(de) FAU-IAA Direct Action #219 - Die Kunst des Widerstands -- Judith Malina, das Living Theatre und der Dokumentarfilm Resist!

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Fri Nov 8 17:45:14 CET 2013


Es sei ein aufregender Wettlauf, sagt Judith Malina am Ende des Films, ein Wettlauf mit 
dem Tod. Sie wisse, wer am Ende gewinne, aber momentan gewinne sie. Im Juni 2013 ist 
Judith Malina 87 Jahre alt geworden, und sie hat nichts von ihrer Energie verloren, sie 
ist immer noch kämpferisch und ungebrochen, auch wenn die Spielstätte des Living Theatre 
in der Clinton Street in New York geräumt wurde und sie in einem Heim für alte 
SchauspielerInnen untergebracht ist. Aber sie schreibt an Stücken, und das Living Theatre 
ist - ganz seinem Namen entsprechend - nach wie vor am Leben und verbreitet auch weiterhin 
seine anarcho-pazifistische Botschaft an aktuellen Konfliktschauplätzen, wie schon seit 
mehr als fünfzig Jahren. "Fuck The Legend", sagt Judith Malina im Film, sie wolle keine 
Legende sein, sondern lieber Teil der Gegenwart.

"NICHT REDEN, SONDERN MACHEN"

Das Berliner FilmemacherInnen-Duo Dirk Szuszies/Karin Kaper begleitete das Living Theatre 
zum G8-Gipfel nach Genua, nach New York zu Ground Zero und nach Khiam zum ehemaligen 
Strafgefangenenlager der israelischen Armee im Südlibanon und dokumentierte die Aktionen 
des Kollektivs gegen Hass und Gewalt. Und wer wäre dafür besser geeignet als Dirk 
Szuszies, der von Anfang bis Mitte der 80er selbst Mitglied des Living Theatre war?

Auftritt in Khiam (copyright Dirk Szuszies, Karin Kaper)

Auftritt in Khiam (copyright Dirk Szuszies, Karin Kaper)
Er habe der Spät-Siebziger-Terrorismus-Hysterie entfliehen wollen, antwortet Dirk Szuszies 
auf die Frage, wie er denn zum Living Theatre gestoßen sei. Er habe 1979 sein Studium der 
Soziologie und Pädagogik in Bielefeld abgebrochen und sei nach Bologna gegangen, um dort 
Schauspielunterricht zu nehmen. Ostern 1980 sei er beim Living Theatre zu Besuch gewesen, 
keineswegs, um bei ihnen einzusteigen, einfach aus Interesse. Aber ein amerikanischer 
Schauspieler sei gerade weggegangen, die Truppe habe Ersatz gebraucht und so sei er - 
ermutigt durch Judith Malina - ins kalte Wasser gesprungen. Ein Nomadenleben folgte. In 
den folgenden fünf Jahren war Dirk Szuszies als Schauspieler mit dem Living Theatre 
unterwegs in Italien, Polen, Deutschland und in den USA, aufgeführt wurden Antigone, Six 
Public Acts, Masse Mensch und The Archaelogy Of Sleep. Ein emotionaler Höhepunkt sei 
sicher die Einladung Anfang der Achtziger nach Polen gewesen, wo zu der Zeit Kriegsrecht 
herrschte, erinnert sich Dirk Szuszies, sie hätten damals Antigone gegeben, mit Judith 
Malina in der Titelrolle.

Die Krebserkrankung von Julian Beck, dem Mitbegründer des Living Theatre, führte zur 
ersten Entscheidung, die nicht im Kollektiv getroffen wurde - das Living Theatre ging 
zurück nach New York. Ohne Green Card sah Dirk Szuszies für sich keine Möglichkeit, in New 
York zu bleiben. Er gab eine Anzeige in der taz auf und ging nach München, wo er das Freie 
Theater Aporée gründete, mit dem er später nach Berlin umzog und es in ZATA Theater 
(Zentrales Aufklärungstheater Aporée) umbenannte. Den Tod von Julian Beck verpasste er 
knapp. Das Living Theatre schien danach am Ende: Julian Beck hatte keine 
Krankenversicherung gehabt, die finanziellen Ressourcen waren aufgebraucht. Aber Hanon 
Reznikov hielt die Truppe zusammen und wurde neben Judith Malina zur zentralen 
Inspirationsquelle des Living Theatre.

