(de) FAU DIREKTE AKTION #216 – Die Linke spiegelt sich in ihrer Geschichte --- Auseinandersetzung über autoritäres Gedenken bringt weitere Widersprüche zutage

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Sun May 12 10:15:07 CEST 2013


Januar bis Frühjahr 1919: Angeleitet und gefördert vom sozialdemokratischen 
Reichswehrminister Noske wütet eine präfaschistische Soldateska in Berlin. Noske selbst 
spricht von 1.200 Toten. Symbolisch für den Terror und das Abwürgen der Revolution steht 
die Ermordung der KPD-MitbegründerInnen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Schon zu 
Beginn der 1920er Jahre gab es große Demonstration nach Friedrichsfelde, wo ein Denkmal 
errichtet worden war. Die Nazis unterbrachen diese Tradition, die nach 1945 wieder 
aufgenommen wurde. Hatte die KPD schon in den 1920er Jahren Lenin in die Reihe derer, 
denen gedacht werden sollte, aufgenommen, wurde der Blick auf die revolutionäre Geschichte 
nun vollends durch Portraits der führenden Genossen und die Ehrentribünen verstellt.

Das Ende dieser Phase wurde durch DDR-Oppositionelle eingeläutet, die damals noch einen 
anderen Sozialismus wollten, Rosa Luxemburg gegen den Strich lasen und mit eigenen 
Transparenten versuchten, die in der DDR-Verfassung theoretisch garantierte 
Meinungsfreiheit auf der Demonstration wahrzunehmen. Sie wurden verhaftet und zum großen 
Teil in den Westen abgeschoben. 1990, als das Kartenhaus schon am Zusammenfallen war, gab 
es trotzdem ein Gedenken mit beeindruckender Teilnehmerzahl, ab 1992 eine von einer 
kommunistischen Kleinpartei organisierte und sich in den Folgejahren stark verbreiternde 
Demonstration.

Der Stalin des Anstoßes. Bild: dielinkebw
Von Anfang an war die LL-Demo (von vielen aus dem leninistischen Spektrum LLL-Demo 
genannt) ein Sammelbecken und eine Selbstvergewisserungs-veranstaltung für Gruppen, die 
aus dem Zusammenbruch des Ostblocks vor allem eine Konsequenz zogen: Jetzt erst recht! 
Insofern war es nicht verwunderlich, dass viele OrganisatorInnen wie 
DemonstrationsteilnehmerInnen entweder bruchlos weitermachen wollten oder das Problem gar 
in der halbherzigen Entstalinisierung von 1956 sahen. Daran änderte auch die Teilnahme des 
eher antiimperialistischen Flügels der autonomen Antifa-Bewegung nichts. Die 
Antifa-Bewegung brachte jedoch viele junge Leute auf die Demonstration, von denen einige 
mit Erschrecken die vielen Stalinportraits registrierten und versuchten, sich auf der Demo 
davon abzugrenzen. So gab es Versuche, antistalinistische Blöcke zu organisieren oder 1997 
ein Transparent mit der Aufschrift „Wir gedenken Rosa und Karl und den Matrosen von 
Kronstadt“. Diese Versuche blieben allerdings episodisch – zu stark war die autoritäre 
Prägung dieser Demonstration.

2012 versuchte dann die Gruppe „Kritische Selbstreflektion“, die Demonstrationsteilnehmer 
mittels eines Transparent mit den Köpfen Lenins, Stalins und Maos und der Aufschrift 
„Nein, nein, das ist nicht der Kommunismus“ zum Nachdenken zu bewegen. Ohne Erfolg: 
Anhänger einer maoistischen Partei beendeten den Denkanstoß mit Hilfe ihrer Fahnenstangen. 
In der darauf folgenden Indymedia-Schlammschlacht ging es hoch her. Für viele 
KommentatorInnen konnten die TransparentträgerInnen nur „rechte Provokateure“, 
„Antideutsche“, oder „Söldlinge des Imperialismus“ sein. Soweit nichts Neues. Die ganze 
Sache hätte man zu den Akten legen können, wenn dieses Jahr nicht ein Gegenbündnis eine 
zweite Gedenkdemonstration in Westberlin ins Leben gerufen hätte. Ein Schritt, mit dem das 
traditionelle Gedenkdemobündnis gezwungen wurde, sich zumindest halbherzig von den 
Stalinportraits zu distanzieren. Leider wurde die Freude darüber getrübt, da die 
Demonstration in Westberlin von Gruppen organisiert wurde, denen man die im Aufruf 
gezeigte Radikalität schwer abnehmen kann. Dies betrifft insbesondere die 
Jugendorganisationen von SPD und Linkspartei. Man fragt sich, wie diese so 
unterschiedliche Dinge wie Steinbrück und Kommunismus unter einen Hut bringen können. Die 
Empörung seitens der OrganisatorInnen der traditionellen Demo ist dennoch Heuchelei: 
Schließlich hatten sie noch nie etwas gegen die Teilnahme dieser Organisationen und sind 
erst auf die schöne Bezeichnung „Noske-Jugend“ für die Jusos gekommen, als diese sich an 
der Organisation der Alternativveranstaltung beteiligten.

Das Ärgerliche an dieser Auseinandersetzung ist, dass sie wenig Raum lässt für die 
wirklich interessanten Fragen. Warum wird immer nur Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht 
gedacht? Was ist mit den anderen weniger prominenten Ermordeten? Wie könnte ein Gedenken 
aussehen, das jenseits von Stalinismus und Reformismus stattfindet, dabei nicht 
sektiererisch daherkommt und es auch noch schafft, den Ereignissen vom Winter/Frühling 
1919 gerecht zu werden?

Paul Geigerzähler


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