(de) FdA-IFA, Gai Dào #35 - Bewegung -- Über digitalen die Schwierigkeiten Zeitalter der Gegenöffentlichkeit im - Von: Gerald Grüneklee

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Sat Nov 30 20:10:49 CET 2013


Den Zorn entfac hen ---- Eingangs wäre zu bestimmen, was Gegenöffentlichkeit ist, was sie 
sein könnte, welche Perspektiven sie hätte, was ihr Ort und wo sie zu verorten wäre - wir 
würden damit in eine Diskussion um eine emanzipatorische Medienpraxis hineinstechen, die 
in dieser Form derzeit allerdings kaum mehr geführt wird. Und dies wäre wiederum ein 
eigener Artikel (der gerne folgen kann in einer der nächsten Ausgaben). Kurz gesagt 
beinhaltet die Gegenöffentlichkeit, wie ich sie nach wie vor für sinnvoll und nötig halte, 
die Produktion von Diskursen und die Verbreitung v on emanzipatorischen Inhalten, die quer 
zum kapitalistischen Mainstream und seinen Paradigmen liegen. Zu nennen wären Stichworte 
wie Arbeitsethos, Individualisierung & Vereinzelung, Staatlichkeit als 
Organisationsprinzip & Nationalismus als Identifikationsangebot, Zurichtung der Menschen 
auf ihre Verwertbarkeit und Reduzierung auf ihre Kaufkraft, Fixierung der Mitsprache- und 
Gestaltungsmöglichkeiten auf parlamentarisch demokratische Rituale etc.

Gegenöffentlichkeit ist integraler Bestandteil einer umfassenderen
Gegenkultur, welche aus der Verschmelzung von Kommunikation,
Alltagsleben, Spontaneität, Kreativität, von Utopie, Verweigerung und
sozial-politischem Engagement etc. besteht. Um die Thematik nicht
allzu sehr ausufern zu lassen, möchte ich im folgenden die Buch- und
Verlagsbranche in den Vordergrund stellen. "Objektiv" will dieser Text
nicht sein - es werden auch einige der Umstände genannt, die zur
Beendigung des von mir mit initiierten Anares Buchvertriebes führten,der
"Blick zurück im Zorn" ist sicher spürbar. Wir begeben uns in diesem
Text auch in die Niederungen des Kapitalismus und sehen, dass das
Alltags- und Konsumverhalten stets ein Politisches ist, und werden
dabei auc h eine Kritik der digitalen Medien zur Diskussion stellen.
?Das Buch der Zukunft?
"Das Schöne am E-Book ist ja, dass man da jetzt die ganzen a lten
Bücher kostenlos bekommt, die man schon immer mal lesen wollte",
äußerte Antje Schrupp im März 2012 in ihrem a nsonsten von mir sehr
geschätzten Blog(1). Doch ist das Bekenntnis zum E-Book eher ein
Glaubensbekenntnis als dass es einer näheren Überprüfung
standhielte. Denn 1. wird weiterhin nicht jedes in den vergangenen
Jahrzehnten erschienene Buch als E-Book lieferbar sein, 2. ist das E
Book keineswegs genere ll kostenlos oder auch nur günstig, 3.
erleichtern die digitalen Medien noch die Hegemonie über die ganze
Verwertungskette (z. B. über die Abhängigkeit von Lesegeräten und die
vermeintliche Entbehrlichkeit von Verlagen) und vergrößern so die
Dominanz von weltweit bestenfalls einer Handvoll großer Konzerne
wie Amazon - und schließlich hat, 4., das Medium weitreichende Folgen
für die Produktion von Öffentlichkeit (wir erinnern uns an McLuhans
Ausspruch "Das Medium ist die Botschaft").
Dabei soll es jetzt nicht um kulturpessimistisches Herumjamm ern
gehen - trotz Filmtechnik gibt es noch Theater, trotz Fotografie noch
Malerei, trotz Downloads noch Schallplatten etc. So wird es auch
künftig Bücher geben - womöglich sogar schönere, da das Medium
Buch mittels herausragender Gestaltung seinen ästhetisch-haptischen
Pluspunkt wunderbar herausstellen kann. Nur wird das
jeweilige"oldstyle"-Medium zum einen vom Habitus her, zum anderen
aus Kaufkraftgründen (Handwerk ist teurer, kleinere Auflage auch etc.)
zunehmend elitärer. Doch der Reihe nach:

