(de) FAU-IAA Direct Action #220 - Die Stadt und die Fabrik ---- Kämpfe um urbane Freiräume und klassische Betriebskämpfe - ",Ein Problem nach dem anderen" oder "zusammen mehr erreichen"?

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Sun Nov 24 09:06:48 CET 2013


Die Stadt als Ort und Gegenstand von sozialen Protestbewegungen ist Ausgangspunkt vieler 
aktueller Kämpfe. Themen sind steigende Mieten, Zwangsräumungen, Kommerzialisierung der 
öffentlichen Räume, die aktuellen Kämpfe von Flüchtlingen auf den Plätzen, die Ausrichtung 
der Stadt auf Citymarketing sowie die generelle Inwertsetzung des ganzen Lebens. Weltweit 
sind Kämpfe um die Stadt aktuell. So zum Beispiel, wenn WanderarbeiterInnen in China ihren 
Aufenthalt in den Städten nicht mehr auf die Zeiträume begrenzen wollen, in denen es 
Arbeit für sie gibt. ---- David Harvey kritisiert in ,,Rebellische Städte" die Fixierung 
der Gewerkschaften auf die Produktion. Die Dynamiken des Kapitalismus beschränkten sich 
nicht auf die Produktion, daher sollten auch Gewerkschaften sich nicht darauf beschränken. 
Es stellt sich dennoch die Frage, ob die Kämpfe in und um die Stadt nicht eine Art 
,,Feierabendwiderstand" (Roman Danyluk) darstellen, die statt Kämpfen gegen die 
Lohnarbeit, um die eigenen Arbeitsbedingungen oder gegen die Schikanen beim Amt geführt 
werden.

Sofern der Schlüssel zur Überwindung des Kapitalismus in der Mehrwerterzeugung durch die 
Ausbeutung von Arbeit liegt, können städtische Kämpfe davon dennoch nicht isoliert 
angegangen werden. Mietkämpfe beziehen sich, wie Friedrich Engels richtig feststellt, auf 
die Sphäre des Konsums. Analysen und Proteste, die die Produktionssphäre nicht 
einbeziehen, bleiben oberflächlich. Sie können weder die Entstehung der unterschiedlichen 
Positionen auf dem Wohnungsmarkt durch kapitalistische Verhältnisse noch den Bezug 
zwischen Lohnhöhe und für die Miete aufgebrachter Arbeitszeit fassen. Miet- und 
Kapitalverhältnisse müssen in ihrer Beziehung betrachtet werden, ohne eine der Seiten als 
,,sekundär" abzuwerten. Bereits in der Pariser Kommune 1871 wurde zuerst die Nachtarbeit 
der Bäckereien abgeschafft und ein Mietmoratorium eingeführt.

Solange der Kapitalismus in der Stadt wie die Stadt im Kapitalismus angegangen werden, 
spielt es keine Rolle, ob die Kämpfe von der Stadt auf die Fabrik übergehen oder 
umgekehrt. Wenn wir es schaffen, eine andere Stadt zu erkämpfen, die nicht mehr auf einer 
Profitlogik basiert, sondern ein Recht-auf-Stadt für alle bereithält, dann kann dies auch 
der Ausgangspunkt für eine andere Gesellschaft sein.

Unbequeme Fragen ergeben sich: Wie sehen die ,,Klassenzusammensetzung" und die 
entsprechenden unterschiedlichen Interessen der MieterInnen aus? Wie verhalten sich Kämpfe 
in Produktion und Stadt zur reproduktiven Arbeit? In welcher Beziehung stehen 
unterschiedliche Herrschaftsverhältnisse wie Rassismus und Sexismus, die im Kampf um den 
öffentlichen Raum der Stadt ihren Ausdruck finden können, zum Kapitalverhältnis? Wie 
überschneidet sich die durch Verdrängung erzwungene Mobilität beim Wohnen mit ,,flexiblen" 
Arbeitsverhältnissen? Die Auseinandersetzungen werden sich in diesen Kämpfen schließlich 
auch an der entscheidenden Frage messen lassen müssen, ob es um eine reine Teilhabe am 
kapitalistischen Verwertungsprozess geht, oder es Perspektiven gibt, die bestehenden 
Verhältnisse zu überwinden.

Einen Ansatzpunkt für die Verbindung von Stadt- und Arbeitskämpfen können Worker Centers 
darstellen. Diese Treff- und Organisationspunkte von ArbeiterInnen im Stadtteil waren 
wichtige Ausgangspunkte für den migrantischen Streik 2006 in den USA. Er wäre ohne die 
sozialräumliche Verankerung im Stadtteil so nicht möglich gewesen. Ein weiterer 
Ansatzpunkt kann die Bedeutung von Arbeit für das Funktionieren städtischer Infrastruktur 
sein. Strategische Kämpfe im Transportsektor zeigen, dass die Stadt, aber auch die 
kapitalistische Produktion hier getroffen werden kann. Drittens muss die Forderung nach 
Vergesellschaftung von Wohnraum nicht in Konkurrenz zur Vergesellschaftung von 
Produktionsmitteln gesehen werden, sondern vielleicht als flankierender Schritt in eine 
ähnliche Richtung, nämlich einer Ausdehnung von Selbstbestimmung und -verwaltung auf 
möglichst alle Lebensbereiche. Das Mietshäuser-Syndikat stellt wohl eine der 
interessantesten Formen dar, innerhalb des Kapitalismus das selbstbestimmte und 
selbstverwaltete Wohnen zu organisieren und verkörpert damit eine reale Utopie. Es gilt 
jedoch auch hier: der Kapitalismus - hier in Form des Wohnungsmarktes - lässt sich nicht 
aufkaufen.

Es geht darum, verschiedene Interventionen gegen die kapitalistischen Verhältnisse soweit 
zu vernetzen, dass es gelingen kann, grundsätzliche Veränderungen herbeizuführen. Und so 
ist es auch syndikalistisches Handeln, im Hier und Jetzt die Zukunft schon aufblitzen zu 
lassen.

Anders Bauer


More information about the A-infos-de mailing list