(de) Direct Action #219 - Das Elend im studentischen Hilfskräftemilieu

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Wed Oct 16 16:27:11 CEST 2013


Die prekären Beschäftigungsbedingungen in den deutschen Universitäten ziehen sich durch 
bis hin zu den studentischen Hilfskräften ---- Häufig ist zu hören, dass die Arbeit im 
wissenschaftlichen Betrieb nicht mit einem normalen Job zu vergleichen ist. Sicherlich 
gibt es an der Universität, zumindest im wissenschaftlichen Bereich, keine Stechuhren, 
dafür aber sind die Stellen zumeist befristet1 und werden nur als halbe oder dreiviertel 
Stellen bezahlt, was nur selten dem tatsächlichen Arbeitsaufwand entspricht. ---- Die 
prekären Beschäftigungsbedingungen ziehen sich durch alle Ebenen des Hochschulbetriebs 
(mit Ausnahme der Professuren) und beginnen bereits im Bereich der studentischen 
Hilfskräfte. Damit sind jene Studierenden bezeichnet, welche neben ihrem Studium an der 
Hochschule beschäftigt sind und überwiegend wissenschaftliche Hilfstätigkeiten erfüllen.2

Hier werden die angehenden WissenschaftlerInnen bereits an die Bedingungen in ihrem 
späteren Arbeitsbereich gewöhnt. Darüber hinaus werden diese, immer befristeten, 
Hilfskraftstellen oftmals nicht als reguläre Arbeitsverhältnisse betrachtet, sondern als 
Qualifizierungsmöglichkeit und somit als Privileg, wofür nur eine geringe 
Aufwandsentschädigung aus dem Sachmitteltopf zu zahlen ist. Folglich sollen auch die 
normalen gesetzlichen Arbeitsrechte nicht gelten. Diese Fehleinschätzung ist an den 
Lehrstühlen und Personalbüros ebenso wie unter den studentischen Hilfskräften weit 
verbreitet. Insgesamt gesehen scheint der Aushilfsjob an einer Supermarktkasse somit 
lukrativer und sicherer, sofern das eigene Studium durch Lohnarbeit finanziert werden 
muss. Die soziale Bildungsselektion setzt sich hier nahtlos fort.

Das mangelnde Wissen der studentischen Hilfskräfte um die eigenen Rechte sowie das falsche 
Verständnis der Arbeit als Privileg erschweren eine gewerkschaftliche Organisierung. 
Zugleich kann der/die Vorgesetzte gegebenenfalls auch die eigenen Prüfungen abnehmen und 
die bereits institutionalisierten Interessenvertretungen fühlen sich selten zuständig: 
Personalräte sind teilweise per Gesetz von der Vertretung der studentischen Hilfskräfte 
ausgeschlossen und in Bildungsprotesten und den Gremien der studentischen 
Interessenvertretungen spielen Arbeitsverhältnisse in der Regel bestenfalls eine 
untergeordnete Rolle.

Trotz dieser schwierigen Ausgangsbedingungen tut sich etwas im Bereich der studentischen 
Hilfskräfte und an mehreren deutschen Hochschulstandorten haben sich Initiativen 
gegründet, welche sich des Themas annehmen. Als Orientierung dient dabei Berlin, wo 1979 
ein Tarifvertrag für studentische Beschäftigte durch einen über ein Semester dauernden 
TutorInnenstreik durchgesetzt werden konnte. Dieser Tarifvertrag wirkt bis heute nach und 
führt dazu, dass sowohl die Bezahlung wie auch Rahmenbedingungen für studentische 
Hilfskräfte in Berlin weit über denen der anderen Bundesländer liegen.3

In Thüringen ist das örtliche FAU-Syndikat aktiv in die Auseinandersetzungen am 
soziologischen Institut der Universität Jena involviert.4 Ausgangspunkt war eine absolut 
unzureichende Berechnung von Arbeitsstunden für Tutorien, wobei sich schnell weitere 
studentische Hilfskräfte aus dem Institut den Protesten anschlossen. Mittels eines 
offensiven Auftreten in den Institutsgremien und die öffentliche Verweigerung einer 
unbezahlte Klausuraufsicht seitens der TutorInnen konnte relativ zügig ein selbst 
ausgearbeitetes Infoblatt durchgesetzt werden, welches künftige Hilfskräfte über ihre 
grundlegenden gesetzlich verankerten Rechte aufklärt. Inzwischen wurden darüber hinaus die 
Tutorienstunden der tatsächlich zu leistenden Arbeitszeit annähernd angepasst und auch das 
Urlaubnehmen seitens der studentischen Hilfskräfte bürgert sich ein. Die nächsten Aufgaben 
der Initiative betreffen die bisher fehlenden Tätigkeitsbeschreibung der Stellen und die 
Befristungen.