1. Im bisherigen (Print-)Buchmarkt ist ja keineswegs "alles" publiziert
worden. Auch diese Branche war immer auch kapitalistischen
Prinzipien unterworfen, doch wurden diese Bedingungen lange
Zeit abgefedert durch das kulturelle Ansehen der Bücher, eine
relativ stabile Leser*innenschaft, die Preisbindung etc. So wurden
etliche Nischen ermöglicht - ich will das hier nicht idyllisieren,
einfach war es trotz allem nie -, es gab immer wieder
ambitionierte Verlage mit anspruchsvollen Programmen und
handwerklich gut gemachten wie gut lektorierten Büchern. Wenn
nun "jede*r sein*ihr eigene*r Autor*in" wird, wird der Buchmarkt
vorübergehend sehr unübersichtlich und mehr denn je von
schlechten Büchern geflutet. Eine gewisse Qualitätskontrolle ist
ja nicht grundsätzlich verkehrt. Selbst wenn "Self-Publishing" dem
einen oder anderen inhaltlichen oder stilistischen Experiment mal
eine Chance gibt, ist immer noch die Frage, wie die Information
über das Experiment die potentiell Interessierten erreicht. Doch
ist dies nur eine mediale Zwischenetappe - im anbrechenden E
Book-Zeitalter ist absehbar, dass die verfügbaren Inhalte mehr
denn je auf die Verkäuflichkeit zugerichtet werden.
Keine Frage, Kultur sollte bezahlbar bleiben, und ein zu striktes
Copyright-System ist nicht mehr zeitgemäß. Doch es ist geradezu
obszön, nur noch für Technik bezahlen zu wollen, nicht mehr für
die Inhalte. Und, wenig beachtet: Der Umstand, dass E-Books
bekanntlich nicht gekauft werden können (es wird eine Lizenz für
die Nutzung enthoben) macht die E-Books teils s ogar teurer als
gedruckte Bücher - wenn sie z. B. mehrmals heruntergeladen
werden, ebenso wie für institutionelle NutzerInnen (z. B.
Bibliotheken), die von vornherein höhere Grundgebühren zahlen
müssen. Gebühren, die dann die wiederum zulasten des Etats für
Printmedien gehen (Etatkürzungen, die sich auch für Anares - wir
haben aufgrund unseres sehr spezialisierten Angebotes viel mit
wissenschaftlichen Bibliotheken aus aller Welt zu tun - bemerkbar
machen). Kostenlos geht anders, bezahlt wird sehr wohl, fragt sich
nur wie viel, von wem, und für was.

3. Wenn die Marktmacht erst einmal vollendswerden die
Lesegeräte teurer. Und nie wardurchgesetztes so einfach,ist,
aussagekräftige Daten über das Leseverhalten zu erheben -
Daten, die verkauft werden können, die aber auch ohne diese
Zweitverwertung schon problematisch sind, da dann in Zukunft
noch mehr nur (digital) produziert werden wird, was eben auch
gewollt, sprich absetzbar ist. Mehr denn je wir d die
prognostizierte Reichweite bestimmen, was wir zu lesen
bekommen. Um den Preis, dass die Leser*innen gläsern werden.
Wer das durch die eigene Mediennutzung noch mitträgt, muss
sich jedenfalls nicht mehr um das Agieren von US-Geheimdiensten
o. Ä. echauffieren.
Der klassische Sortimentsbuchladen wird ebenso tendenziell vom
Aussterben bedroht sein wie sein gesellschaftskritischer Ableger
in Form linker Buchläden - beide waren ja immer auch ein Stück
Kommunikationsort, ermöglichten also unmittelbaren Austausch,
Inspirationen, Diskussionen. Das angebliche "social selling", wie es
selbsternannte "Trendsetter" wie Sascha Lobo gerne propagieren,
beschleunigt das Buchhandels- und Antiquariatssterben, es
forciert somit auch eine bedenkliche soziale Eruption. Die
entstehende Lücke - zumal E-Books vielfach über soziale
Netzwerke beworben und verkauft werden, also an den Läden
vorbei - werden "E-Book-Stores" nie füllen. Und vormals halbwegs
öffentliche Diskurse werden dann vollends fragmentarisiert.
Sicher, einige Buchläden werden überleben, und sei es in
Reservaten wie den "Bücherdörfern". Doch die Arbeit im
Buchhandel, die Sti mmung in den Läden wird eine andere: "Wir
beantworten nicht mehr Fragen zum Inhalt von Büchern, sondern
zur Funktion von E-Readern" (2).

Als Bildschirm-Medium wird dem E-Book auch dort, wo es Opulenz zu
vermitteln sucht, bestenfalls eine Infotainment-Architektur gelingen,
die mehr ablenkt als illustriert oder veranschaulicht. Auch wenn einige
Features bei besser gemachten E-Books durchaus mal ihren Reiz haben
mögen: Die Tendenz zur Zerstreuung ist dem E-Book immanent,
bringen es die neuen visuellen Medien doch mit sich, auch den
letztenAnschein von Inhaltlichkeit zu liquidieren. Der Polemik von Hans
Magnus Enzensberger gegen das "Nullmedium" Fernsehen ist hier
zuzustimmen, wobei diese Kritik heute zu erweitern wäre.

