(de) FAU-IAA - Direct Action #219 -Selber schuld --- Ein historischer Blick auf den Diskurs um Krise und prekäre Arbeit im Spanien des frühen 20. Jahrhunderts

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Sat Oct 26 13:19:17 CEST 2013


Eine Schwierigkeit des Begriffs "prekär" liegt darin begründet, dass er eine wesentliche 
Dimension von Arbeit nicht thematisiert. Prekäre Arbeit wird von Unsicherheit geprägt, ist 
körperlich oder psychisch belastend, in zu lange Zeiteinheiten aufgeteilt - und miserabel 
bezahlt. Die Dimension des durch Arbeit hergestellten Mehrwertes, um den im Kapitalismus 
gesellschaftlich zu kämpfen ist, wird durch den Begriff des "Prekariats" im Gegensatz zu 
dem des "Proletariats" nicht erfasst. Das "Prekariat" macht schlichtweg beschissene Arbeit 
bzw. muss sich mit den Schikanen des Arbeitsamtes rumschlagen - die Standardfloskeln von 
"mehr Chancengleichheit", "mehr Bildung" und "sozialer Mobilität" sind da logische Folgen. 
Das "Proletariat" wurde hingegen als zur herrschenden Klasse grundsätzlich feindlich oder 
zumindest oppositionell eingestellt, mithin als politisch selbstbewusst definiert.

Die moderne Gesellschaft erscheint jedoch als derart komplex, als dass eine Aufteilung in 
zwei Klassen nicht mehr zu greifen scheint, steht doch ein jahrzehntelanger Arbeiter bei 
VW sozial deutlich höher als eine Leiharbeiterin im Altersheim - und wen soll ein 
verarmter Imbissbetreiber bitte bestreiken? Die Frage nach dem politischen Charakter der 
Ökonomie, nach ihrer herrschaftssichernden Struktur, gerät dabei schnell mal in den 
Hintergrund.
Staat-Nation-Kapital-?!

Beschissene Arbeit war und ist natürlich immer die massenhafte Grundlage des herrschenden 
ökonomischen Systems. Beschissen für die Gesundheit, beschissen für den Lebensunterhalt. 
Einher geht damit automatisch der gesellschaftliche Reflex, diese Verhältnisse zu 
rechtfertigen. Dazu dienten im Europa der Moderne von Beginn an die Nationalstaaten als 
ideologisches Vehikel: Ökonomie nicht als Lebensgrundlage aller Menschen, sondern als 
entfesseltes Wettrennen um eine anhand der Wachstumsraten ablesbare "Leistungsfähigkeit" 
der Bevölkerungen. Der moderne deutsche Nationalismus kann dabei als überexemplarisch 
betrachtet werden. Er begann mit der im Vergleich zu England und Frankreich verspäteten 
Industrialisierung, wuchs schrittgleich mit ihr überdimensional an, und glättete die dabei 
entstehenden internen Widersprüche mithilfe eines aggressiven Antisemitismus. In vielen 
europäischen Staaten des frühen 20. Jahrhunderts, die nicht zu den Großmächten zählten und 
in denen entsprechend der eigene nationale Status beklagt wurde, galt der rasante Aufstieg 
Deutschlands als bewundernswert. Gerade das Bündnis aus autokratischem Adel und 
Industriebourgeoisie machte das deutsche Kaiserreich zum Vorbild all jener 
Herrschaftssysteme, die einen Wandel zur Republik ablehnten, aber auf den wirtschaftlichen 
Fortschritt bürgerlicher Ökonomien nicht verzichten wollten.

Der Erste Weltkrieg, der die militarisierten Konsequenzen von Wachstum und Wettbewerb 
untrüglich offengelegt hatte, änderte natürlich auch nichts an den nationalen 
Aufstiegsphantasien des portugiesischen, spanischen, italienischen oder griechischen 
Bürgertums und Adels. Dass Gewerkschaften, ArbeiterInnenparteien oder freie Assoziationen 
von Lohnabhängigen in diesem Kontext wie im Deutschland der bismarckschen 
Sozialistengesetze als "Feinde des Vaterlandes" stigmatisiert wurden, war nur 
folgerichtig. Vor dem zeitgenössischen Hintergrund der Organisation von Land- und 
Industriearbeit im Europa der damaligen Zeit, zumal noch in der Peripherie, wird deutlich, 
wie stark die ideologischen Rechtfertigungsmechanismen von "prekärer" Arbeit sein können: 
Sogar die Tagelöhnerei in der spanischen Landwirtschaft in der ersten Hälfte des 20. 
Jahrhunderts, die während der Erntezeit bis zu 16 Stunden harte körperliche Arbeit am Tag 
zu einem Hungerlohn und im restlichen Jahr meist Arbeitslosigkeit bedeutete, wurde mit 
einigem Erfolg durch das Kazikentum verklärt und als Dienst an der Nation gepriesen. 
Ähnlich wie heute wurde Armut und Perspektivlosigkeit als ein doppeltes 
Entwicklungsproblem interpretiert: Zum einen die ungebildeten LandarbeiterInnen, mit denen 
ja keine profitablere Produktion anzustellen sei, zum anderen der Zustand des Landes, der 
sich erst eben durch harte Arbeit allgemein zu verbessern habe, bis eine 
"Wettbewerbsfähigkeit" mit den führenden Industrienationen hergestellt sei. Als 
"Kazikentum" wurde in Spanien bis zum Beginn der franquistischen Ära ein sich zu einer 
Agrarbourgeoisie gewandelter Landadel bezeichnet, der die feudalen Strukturen 1:1 in ein 
Niedrigstlohnsystem übertrug und das erwirtschaftete Kapital am Finanzmarkt 
wiederverwertete. Auch die katholische Kirche erzielte mit ihren riesigen Ländereien durch 
dieses System gigantische Gewinne. Überhaupt türmte sich in Spanien bis zur 
Weltwirtschaftskrise 1929 das Kapital nur so auf, sodass sich allein von 1916 bis 1920 in 
Spanien 3.486 Aktiengesellschaften gegründet wurden.1

