(de) FAU-IAA Direct Action #219 - Judith Malina: In unseren Gedanken sind wir fast nie allein Essay von Jude Rawlins

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Fri Nov 15 23:09:02 CET 2013


Judith Malina auf der Bühne in Beirut (copyright Dirk Szuszies, Karin Kaper) ---- Judith 
Malina auf der Bühne in Beirut (copyright Dirk Szuszies, Karin Kaper) Sie tauchten im 
Nachkriegswirrwarr der New Yorker Straßen auf: Der Künstler Julian Beck und seine junge 
Frau, die Schauspielerin und Aktivistin Judith Malina. ---- 1948 gründeten sie zusammen 
das Living Theatre, eine sich ständig weiter entwickelnde Truppe von radikalen kreativen 
DarstellerInnen, verbunden durch eine gemeinsame Philosophie der persönlichen Freiheit, 
der Revolution des Selbst; friedvolle AnarchistInnen, begeistert vom Gedanken der Liebe 
und Gleichheit für alle. ---- Judith Malina wurde als Tochter eines deutschen Rabbi 
geboren, ihre Familie emigrierte 1928 von Deutschland nach New York.

Malinas Hingabe an ihre eigene Wahrheit und ihre zielsichere Fähigkeit, diese Hingabe 
durch die universelle Sprache des Theaters auszudrücken, hat zu einigen der 
bemerkenswertesten Aufführungen der Neuzeit geführt. Historisch gesehen hat sich das 
Living Theatre durch seine Interpretation der Werke von Bertolt Brecht, Jean Cocteau, 
Gertrude Stein und anderen einen radikalen Ruf erspielt. Einige Produktionen, wie die von 
Kenneth Browns The Brig, sind zur Legende geworden. Da es sich jedoch um das Theater 
dreht, um die einzelnen Aufführungen, um den Moment, ist es schwierig, das Werk ohne 
Anschauungsobjekt zu diskutieren. Über Theater zu sprechen, ist wie über Architektur zu 
tanzen.

Glücklicherweise wurden einige Momente eingefangen, und der wahrscheinlich beständigste 
davon ist Paradise Now. Größtenteils in Europa im Exil entstanden nach lächerlichen 
Anschuldigungen gegen Malina und Beck durch das amerikanische Finanzamt, die zu einem 
Gerichtsverfahren führten und mit einer Verurteilung wegen Missachtung des Gerichts 
endeten - eine Auszeichnung für alle AnarchistInnen - wurde Paradise Now vielleicht ihr 
stärkstes und zeitlosestes Stück. Sein künstlerischer Einfluss kann vielerorts beobachtet 
werden, insbesondere in den radikalen und furchtlosen Filmen von Ken Russell - es ist 
schwer zu glauben, dass sein Meisterwerk The Devils (Die Teufel von Loudun) nicht zu einem 
phänomenalen Grad von Paradise Now inspiriert sein soll. Die Ähnlichkeiten von Malina und 
Russell aufzuzeigen ist aufschlussreich. Russells Kreativität kannte keine Grenzen, in den 
70ern war er kurzzeitig in Mode, seine Filme waren sowohl kontrovers als auch kommerziell 
erfolgreich. Aber er verlor niemals sein Ziel aus den Augen, er verkaufte sich nicht, er 
war weiterhin kontrovers und herausfordernd, auch als er unmodern wurde und als die 
britische Filmindustrie ihn mit offensichtlicher Verachtung strafte. Russell war, wie 
Malina, zu schillernd, zu einfallsreich und zu tiefgründig, um berechenbar zu sein. So 
strichen sie ihm die Fördermittel, und er machte unbeirrt weiter und wurde nur noch 
radikaler und kontroverser. Wie er ist auch Judith Malina der lebende Inbegriff dieser 
absoluten Verweigerung, sich den Launen der Mode zu beugen.

Die Genialität von Paradise Now liegt in seiner Einfachheit. Nur einige kleine, treffende 
Bemerkungen wie ,,Ich darf auf der Straße nicht nackt sein, ich darf nicht ohne Geld 
leben" und ähnliche enthalten einen kraftvollen Protest gegen jedwede Unterdrückung. Sie 
zwingen uns, das Publikum, die offensichtliche Frage zu stellen: ,,Warum nicht?". Und wir 
alle kennen die Antwort: ,,Weil es die Gesellschaft so will." Und wir alle wissen, das 
reicht nicht.

Paradise Now hat seinen Namen von Miltons Paradise Lost, und als solches kann das Living 
Theatre als Glied in der großen Kette der kreativen Tradition gesehen werden, die alle 
Stimmen der Wahrheit und Vernunft durch die Zeit vereint. Paradise Now ist kraftvoll, 
seines Namens würdig und es zeigt, dass seine SchöpferInnen Menschen voller Integrität und 
Wahrheit sind und - weit mehr - wie jedes große künstlerische Werk, hat Paradise Now viel 
zum Thema Freiheit zu sagen. Es ist grundsätzlich ein spirituelles Werk, und mit 
,,Spiritualität" meine ich das Gegenteil von Materialismus. Es hat nichts zu tun mit 
Übersinnlichem - Paradise Now, wie zuvor Paradise Lost, hat eine einzige Botschaft - im 
Wesentlichen, dass Regeln und Materialismus, Eigentum, Religion, Geld usw. alles Systeme 
sind, die uns aufgezwungen wurden wie Gefängnisstrafen, Dinge, um die wir niemals gebeten 
haben, aber die wir durch Gehirnwäsche für nötig erachten. Wie Blake sagte, muss mensch 
ein System erschaffen oder sich von dem System eines anderen versklaven lassen. Anarchie 
ist nicht Chaos, Anarchie dreht sich darum, uns selbst kennenzulernen, unsere Bedürfnisse 
zu befriedigen und die Bedürfnisse anderer zu erkennen und zu verstehen. Anarchie verlangt 
von uns, dass wir Empathie entwickeln, Mitgefühl und Toleranz, und sie belohnt uns mit 
absoluter Freiheit. Anarchie ist eine bessere Art zu leben als die derzeitige 
Gesellschaftsform. Die Geschichte lehrt uns, dass wir Unterdrücker zerstören müssen, 
Judith Malina zeigt uns, wie wir das mit Liebe verwirklichen können.

Das Living Theatre ist nicht tot, trotz allem, was in der New York Times zu lesen war.

Jude Rawlins (Subterraneans/Lene Lovich Band)


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