Allerdings stoßen die Möglichkeiten der Verbesserung der Arbeitsbedingungen an einem 
einzelnen Institut schnell an ihre Grenzen und es bleibt zu bezweifeln, dass sich das 
Institut auf Konflikte mit der Universitätsverwaltung und dem Land einlässt - trotz aller 
Sympathiebekundungen für die Forderungen. Gerade im Bereich der Lohnhöhe kann die 
Perspektive nur der Berliner Weg sein, also die Erzwingung eines eigenständigen 
Tarifvertrages. Dabei ist kein Verlass auf die klassischen Gewerkschaften, welche die seit 
Jahren erhobene Forderung der Aufnahme der studentischen Hilfskräfte in den Tarifvertrag 
der Länder regelmäßig als eine der ersten Forderungen in den Verhandlungen fallen lassen. 
Eher scheint eine Koalition mit dem wissenschaftlichen Mittelbau an den Hochschulen 
erstrebenswert, da sie unter den gleichen prekären Beschäftigungsbedingungen leiden. 
Zugleich führt die zunehmende Unterfinanzierung der Universitäten dazu, dass immer mehr 
Aufgaben des Mittelbaus auf die billigeren studentischen Hilfskräfte ausgelagert werden. 
Beide Gruppen haben also gleiche oder sich ergänzende Interessen und ebenso lässt sich 
dadurch eine Kontinuität der Kämpfe herstellen, da aus studentischen Hilfskräften nicht 
selten Beschäftigte des Mittelbaus werden.

Thomas Möller

ANMERKUNGEN

[1] ? Im Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) ist festgelegt, dass 
wissenschaftliche Beschäftigte an den Hochschulen sechs Jahre grundlos befristet 
beschäftigt sein können, da angenommen wird, dass zeitgleich eine Qualifizierung 
(Promotion, Habilitation) erfolgt. Ursprünglich war das Gesetz dazu gedacht, Befristungen 
an den Hochschulen zu begrenzen, hatte aber die gegenteiligen Effekt, so dass heute über 
90% des wissenschaftlichen Mittelbaus an den Hochschulen befristet beschäftigt ist. Bei 
studentischen Hilfskräften greift das Gesetz sofern bereits ein Bachelorstudium 
abgeschlossen wurde und die Arbeitszeit über 43 Stunden pro Monat beträgt.

[2] ? Explizit ausgenommen sind hier diejenigen studentischen Beschäftigten, welche 
überwiegend technische und Verwaltungstätigkeiten übernehmen und nach TV-L bezahlt werden. 
In der Praxis ist die Trennung meist nicht so deutlich und viele eigentlich nach TV-L zu 
bezahlende Stellen werden durch billigere studentische Hilfskräfte besetzt.

[3] ? Der höchste Stundenlohn wird in Berlin mit 10,87 Euro gezahlt, der niedrigste in 
Thüringen mit durchschnittlich 7,58 Euro. An einzelnen Hochschulen werden aber durchaus 
Löhne unter 6 Euro für Studierende ohne Bachelorabschluss bezahlt.

[4] ? Siehe dazu: Scheiß Arbeit am linken Institut in: DA 216.

ZUM WEITERLESEN:

Lenge, Alexander / Schneickert, Christian / Priebe, Stefan (2012): Studentische 
MitarbeiterInnen: Zur Situation und Lage von studentischen Hilfskräften und studentischen 
Beschäftigten an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen, GEW-Studie: 
www.wissenschaft.gew.de/Binaries/Binary88494/Studentische_MitarbeiterInnen_online.pdf

Schneickert, Christian (2013): Studentische Hilfskräfte und MitarbeiterInnen, Konstanz / 
München: UVK, ISBN: 978-3867643306, S. 202, 22,99 Euro.


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