Glücklicher bloggen?

Soweit zu den E-Books. Natürlich, es muss eben auch nicht "alles"
publiziert werden. Und so manche*r "bloggt" denn ja auch gerne - es
muss nicht alles druckreif ausformuliert werden, es kann schnell auf
aktuelle Ereignisse reagiert werden (siehe z. B. "Arabellion", wo via
Blog schnell Tausende zu Kundgebungen mobilisiert werden konnten).
Doch auch hier zeigt ein zweiter Blick, dass diese Entwicklung nicht das
ist, was wir, denen uns an Gegenöffentlichkeit liegt, wollen können:

der Druck zur Geschwindigkeit (erste*r sein) zwingt zu
vorschnellen Veröffentlichungen, es dominiert dabei oft eine
Zuspitzung statt differenzierter Argumentationen
Falschinformationen werden rasant verbreitet, die Öffentlichkeit
so häufig eher desinformiert und hysterisiert als mit kritischen
(Gegen-)Informationen versorgt - eine hohe Schlagwortdichte ist beabsichtigt, um im
Suchmaschinenranking möglichst weit oben aufzutauchen, was
sich nicht immer schön liest - und die Form bestimmt bzw.
dominiert allzu häufig den Inhalt

ALLES wird geschrieben - doch wer soll es lesen? Und vor allem:
wann? Gerade im allgegenwärtigen Geplapper gehen die
wichtigen, grundlegenden Inhalte unter.

Das Konzept Gegenöffentlichkeitdie "leisen" Printmedien haben inwird so tatsächlich 
obsolet. Und
der Aufmerksamkeitsökonomie dabei den schwersten Stand. Zumal viele dem Irrglauben
anhängen, sie könnten die gesuchten Informationen ebenso gut im Netz finden.

Natürlich, der Blog kann eine sehr sinnvolle Ergänzung sein zum Buch,
zur Zeitschrift, zum Radio (wie eingangs schon "gestanden", lese ich
einige wenige Blogs selbst hin & wieder) - aber eben auch nicht mehr.
Wenig beachtet ist die Tatsache, dass auch dieses Medium, wie das
gesamte Internet, nicht so demokratisch ist, wie es zu sein vorgibt -
global betrachtet artikulieren sich hier die ökonomischen wie
Bildungseliten, exi stierende Machtverhältnisse (die auch zur
Meinungsmacht führen) werden daher letztlich tendenziell sogar eher
verstärkt (3). Dass die vielzitierten "bildungsfernen Schichten" sich
eher dem E-Book als dem Papierbuch zuwenden, ist einer der
zahlreichen IT-Mythen.
Es braucht insofern keine hellseherischen Fähigkeiten: Wenn die
Printmedien in ihrer Verbreitung abnehmen, können sich populistische
Stimmungen und Meinungsmanipulationen besser durchsetzen - die
Ware Information wird immer mehr zur unmittelbaren Werbung, wenn
niemand mehr für Lektorate, Journalist*innen etc. bezahlen will. Klar",kostenlose 
Inhalte", wie es Google & Co. suggerieren und z. T. auch
durchgesetzt haben, das klingt erst einmal attraktiv. Vergessen wird
allerdings, dass es nicht zuletzt Sinn der großen IT-Firmen ist, Daten zu
sammeln ( sie sind deren Kapital, nur so können sie diese Dienste
anbieten) - und sie dabei vielfach mit Geheimdiensten wie dem NSA
zusammenarbeiten. Und am Ende dieser Entwicklung werden Amazon
(Gründer Jeff Bezos hat aus seinem Privatvermögen schon mal die
Washington Post gekauft), Facebook, Google etc. die neuen
Nachrichtenportale sein - und die einzigen. Nicht schwer auszudenken,
was sie gedruckt haben wollen. Auch wenn Meinungsfreiheit schon
immer ein Mythos war: Besser wird's nicht.

Subversives Rascheln

Das Buch ist "gewissermaßender Anarchist unter denheutigen
Massenmedien", sagten die Kolleg*innen von der - inzwischen leider
auch eingestellten - "Basis Buchhandl ung" in München angesichts
dieser Entwicklung einmal. Wild und unberechenbar. Lesen, verstanden
im Kontext von Gegenöffentlichkeit, ist insofern nicht zuletzt
Widerstand, ein Akt des Verweigerns - wir lesen nicht für etwas,
sondern gegen, sind "Ausreißer, die im Begriff sind, geboren zu
werden" (4). Lesen ist, wo es als Leidenschaft begriffen wird, immer
auch ein Akt von Befreiung, von Freiheit. Das Lesen von Büchern lässt
noch Raum für eigene - nicht so umstandslos wie bei den digitalen
Medien kontrollierbare - Gedankengänge und Verknüpfungen. Das
Buch will in dem Tempo erkundet werden, dass die Leser*innen ihrer
Lektüre geben - nicht im Rhythmus der Maschinen und ihrer
flimmernden, stetig wechselnden Bilder, dem Rauschen ihrer
pausenlos abgesonderten Töne.

