(de) FAU-IAA Direct Action #219 - UnternehmerIn der eigenen Arbeitskraft --- Das Lösungswort der letzten Ausgabe: Soloselbstständigkeit

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Thu Oct 31 10:59:16 CET 2013


Nach rechtlicher Definition gilt als selbstständig, wer für sein/ihr Werk bzw. für das 
Werk seiner/ihrer Angestellten vergütet wird, während abhängig Beschäftigte für ihr 
Wirken, also ihre Arbeitskraft, bezahlt werden. In den letzten fünfzehn Jahren ist nach 
Jahren der Stagnation die Selbstständigkeit in Deutschland wieder gestiegen. 
PolitikerInnen aller Couleur feiern, werden sie darauf angesprochen, diesen Umstand als 
ein Ergebnis ihrer jeweiligen Regierungsjahre. Allgemein wird diese Entwicklung in den 
Reihen dieser Damen und Herren euphorisch begrüßt und angenommen, es handele sich dabei um 
einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformierungsprozess, an dem der 
Aufschwung der deutschen Wirtschaft abzulesen ist. Selbstständigkeit ist hier 
ausschließlich positiv besetzt, mit Begriffen wie Selbstverwirklichung, Dynamik, 
Selbstbestimmung oder unternehmerischer Freiheit. Derzeit stehen in Deutschland 41 
Millionen Erwerbstätige 4,2 Millionen Selbständigen gegenüber.

Wer die DA regelmäßig liest oder wenigstens diese Ausgabe in der richtigen Reihenfolge bis 
zur letzten Seite bewerkstelligt hat, kann sich denken, was nun kommt, nämlich: 
Pustekuchen! Wer die Zahlen genau betrachtet, wird feststellen, dass die Zahl derer, bei 
denen sich Selbstständigkeit noch von Selbstbestimmung ableitet, in genau diesem Zeitraum 
gleich bleibt. Dagegen steigt die Zahl von prekärer Selbständigkeit, also von 
Erwerbstätigkeit, die im Gewand der Selbstständigkeit daher kommt. Namen für diese 
Selbstständigkeit gibt es viele: Sub-, Familien-, und Kleinstunternehmen, Freelancer, 
Honorarkräfte, Freiberufliche, Soloselbstständige usw. Die Lebensrealität dieser Leute 
steht oft im krassen Gegensatz zu den Vorstellungen der PolitikerInnen. Denn die 
Betroffenen müssen sämtliche Risiken sozialer Sicherung selbst tragen. Zwar gibt es in den 
klassischen freien Berufen durchaus GutverdienerInnen, etwa Anwälte, SteuerberaterInnen 
etc. Für den Großteil der Soloselbstständigen jedoch bedeutet dieses Arbeitsmodell erstens 
Armutsverwaltung, nicht zuletzt wegen fehlender tariflicher Bindung oder 
Auftragslosigkeit. Zweitens Unstetigkeit, also den häufigen Wechsel zwischen 
Erwerbstätigkeit und Selbstständigkeit. Drittens Destandardisierung und Mobilität, so 
arbeiten viele Selbstständige wesentlich mehr als 40 Stunden in der Woche, während andere 
zu wenige Wochenarbeitsstunden für sich verbuchen können, um ihren Lebensunterhalt zu 
bestreiten. Sowie viertens Erwerbshybridisierung, die sich in Mehrfachbeschäftigungen oder 
zeitgleichen Beschäftigungskombinationen ausdrückt. Die Grenze zur Scheinselbstständigkeit 
wird überall da überschritten, wo Soloselbstständige nur einen Kunden haben. Dies ist 
besonders dann der Fall, wenn Teile eines Betriebes von Outsourcing betroffen sind und 
dann von den gleichen Menschen unter dem Deckmantel der Selbstständigkeit weitergeführt 
werden.

Obwohl der Trend zur Dienstleitungsgesellschaft diese Entwicklung befördert, ist fast 
keine Berufsgruppe davon ausgenommen. Besonders betroffen sind aber die zukünftigen 
Hoffnungsträger der Wirtschaft: der IT-Bereich, die Kultur- und Kreativwirtschaft sowie 
die Gesundheitsindustrie. Da in den letzten beiden Bereichen durchschnittlich mehr Frauen 
arbeiten, sind diese wesentlich stärker von dem Phänomen der Soloselbstständigkeit 
betroffen. Als zusätzlicher Push-Faktor wirkt die steigende Arbeitslosigkeit. Die 
Hoffnung, durch Selbstständigkeit materielle Existenzsicherung zu gewährleisten, steigt 
mit dem Verlust eben dieser. Hier zeigt sich im internationalen Vergleich, dass der Faktor 
Unsicherheit in Deutschland wesentlich stärker zur erzwungenen Selbstständigkeit führt als 
in anderen Ländern.

Es mag paradox klingen, aber Selbstständigkeit gehört heute, allen Politikvorstellungen 
zum Trotz, in den Themenkomplex der Prekarisierung und ist in der Debatte darüber noch 
nicht angekommen.

Helga Wein

===================================================


More information about the A-infos-de mailing list