(de) FAU-IAA Direct Action #219 - Truckstop im Norden -- Unruhe und Selbstorganisation in einer zentralen Branche

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Wed Nov 6 12:18:00 CET 2013


Ver.di hatte die Trucker eigentlich schon aufgegeben. Der letzte richtige Arbeitskampf 
fand 1983 noch unter der ÖTV statt. Er wurde durch einen großen Polizeieinsatz beendet. 
Die Gewerkschaft hat man mit einer Welle von Klagen überzogen, die sie eine zweistellige 
Millionensumme kostete. Wirtschaft und Staat haben wenig Verständnis für Unruhe in einer 
Branche, von der alle Wirtschaftszweige abhängig sind. ---- Ver.di erklärte die Trucker 
kurzerhand für nicht organisierbar. Und so völlig aus der Luft gegriffen ist diese 
Behauptung nicht. In wenigen Branchen sind die Beschäftigten so vereinzelt wie in der 
Transportwirtschaft. Unter LKW-Fahrer herrscht eine Kultur des Einzelkämpfertums, und 
nicht wenige sehen sich als moderne Cowboys. Es fehlt die Kampfestradition der 
Mittelmeerländer, und man ist untereinander zerstritten.

Mit der in Brüssel beschlossenen Deregulierung im Transportgewerbe kam es zu einem 
internationalen Verdrängungswettbewerb mit der Folge von Ausflaggungen in 
Billiglohnländer, dem Sinken der Transportpreise und dem freien Fall der 
Arbeitsbedingungen der Fahrer. 2011 gründeten sich die Kraftfahrerclubs Deutschlands (KCD) 
als Versuch einer Selbstorganisierung für Berufskraftfahrer. 2012 stellten sie einen 
internationalen Protest auf einem Autohof bei Braunschweig auf die Beine. Es war eine 
bunte Mischung an Redner von Fahrer und Unternehmerorganisationen verschiedener Länder 
geladen. Ein spanischer Aktivist der CNT war dabei, doch Ver.di ließ sich wegen der 
Ferienzeit entschuldigen.

Es schien, als seien selbst die osteuropäischen Löhne noch zu hoch, als die in Lübeck 
ansässige lettische Spedition Dinotrans ankündigte, Fahrer von den Philippinen anzuheuern. 
Es kam europaweit zu einem Aufschrei der Empörung, der sich zuerst im Internet seinen Weg 
bahnte. Die in den Niederlanden gestartete Facebookgruppe Actie in de Transport 
(Transportwesen in Aktion) hat mehrere zehntausend Mitglieder in zehn europäischen 
Ländern. Die Betreiber der deutschen Facebookgruppe wurden selbst zu Aktivisten bei der 
Selbstorganisierung der Fahrer. Actie in de Transport Germany organisierte Stammtische und 
Informationsveranstaltungen für Fahrer. Gemeinsam mit dem KCD wurde die erste zentrale 
Fahrerdemo in Berlin im Sommer dieses Jahres vorbereitet. Gegen die in dem Gewerbe nicht 
seltenen rassistischen Töne lud man eine Sprecherin einer tschechischen Fahrerorganisation 
ein. Sie beschrieb die Arbeitsbedingungen in dem osteuropäischen Land, um klarzumachen, 
dass es um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen überall geht und nicht um nationales 
Konkurrenzdenken.

Ver.di erkannte, dass etwas ohne ihr eigenes Zutun in Bewegung gekommen ist, versuchte auf 
den fahrenden Zug aufzuspringen und begab sich erstmals in ihrer Geschichte auf das 
Rednerpodium einer von einfachen Fahrern organisierten Veranstaltung. Die Deutsche 
Logistik-Zeitung titelte: „Fahrer protestieren an Ver.di vorbei“ und fügte hinzu: „Wie 
viele Facebook-Einträge nach der Demonstration zeigten, können die deutschen Fahrer das 
Gewerkschafts-Mantra ‚Werdet erst einmal Mitglieder, dann können wir uns auch um Euch 
kümmern‘ schlicht nicht mehr hören.“ Es war nicht nötig, die Kommentare bei Facebook zu 
lesen, um zu erkennen, wie weit sich die Gewerkschaft von den Interessen der Fahrer 
entfernt hat. Während der Gewerkschaftsrede verließ rund die Hälfte der Teilnehmer die 
Kundgebung.

Eine kleine Aktion in Flensburg Ende Juli schlug hohe Wellen. Einer vom KCD organisierten 
und von der FAU tatkräftig unterstützten Mahnwache gelang es, die Aushebelung dänischer 
Tarife durch die Einrichtung von Briefkastenfirmen im Niedriglohnland Deutschland einer 
breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Medien berichteten bundesweit über die 
symbolische Aktion, doch die Reportage des dänischen Fernsehens über die Aktion und deren 
Hintergründe löste eine Woge der Entrüstung aus. Vertreter der Politik, Gewerkschaften und 
Arbeitgeber sahen sich gezwungen, sich öffentlich zu dieser Praxis zu äußern. Inzwischen 
kündigte die dänische Transportministerin Pia Olsen Dyhr an, in dieser Sache die deutschen 
Behörden aufzufordern, ihrer Verpflichtung zur Kontrolle der dort angemeldeten Gewerbe 
nachzukommen. Der Flensburger Bürgermeister versprach die Rechtmäßigkeit der Niederlassung 
skandinavischer Speditionen in der Grenzregion zu überprüfen.

Nur ein geringer Teil der Fahrer – es sind fast eine Million – bewegt schwere Trucks im 
internationalen Verkehr. Es gibt auch die Scheinselbstständigen, die mit den Lieferwagen 
der Paketdienste oder mit dem eigenen PKW die Sendungen des explodierenden Internethandels 
ausliefern. Die Arbeitsbedingungen dieser Branche sind schlichtweg unterirdisch. Auch in 
diesem Bereich gab es den ersten Versuch der Selbstorganisierung. Einer Malocherin der 
Paketdienstbranche gelang es mit Hilfe des Internets, der Wut und Verzweiflung der prekär 
Beschäftigten eine Stimme zu verleihen. Mit den im Netz geknüpften Kontakten wurde der 
erste öffentliche Protest in Köln organisiert. Der Trupp von rund 50 demonstrierenden 
Zusteller mag recht überschaubar gewesen sein, doch wurde er von einem beeindruckenden 
Konvoi hupender LKW begleitet, denn Actie in de Transport hatte zur Unterstützung der 
Paketdienstleister aufgerufen.

Tobias Haag


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