Das Buch ist bei alledem ein*e sanfte*r Anarchist*in, vergleichsweise
unaufgeregt gegenüber dem Zwang der neueren Medien zu Aktualität,
aufsehenerregenden Hypes, Suchmaschinen-Rankings etc. Das Internet
hat diesen "anarchistischen Charakter" (5) schon lange nicht mehr. Und
das gilt aus der Konsument*innen-Perspektive ebenso wie aus jener
der Herstellenden: Wer hilft Autor*innen und Verlagen künftig über 2,
3 wirtschaftlich "schlechte" Bücher hinweg? Bevor auch im
Verlagssektor der Renditedruck alles überrollte, war die sogenannte
Mischfinanzierung (besser laufende Titel ziehen mal ein im Verkauf
floppendes Werk mit sich) selbstverständlich.

Digitale Verstörung - Error

Der Medienphilosoph Vilém Flusser hat einmal betont, dass wir es seit
der Digitalisierung zugleich mit einer neuen Denkart zu tun haben, die
"keine prozessuelle, aufklärerische, kritische mehr ist", so dass "die
Welt, der Mensch, die Gesellschaft nicht mehr als zu verändernde
Gegebenheiten erscheinen" (6) - was natürlich auch eine sehr
fatalistisch klingende Betrachtung ist. Doch auffallend ist der Bankrott
jeglichen kritischen Denkens schon: Wozu braucht jemand 100 Paar
Schuhe? Bücher jedoch werden als "Ballast" empfunden - so
wurde esuns oft gesagt, wenn man uns gebrauchte Bücher zum Kauf anbot (hat
sich aber, man lebt im "Land der Dichter und Denker", gescheut, sie
"einfach wegzuwerfen", denn "das bringe ich nicht über das Herz"). Als
Anstrengung wird das Lesen eines Buches häufig begriffen - nicht das
stundenlange "surfen" im Netz. Ein Buch lesen? Innehalten,
reflektieren, resümieren? Keine Zeit! So wird es wohl kaum etwas mit
dem "Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit", als die
Immanuel Kant den Prozess der Aufklärung einmal bezeichnete. Und so
ist die Beratung im Buchhandel vielerorts nicht mehr gewollt - sie wird,
ebenso wie die von den Buchhändler*innen getroffene Vorauswahl
("Zensur"!) der angebotenen Bücher, eher als "bevormundend" denn
als inspirierend und hilfreich empfunden. So hatten wir auch im
Buchladen viele Kunden, die "das eine" Buch wollten, sich auf keine
Hinweise links und rechts des Regals einlassen wollten. Dabei finden
wir im Netz nur, was wir suchen (die "Kunden, die dieses Produkt
gekauft haben..."-Funktion hilft nicht wirklich weiter) - im Buchladen
können sich dagegen ganz neue Türen öffnen. Jedenfalls für die, die
bereit sind, ausgelatschte Pfade zu verlassen. Doch das sind nur
wenige, zu wenige. Die innere Konditionierung hin auf die mystisch
verklärten neuen Medien ist eben schon weit vorangeschritten.

Friedliche Koexistenz?

Dieser Text ist mit dem Feuer der Wut und einem kopfschüttelnden
Unverständnis denen gegenüber geschrieben, die mit einer gehörigen
Portion Dummheit und Naivität die neuen Medien verklären. Doch soll
hier nicht der Eindruck entstehen, ich würde diese Entwicklung
verteufeln und die darin steckenden Möglichkeiten ignorieren. Um ein
Beispiel zu nennen: Das Neuartige des am 1. Januar 1994 begonnenen
zapatistischen Aufstandes im südmexikanischen Chiapas als im Grunde
"erster Revolution des 21. Jahrhunderts" liegt nicht zuletzt darin, dass
hier erstmals die Bedeutung des Internet für die internationale
Kommunikation sehr klar erkannt und aufgegr iffen wurde. Und
natürlich bietet die Tatsache, dass die vorliegende Zeitung auch in
digitaler Form erscheint, die Chance, Menschen zu erreichen, die sie
ansonsten nicht gelesen hätten. Aber die Zapatist*innen wissen sehr
wohl um die Bedeutung der direkten Kommunikation (und laden daher
z. B. immer wieder zu "intergalaktischen" Treffen ein), und diese
Zeitung erscheint eben AUCH digital, während vielerorts heute der
Eindruck erweckt wird, der unmittelbare Austausch und die
traditionellen Medien seien überholt und überflüssig.