Ursächlich hierfür waren zum einen die de facto monopolkapitalistischen Verhältnisse auf 
dem Land, also ein System des gemeinsamen Vorgehens gegen internationale Konkurrenz 
einerseits und organisierte LandarbeiterInnen andererseits, und zum anderen die spanische 
Neutralität im Ersten Weltkrieg. Spanien belieferte alle Kriegsparteien mit Rohstoffen und 
heizte so die menschenverschlingende Materialschlacht zu Gunsten der eigenen Industrie 
enorm an. Die unermesslichen hierbei erzielten Gewinne begünstigten jedoch 
klassenkämpferische Positionen in der ArbeiterInnenschaft, so dass mit den Gewinnen des 
Kapitals auch der Organisationsgrad der Gewerkschaften wuchs. Ab 1917 erschütterten in 
bald regelmäßigen Abständen landesweite Streiks und zahllose regionale Aufstände das 
Sicherheitsgefühl der aufstrebenden Oberschicht des Landes. Es beteiligten sich die 
hinsichtlich rein monetärer Aspekte relativ bessergestellten IndustriearbeiterInnen in 
Katalonien und dem Baskenland genauso wie die besitzlosen TagelöhnerInnen in den 
ländlichen Gebieten Andalusiens. Ein Facharbeiter in Barcelona konnte zumindest potentiell 
tatsächlich sozial aufsteigen, während dies für eine mittellose Landarbeiterin absolut 
aussichtslos war. Was die sehr verschiedenartig "prekär" lebenden Menschen also einte, war 
nicht die vermeintliche soziale Homogenität ihrer "Klasse", sondern der unverschämte 
Reichtum des Bürgertums und des Adels, der der eigenen Situation in krassester Weise 
entgegenstand. Mit anderen Worten: Der politische Charakter der Ökonomie wurde nur allzu 
deutlich.

Sieger der Geschichte

Trotz des eigenen Wohlstands schien die herrschende Klasse in Spanien einer ausgeprägten 
Profilneurose anzuhängen. Bis heute hält sich - sowohl in Spanien selbst als auch in den 
internationalen Kulturwissenschaften - die Mär von der "Katastrophe von 1898". Gemeint ist 
die Niederlage des spanischen Militärs im Krieg mit den USA, als Spanien mit Cuba, Puerto 
Rico und den Philippinen die letzten Gebiete des einstmals riesigen Kolonialreiches 
verlor. Eine einflussreiche und heute geradezu mystifizierte Gruppe von Intellektuellen, 
die so genannte "generación del 98", befasste sich - so die gesellschaftliche 
Interpretation - mit der "spanischen Tragödie". Bis heute wird in Geschichtsbüchern von 
einem Trauma gesprochen, und tatsächlich erschien im Spanien der damaligen Zeit eine ganze 
Reihe von Büchern, die sich mit einem vermeintlichen Niedergang Spaniens befassten. 1898 
hatte sich allerdings sowohl sozial als auch politisch nichts dramatisch verändert, und 
die meisten derjenigen, die die angebliche Katastrophe beklagten, hatten selbst keine 
Angehörigen in dem vor allem auf Cuba ausgetragenen blutigen Krieg verloren.

Natürlich leuchtet es ein, dass das Königshaus in einen dynastischen Scham versank, nun 
die erste Generation seit 1492 stellen zu müssen, die nicht über ein Kolonialreich 
herrschte, und dass NationalistInnen im Umfeld des Militärs die verlorene territoriale 
Größe beklagten, ist auch nicht weiter verwunderlich. Beide Seiten suchten ab 1907 
Kompensation in Marokko, was zu den blutigen Riffkriegen 1909 und 1921-1926 führte und 
jenes spanische Afrikakorps schuf, an dessen Spitze ein gewisser Francisco Franco mithilfe 
der deutschen und italienischen Luftwaffe 1936 nach Spanien übersetzten sollte.

