(de) FDA/IFA - Gǎi Dào Mai Der 1. - Ursprung und Gegenwart Eine anarchistische Annäherung

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Thu May 23 13:05:40 CEST 2013


In vielen Ländern der Welt wird der 1. Mai als „Tag der Arbeit“ begangen: Volksfeste, 
Fahrradtouren und hoher Alkoholkonsum bestimmen das Bild. Nur wenige nehmen an den ritua 
lisierten Demonstrationen der etablierten Gewerkschaften teil. Kaum jemand kennt den 
kämpferischen Ursprung des 1. Mai als Kampftag der internationalen Arbeiter innenbewegung. 
Ein Blick zurück in die Geschichte bringt längst vergessene Ziele und Träume von 
Arbeiter_innen ans Tageslicht, die weit über heutige Forderungen, wie z.B. Lohnerhöhungen, 
hinausgingen... ---- 19. Jahrhundert: Die Situation der Arbeiter_innen in den USA Obwohl 
der 8-Stunden-Tag in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schon Gesetz war, wurde er 
von den Arbeitgeber_innen ignoriert. Mindestens 12 Stunden täglicher Arbeit und 
Kinderarbeit trotz gleichzeitiger hoher Arbeitslosigkeit bei den Er wachsenen waren an
der Tagesordnung.

Arbeitnehmer_in nen rechte gab es in der Realität
nicht. Gewohnt wurde in völlig über füllten Ba racken und Mietska-
sernen, in denen übelste hygienische Bedingungen herrschten.

Forderungen und Aktionen

Durchgesetzt wurde die gesetzliche Anerken nung des 8-Stunden-Ta-
ges durch kämpferische Streiks, bei denen immer wieder Polizei, Ar-
mee und private Sicherheitskräfte gegen die Streikenden eingesetzt
wurden. In Chicago waren bei dieser Bewegung auch anarchistische
Gruppen stark engagiert. Deren Forderungen und Ziele schlossen die
Überwindung des kapitalistischen Systems mit ein. Di rekte Aktion
und die „Propaganda der Tat“ waren ihre Kampfmittel. Sie ver trieben
eigene Zeitungen und gründeten bewaffnete Arbeiter_innenorgani-
sationen. Die Anarchist_innen waren eine treibende Kraft der Be-
wegung und in den Gewerkschaften verwurzelt. Im Frühjahr 1886
erreichte die Bewegung zur tatsächlichen Umsetzung des 8-Stunden-
Tages ihren Höhepunkt. Die Arbeiter_innen setzten den 1. Mai als
Stichtag für dessen Ver wirk lichung an.

Der 1.Mai 1886, Haymarket Riot und die Folgen

Am 1. Mai streikten allein in Chicago 40.000 Arbeiter_innen für den
8-Stunden-Tag. 80.000 Menschen gingen für diese Forderung auf die
Straße. Vor der McCor mick-Land maschi nenfabrik kam es am 3.Mai
zu einer Auseinandersetzung zwischen Strei kenden und Streikbre-
cher_innen. Bei dem anschließenden Polizeieinsatz wurden meh rere
Arbeiter_innen getötet und unzählige verletzt.
Als Reaktion darauf riefen die Anarchist_innen für den folgenden
Abend zu einer Protest kundgebung auf dem „Haymarket“ auf. Es
versammelten sich über 2000 Menschen friedlich. Kurz vor der Auf-
lösung der Kundgebung wurden die verbliebenen 300 Demonstran-
tInnen ohne erkennbaren Grund von 200 Polizisten angegriffen. Bei
der folgenden Auseinandersetzung detonierte in den Reihen der Po-
lizei eine Bombe.

Ein Polizist stirbt sofort, weitere sechs erliegen in den folgenden Wo-
chen ihren Verletzungen. Unklar bleibt, ob sie durch die Bombe oder,
wie verschiedene Quellen behaupten, durch ihre wild in die Menge
schießenden Kol legen verletzt wurden.
Die Repres sionswelle

Bereits in den frühen Morgenstunden des folgenden Tages begann
die Polizei eine großangelegte Repressionswelle: es gab unzählige
Hausdurchsuchungen, hunderte von Verhaftungen und Verhöre.
Von Seiten der Staatsanwaltschaft gab es grünes Licht für Rechts-
brüche aller Art: „Machen sie erst die Razzien und schauen danach
im Gesetz nach.“. Die Polizei zögerte nicht, selbst angelegte Waffen-
lager aufzudecken und diese als Beweise für eine anarchistische Ver-
schwörung zu benutzen. Begleitet und gerechtfertigt wurden diese
Machenschaften von hetzerischen Zeitungsberichten, die große Teile
der Chicagoer Presse verbreiteten. Von den unzähligen Verhafteten
und auch Angeklagten wurden letzend lich acht bekannte und aktive
Anarchisten des Mordes angeklagt.