Insofern habe ich hier versucht, eine meines Erachtens zu wenig
beachtete Problematik aufzuzeigen, die darin liegt, dass wir einer
Illusionsmaschine erliegen (die die neuen Medien darstellen, wenn wir
zu unreflektiert mit ihnen umgehen), mittels derer wir unserer
Bewusstsein in Teilbereiche zerlegen - analog etwa der Zerlegung der
Arbeit in häufig nicht mehr miteinander vermittelte Einzelschritte im
Zuge der Industrialisierung. Das "Natürliche" im Umgang des sozialen
Wesens Mensch und die Sinnlichkeit drohen dabei verloren zu gehen,
wir machen uns zu Techno-Androiden, die sich in der gegenwärtigen
Informationsgesellschaft permanent selbst überfordern. Wir entfernen
uns damit von den Möglichkeiten, die die Technik bietet - vielleicht
mangelt es uns einfach an der Medienkompetenz? -, rücken von den
eigentlichen Anliegen ab (jedenfalls, wenn es uns mit der
emanzipatorischen Gesellschaftsveränderung ernst ist) und begeben
uns in eine gefährliche Abhängigkeit von Informationsriesen, die unser
Denken und unsere Arbeitswelt auf den Kopf stellen. Damit feilen wir
selbst an unserer eigenen Entmündigung. Diese Entmündigung ist
keineswegs auf den Medienbereich beschränkt, lässt sich aber anhand
der Entwicklung von Jou rnalismus und Buchbranche besonders
deutlich nachvollziehen.

Insekten & Großkatzen

Der US-Multi ist eine Hegemonialmacht, die in allen Bereichen des
Buchmarktes dominante Positionen zu erobern versucht (die
aggressive militärische Begrifflichkeit ist hier angebracht). Ist diese
Position erreicht, werden die Preise - siehe derzeit die Amazon
Buchpreise in den USA - dann kräftig nach oben gedrückt. Davon, wie
der Konzern Steuern umgeht, will ich hier gar nicht reden - schließlich
haben Staaten diese Möglichkeiten mit ihrer Ste uerpolitik selbst
geschaffen, ebenso wie die Grundlagen für die umfassende Leih- und
Zeitarbeit. Dass der Konzern jedes Jahr wieder Tausende von
Arbeitslosen "probeweise" unbezahlt im Weihnachtsgeschäft malochen
lässt - geschenkt. Problematisch und doch vielen Kund*innen
unbekannt ist:

1. dass viele Anbieter*innen schlicht ökonomisch abhängig sind von
den Umsätzen, die auf den Amazon-Plattformen (hierzu zählen
u. a. auch Abebooks und ZVAB) sind;

2. dass Amazon aufgrund seiner Vorgaben (Bestellungen sind
innerhalb 24 Stunden zu bearbeiten) den Anbieter*innen dann
eine 7-Tage-Woche aufnötigt;

3. dass Amazon sämtliche rechtliche Risiken den Anbieter*innen
aufdrückt und diese so u. a. teuren Abmahnungen aussetzt;

4. dass Amazon sehr hohe Gebühren hat, die einerseits die Preise
eher steigen ließen - andererseits aber durch einen hohen
Konkurrenzdruck und die (jüngst gefallene) sog. Preisparität den
Anbieter*innen ein ruinöses Preislevel aufnötigt, mit dem schlicht
keine akzeptablen Löhne mehr gezahlt werden können;

5. dass Amazon auch den Verlagen wesentlich höhere Rabatte als
diese den Buchläden einräumen können, regelrecht aufdiktiert (es
ist schwierig bis unmöglich für die meisten Verlage, auf diesen
Verkaufskanal zu verzichten);

6. dass Amazon die profitablen und unkomplizierten Umsätze macht
- und BuchhändlerInnen vor Ort nur noch die aufwendigen
Kleinbestellungen ausführen können, z. B. wenn ein Titel nicht bei
Amazon lieferbar ist.

Wie heißt das afrikanische Sprichwort: "Der Floh macht Löwen mehr zu
schaffen als Löwen dem Floh". Ergo: Mehr Flöhe braucht es. Und mehr Stiche.

Buch und Handlung

Der Anspruch von linken Buchläden war stets, Bücher anzubieten, die
es anderswo - zumindest in diesem Umfang - nicht gibt. Die meisten
dieser Läden wollten über den Buchverkauf hinaus auch Funktionen
eines kleinen sozialen Zentrums wahrnehmen: Buskarten zu Demos
verkaufen, Plakate u nd Flyer zum Mitnehmen auslegen, eben
Treffpunkt sein, Kommunikation und Diskussion anregen. Damit sind
diese Läden (deren Hoch-Zeit ohnehin schon rund 30 Jahre zurück
liegt, als ein gemeinsamer "Verband linker Buchläden" einmal über 100
Mitglieder hatte) (7) neben der hier ansatzweise skizzierten ohnehin
schwierigen Entwicklung auch noch von ihrem ideellen Umfeld
abhängig.

