(de) FAU-IAA Direct Action #219 -Tour de Farce -- Die Regierung Hollande will die Agenda 2010 in Frankreich adaptieren

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Sun Nov 10 14:27:05 CET 2013


Die französische Regierung nennt explizit die deutsche Agenda 2010 als Grundlage für die 
kommenden Sozialreformen. Den Anfang machen neue Rentengesetze (siehe Artikel „Die Mutter 
aller Reformen“, S. 11). Dabei „vergessen“ die Regierenden natürlich zu erwähnen, dass in 
keinem Land der EU außer in Lettland der Niedrig-Lohnsektor so schnell gewachsen ist und 
auch prozentual einen derart großen Anteil an der Gesamterwerbsbevölkerung einnimmt wie in 
der BRD. Einen kritischen Blick auf die deutschen Verhältnisse in der französischen 
Öffentlichkeit zu fördern ist daher eine wichtige Aufgabe europäischer Basisnetzwerke – 
etwa durch die online-Interviews und Veranstaltungen von Inge Hannemann, die die Praktiken 
der Jobcenter offenlegte, mit französischen Gewerkschaften, um so die reale Grundlage der 
sogenannten „deutschen Erfolge“ vor einer breiten Öffentlichkeit in aller Deutlichkeit 
klarzustellen.

  Ein Teil der französischen Medien ist sich nämlich tatsächlich nicht zu schade, die Mär 
von den „deutschen Tugenden“ – Fleiß, kaum Siesta, einem Leben für die Arbeit – auch in 
Frankreich wieder salonfähig zu machen. Über Zwangsverhältnisse, prekäre Beschäftigungen, 
Einschüchterungen durch Ämter und Behörden, steigende Aggressivität im gesellschaftlichen 
Klima der BRD berichten sie dabei kaum.



Populärer Slogan, auch über Szenegrenzen hinweg

„Ne pas perdre sa vie à la gagner“ (Beim Geldverdienen das Leben nicht verlieren) – mit 
dieser Parole wird sich bei vielen Sozialprotesten in Frankreich auf den Alltag der 
Lohnarbeit bezogen. Hier drückt sich ein teilweise noch diffuses Unbehagen sowohl 
gegenüber den neuen Arbeitsvertragsformen und ihren Folgen – Leiharbeit, Werkverträge, 
unbezahlte lange Probearbeitszeiten usw. – sowie aber auch den konkreten Tätigkeiten 
selbst aus: die Organisation der betrieblichen Abläufe und die permanente Steigerung der 
Produktivität. Dass ein Brief des Vorsitzenden des US-amerikanischen Titan-Konzerns an den 
französischen Industrieminister, in dem zur Begründung einer Investitionsabsage das 
Selbstbewusstsein der ArbeiterInnen im Goodyear-Werk in Amiens als Anmaßung gegeißelt 
wird, zu einem mittelgroßen Politikum anwuchs, ist auch in diesem Kontext zu sehen. Wie 
enorm der Druck ist, den die „moderne“ Arbeitsorganisation gerade auf weniger vernetzte 
und kämpferische Menschen aufbaut, wird angesichts der in den Sommermonaten wieder 
erlebten Selbsttötungen von Beschäftigten in Betrieben, Unternehmen und Behörden in 
Frankreich deutlich. Die Rede ist hierbei nicht nur von ArbeiterInnen, sondern auch von 
mittleren Angestellten, AbteilungsleiterInnen und leitendem Personal. Immer hinterließen 
sie auch kurze Statements an ihrem Arbeitsplatz und beendeten ihr Leben zumeist vor Ort im 
Betrieb. Nichts ist wohl eindrücklicher, als an dieser Stelle einen dieser Abschiedsbriefe 
einzubringen; nicht als makabere Effekthascherei, sondern als schonungslose Offenlegung 
der Konsequenzen, die der Terror der Effizienz- und Produktivitätssteigerung in ganz 
Europa mit sich bringt.

Francis, 55 Jahre, Angestellter bei der französischen Post, verschickt während der 
Mittagspause kurz vor seiner Selbsttötung folgende E-Mail (Übersetzung des Originals, 
nachzuschlagen auf der Seite der Sud-PTT, Basisgewerkschaft bei der Post und Telekom in 
Frankreich: www.sudptt.org)

„Adieu. Ich habe bis zum letzten Moment auf ein kleines Hoffnungszeichen gewartet, auf, 
ein wenig, ganz klein wenig Anerkennung für meine Arbeit, die ich leiste, aber nichts ist 
gekommen, überhaupt nichts. Im Gegenteil, eine Klatsche für den, der sich krummlegt wegen 
der Entscheidungen einer Hierarchie, die einfach blind ist, eher bekommst du Stöcke 
zwischen die Beine geworfen, um dich noch eher aus der Arbeit zu vertreiben. Auch von den 
neu eingesetzten Sozialbetreuern nach den bisherigen Selbsttötungen gibt es keine 
Unterstützung, ich brauche keine ärztliche Beratung, sondern Interesse für das, was ich 
hier bei uns in der Dienststelle eingerichtet habe, aber mir wird eher gezeigt, dass das 
alles nur Scheiße ist, was ich da mache. Nun denn, das Problem ist gleich geregelt.“

Willi Hajek

(Mehr zu den Verhältnissen bei der französischen Post und dem individuellen und 
kollektiven Widerstand gegen die Arbeitshetze in Frankreich gibt’s in der nächsten DA!)


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