(de) FAU DIREKTE AKTION #216 – Versinkt der Aufstand der Zeichen in Inhaltslosigkeit?

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Fri May 17 09:39:05 CEST 2013


Gespräch mit Schorsch Kamerun über kulturelle Interventionen, nervende Graffiti und die 
notwendige Solidarität mit dem Hamburger Sprayer OZ ---- In Hamburg steht der Sprayer 
Walter F. alias OZ zum x-ten Mal wieder vor Gericht. Insgesamt 8 Jahre musste der 
unermüdlich seine Zeichen auf verdreckte Tunnelwände, graue Bunkerwände und 
Verteilerkästen sprühende OZ dafür in den letzten 30 Jahren im Gefängnis verbringen. Für 
das Buch Free OZ! fragte ich Schorsch Kamerun, Sänger der Goldenen Zitronen und inzwischen 
auch Theatermacher, ob er sich mit ihm solidarisch fühle. „Ganz grundsätzlich bin ich der 
Auffassung, dass es bei OZ erst mal um eine Selbstverwirklichung geht, eine Art von 
Intervention, sich bemerkbar zu machen, sich einzumischen.“ Das solle, sagt Schorsch 
Kamerun, eine Gesellschaft tragen und aushalten können.

Eine Debatte zu führen, die sich darum drehe, wo der Nächste in seinen Rechten unzulässig 
berührt sei, fände er unheimlich kompliziert. Als „weiterhin fröhlicher Vorgabenverachter“ 
möchte er sie aber erst gar nicht führen: „Ich habe keinen Bock über Strafrecht zu 
diskutieren.“

„Trotzdem bleibe ich auf seiner Seite und bin dafür, dass solche Dinge möglich sind und 
dass die nicht unterdrückt werden. Wenn man dafür sorgt, dass sich jemand mit seiner 
Ausdrucksart zurückzuhalten hat, halte ich dies schon für einen bekämpfenswerten 
autoritären Akt.“ Daher nehme er OZ mit rein in die „künstlerische Verwandtschaftsgruppe“. 
Denn was OZ mache, habe etwas mit einer freiheitlichen Darstellungsweise zu tun und sei 
ein künstlerischer Ausdruck. Darüber wolle Schorsch Kamerun nicht streiten. „Über Kunst 
lässt sich objektiv nicht verhandeln, sie muss immer alle Optionen wahren.“

Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Streetart bzw. Graffiti stellt sich unweigerlich 
die Frage, ob diese Kunstform allein als Genre überhaupt noch über ein irgendwie geartetes 
subversives Potential verfügt? Der immer wieder in diesem Zusammenhang zitierte Jean 
Baudrillard sprach gerade den scheinbar inhaltlosen Zeichen eine subversive Kraft zu. Das 
war 1977 und der nicht mehr zu übersehende Zeichen- bzw. Siegeszug von Streetart war noch 
gar nicht voraus zu sehen. Aber was sagt ein Graffiti à la OZ heute noch aus? „Ich erlebe 
das, was OZ macht, auch als eine Art von Einmischung in den öffentlichen Raum, und da bin 
ich prinzipiell dafür.“ Beim überzogenen Umgang mit OZ habe er das Gefühl, dass hier ein 
Exempel statuiert und jemand gebrochen werden solle. Dieser Fall werde deswegen so 
grundsätzlich wahrgenommen, weil sich hier jemand besonders zäh und unerschrocken gegen 
Autoritäten auflehne.

„… DIE VORDERGRÜNDIG RADIKALSTE KUNST LANDET HEUTZUTAGE AM SCHNELLSTEN IM MUSEUM“

Schorsch Kamerun (Foto: Michelbomichel)
Allerdings, betont Schorsch Kamerun, handele es sich bei dem, was OZ mache, um eine 
„scheinbar radikale Art von Gestaltung von Öffentlichkeit“. Nur, ob solche 
Zeichensetzungen noch ihre gewünschte Wirkung haben, scheine ihm zweifelhaft, „denn die 
vordergründig radikalste Kunst landet heutzutage am schnellsten im Museum“. Zudem empfinde 
er Graffiti, auch die von OZ, nicht mal mehr als Gegenkultur. „Überhaupt kann ich nur 
sagen, Graffiti nerven mich meist in ihrer überwiegenden Inhaltslosigkeit oder bloßen 
Markierung. Das ist wie ein klischeehafter Punksong, an den ich nicht mehr glauben kann, 
wie ein Irokesenschnitt bzw. wie ein Che-T-Shirt.“ Heute bedürfe es anderer Auftritte und 
subtilerer Überlegungen. „Zum Beispiel gefallen mir die Ansätze der Occupy-Bewegung mit 
ihrer Verweigerung von zu greifbaren Oberflächen, die sich sonst sofort ‚vermedialisiert‘ 
hätten.“ Aber grundsätzlich sei ihm „ein OZ-Schnörkel schon lieber als ein 
Paragraphen-Kringel“.

KP Flügel

Blechschmidt | Flügel | Reznikoff (Hg.): Free OZ! Free OZ! Streetart zwischen Revolte, 
Repression und Kommerz. Zahlreiche farbige Abbildungen.Paperback, erscheint März 2013. 
ISBN 978-3-86241-424-6. Ca. 144 Seiten, ca. 18,00 Euro.


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