(de) FdA-IFA, Gai Dào #32 - Kuba: Die libertäre Presse lebt wieder auf -- Zwei Nummern von ¡Tierra Nueva! klandestin verteilt Von: Daniel Pinós (Mitglied von GALSIC*) / Übersetzung: jt (afb)

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Wed Sep 11 11:47:17 CEST 2013


Die ersten beiden Ausgaben der Zeitung ¡Tierra Nueva! wurden im Juli 2013 auf klandestinem 
Wege verteilt. ---- Es gibt eine lange libertäre Tradition in der Karibik. Als früh 
gewachsener revolutionärer Ausdruck während der Kämpfe gegen die Sklaverei und für die 
Unabhängigkeit im 19. Jahrhundert, waren libertäre Ideen in der kubanischen Bevölkerung 
immer stark verankert. Die libertäre Bewegung ist mittlerweile mehr als 100 Jahre alt auf 
Kuba, nichtsdestotrotz wurde sie von Historiker*innen und Schreiberlingen, im Dienste der 
Kommunistischen Partei Kubas, aus der offiziellen Geschichtsschreibung getilgt. Im Jahre 
1960 wurden verschiedene anarchistische Organisationen, die zuvor im Untergrund oder in 
der Guerilla Seite and Seite mit Castro gekämpft hatten, verboten. In den folgenden Jahren 
wurden Libertäre umgebracht, eingesperrt oder ins Exil gezwungen.

Das Wiederaufleben, der libertären Be-
wegung in Kuba der letzten Jahre, haben
wir, in unserer Zeitschrift Cuba Liberta-
ria und unserem Blog Polémica Cubana
(auf Französisch), wiederholt kommen-
tiert. Seit der Gründung des Netzwerks
Observatorio Crítico vor einigen Jahren
und jüngst des Taller Libertario Alfredo
López in Havanna, haben unsere libertä-
ren Genoss*innen darum gekämpft, dem
Anarchismus auf der Insel neues Leben
einzuhauchen. Diese jungen Leute unter-
suchen die kubanische Realität, die Ge-
schichte des Anarchismus und seine Ide-
en. Trotz der Repression und der Zensur,
die es in den Kommunikationsmedien des Regimes gibt, da jedwede
libertäre Ansicht von den Behörden als konterrevolutionär gebrand-
markt wird, kommen die Anarchist*innen nach und nach aus der
Klandestinität.

Die Revolution hat große Frustrationen und Enttäuschungen her-
vorgerufen, besonders in den jüngeren Generationen. Ein tief ver-
wurzelter Drang nach Freiheit, nach Würde, nach freier Rede und
freiem Handeln ist in Kuba zu sehen. Es ist an der Zeit, die sozialen
Beziehungen neu zu denken, um eine ,,Revolution innerhalb der Re-
volution" anzustoßen und gegen den Autoritarismus, die Bürokratie
und die allgemeine Korruption anzukämpfen.

Wir freuen uns daher umso mehr, dass trotz der Zensur und Repres-
sion jetzt die klandestine libertäre Presse wiederbelebt wird: Unse-
re jungen Genoss*innen aus Havanna haben nun die ersten beiden
Ausgaben ihrer Zeitschrift ¡Tierra Nueva! herausgebracht - nach 52
Jahren des Schweigens, denn Ende 1960 wurden alle anarchistischen
Publikationen auf Kuba verboten.

Um die mutigen Herausgeber*innen selbst zu Wort kommen zu las-
sen, zitieren wir aus dem Editorial der
ersten Ausgabe:

,,¡Tierra Nueva! (dt. etwa: Neue Erde bzw.
Neues Land) deswegen, weil wir uns als
Erb*innen der libertären Gruppe sehen, die
zu Anfang des letzten Jahrhunderts 22 Jahre
lang die Wochenzeitschrift ¡Tierra! heraus-
gab.

Diese Zeitschrift erwächst aus dem Wunsch,
verschiedene Einzelpersonen und Kollekti-
ve zu vernetzen, die in ihrem Alltagsleben
freie, gefühlvolle und solidarische Bezie-
hungen pflegen ... die Teil eines wilden und
spontanen anarchistischen Geistes sind.

Wir glauben, dass eine Gesellschaft mög-
lich ist, ohne Mittler*innen, ohne Spektakel,
ohne Elend, ohne Autorität, ohne Gesetze
jenseits derjenigen, die wir uns selbst geben,
ohne Täuschungen, ohne Unterdrückung, ohne
Knechtschaft.



Wir haben nichts gegen die Utopie - ganz im Gegenteil -, aber wir wissen,
dass es utopischer ist auf einen zukünftigen ,,Wohlfahrtsstaat" zu hoffen,
denn auf eine Gesellschaft, die in den kommenden Zeiten von uns selbst
organisiert wird.

