(de) FAU-IAA - Direct Action #219 -Vom Mittelstand ins Prekariat

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Sun Oct 27 07:59:35 CET 2013


Eine flexible Frau, ein Film über einen prekären Alltag zwischen Callcenter, 
Architekturbüro und Hartz IV, ist auf DVD erschienen ---- Eine Frau wankt durch ein 
Stoppelfeld, ihre Stöckelschuhe hat sie ausgezogen, im Hintergrund Neubauten: Townhouses 
für den saturierten Mittelstand. Sie hat getrunken, es ist ihr vierzigster Geburtstag. Das 
Feld liegt am Stadtrand von Berlin, wo der Film Eine flexible Frau spielt. Die 
Protagonistin muss viel wegstecken. ---- Greta M. (Mira Partecke) ist seit Jahren 
arbeitslos. Zuvor hat sie in einem großen Büro gearbeitet. Seit dort alle freien 
MitarbeiterInnen entlassen wurden, hat sie keine neue Arbeit als Architektin bekommen. Auf 
einer Party trifft sie Studien- und ArbeitskollegInnen von früher. Die Stimmung ist 
ausgelassen, Smalltalk über die neuesten Projekte, das Eigenheim, die Kinder.

  "Das ist doch schön, wenn du nicht arbeitest und Zeit für Lukas hast", bekommt Greta zu 
hören, als sie von ihrer Situation erzählt. "Aber ich habe niemanden, der für mich den 
Part des Versorgers übernimmt", erwidert Greta. Sie hat sich vom Vater ihres 12-jährigen 
Sohnes getrennt. "Wir sollten uns unbedingt mal wieder verabreden", bekommt sie darauf als 
unverbindliche Floskel zu hören. Ihr Gegenüber Marlene (Michaela Benn) hat sich vorher 
über ihr Glück als teilzeitarbeitende vierfache Mutter an der Seite eines erfolgreichen 
Architekten ausgelassen. Greta wird mit Umarmung begrüßt und bleibt mit ihren Problemen 
außen vor. Sie stört mit ihrer Erfolglosigkeit. Bitter und treffend in Szene gesetzt, 
fällt sie als alleinstehende Arbeitslose aus dem Feiern heraus.

Die Regisseurin Tatjana Turanskyj schafft es in ihrem absolut sehenswerten Film, Bilder 
und Abläufe zu zeigen über das Gefühl des Scheiterns als vom Arbeitsmarkt Ausgestoßene, 
über das Unverständnis und die subtilen Mechanismen der Distanzierung seitens der sich als 
erfolgreich im Arbeitsleben verstehenden Bekannten. Das geht bis zu einem Tiefpunkt, vor 
dem arbeitslose Eltern einen Horror haben: Ihr Sohn Lukas (Mattis Hausig) sagt ihr ins 
Gesicht, er wolle nichts "mit Losern" zu tun haben und deshalb lieber zu einem Freund als 
zu ihr. Lukas lebt die meiste Zeit bei seinem Vater, aber die gemeinsame Zeit mit ihm ist 
Greta wichtig. Sprachlos, vor den Kopf gestoßen bleibt sie zurück, während Lukas mit 
seinem Fußballfreund abzieht. Greta gibt ihrem Ex Paul (Horst Markgraf) die Schuld, 
schreit ihn später verzweifelt angetrunken vor Lukas an: "Loser! Das hat er von Dir!".

Die oft in dem Film erscheint es verständlich, aber auch deplatziert, wie Greta agiert. 
Viele Szenen wirken wie Theater. Die AkteurInnen agieren kammerspielartig, die 
Körpersprache ist zurückgenommen, das Publikum schaut aus der Distanz auf das Geschehen, 
das dabei eigentlich so dicht am Alltag spielt. Tatjana Turanskyj zeigt auf beklemmende 
Weise, wie nah in der zunehmend weniger sozial abgesicherten Arbeitswelt die Rolltreppe 
abwärts dem freiberuflichen Erfolg ist. Beinahe gespenstisch, dass es keine Regularien 
gibt, die hier für Ausgleich sorgen. Der Kapitalismus in Turanskyjs Film hat eine 
glänzende Fassade und ist unbarmherzig. Der Absturz aus der gesellschaftlichen Mitte ist 
auch ein Absturz in Berlin-Mitte. Die Regisseurin schafft es, Empathie für Greta 
hervorzurufen, die nicht von oben herab als Sozialfall inszeniert wird, sondern als eine 
eigenständige Singlefrau, die sich der Marktmechanismen bewusst ist, bei denen sie unter 
die Räder kommt. Der einzige greifbare Job für sie ist Outbound: Im Callcenter Unbekannte 
anrufen, um zu versuchen, ihnen etwas aufzuschwatzen, in ihrem Fall sinnigerweise: 
Fertighäuser.

Und immer von innen heraus lächeln ... Turanskyj schafft es in ihrem Film nicht nur, den 
Absturz aus der Mitte zu bebildern. Sie zeigt die Entsolidarisierung in der Mittelschicht, 
die Konkurrenz bis zum Offenbarungseid: Ihre FreundInnen feiern und plaudern gerne mal mit 
Greta, aber als sie fragt, ob sie nicht mit ihnen arbeiten kann, bekommt sie auch nur 
Bekanntes: Absagen. Plötzlich ist Mann geschäftstüchtig, selbst in der Kneipe. Alles ist 
Projekt, alles potentiell verwertbar, nur Greta nicht. Sie ist draußen. Obwohl sie in 
ihrer autonom durchgeführten Architekturrecherche durch das protzige modernisierte Berlin 
der Macht - Bundesfinanzministerium - und des besserverdienenden Mittelstandes - 
Townhouses und Privatstraßen - zeigt, wie viele gute Ideen für eine nicht auf Gewinn- 
sondern auf Lebensqualitätsmaximierung ausgerichtete Architektur sie hat.



Foto: Verleih
Es ist kein Zufall, dass der Film dort endet, wo er angefangen hat: auf dem Stoppelfeld. 
Nur hier, auf dem temporären Brachland, ist noch Raum für Greta jenseits der 
Verwertungsinteressen der Besitzenden. Durch die Figur eines Stadtführers, der die moderne 
Dienstleistungsgesellschaft mit den prekären Arbeitsverhältnissen besonders für Frauen 
einer antipatriarchalen Kritik unterzieht, wird verdeutlicht, dass die feministischen 
Forderungen nach einem Ende der ökonomischen Diskriminierung von Frauen und für eine 
Entlohnung der Reproduktionsarbeit bisher gescheitert sind.

Gaston Kirsche

Eine flexible Frau

Deutschland 2010; Regie & Buch: Tatjana Turanskyj; mit Mira Partecke u.a.; 97 Min. Die DVD 
kostet 16,90 Euro und ist erschienen bei der Filmgalerie 451.


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