Dies ist aber die einzige direkte historische Verbindung, die sich zwischen 1898 und 1936 
ziehen lässt - und doch wird heute allzu oft suggeriert, die spanische Gesellschaft als 
Ganzes sei nach der Niederlage im Krieg mit den USA in eine Identitätskrise gefallen, die 
schließlich durch den Bürgerkrieg blutig gelöst wurde. Sowohl in spanischen, britischen 
wie auch deutschen geschichts- und literaturwissenschaftlichen Büchern werden die 
Klassenkämpfe auf der iberischen Halbinsel bis 1936 häufig als unmittelbare Folge des 
Verlustes der Kolonien dargestellt, als ob die ab 1919 unangefochten stärkste spanische 
Gewerkschaft CNT die enttäuschten Großmachtambitionen der ArbeiterInnen nur für die 
eigenen Zwecke missbraucht habe. Schon damals wurde das Aufbegehren des Proletariats als 
Konsequenz des Fehlens eines nationalen Wirs interpretiert - die ArbeiterInnen fielen dem 
geschwächten Vaterland in den Rücken, anstatt ihren Teil zum Bestehen im ökonomischen 
Wettrennen beizutragen. Somit hat sich die nationalistische Lesart der Geschichte in 
weiten Teilen bis heute erhalten.

Kein Aufstand der Massen

Zu der "generación del 98" werden Klassiker der spanischen Philosophie und Literatur wie 
Antonio Machado, Miguel de Unamuno oder Ramón María del Valle-Inclán gezählt, die aber 
tatsächlich höchst unterschiedliche Denk- und Stilrichtungen repräsentieren, und die auf 
über 1898 weit hinausgehenden sozio-kulturellen Wurzeln basieren. Unamuno war ein 
konservativ-katholischer Moralist, Valle-Inclán hingegen ein hoch ironischer Zerstörer von 
Traditionen und festgefahrenen kulturellen Strukturen mittels subtiler Subversion. Dass 
die so verschiedenartigen Strömungen zu einer "Generation" zusammengefasst wurden, nur 
weil sie unter unterschiedlichsten Vorzeichen Gesellschaftskritik übten, wird nur in 
wenigen Werken wirklich substantiell kritisch hinterfragt. Allein die Figur der 
"Identitätskrise" ist natürlich schon mit nationalistischem Gedankengut aufgeladen, liegt 
ihr doch die Vorstellung einer nationalen Identität fundamental zu Grunde. Als vehementer 
Verfechter einer solchen Sichtweise auf die gesellschaftlichen Konflikte in Spanien bis 
zum Ausbruch des Bürgerkrieges kann José Ortega y Gasset gesehen werden, der heute als 
wichtigster spanischer Philosoph der Moderne verklärt wird. Er gilt als Vordenker des 
heutigen spanischen Staates und sogar der Europäischen Union. Sein Hauptwerk "Der Aufstand 
der Massen" rollt das Problem der Verelendung dabei in einer bemerkenswerten, aber 
durchaus prototypischen Weise auf: Durch die kapitalistische Produktionsweise entstünden 
mit den Massenwaren auch die Massenmenschen, letztendlich der Massenmensch als 
austauschbares Objekt schlechthin. Der Massenmensch wird dadurch charakterisiert, dass er 
Individualität nicht duldet, da nur die graue Masse sein Zuhause ist - damit ist er per 
Definition Kultur, Tradition und auch Demokratie feindlich gegenüber eingestellt und 
trachtet allem Außergewöhnlichen den Garaus zu machen.

Wohlgemerkt erschien dieses Buch um 1930, einer Zeit, in dem die sozialen Verhältnisse, 
die die Massenproduktion hervorrief, in Europa und gerade in Spanien den Betrachtenden 
geradezu ins Gesicht springen mussten - Armut und körperliche Gefährdung hier, ausladender 
Reichtum und Macht dort. Doch Ortega y Gasset interpretiert das Mehrwertproblem als ein 
moralisches: Während die proletarischen Massen aufgrund mangelnder Bildung die 
Errungenschaften der Zivilisation zu zerstören drohen, fehlt es der dekadenten Oberschicht 
an philosophischer Klarheit und moralischer Tugend. Zusammen mit einer Gleichsetzung von 
Faschismus, Bolschewismus und Syndikalismus hat diese oberflächliche Schelte an den 
Herrschenden den Mythos Ortega y Gassets begründet - er habe in seinem Plädoyer für eine 
an der Demokratie des alten Athens (dessen Sklavenhaltergesellschaft Ortega y Gasset 
natürlich unter den Tisch fallen lässt) orientierte Europäisierung der Politik die 
Gedanken der konstitutionellen Monarchie ab 1978 und der Europäischen Union vorweg 
genommen. Und tatsächlich: die Vision einer technokratischen Elitendemokratie und eines 
desorganisierten, vereinzelten und somit zynisch "individuellen" Prekariats scheint sich 
erfüllt zu haben. Doch die Krise ist geblieben.

Marcus Munzlinger

ANMERKUNGEN

[1] Vgl. Tuñón de Lara, Manuel: Strukturelle Ursache und unmittelbare Anlässe, in: Tuñón 
de Lara, Manuel: Der Spanische Bürgerkrieg: Eine Bestandsaufnahme, edition suhrkamp, 
Frankfurt a. M. 1987.


More information about the A-infos-de mailing list