Denjenigen, die glauben, dass wir in der Unordnung leben wollen, halten
wir entgegen, dass wir der einzigen Ordnung anhängen, die nicht aus den
Ketten der Knechtschaft entspringt, sondern unserer gelebten Freiheit: die
einzige Ordnung, die wir als natürlich ansehen und die der aktuellen Un-
ordnung entgegensteht, die uns von so vielen Autoritäten auferlegt wird.

Da wir eine Gesellschaft anstreben von freien Individuen, die sich voll-
ständig entfalten können, da wir verste-
hen, dass die Staaten die Fortsetzung des
aktuellen Ausbeutungsregimes in diesen
modernen Zeiten garantieren (die Lohn-
knechtschaft), können wir nicht weniger
tun, als uns zu ihren Feind*innen zu er-
klären. Daher laden wir alle interessierten
Menschen ein, MIT AUSNAHME derjeni-
gen, die in irgendeiner Weise von fremder
Arbeit leben.

Auch wenn uns die herrschenden Klassen
in der Passivität halten, in der Konfusion,
im Mangel an Solidarität, in der Vereinze-
lung, im Warten darauf, dass die Gewähl-
ten uns eine bessere Zukunft bescheren,
glauben wir, dass die größte Verantwor-
tung dafür, dass wir im Hier und Heute
nicht gut leben können, der Polizist ist, den
fast alle von uns in sich tragen. Er soll das
Ziel unserer permanenten Angriffe sein.

Wir lehnen jede Art der Beteiligung an politischen Machtspielen ab, weil
wir die politische Macht nicht als Werkzeug der sozialen Transformatio-
nen begreifen, sondern als den schnellsten Weg, mit dem die herrschen-
de Klasse ihren Willen umsetzt, mit Hilfe des Gerüstes des Staates, der
Armee, der Polizei, der Richter*innen und Henker*innen. Wir möchten
nicht das Funktionieren dieser Institutionen neu regeln, wir möchten sie
abschaffen! Wir möchten anders leben als das, was die Parteien der Lin-
ken, Rechten, Mitte oder dazwischen wollen - sei es nun auf Kuba oder
außerhalb.

Wir sprechen für niemand anders als uns selbst und für diejenigen, die
sich uns auf dem Weg anschließen. Wir erwarten nichts vom Staat, aber
wir werden nicht zögern, das zu nutzen, was er uns weggenommen hat.
Aufgrund der Schwierigkeiten wird diese Publikation erscheinen, wann
immer es uns möglich ist."

Mit der Publikation dieser Zeitschrift gehen unsere kubanischen
Genoss*innen große Risiken ein, da ihnen mehrere Jahre Haft dro-
hen auf Grundlage des kubanischen Gesetzes, das die freie Publikati-
on verbietet. Aus diesem Grund ist die internationale Solidarität von
besonderer Wichtigkeit, in Vorbereitung auf die Repression und die
Hindernisse durch die staatlichen Behörden für die innere Sicherheit,
die die Aktivitäten unserer Genoss*innen sicherlich eng beobachten.

Das Wiederaufleben einer libertären Bewegung auf Kuba, mit der
Existenz eines eigenen sozialen Forums, ist ein elementarer Schritt
auf dem Weg zu einer breiteren Sensibilisierung. Für die Entwicklung
von libertären Strömungen und kritischen, selbstverwalteten Projek-
ten, föderalistischen und ökologischen Organisierungen bedarf es
ganz praktischer Dinge, die auf der Insel nur schwer zu finden sind.
Daher kommt der Hilfe von außen eine besondere Bedeutung zu,
auch wenn es sich dabei um ein heikles Thema handelt, da die inter-
nationale Unterstützung von oppositio-
nellen Bewegungen von der Regierung
als Finanzierung der Konterrevolution
durch das ,,Imperium" angesehen wird.

Wir erinnern daran, dass die Internati-
onale der Anarchistischen Föderationen
(IFA) und die Unterstützungsgruppe
für die Libertären und unabhängigen
Syndikalist*innen auf Kuba (GALSIC)
eine internationale Kampagne in Soli-
darität mit den Anarchist*innen in Kuba
begonnen haben. Wenn ihr Material
schicken möchtet (Bücher, Zeitschrif-
ten, CDs, DVDs usw.) schreibt bitte an
GALSIC über die Mail: cubalibertaria@
gmail.com

Um die libertäre Gruppe Taller Liberta-
rio in Havanna finanziell zu unterstüt-
zen, könnt ihr das folgende Dauerkonto nutzen, das von der Interna-
tionalen der Anarchistischen Föderationen (IFA) geführt wird:

Spendenkonto

Betreff: ,,Cuba"
Société d'Entraide libertaire (SEL)
c/o CESL, BP 121, 25014 Besançon cedex
Frankreich IBAN : FR7610278085900002057210175



Nachtrag der FdA

Wir unterstützen aktiv sowohl Taller Libertario als auch Obser-
vatorio Crítico. Um diese Arbeit noch zu verbessern, brauchen
wir dringend Leute, die aus dem Spanischen ins Deutsche über-
setzen möchten (die andere Richtung ist auch willkommen)!
Meldet euch unter fda-international at riseup.net.


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