(de) FDA/IFA - Gǎi Dào Mai Der 1. - Auf zu neuen Taten - Der 1. Mai in Bonn --- ASJ Bonn

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Sun May 26 11:16:05 CEST 2013


In der ehemaligen Hauptstadt am Rhein, einer Kleinstadt mit halluzinierten Großstadtflair, 
oder kurz: Bonn, waren die anarchistischen und libertären Strukturen lange Zeit schwach 
und es dominierten autoritär kommunistische Gruppen die linke Szene. Zwar gab es auch in 
den 90er Jahren eine Ortsgruppe der Freien Arbeiter*innen Union (FAU), welche allerdings 
im Gegensatz zur damals großen AntifaBewegung marginal wirkte. --- Doch die Zeiten haben 
sich geändert. Die Strukturen und Zusammenhänge autoritärer Kommunist*innen sind 
zusammengebrochen oder auf kleine Zirkel zusammengeschrumpft. Nach und nach machten sich 
auch libertäre Ideen wieder breit und beanspruchen immer mehr Raum in der linken Szene und 
der Stadt als solche. ---- 2009 gründete sich die Anarchistisch-Syndikalistische Jugend 
(ASJ) Bonn.

Von Anfang an arbeitete sie eng mit der
FAU zusammen und war auch um eine
überregionale Vernetzung (zu Anfangs
vor allem mit anderen ASJ-Gruppen)
bemüht. Es wurden Infostände, Vor-
träge, Demos, Soliaktionen, Partys und
einiges mehr organisiert. Besonders
erwähnenswert sind in diesem Zusam-
menhang sicherlich die Organisation
des Klimacamps 2010 als auch die Pro-
teste gegen das Deutschlandfest 2011 in
Bonn.

Von Anfang an war der 1. Mai auch ein
Thema. Doch am traditionellen Kampf-
tag der Arbeiter*innen ist in Bonn traditionell nicht viel los. Jahre-
lang gab es lediglich eine Demo des DGB (an deren Spitze der Bonner
Bürgermeister läuft) und ein internationalistisches Straßenfest, auf
dem sich die Überbleibsel der Deutschen Kommunistischen Partei
(DKP), die Junge Welt und viele weitere autoritäre Gruppen und Pro-
jekte zusammenfanden. Einer der wenigen Lichtblicke war lange Zeit
der Stand der FAU.

Nach Gründung der ASJ beteiligten sich diese, gemeinsam mit der
FAU, als anarchistischer Block an der DGB-Demo, wobei es immer
wieder hitzige Wortgefechte und Pöbeleien mit den Teilnehmer*innen
des internationalistischen Blocks gab. Von „Hammer, Sichel und Ge-
  wehr bringen uns die Freiheit her!“ bis „Anarchist[*inn]en aus der
Traum, jetzt kommt ihr in den Kofferraum!“ waren alle möglichen
und unmöglichen Parolen dabei.

Neben der Teilnahme an der DGB-Demo gab es in der ASJ auch eine
inhaltliche Auseinandersetzung mit dem 1. Mai. Angefangen mit der
Geschichte des Tages, dem Kampf für den Achtstundentag und der
Bombe auf dem Haymarket in Chicago 1886, über die sozialpartner-
schaftliche Rolle der im DGB organisierten Gewerkschaften bis hin
zur Kritik der Lohnarbeit. Dies spielte
sich allerdings alles in Etappen ab. 2010
wurde sich noch darauf beschränkt,
bei der DGB-Demo mitzulaufen und
die Kritik per Flyer während der Demo
und auf der Abschlusskundgebung zu
verbreiten. Anschließend wurde der
Stand der FAU auf dem Straßenfest
unterstützt. 2011 hingegen waren die
Aktivist*innen schon sehr unzufrieden
mit der Situation, vor der sie standen
und wollten ein kleines Zeichen setzen.
Es organisierte sich wieder der anar-
chistische Block auf der DGB-Demo,
doch an einer großen Straßenkreuzung
standen einige Menschen mit einem
Transparent, welches die Aufschrift
„Weitergehen als der DGB“ trug, und ei-
ner kleinen Lautsprecheranlage. Durch
diese wurde der DGB-Demo verkündet,
warum der anarchistische Block (wel-
cher aus ca. 60 Personen bestand) gera-
de geschlossen die Demo verließ. Einige
Andere verteilten noch Flyer mit dem
Titel: „Warum wir es ablehnen, DGB
und SPD am 1. Mai hinterherzutrotten“.

