(de) FdA-IFA, Sonderausgabe Gai Dào N°6 -- Antiwahl-Kampagne 2013 Von: Aufs Kreuz gelegt -- Wir wollen unsren Wahlzettel verbrennen! Und dann...?

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Sat Oct 12 10:54:49 CEST 2013


Viele Menschen denken, sie haben kaum bis keine Berührungspunkte mit dem Anarchismus. Und 
wenn, sind diese oft negativ konnotiert durch medial übermittelte Bilder wie die von 
schwarz Vermummten, die am 1. Mai in Kreuzberg randalieren und den Rest vom Jahr nur bei 
anderen kleineren oder größeren Ereignissen als Schwarzer Block* in Erscheinung treten. 
Dass dies nur eine ganz einseitige Perspektive ist, darüber kommen viele Menschen nicht 
hinaus, obwohl es sich lohnen würde, sich mehr mit anarchistischen Ideen 
auseinanderzusetzen, da es ein Gewinn für alle darstellt. Ein Gewinn an Selbstbestimmung, 
neuen Beziehungsformen, Gedankenanstößen, Zufriedenheit und vielem mehr... ---- Für die 
meisten Menschen ist Anarchismus eine rein negativ definierte Angelegenheit, da häufig 
erstmal die Ablehnung gegen Dinge, die derzeit grundlegend und bestimmend für das 
gesellschaftliche Zusammenleben sind, geäußert wird, wie z. B. gegen Wahlen, 
Parlamentarismus, Herrschaft und den Staat.

Ein Grundprinzip des Anarchismus, das ganz und gar nicht negativ,
sondern in hohem Grade positiv, da aktiv und unmittelbar von den
eigenen Bedürfnissen ausgehend, ist, ist die Selbstorganisation. Die
Selbstorganisation setzt im eigenen Alltag an und viele Menschen
agieren zum Teil schon nach diesem an-
archistischen Prinzip ohne es bewusst
zu tun. Es fängt im Kleinen an, sei es
Freund*innen im Krankheitsfall zu un-
terstützen, selbstorganisierte Lernkreise,
Nachbar*innenversammlungen, Selbsthil-
fegruppen oder Basisgewerkschaften. In
jedem Lebensbereich ist Selbstorganisati-
on von Vorteil, da jede*r seine*ihre eige-
nen Bedürfnisse und Interesse einbringen
kann und gleichzeitig im Austausch mit
anderen von deren Erfahrungen lernen
kann. Wenn eine*r meine*r Freund*innen
nähen kann, warum soll ich dann einen
teuren Nähkurs machen, wenn er*sie es
mir beibringen kann? Im Gegenzug dazu
kann ich vielleicht meine handwerklichen
Fähigkeiten weitergeben. Diese sinnvolle
und alltagstaugliche Idee ist ein Grund-
prinzip des Anarchismus, nur dass es
eben konsequent auf alle gesellschaftli-
chen Ebenen bezogen wird.

Wir kritisieren keine einzelnen Parteien,
da das gesamte System mit uns spielt.

Die Parteien selbst verwenden gerade im Wahlkampf enorm viel
Energie darin, andere Parteien zu kritisieren. In vielen Fällen berech-
tigterweise, jedoch würden wir gar nicht mehr fertig werden, wenn
wir jetzt auch damit anfangen würden. Abgesehen von vielen mehr
oder weniger direkt abzulehnende Beschlüsse und Reformen, wie
Entscheidungen zur Kriegsführung, die Hartz-IV-Gesetzgebung etc.,
lehnen wir generell das Stellvertreter*innenprinzip ab. D. h. für uns
ist die parlamentarische Demokratie keine Option, da einzelene Be-
dürfnisse keine Berücksichtigung finden und generell die Mehrheit
(trotz der "Herrschaft der Mehrheit"...) unzufrieden mit den Zustän-
den hier ist. Die Stellvertreter_innenpolitik steht im Widerspruch zu
dem bereits erläuterten Prinzip der Selbstorganisation, deren Idee
eben ist, dass die Menschen, die in bestimmte Situationen, Projekte
etc. verwickelt sind, selbst vor Ort am besten entscheiden können,
wie damit umzugehen ist; was bei näherer Betrachtung auch die lo-
gischste Schlussfolgerung ist, denn wer weiß besser über die je spezi-
ellen Gegebenheiten Bescheid?

Ungültig wählen, Stimmzettel aufessen, verbrennen ...?

