bedürfnisse haben, deren Befriedigung sie anstreben. Um diese zu
befriedigen, sind die Menschen bereit, ihre Arbeitskraft auf dem Ar-
beitsmarkt Unternehmen anzubieten, um auf diese Weise Geld als
Gegenleistung zu erhalten. Daher entsteht ein direkter Bedarf nach
einem oder mehreren Gütern (in der Volkswirtschaftlehre nennt man
mit Kaufkraft gedeckte Bedürfnisse Bedarf). Tritt dieser Bedarf di-
rekt am Markt auf, d. h. wenn Menschen in den Supermarkt gehen
und einkaufen, spricht man von Nachfrage.
Die Nachfrage nach Konsum- und Produktionsgütern stellt zusam-
men mit dem Angebot die Kernaspekte des kapitalistischen Wirt-
schaftslebens dar. Denn das Zusammentreffen von Angebot und
Nachfrage am Markt führt zur Preisbildung des jeweiligen Gutes.
Was bedeutet, dass ein Unternehmen eine bestimmte Menge eines
Produktes zu einem bestimmten Preis auf einem Markt anbietet, wird
das Produkt zu diesem Preis vom Nachfrager im erhofften Maß abge-
nommen, kann der Preis beibehalten werden. Wenn das Produkt hin-
gegen in einem schlechteren Maß oder gar nicht abgenommen wird,
muss der Preis gesenkt oder sogar vom Markt genommen werden.
Lässt es sich besser verkaufen, kann der Preis gehoben werden.
Diese Tatsache führt zu heftigen Konkurrenzkämpfen zwischen Un-
ternehmen, die ähnliche Produkte anbieten. Denn je günstiger ein
Produkt angeboten werden kann, umso besser wird es sich verkau-
fen. Daher werden die Produktionsprozesse der Unternehmen etwa
durch Automatisierung immer weiter rationalisiert, um die Produkti-
onskosten zu senken. Dies hat jedoch auch erhebliche Auswirkungen
auf Nachfragerseite, denn aufgrund der immer weiter fortschreiten
Automatisierung gibt es generell schon weniger Arbeitsplätze und
die Anforderungen an die Tätigkeiten der Arbeiter*innen sind sehr
hoch. Was im Endeffekt dazu führt, dass es auch zur Konkurrenz der
Arbeitnehmer*innen um die Arbeitsplätze kommt, die bereits in der
Schule beginnt.
Somit könnte man schlussfolgern, dass der Kapitalismus zu einer
egoistischen Leistungs- und Konsumgesellschaft führt, da die höchs-
te Priorität - nämlich die Befriedung der eigenen Bedürfnisse durch
Konsum ist -, allerdings steht diese nur denen zu, die auch im Sinne
des Arbeitsmarktes verwertbar sind. Alle anderen sind vom gesell-
schaftlichen Leben nahezu ausgeschlossen.
Warum dieses System nicht funktionieren kann und wer
an der vorherrschenden Krise des Kapitals schuld ist:
Statt nach ,,Schuldigen" müssen wir nach den systemischen Ursa-
chen der Verschuldungsdynamik suchen. Diese gigantischen Schul-
denberge sind in den vergangenen Jahrzehnten entstanden, weil sie
notwendig waren, um den Kapitalismus überhaupt funktionsfähig
zu erhalten. Ohne Schuldenmacherei zerbricht das System an sich
selbst. Private und/oder staatliche Verschuldung stellt im zunehmen-
den Maße eine Systemvoraussetzung dar, ohne die der Kapitalismus
nicht mehr reproduktionsfähig ist.
Wir müssen uns nur vergegenwärtigen, dass die Kreditaufnahme ei-
gentlich einen Wechsel auf die Zukunft darstellt, bei dem Finanzmit-
tel im Hier und Jetzt zur Verfügung gestellt werden, die erst später
vom Kreditnehmer erwirtschaftet und zurückgezahlt werden müs-
sen. Und diese Kredite werden ja für Investitionen, Bautätigkeit oder
Konsum aufgewendet. Somit schafft die Verschuldung eine zusätzli-
che, kreditfinanzierte Nachfrage, die stimulierend auf die Wirtschaft
wirkt.