Wo es schon als Erfolg gilt, wenn die Zahl der Buchhandlungen
halbwegs konstant bleibt, ist die Situation für Buchläden aus dem
linken Milieu erheblich schwieriger, weil das Umfeld

a) seit Jahren - vorsichtig gesagt - zahlenmäßig stagniert,

b) besonders medienaffinInternet informiert,
ist und insofern sich auch viel über das

c) auch entsprechend viel über das Internet kauft (politisches
Kaufbewusstsein wie vor ein paar Jahrzehnten, wo man auch einen
Umweg zu "seiner" Buchhandlung in Kauf nahm, existiert nicht mehr)
und

d) v ielfach auch ökonomisch besonders prekär und v on den
sozialpolitischen "Reformen" der letzten Jahre überproportional
betroffen ist.

In dieser Situation gibt es, von den USA ausgehend, eine zunehmende
"localism"-Bewegung (hierzulande "buy local"), mit der den
Kund*innendie Vorteile des unmittelbaren Kaufens in Fachgeschäften vor Ort
nahegebracht werden soll. In manchen Appellen, etwa wenn "wir
verantwortlich für un sere Stadt" sein sollen, schwingt zwar auch
ziemlicher Unsinn mit, doch ansonsten ist es schließlich eine feine
Sache, wenn Menschen w ieder miteinander in eine direkte Beziehung
treten - und beinhaltet in jedem Fall Möglichkeiten. "Think global, act
local" war gar mal eine bekannte linke Parole (und Aufforderung!). In
Ländern wo die Preisbindung existiert, ist nicht einmal der Preis ein
Argument, die großen Ketten (deren Wettrennen um immer mehr und
immer größere Buchkaufhäuser in den Städten allerdings auch erstmal
beendet scheint) immer weiter zu bereichern. Die - glauben wir den
Medienber ichten - verbreitete "diffuse Wut" gegen "den Kapitalismus"
etc. führt bisher nämlich kaum zu praktischen Konsequenzen.

"Tauchen auch noch so viele eso-faschistische oder rechtsradikale
Publikationen im Programm von Vertrieben wie Amazon auf, bestellt
der linke Historiker oder die junge Antifafrau dort doch ungebrochen,
hält aber die Erhebung eines Eintrittspreises für Veranstaltungen in
einer linken Buchhandlung für kapitalistisches Teufelswerk", monierte
desillusioniert eine linke Buchhändlerin (8). "Buy local" ist insofern eine
Erinnerung: Manchmal muss mensch sich eben nur mal wieder ein
bisschen physisch bewegen. Mal vom Bildschirm weg gehen und vor die
Tür treten. Ab und zu ist das schon eine ganze Menge: Als wir unseren
Buchladen hatten, haben viele Kund*innen via Internet bei uns bestellt,
die 1 oder 2 Straßen weiter wohnten. Sie hatten gar nicht realisiert, bei
wem sie kauften. Wenn die ganze Welt nur wenige Klicks entfernt ist,
wird das Agieren manchmal reichlich kopflos.

Einige Gründe, warum die Zukunft ohne Anares stattfindet

Angesichts des Geschriebenen wird es nicht erstaunen, dass d ie Luft
bei Anares heraus ist (we nn hier von Anares die Rede ist, ist nicht die
ehemalige Föderation gemeint, sondern Anares in Bremen). Weder
finanziell noch motivatorisch macht es für uns derzeit Sinn, das Projekt
weiterzubetreiben. Kann sein, dass Jüngere dies anders sehen, sie
mehr Elan und ein paar frische Ideen haben und auch mal wieder
einenneuen libertären Medienvertrieb starten. Sie sollten sic h aber in
keinem Fall Illusionen über die schwierigen Rahmenbedingungen
machen. Einige gehen aus diesem Text schon hervor (z. B. der Druck,
mit Firm en wie Amazon zusammenarbeiten zu müssen, auch das
geänderte Mediennutzungsverhalten), andere möchte ich hier nochmal
kurz stichpunktartig zusammenfassen:

der Preisverfall schreitet stetig voran. Das mag vordergründig für
die KäuferInnen angenehm sein. Welchen Ankaufspreis sollen wir
aber jemandem zahlen, wenn zu befürchten ist, dass das Buch
womöglich 3, 4 oder auch 5 Jahre am Lager liegt und dann andere
Anbieter*innen es für ein Fünftel des ursprünglich angesetzten
Preises anbieten (was kein Einzelfall ist)? "Sie haben kein
Bücherangebot, sondern ein Entsorgungsproblem", heißt es dann
oft unter Kolleg*innen. Doch wie sollen wir uns selbst angesichts
dieser Entwicklung noch halbwegs akzeptable Löhne zahlen? So
ist es kurzsichtig, sich über den Preisverfall zu freuen - sichtbar
ist, dass als erstes gerade die engagierten Buchläden und
Antiquariate schließen. Die Orte, an denen sich Menschen über
widerständige Inhalte und Praxen informieren und verständigen
können, schwinden damit dahin.