Bei diesen Optionen fragen sich viele Menschen "was bringts?". An-
dersrum die Frage: was bringts zu wählen? Ebenso wenig. Einzelne
Gesetze verändern sich zwar, jedoch ändern sich die gesellschaftli-
chen Verhältnisse nicht. Keine Partei kann
Patentrezepte gegen Armut, Verelendung,
Diskriminierung, Ausbeutung (sei es hier
oder in krasseren Formen in anderen Tei-
len der Welt) bieten. Denn diese Aspekte
sind alle grundlegende Bestandteile des
kapitalistischen Systems, und es gibt kein
Wahlzettel auf dem man das kapitalisti-
sche System abwählen kann; graduelle
Veränderungen sind zwar machbar, jedoch
keine grundlegenden. Sicherlich stimmen
die meisten Menschen zu, dass diese nega-
tiven Aspekte komplett beseitigt gehören,
es sei denn sie haben Angst, ihren eigenen
Status, ihre eigenen Privilegien zu verlie-
ren.

Zurück zum Wahlzettel: Wer denkt, mit
dem Gang zur Wahlurne eine große politi-
sche Aktivität zu äußern, irrt sich. Das ist
zwar die Idee, die durch den personalisier-
ten Wahlschein vermittelt werden soll, je-
doch verändern sich die eigenen Lebensbe-
dingungen kaum. Wer Hartz IV bekommt,
hat vielleicht "Glück" durch eine Reform mit ein paar Euro mehr pro
Monat in der Tasche "belohnt" zu werden, oder wer als Arbeiter*in
auf einmal den Mindestlohn bekommt, fühlt sich bei der Anhebung
vom Minimum auf ein bisschen mehr Minimum gut beschenkt, je-
doch bleibt für viele Menschen weiterhin die Angst, die eigene Mie-
te nicht mehr zahlen zu können oder im Krankheitsfall sich nicht
genügend um das eigene Kind kümmern zu können. Denn die Idee
hinter dem Wahlkampf und auch darüber hinaus von tatsächlichen
Reformen, ist, minimale Veränderungen als große Errungenschaften
darzustellen, was durch medialen Hype oft auch gar nicht mal so
schlecht gelingt. Aber werden wir dadurch glücklicher? Wir denken
nicht. Individuelles Glück ist neben gesellschaftlich vorgegebenen
und zufallsbedingten Gegebenheiten zumindest auch zum Teil in
Eigenregie zu erweitern. Und dies eben durch aktive Entscheidun-
gen, wie wir zusammen mit anderen Menschen unser Leben gestal-
ten wollen. Eine aktive Entscheidung ist es z. B. am 22. September
2013 nicht wie immer die SPD oder mal als Alternative die Linke zu
wählen, sondern ernsthaft darüber nachzudenken, was sich über die
jeweilige Regierungen, solange man zurück
denken kann, groß verändert hat; ob sich das
eigene Leben an irgendeiner Stelle durch Ge-
setzgebungen nennenswert verbessert hat, oder
ob diese empfundenen Verbesserungen nicht
durch eigenes Umdenken, eigene Taten oder
Verhaltensweisen von Menschen aus dem eige-
nen Umfeld hervorgerufen wurden. Wenn Letz-
teres der Fall ist, sollte es durchaus eine Option
sein, nicht die SPD oder die Linke zu wählen,
sondern den Wahlschein groß durchzustrei-
chen oder wenn man auf öffentliche Inszenie-
rung steht, auch direkt zu verbrennen und sich
stattdessen vielleicht lieber mit der Familie
und/oder Freund*innen zusammensetzt und bei
einem Kaffee über die Ansprüche an das eigene
Leben, und wie diese zusammen umzusetzen
sind, quatscht. Denn erst wenn die eigenen Be-
dürfnisse klar sind und auch artikuliert wer-
den, können sie realisiert werden. Hat dich der
Wahlschein jemals gefragt was du von deinem
Leben willst?

Bundestagswahl ist alle vier Jahre, das Leben
fragt aber jeden Tag, jede Minute nach wichti-
gen Entscheidungen - und wer kann sie treffen,
wenn nicht wir selbst?

*Auch wenn manche es nicht glauben mögen:
Sowohl die schwarz Vermummten (die zudem
nicht alles Anarchist_innen sind), als auch
die, die sich als Anarchist_innen sehen und
bei solchen Aktionsformen aus verschiedenen
Gründen nicht dabei sind (wer nimmt auch die
Abwesenheit von Menschen in unkenntlichen
Menschengruppen wahr?), haben das ganze Jahr über ein oft sehr
buntes Leben.

Mehr Infos zur Antiwahl-Kampagne 2013 findet ihr unter:
antiwahl.noblogs.org


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