Im Endeffekt ist es egal, ob der Staat, die private Wirtschaft oder die
Konsumenten sich verschulden: Gemeinhin stimuliert diese kredit-
generierte Nachfrage die Konjunktur und führt zu weiterem Wirt-
schaftswachstum. Ob nun der amerikanische Staat neue Marschflug-
körper ordert, in Spanien zu Spekulationszwecken neue Ferienhäuser
gebaut oder in Osteuropa Konsumentenkredite vergeben werden: All
diese Aktionen generieren Nachfrage, schaffen Arbeitsplätze und be-
leben die entsprechenden Industriezweige. Wenn die Verschuldungs-
dynamik stark genug ist, dann entsteht eine sogenannte Defizitkon-
junktur. Hierbei handelt es sich um einen Wirtschaftsaufschwung,
der durch das Anhäufen von Schulden, also von Defiziten, getragen
wird.
Der Kapitalismus als ein Weltsystem kann ohne diese Defizitkon-
junkturen und die damit einhergehenden Ungleichgewichte nicht
mehr funktionieren: Sobald die - private oder staatliche - kredit-
generierte Nachfrage wegbricht, setzt eine sich selbst verstärkende
Abwärtsspirale ein, in der Überproduktion zu Massenentlassungen
führt, die wiederum die Nachfrage senken und weitere Entlassungs-
wellen nach sich ziehen.
Da der Finanzkrach dem Wirtschaftseinbruch vorangeht, kann der
Eindruck entstehen, dass die Finanzmärkte die reale Wirtschaft in
den Abgrund gestoßen haben. Tatsächlich aber hielten die Finanz-
märkte durch ihre Kreditvergabe die reale Wirtschaft überhaupt am
Laufen, indem sie - wie ausgeführt - kreditfinanzierte Massennach-
frage erzeugten. Die Finanzmärkte ermöglichten erst die besagten
Defizitkonjunkturen, da der Kredit ja generell die wichtigste ,,Ware"
der Finanzwirtschaft bildet.
Erst der Zusammenbruch der Immobilienblasen in 2008 und die da-
mit einhergehende ,,Kreditklemme" ließen die Nachfrage wegbre-
chen, was zur Wirtschaftskrise von 2009 führte. Das jahrzehntelange
Wachstum der Finanzmärkte ist selbst Folge der oben beschriebe-
nen, aus fortschreitenden Rationalisierungsschüben resultierenden
Krise der Arbeitsgesellschaft. Kapital strömt nun mal dort hin, wo
die höchsten Renditen zu erwarten sind. Den Bankern maßlose Gier
vorzuwerfen, ist geradezu absurd, da ,,Gier" - als die höchstmögliche
Kapitalvermehrung - das Wesen des Kapitals bildet.
Dies gilt aber nicht nur für die Finanzbranche, sondern auch für die
Warenproduktion. Wenn die Verwertung von Kapital in der realen,
warenproduzierenden Wirtschaft stockt und zunehmende Verdrän-
gungskonkurrenz die Renditen absenkt, dann strömt anlagewilliges
Kapital nun mal in die Finanzmärkte. Generell gilt, dass Finanzex-
zesse auf eine Krise in der Warenproduktion hindeuten.
Somit schienen die rasch expandierenden Finanzmärkte die Rolle
des beschriebenen Leitsektors der Wirtschaft einzunehmen, da der
besagte Strukturwandel in der realen Wirtschaft nicht mehr funkti-
onierte. Diese finanzielle Explosion ab den 80ern - und verstärkt ab
den 90ern - des 20. Jahrhunderts war aber auf Dauer nicht tragfähig,
obwohl selbstverständlich auch im Finanzsektor viele Arbeitsplätze
geschaffen wurden. Dieses explosionsartige Wachstum der Finanz-
wirtschaft war auf Sand gebaut. Kapitalistischer, sich in Warenfülle
äußernder Reichtum muss im Rahmen der dargelegten Kapitalver-
wertung tatsächlich erarbeitet werden. Die Finanzmärkte können zu
diesem Prozess beitragen, indem sie Unternehmen Kredite gewähren,
die zur Modernisierung der Produktionsanlagen und/oder Auswei-
tung der Produktionsmengen verwendet werden.