Die Preisgestaltung ist völlig entkoppelt von einer inhaltlichen
Wertigkeit: Das gute aufklärerische Werk oder die schön
gemachte Erstausgabe eines*einer Exilautor*in bringt kaum mehr
Geld rein, so manches fürchterliche esoterische Buch könnte (und
müsste eigentlich auch, ökonomisch betrachtet) man dagegen für
viel Geld anbieten - solange es nicht doch jemand einen Cent
billiger (automatische Preisanpassungstools sind zunehmend
verbreitet) anbietet. Forciert wird die Preisentwicklung von
Privatanbieter*innen ("wir entrümpeln Omas Dachboden") aber
auch von "sozialen Betrieben", die mit 1-Euro-Jobs etc. arbeiten -
finanziell nur überleben zu können, wenn man letzteres auch
mitmacht, kann es nicht sein.

Die Tendenz geht somit zu entweder a) automatisiertes Einscannen
der Bücher (Massenware & Fließbandar beit) z. B. von
Gefangenen im Knast (machen Kolleg*innen!) o. Ä. im Billigbereich
oder b) nur noch seltene, d. h. höherwertige und teure Ware
anbieten. Ersteres ist indiskutabel, und an die teuren Sachen
kommt man eben auch nicht mal eben so heran - zudem wäre eine
Entwicklung Richtung Edel-Antiquariat nicht das, wofür Anares
stand, wollten wir doch immer primär Literatur vermitteln, die
"ein Werkzeug zu Aufklärung und Veränderung" sein soll te, wie
wir es 2004 mal formulierten.

Man arbeitet bald rund um die Uhr, um das Projekt
aufrechterhalten zu können - "Das ist nur auszuhalten, wenn es
einem Spaß macht", zitierte die gewiss nicht müßiggängerische
Frankfurter Allgemeine mal einen Kollegen (9). Dabei haben wir
mal das "Recht auf Faulheit" gedruckt und wollten gegen die
Arbeit kämpfen... Und: was heißt schon Spaß? "Wir sind alle
Sklaven des Internet", äußert im selben Artikel ein Kollege - was
auch bedeutet: Die Kund*innen werden immer fordernder,
erpressen einen mit "sonst gehe ich zu Amazon", Ungeduld und
Unhöflichkeit sind alltäglich und wenig erquicklich.

Bewusst haben wir im Jahr 2000 einen Buchladen gegründet, der
jedoch nicht wie gewünscht (und ökonomisch nötig) angenommen
wurde - aber es gab natürlich hier und da persönlichen Austausch,
wir organisierten Veranstaltungen etc., Dinge, die heute fast völlig
fehlen: Uum einen, weil wir es nie geschafft haben, das stabile
Netzwerk zu bilden, das Anares eben auch regelmäßig nutzt und
entwickelt, Veranstaltungen mit konzipiert und durchführ t etc.,
und so viele uns an sich wichtige Pläne nie realisiert wurden, was
auch schon mal unbefriedigend ist. Zum anderen findet die Arbeit
beinahe ausschließlich am Computer statt - schon von der
Arbeitsform her eine starke Entfremdung, ein täglicher
Widerspruch zu den eigenen Hoffnungen und Bedürfnissen, der
zunehmend weniger auszuhalten war.

Anares sollte und wollte immer mehr sein als eine
Buchverkaufsstelle. Wir wollten "Sand im Getriebe der
herrschenden Macht und ihrer Anmaßungen" sein, wie wir es 2004
auf die damalige Homepage schrieben. Anares vers tand sich als
Scharnier libe rtärer Infrastruktur, der Vertrieb sollte nicht primär
ein ökonomisch, sondern vor allem ein politisches/ kulturelles
Projekt sein, dass in gesellschaftliche Entwicklungen
intervenieren sollte, und sei es durch Bereitstellung von
Informationsmaterial, die Erstellung von Literaturlisten zu
wichtigen Themen, die Durchführung von Büchertischen etc. Dies
gelang eigentlich nie im erhofften Umfang - seit sich Anfang der
2000er Jahre auf breiter Ebene durchsetzte verschärfte sich diese
Kluft zum Anspruch. Denn seither wurden wir wie oben
beschrieben zu Sklav*innen, denen es in der aufgenötigten
Rastlosigkeit nicht mehr gelang eigene Akzente zu setzen. So gab
es keine Möglichkeiten mehr, inhaltliche Positionen und unseren
Widerspruch vehementer und öffentlich wahrnehmbarer deutlich
zu machen.