Fuck The Legend", sagt Judith Malina im Film

AKTIONEN GEGEN HASS UND GEWALT

G8-Gipfel, Genua 2001: Die Bilder der Verwüstung, die Dirk Szuszies einen Tag nach der 
Erstürmung der Diaz-Schule mit der Kamera festgehalten hat, brennen sich ins Gedächtnis 
und lassen die Brutalität des Polizei-Einsatzes erahnen. Wieder ist Dirk Szuszies mit 
Judith Malina und dem Living Theatre unterwegs, dieses Mal jedoch als Filmemacher. "Wir 
waren schon vor Beginn des Gipfels in Genua", erzählt Dirk Szuszies von den Dreharbeiten, 
"wir hatten eine offizielle Akkreditierung. Das Living Theatre war nicht an vorderster 
Front, sie machten Workshops und Aktionen gegen Hass und Gewalt." Als besonders 
menschenverachtend habe er es empfunden, so Dirk Szuszies, dass die Carabinieri es sich 
auf der Piazza Alimonda gut gehen ließen, wo zuvor Carlo Giuliani erschossen worden war.

Beeindruckend auch die Performance des Living Theatre an Ground Zero, bei der die Truppe 
versuchte, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen, gleichzeitig die Trauer über den 
Verlust ausdrückte und die Vergeltungssucht der Menschen anprangerte.

Der letzte Teil des Dokumentarfilms zeigt das Living Theatre bei einem Workshop in Khiam, 
dem ehemaligen Strafgefangenenlager der israelischen Armee im Südlibanon, der von einer 
jungen, in den USA lebenden Libanesin initiiert worden war. Ein Teil der Mitwirkenden habe 
ihnen Weltfremdheit vorgeworfen und sei ausgestiegen, aber mit großem Bedauern und Trauer, 
so Dirk Szuszies.

The Brig (copyright Dirk Szuszies, Karin Kaper)

The Brig (copyright Dirk Szuszies, Karin Kaper)
Im Jahre 2008 war das Living Theatre mit The Brig unterwegs, einer Rekonstruktion der 
Aufführung von 1963 des Theaterstücks des ehemaligen Marines Kenneth Brown, der darin 
seine eigenen Erfahrungen in der demütigenden, klaustrophobischen und menschenverachtenden 
Welt eines Gefängnisses der US Marines schildert, The Brig führt die ZuschauerInnen an die 
Grenzen der Zumutbarkeit. Bei der Aufführung in der Akademie der Künste war Judith Malina 
nicht anwesend, da zu dieser Zeit Hanon Reznikov verstarb.

Aber wer vor Kurzem auf Facebook den Beitrag von Judith Malina entdeckte, auf dem sie 
voller Inbrust Bella Ciao sang, weiß, dass sie ihre Utopie auch weiterhin lebt.

Karin Hoog

BELLA CIAO! con Judith Malina al Teatro Valle Occupato

www.youtube.com/watch?v=7kxfJbuV6ro

RESIST!

Ein 35mm-Kino-Dokumentarfilm von Karin Kaper & Dirk Szuszies

Bonus: Archivmaterial und Aufnahmen von der Veranstaltung anlässlich des 80. Geburtstags 
von Judith Malina im Juni 2006 in der Akademie der Künste Berlin

Die DVD erschien 2007 im Eigenvertrieb

Karin Kaper

Naunynstraße 41a, 10999 Berlin

www.karinkaper.com/


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