(de) FdA-IFA, Sonderausgabe Gai Dào N°6 -- Der sozialistische Bildungsweg -- Anarchosyndikalismus als Schule einer anderen, einer libertären (Wirtschafts­)Welt -- Von: Max Sehnsucht

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Tue Oct 8 09:19:33 CEST 2013


"Die Würde des Menschen ist unantastbar, deren Lebenszeit und körperliche wie psychische 
Gesundheit aber schon. Sie für den Kapitalismus dienbar zu machen, ist Verpflichtung aller 
staatlicher Gewalt". Dies wäre ein wahrheitsgetreuer erster Artikel des deutschen 
Grundgesetzes, denn so würde dieser die alltägliche Erfahrung, die mensch im Kapitalismus 
machen muss, wiedergeben. Im Standort Deutschland herrscht als einzige individuelle 
Freiheit die Wahl des Ausbeutenden. Wer sich dem weigert, bekommt von staatlicher Seite 
enormen Druck (bestes Beispiel dafür sind die Jobcenter). Schlimmstenfalls kann mensch vom 
Jobcenter eine Bescheinigung bekommen, dass mensch in diesem Land nichts wert ist, denn 
wer sich zu arg auf Dauer wehrt, kriegt gar nichts mehr.

Denn der Kapitalismus funktioniert schließlich reibungslos und per-
fekt, der Markt hat die göttliche Gabe alles zu regeln. Daher muss
sich der Mensch dem Kapitalismus anpassen. Dies will jeder Staat
und dies ist auch deren einziger Zweck. Ohne Geld würde der Mensch
doch schließlich nie wirklich arbeiten. Die BLÖD beweist dies durch
ihre Hetze gegen soziale Minderheiten ganz gut. Ok, die Mensch-
heitsgeschichte und die Natur beweisen zwar das Gegenteil, aber
den Markt braucht man trotzdem, so die bürgerliche Widerlichkeit.
Wer im Sommer die Vögel beobachtet und vielleicht das Glück hat
sie beim Nestbau zu sehen, dem*r wird sofort eines klar: Diese Vögel
machen es nur wegen einem Bausparvertrag.

Und was hat dies alles mit Anarchosyndikalismus zu tun? Einfach alles!

Der Anarchosyndikalismus hat zu allen Punkten des kapitalisti-
schen Alltags eine antagonistische Position: Er sagt Nein zur kapita-
listischen Funktionsweise, Nein zum Geld, Nein zu Hierarchien aller
Art, Nein zu Staaten und auch Nein zu klerikalen Einrichtungen.

Der Kapitalismus wird in der anarchosyndikalistischen Praxis dort
angegriffen, wo dieser am empfindlichsten ist: im Betrieb; beim Er-
wirtschaften des Mehrwerts. Dies steckt schon im Begriff selbst, denn
das Wort Syndikalismus hat seinen Ursprung aus den romanischen
Sprachen und heißt nichts anderes als Gewerkschaft. Im Zusammen-
spiel mit "Anarcho" heißt dies eine revolutionär-sozialistische Basis-
gewerkschaft.

Mensch sollte diese spezielle Art einer Basisgewerkschaft als eine
Schule begreifen, in der der anarchistische Sozialismus erlern- und
erfahrbar gemacht wird. Wohlgemerkt einer Schule und nicht einer
staatlichen Besserungsanstalt, die einen "neuen Menschen", wie es
einst Che Guevara formulierte, hervorbringen soll, da der heutige
Mensch nicht fähig sei im Sozialismus zu leben. Der Anarchosyndi-
kalismus ist eine Schule für ein wirklich freies, individuelles Leben
in einer Welt, die auf Kooperativen und auf föderalen Aufbau setzt.
Durch diesen Aufbau soll es für jeden einzelnen Menschen ermög-
licht werden, sich frei in jeder erdenklichen Art und Weise auszule-
ben, wie es seine Moral und Bedürfnissen entspricht, solange dieses
Ausleben nicht die Freiheit eines anderen gefährdet oder gar be-
schneidet.

Die Theorie, wie auch dann später die Praxis, ist nicht blauäugig, d. h.
es wird schon berücksichtigt, dass in einer zukünftigen Welt auch ge-
arbeitet werden muss, denn das tägliche Brot und Bier muss mensch
eben erst einmal herstellen, um es zu verbrauchen. Die Art und Wei-
se, wie alles Notwendige produziert wird, legt die anarchosyndika-
listische Theorie nicht fest, denn dies soll im gewissen Rahmen im
Kapitalismus so weit wie es geht erprobt werden und zwar von den
Werktätigen selber.
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"Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt." Eine Einführung in den Anarcho-Syndikalismus