Der Prozess

„Das Gesetz klagt die Anarchie an! Diese Männer wurden anstelle
von tausenden vor Gericht gestellt, nicht etwa weil sie schuldiger
sind, sondern weil sie deren Anführer waren. Gentlemen! Statuiert
ein Exempel an ihnen, hängt sie! Nur so retten wir unsere Institu-
tionen, unsere Gesellschaftsord-
nung!“ Dieses Zitat der Chicagoer
Staatsanwaltschaft sagt schon alles
über den Charakter des Prozesses
aus. Voreingenom mene Geschwo-
rene, gefolterte und bestochene
Zeugen, feh lende Beweise und die
begleitende Hetze der Presse sorg-
ten dafür, dass der Prozess zum
Schauprozess wurde und das ge-
wünschte Urteil schnell feststand:
sieben Angeklagte werden zum Tod
ver urteilt, einer wird zu langer Haft-
strafe verurteilt. Ein erst 23 Jahre
alter brachte sich im Gefängnis um
und kam somit seinen Hen kern zu-
vor. Am 11. November 1887 werden
vier weitere erhängt. Zwei konnten
durch Gnadengesuche an den Gou-
ver neur eine Umwandlung des To-
desur teils in eine lang jährige Haft-
strafe erreichen.

Die Folgen

Bereits wäh rend des Prozesses kam
es zu großer Solidarität der interna-
tionalen Arbeiter_in nenbewegung
mit den In haftierten. Im Jahr 1889
wurde der 1. Mai in Verbindung mit der Generalstreikdebatte in Paris
zum internationalen Kampftag der Arbeiter_innen erklärt. Dennoch
verlor die starke anarchistische Bewegung in den USA völlig an Be-
deutung und das Wort „Anarchie“ wird seither von der weltweiten
Öffentlichkeit mit Gewalt und Chaos in Verbindung gebracht.

Im Jahr 1893 wurde der Prozess ofziell zum Justizmord erklärt und
die drei noch Inhaftierten freigelassen.

„Der Anarchismus bedeutet nicht Blutvergießen, bedeutet nicht Räuberei, Brand­
stifung usw. Diese Ungeheuerlichkeiten sind vielmehr charakteristische Züge des
Kapitalismus. Anarchismus und Sozialismus bedeuten Friede und Ruhe für alle.“
August Spieß aus seiner „Anklage der Angeklagten“

  Kapitalistische Gegenwart und anarchistische Utopie

Die Situation der Arbeitnehmer_innen ist zumindest in den reichen
Ländern des Nordens nicht mehr vergleichbar mit den Bedingun-
gungen am Ende des 19. Jahrhunderts. Errungenschaften, wie das
Streikrecht, der 8-Stunden Tag, soziale Absicherung usw. wurden
erkämpft. Seit Jahren werden diese jedoch von der kapitalistischen
Realität in Frage gestellt und nach und nach zerschlagen. Unabhängig
von diesen kosmetischen Verschönerungen waren die Grundstruk-
turen der Ausbeutung über die Jahre hinweg immer die Gleichen.

Ein Zustand der auch nicht mehr in
Frage gestellt wird seit die radi kale
Arbeiter_innenbewegung in der Be-
deutungslosigkeit versank. Heute
bestimmen Diskussionen über 2%
mehr oder weniger Lohn die Ar-
beitskämpfe. Die hierarchisch auf-
gebauten Gewerkschaften bieten
keine Lösungen sondern sind in-
zwischen selbst Teil der kapitalisti-
schen Verwer tungslogik geworden.
Letzendlich wird nur an Sym-
ptomen her umgedoktert – eine
grund legende Kritik an den Ursa-
chen und eine Utopie abseits kapita-
listischer Verhältnisse findet in der
breiten Öffent lichkeit nicht statt.

Aber genau das und die Umset-
zung dieser Utopie ist not wendig,
wenn wir eine Welt ohne Ausbeu-
tung und Unterdrückung wollen.
Dabei können und dürfen wir nicht
darauf hoffen, dass uns jemand zu
dieser Utopie hinführt. Nur wenn
wir aus eigener Motivation selbst-
organisierte widerständige Netz-
werke aufauen, die herrschaftsfrei
organisierte Alternativen aufzeigen
und leben – und aus diesen heraus die kapitalistische Rea lität an-
greifen und in Frage stellen – wird unser Widerstand von Dauer sein
und zu einer konkreten Bedrohung für die bestehenden Verhältnisse
werden.

Dafür ist es wichtig unsere Nischenkämpfe zusammenzuführen.
Egal ob soziale Kämpfe, Antifaschismus, Widerstand gegen Bildungs-
abbau oder Ökologiebewegung: es muss der Kampf ums Ganze sein.
Denn das eine hängt mit dem anderen untrennbar zusammen.

Wir fordern alle Menschen auf, ihr Leben selbst in die Hand zu neh-
men, anstatt die Verant wor tung bei Wahlen an Politiker_innen und
Funktionär_innen abzugeben.


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