(de) FAU-IAA Direct Action #219 - Wie im Sport so im Job -- Ein Kommentar von Christian Horn

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Fri Oct 18 17:58:29 CEST 2013


Es war schon grotesk als im Fernsehmagazin Fakt die Bilder des einstigen Weltrekordhalters 
im Hammerwerfen, Walter Schmidt, zu sehen waren, welcher eimerweise Pillen, Spritzen und 
andere Präparate vor laufender Kamera präsentierte. Der Mitschnitt aus den 1970ern wurde 
im Rahmen der aktuellen Dopingenthüllungen bezüglich der Geschichte des BRD-Sports 
eingespielt. Den Athleten kann eigentlich gar kein Vorwurf gemacht werden. Wer nicht für 
Olympia dopen wollte, lief noch in Gefahr nicht vom Verband nominiert zu werden. Doping 
war auch im Westen inoffiziell gängige Praxis und Teil des Kalten Krieges und im Dienste 
der Staatsraison. Staatlich organisiert fand der Betrug in einer parlamentarischen 
Demokratie statt. Wie janusköpfig da einem der oft propagierte Kampf gegen Drogen vorkommt!

Für den Sport scheint dieser Skandal ähnlich den laufenden Enthüllungen um die 
Geheimdienste zu sein. Jedes Jahr aufs Neue folgen aufgeflogene Sport-Idole insbesondere 
in Zusammenhang mit der Tour de France. Die Siegerliste beim größten Radrennen der Welt 
ist fast durchgängig über mehr als ein Jahrzehnt nicht mehr ernst zu nehmen. Analogien wie 
bei der ertappten Steuerhinterziehung sind zu beobachten. Es wird nur das gestanden, was 
sowieso bewiesen wurde.

Allerdings wäre es zu kurz gegriffen, die Gründe für Doping nur in den Karriereaussichten 
von SpitzensportlerInnen zu suchen, obwohl hier bereits ein beträchtlicher Markt 
entstanden ist. Auch im Breitensport finden leistungssteigernde und schmerzbetäubende 
Mittel reißenden Absatz ohne Rücksicht auf die Gesundheit. Zu durchdrungen sind viele 
Freizeitsporttreibende vom ,,Höher, Schneller, Weiter" - ein Motto, welches unsere 
Leistungsgesellschaft begründet in der sich neoliberale Individualitätsideologie 
widerspiegelt. Vor einigen Tagen nun machte die AOK-Befragung zum Thema Suchtmittel in der 
Presse die Runde. Auch Beschäftigte greifen zunehmend zu leistungssteigernden Mitteln. 
Sicherlich ist dies in unserer stressigen Arbeitswelt keine Überraschung. Aber ist es 
perfide, wenn wegen der steigenden Anforderungen im Berufsalltag schon pharmazeutische 
Produkte notwendig sind. Eine soziale Gegenkultur muss sich deswegen auch gegen 
Leistungsverdichtung und Arbeitsethos richten. Nicht zuletzt geht es um ein Recht auf 
Faulheit.


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