9.10. im Solaris, Kopernikusstr. 53, 40225 Düsseldorf-Bilk
Einlass 20:00 Beginn: 21:00.
Veranstalterinnen: AG Düsseldorf und FAU Düsseldorf

20.11. im KisteDrei58, Jülicher Straße 58, 41460 Neuss
Einlass: 19.00 Uhr / Beginn: 19.30 Uhr.
Veranstalterinnen: AG Düsseldorf, Freiraum Neuss e.V.
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Dies alles setzt eine Organisation heraus, dazu gibt es bereits be-
kannte und gute Beispiele. Von vielen Anarchosyndikalist*innen
wird dazu allzu gern die CNT in der Zeit des spanischen Bürger-
kriegs genannt, wo es der CNT gelungen ist trotz der steten Angriffe
des von Deutschland und Italien unterstütztem Franco-Regimes und
den Attacken der Stalinist*innen in Katalonien eine funktionierende,
basisdemokratische Wirtschaft aufzubauen und bis zum endgültigen
Sieg Francos auch aufrechtzuerhalten. In den meisten Gebieten funk-
tionierte die Wirtschaft ohne Geld.

Im deutschsprachigen Raum existieren heute die Wobblies (IWW)
und die FAU, wobei erstgenannten "nur" syndikalistisch sind, denn
die Wobblies haben in ihrem Organisationsaufbau schon ein bisschen
Hierarchie.

Zwei wichtige Aspekte, die kurz vor dem Schluss noch unbedingt
erwähnt werden müssen, sind folgende: a) Der Anarchosyndika-
lismus verlangt kein Glaubensbekenntnis, wie es Stalinist*innen,
Maoist*innen und Co. in ihren Lesezirkeln verlangen. Und b) Der
Kampf bezieht sich nicht unbedingt nur auf den Betrieb. Wie es die
FAU Berlin und die ZSP aus Polen (während der dortigen Herren-
Fussball-EM) gezeigt haben, zählt auch die Gentrifizierung in ih-
rem Kampfbereich. Denn wie alle Anarchist*innen, sind auch die
Anarchosyndikalist*innen nicht davon überzeugt das der Staat in
der Lage sei dieses Problem im Interesse der Arbeiter*innen zu lösen.
Zu dieser spannenden Art und Weise des Kampfes in Betrieben lässt
sich noch so viel sagen. Wichtige Begriffe sind in diesem kurzem The-
orietext gar nicht aufgegriffen worden, die da wären: Direkte Aktion
(gemeint ist nicht die FAU-Zeitung), soziale Revolution, Wie man als
Einzelne*r im Betrieb Stunk machen könnte, (vergangene) Arbeits-
kämpfe der FAU und IWW, freie Vereinbarungen, wirtschhaftliche
Kooperationen etc. pp.

Und auch interessante Persönlichkeiten fanden hier keinen Platz.
Sollte der Text wie auch immer ein wenig Interesse für den Anar-
chosyndikalismus geweckt haben, so hat dieser seinen Zweck erfüllt,
denn es gilt, was immer gilt: Alle Theorie ist grau. Oder wie es eine
ehemalige Leiterin eines Schauspielhauses sinngemäß ausdrückte:
"Leben heißt kämpfen. Also Lebe!"

Wie alle, die diesen Text jetzt gelesen haben, bemerkt haben sollten,
ist dieser Text nicht wirklich strukturiert gewesen, da dieser aus dem
Bauch heraus verfasst wurde und er auch nicht typisch trocken für
ein Theorietext sein sollte. Und wie schließt man nun so einen Text
ab? Der Autor hat sich für ein Zitat entschieden. Der nun folgende
und damit letzte Abschnitt stammt aus dem "Idealistischem Mani-
fest" von Erich Mühsam.

"Wir erleben seit einem halben Jahrhundert eine gewaltige soziale
Bewegung. Die werktätige Menschheit, also die Sklaven und Entrech-
teten, haben sich auf ihren Anspruch besonnen, an den Lebenswer-
ten teilzunehmen. Ja, sie haben begriffen, worauf ihre Versklavung
beruht, und sie haben erkannt, daß die Ablösung des Kapitalismus
Sozialismus heißen muß. Zwar kamen die Advokaten und Politi-
ker, die Geschäftemacher und Demagogen, und bemächtigten sich
der Idee der Gerechtigkeit und der Befreiung, indem sie daraus ein
Parteiprogramm machten. Zwar kam die Trägheit des Denkens und
Handelns wieder über die Massen und der tiefste Fluch des Leben-
digen, die Zufriedenheit. Aber ein Funke aus der heiligen Glut der
Saint-Simon, Proudhon, Bakunin, Lassalle schwält noch unter dem
Schutt, und wir Lebenden dürfen nicht ruhen, ihn freizumachen und
zu neuem hellen Feuer anzublasen."

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