Abschließend sei nochmal aus dem Jahr 2004 zitiert, wobei es
bitter ist, die letzten Jahre trotz aller Kämpfe von dieser Vision
nur immer weiter entrückt zu sein: "Denn d as Spektakel ist das
Gefängnis unserer wahren Bedürfnisse & Wünsche. Das
gesellschaftliche Leben befindet sich im Geis elgriff der
Warengesellschaft, die das Leben enteignet und eine leere,
seelenlose Hülle zurücklässt... Werfen wir die Fernseher aus dem
Fenster raus & schlagen wir die Bücher wieder auf!"

Wenn Frust über die Lust dominiert, und das über Jahre, heißt es einen
Schlussstrich zu ziehen. Und letztlich waren es einfach zu viele Kröten,
die wir schlucken mussten. Widerspruchsfrei ist das "richtige Leben im
Falschen" nie, vermutlich auch nicht richtig. Höchstens richtiger. Und
mit den Jahren wurden die Widersprüche mehr statt weniger. Doch mit
den dargestellten Problemen stehen wir nicht alleine da. Umso
bedauerlicher ist es, dass offensichtlich auch in linken/libertären
Kreisen das Denken schon so weit individualisiert ist, dass kollektive
Organisationsmodelle gegen die um sich greifenden Zumutungen garnicht mehr gedacht - 
geschweige denn umgesetzt - werden. Ob es
dann anders gekommen wäre? Wer weiß. So hatten wir das Gefühl,
immer isolierter gegen die Windmühlen der Barbarei, der Missachtung,
des Desinteresses und der Ignoranz anzukämpfen. Doch auch Don
Quijote wird einmal müde.

Was bleibt

Wichtiger werden sowohl für die Autor*innen (um sich wahrnehmbarer
zu machen und so - mangels Buchläden - die Verkäufe anzuheben) wie
für die Buchläden (der Bindung von Kund*innen wegen, und weil es
eben auc h Spaß macht & Sinn gibt) Veranstaltungen rund ums Buch.
Literatur live, das ermöglicht wieder Unmittelbarkeit, kollektive
Prozesse, die Interaktion mit den Lesenden. Kurzum: Das, was wir mit
unserem Bremer Buchladen seinerzeit (2000-2006) auch anstoßen
wollten - hier & da vielleicht auch getan haben. So hat das Download
Zeitalter wie in der Musik (es gibt in etlichen Gegenden seit ein paar
Jahren eine sehr agile Live-Szene) auch im literarischen Feld seine
positiven Nebeneffekte. Wenigstens solange es die Orte dafür gibt -
ein Grund mehr, sich für gute Buchläden ebenso einzus etzen wie für
selbstbestimmte Kulturzentren etc. Was hier und da - z. B. wenn etwa
ein Buchladen durch stark steigende Mieten bedroht ist und es Demos
für seinen Erhalt gibt - tatsächlich auch schon geschieht. Tropfen auf
den heißen Stein bisher, sicher. Aber mehr als nichts. Und wenn das
Wasser lange genug den Stein höhlt, kommt er zum Vorschein, der
Strand, der unter dem Pflaster liegt.

Zum Schluss bleibt noch der - wenn auch schwache - Trost: die Retro
Bewegung z. B. bei Tonträgern - zurück zum Vinyl - "zeigt, dass nicht
jede Medienrevolution unumkehrbar ist" (10).

Fußnoten:

http://antjeschrupp.com/2012/03/05/louise-ottos
roman-%E2%80%9Eschloss-und-fabrik/
so die Buchhändlerin03/12, S.6Milena Pantelouris im Magazin "jetzt", No.

http://www.hagalil.com/archiv/2011/06/10/internet-1 0/
vgl. Daniel Pennac: Wie ein Roman - Von der Lust zu lesen,
München 1998, S. 90f.
der damalige Geschäftsführer der Piratenpartei, Christopher
Lauer 2010 in der taz
zitiert nach einem Flyer der projektgruppe neue musik bremen,
September 2000
Uwe Sonnenberg: Geburt aus dem Geist der Mensa
Verkaufstische, taz, 1.6.2013
Antje Westermann, in: Contraste, Oktober  0 9, Heidelberg 2009,
S. 5
FAZ, Ausgabe Rhein-Main, 23.8.2013
Mic hael Roseler-Graichen: Digitales Publizieren - Stand und
Perspektiven, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr.41-42/2012


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