(de) FAU-IAA Direct Action #219 - Patriarchales Erbe: Kampf gegen die Hydra

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Thu Nov 14 11:38:07 CET 2013


Keine zehn Jahre ist es her, dass mit der Formulierung des Prekariats versucht wurde, die 
Auswirkungen eines Deregulierten Arbeitsmarktes zu beschreiben. Gruppen, die aufgrund 
ihrer Tätigkeiten und Bildung nicht dem Proletariat zugerechnet wurden, waren nun von 
klassischen Proletariatsproblemen konfrontiert: Unsichere Arbeitsverhältnisse, 
Unterbezahlung, mangelnde soziale Absicherung, keinerlei Einflussmöglichkeiten auf die 
Arbeitsplatzgestaltung, gesellschaftliche Exklusion - unnötig, hier noch einmal alles 
aufzuführen. Die Mehrheit der heute Erwerbstätigen war selbst schon in irgendeiner Form 
prekär beschäftigt: Minijobs, Werkstudentenverträge, Leiharbeit etc. Oftmals werden diese 
Beschäftigungen von den Betroffenen selbst nicht als prekär wahrgenommen, sichern sie für 
den Moment doch das Auskommen.

Wenn man aber den Begriff eng fasst und berücksichtigt, dass die Hälfte aller 
Erwerbstätigen im Alter keine existenzsichernde Rente erhalten werden, müssen mehr 
Arbeitsverhältnisse als prekär bezeichnet werden als bisher. Daran ändert auch die 
Tatsache, dass seit 1. Januar 2013 Mini-Jobs rentenversicherungspflichtig geworden sind, 
nichts. Mit dem Erwerb von jährlich 4 Euro Rentenanwartschaften entkommt man dem Gang zum 
Amt nicht, hat aber jeden Monat weniger im Portemonnaie. Der Kampf gegen prekäre 
Verhältnisse kommt dem Kampf gegen die Hydra gleich: Schlägt man einen Kopf ab, wachsen 
zwei neue nach.

Das Prekariat scheint allgegenwärtig, und mit dem Begriff "prekär" lassen sich nicht nur 
Arbeitsverhältnisse klassifizieren, sondern nahezu alle Lebensbereiche beschreiben. 
Anstatt schichtübergreifende Solidarität zu befördern, wie es in Feuilletondebatten 
romantisch herbei gesehnt wurde, verhält es sich mit dem Prekariat wie mit jedem Begriff, 
der vielseitig anwendbar wurde: "Prekär" wirkt ermüdend und dient nur noch dazu, eine 
Wirklichkeit zu beschreiben, die, um ein Lieblingswort von Frau Merkel zu zitieren, als 
"alternativlos" wahrgenommen wird.

Damit wird schon in der Wortverwendung erkennbar, was die zunehmende Prekarisierung der 
Gesellschaft tatsächlich ist: Ein gewolltes Herrschaftsinstrument. Ausgedehnt auf alle 
Erwerbsformen ist es nur noch der Elite möglich, nicht dazugerechnet zu werden und sich 
den Auswirkungen zu entziehen. Der zunehmenden Anzahl von Betroffenen hingegen ist es 
aufgrund der immer geringer werdenden Ressourcen und Nischen immer schwerer möglich, 
dagegen anzugehen.

Aber die Hoffnung stirbt zuletzt, und vielleicht weilt der Herakles, der der Hydra das 
lebenswichtige Haupt abschlagen wird, bereits unter uns.

Lotte Lattenkamp




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