Aufgrund der beschriebenen systemischen Überproduktionskrise in
der realen Wirtschaft verlief die Expansion der Finanzmärkte haupt-
sächlich in eine andere Richtung: in die reine Spekulation, die letzt-
endlich immer zur Blasenbildung führen muss. Wir haben es seit gut
zwei Jahrzehnten mit einer Art Finanzblasenkapitalismus zu tun, der
durch das Aufsteigen immer größerer Spekulationsblasen gekenn-
zeichnet ist, die in ihrer Aufstiegsphase als regelrechte Konjunktur-
motoren fungieren - und die beim Platzen immer größere Verwüs-
tungen hinterlassen.
Hierbei handelt es sich um einen langwierigen Prozess, in dem die
Abhängigkeit des Gesamtsystems von der Verschuldungsdynamik
sukzessive ansteigt: angefangen von der Asienkrise Ende der 90er,
über die Hightech-Blase von 2000, die 2008 geplatzte Immobilienspe-
kulation, bis zur gegenwärtig zusammenbrechenden Liquiditätsbla-
se. Dabei konnten bisher die verheerenden Folgen dieser zusammen-
brechenden Spekulationsdynamik nur durch erneute Blasenbildung
- durch eine blinde ,,Flucht nach vorn" in weitere Spekulationsexzes-
se - hinausgezögert werden.
Zu guter Letzt einige anarchistische Ansätze zur Überwin-
dung dieses unmenschlichen Systems:
Was sind nun die Perspektiven anarchistischer Politik? Welche kon-
kreten Handlungsmöglichkeiten gibt es?
In Deutschland wurden gerade während der Alternativbewegun-
gen der 1970er und 1980er Jahre viele Kollektive gegründet, um den
normalen Arbeitsverhältnissen und der kapitalistischen Verwer-
tungslogik zu entgehen. Oft konnten sich die Kollektive aber nicht
durchsetzen oder haben sich den äußeren Bedingungen angepasst.
2001 kollabierte die argentinische Wirtschaft und nachdem reihen-
weise Betriebe geschlossen wurden und die Banken den Zugriff auf
Ersparnisse verweigerten, entstand eine neue soziale Bewegung. Die
Arbeiter*innen nahmen die Produktion in Selbstverwaltung wieder
auf und viele dieser besetzen Betriebe existieren heute immer noch.
Der Grund warum sich soziale Bewegungen in Ländern die von sol-
chen ,,Krisen" besonders stark betroffen sind, wohl eher etablieren
können liegt wohl im Gegensatz zu den meisten sozialen Bewegun-
gen in Deutschland daran, dass es weniger um Selbstentfaltung als
um die Existenzerhaltung geht. Allerdings lässt sich auch beobach-
ten, dass auch alternative Projekte schnell in den Kapitalismus in-
tegriert werden. Gerade das macht es schwierig zu beurteilen, ob
dieser Versuch einer anderen Wirtschaftsform, nachdem sich die
wirtschaftliche Situation wieder stabilisiert hatte, nicht schnell zu
einem Symbol für die Flexibilität des Kapitalismus werden kann (sie-
he Oppenheimersches Transformationsgesetz).
Als anarchistische Perspektive muss Raum für eine Gegenökonomie
geschaffen werden. Durch selbstverwaltete Betriebe lässt sich das jet-
zige System nicht überwinden, aber sie können dennoch eine lang-
fristige Perspektive bieten, die der erste Schritt sein kann, um die
Vergesellschaftung der Produktionsmittel anzustreben. Es müsste in
Angriff genommen werden, die Prinzipien von Selbstverwaltung und
Entscheidungen an der Basis umzusetzen und als ernstzunehmen-
de Alternative zum Kapitalismus anzubieten. Sollte es gelingen, sich
nach dem Prinzip der kollektiven Selbstversorgung in funktionieren-
den ökonomischen Zusammenhängen zu vernetzen, so könnte dies
den Kapitalismus zurückdrängen und irgendwann ersetzen. Gerade
während Krisen sind Menschen offener für Kritik und Alternativen,
besonders wenn sie selbst davon betroffen sind. Bietet mensch kon-
krete Handlungsmöglichkeiten, sorgt das oft schon für einen Be-
wusstseinswandel. Es ist wichtig Öffentlichkeitsarbeit zu verrichten
und an lokale dezentrale Kämpfe anzuknüpfen bzw. zu intervenieren
und sich eigene politische und gesellschaftliche Strukturen aufzu-
bauen. Nur dann kann es Ansätze und Perspektiven anarchistischer
Politik geben, um dem kapitalistischen System entgegenzuwirken.
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