Der Block führte daraufhin eine Spontandemonstration in der Bon-
ner Altstadt durch und endete schließlich am internationalistischem
Straßenfest. Das Abspalten von der Demo wurde als Erfolg gewertet
und der Wunsch nach einer eigenen Demo kam auf. DGB und au-
toritäre Kommunist*innen sollten am Rande liegen gelassen werden
und eine eigene Demo sollte organisiert werden. Die Pläne wurden
konkreter, doch gerade als es richtig losgehen sollte, wurde bekannt,
dass Neonazis am 1. Mai 2012 eine Demo in Bonn planen. Die anar-
chistische Demo war vom Tisch, da die Verhinderung des Naziauf-
marsches Priorität hatte. Schnell konstituierte sich ein Antifabünd-
nis, an welchem sich auch ASJ, FAU und die inzwischen gegründete
Libertäre Jugend Siegburg (LJS) beteiligte. Die Vorbereitungen waren
zäh und fraßen viele Kapazitäten. Streitigkeiten und viele weitere in-
terne Probleme wie Hürden ließen den linksradikalen Protest an dem
Tag marginal werden und die Massen, welche sich den Nazis ent-
gegenstellten, kamen überwiegend aus dem bürgerlichem Spektrum.
Die Idee, mit einer radikalen Kritik und einer starken Mobilisierung
von linksradikalen Gruppen Akzente zu setzen, scheiterte. Immerhin
war der Tag für die Nazis, auf Grund der Bürger*innen, ebenfalls kein
Erfolg. Am frühen Abend, als der Spuk vorbei war, fanden sich noch
einmal ca. 30 libertäre Aktivist*innen zu einer Spontandemonstrati-
on, von der Bonner Altstadt ausgehend durch die Innenstadt, zusam-
men. Die Idee einer explizit libertär-anarchistischen Demonstration
war allerdings noch da. Dieses Jahr ist es nun soweit.

Unter dem Label „Bonn Libertär“ rufen ASJ, FAU und LJS zur 1.-Mai-
Demonstration auf, um die anarchistische Kritik auf die Straße zu
tragen. Den Funktionär*innen von DGB und Co. wurde lange genug
hinterhergelaufen. „Selbstorganisieren in allen Lebensbereichen“,
eine Parole der ASJ Bonn, bedeutet eben auch dafür zu sorgen, den
Protest auf der Straße eigenständig zu organisieren. Die weitere Teil-
nahme an einer Demo, auf der sich überwiegend Reformist*innen
und Staatsfetischist*innen aufhalten, bot keine Perspektive auf eine
Veränderung. Gemeint ist hier auch nicht mal der Kampf ums Gan-
ze, sondern lediglich die Wahrnehmung und Verbreitung anarchis-
tischer Ideen.

Zwischen all jenen, die uns viel ferner nicht sein könnten, fühlen wir
uns zum einen nicht wohl, wir können unsere Ideen nicht effektiv
in die Öffentlichkeit bringen und wir sind am Ende doch nur dabei,
uns mit autoritären Kommunist*innen zu streiten. Genauso verhält
es sich auch mit dem internationalistischen Straßenfest. Wir wollen
nicht weiter neben dem lebensgroßen Lenin-Pappaufsteller stehen.
Menschen, die glauben durch Gewalt und Machtübernahme könnte
eine befreite Gesellschaft herbeigeprügelt werden, sind nicht unsere
Bündnispartner*innen. Daher haben wir beschlossen, nach der Demo
ein eigenes Straßenfest auszurichten. Neben mehreren Info- und Bü-
cherständen wird es eine VoKü, Livemusik und mehrere Reden geben.
Es scheint auch gerade der richtige Zeitpunkt für größere Aktionen
gekommen zu sein, die regionale Vernetzung hat sich verbessert und
wir haben mit der Idee einer libertär-anarchistischen Demo schein-
bar den richtigen Nerv getroffen, denn wir erfahren lokal eine breite
Unterstützung. Zwar ist der Organisator*innenkreis auf drei Grup-
pen beschränkt, doch beteiligen sich noch einige unsere lokalen
Bündnispartner*innen an der Durchführung (die libertär-kommu-
nistische Gruppe Phoenix, die Gruppe Refugees Welcome, die Kam-
pagne für ein libertäres Zentrum und die Tierrechtsgruppe Bonn).

Insgesamt ist das Klima in Bonn für Anarchist*innen wieder bes-
ser geworden. Das Interesse an anarchistischen und libertären Ide-
en wächst und sogar die konservative Tageszeitung hat durchweg
positiv über die vergangene Hausbesetzung in Bonn berichtet. Die
öffentliche Wahrnehmung und die positiven Resonanzen auf Aktio-
nen haben der Szene weiteren Vorschub geleistet. Es tut sich so eini-
ges, viele Menschen sind neu dazu gekommen, die Gruppen werden
wieder aktiver und die bittere Stimmung, die einige Monate, durch
Infrastrukturprobleme bedingt, vorherrschte, scheint langsam über-
wunden.

Auf zu neuen Taten, könnte es heißen und wir geben uns auch alle
Mühe. Kurz nach dem 1. Mai findet am 11.5. bereits die nächste liber-
täre Demo in Siegburg (neben Bonn) zum Tag der Befreiung (dem 8.
Mai) statt. Und für den Juni ist eine sechsteilige Veranstaltungsreihe
zu anarchistischen Basics der ASJ geplant. Im Herbst wird die FAU
ihre Veranstaltungsreihe zu libertärer Ökonomie mit neuen Themen
fortsetzen.

Die Anarchistische Föderation RheinRuhr - AFRR mobilisiert eben-
falls zur Demo nach Bonn. Mehr Infos dazu unter:
http://afrheinruhr.blogsport.de
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