(de) FAU DIREKTE AKTION #216 – Die Wahrheit von morgen --- Gerd Stange formuliert eine libertäre Utopie

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Thu May 9 08:50:54 CEST 2013


Gerd Stange, Aktivist seit den 1970er Jahren, kehrt in die politische Bewegung zurück mit 
einem Text, der deutlichen Manifest-Charakter hat und in dem er eine Lanze für die Utopie 
bricht – eben mit dem Zitat Victor Hugos, dass die Utopie die Wahrheit von morgen sei. --- 
Revolutionär Neues muss man dabei nicht erwarten – und vielleicht ist das auch vollkommen 
in Ordnung so, denn die alten Ideen und Utopien sind ja nun teilweise so verschütt 
gegangen, dass es ein durchaus lohnenswertes Projekt darstellt, diese noch mal in 
Erinnerung zu rufen und neu zu kombinieren – gerade in einer Zeit, in der Utopien als 
„utopisch“ gelten. ---- MUT ZUR UTOPIE ---- Dass sie das nicht sind, hat der Frankfurter 
Sozialwissenschaftler Alex Demirovic mal auf den Punkt gebracht, als er betonte, dass die 
VertreterInnen des Neoliberalismus im Gegensatz zur Neuen Linken Mut zur Utopie bewiesen 
hätten – und ihre Utopie dann eben auch durchgesetzt haben.

Gerd Stange schlittert dabei allerdings manchmal nur haarscharf an der Grenze zwischen der 
Formulierung einer Utopie und einem Utopismus vorbei: Der Utopismus der 
FrühsozialistInnen, der ab den 1840er Jahren vermehrt von der aufkeimenden 
Arbeiterbewegung kritisiert wurde, war eben nicht nur die Formulierung einer Welt von 
morgen, sondern in vielen Beispielen eine sehr konkrete Formulierung von Einzelpersonen 
die dann – im Kern autoritär – genauso von den arbeitenden Massen vollzogen werden sollte, 
ohne dass sie sich selber in die Ideendebatte einbringen konnten. Die Idee der Demokratie 
war hier noch keineswegs selbstverständliches Element der sozialen Bewegungen.

In diesem Sinne stößt Stange manchmal mit seinen sehr konkreten Vorschlägen – bei denen zu 
betonen ist, dass es sich eben um Vorschläge handelt, die nicht von heute auf morgen 
realisierbar sind – über das Ziel hinaus: Etwa, wenn er ein recht eindeutiges 
Bezahlungssystem vorschlägt, in dem jeder das gleiche verdient und aber darüber hinaus, 
sozusagen für „Luxus“, aber ohne die Möglichkeit der Akkumulation (der Anhäufung von 
Reichtum), mehr arbeiten und damit auch mehr verdienen darf. Oder aber auch mit dem 
Vorschlag eines (wenn auch individuellen) Kontingents an Bildungsstunden – mir persönlich 
will es ehrlich gesagt nicht in den Kopf, dass „Bildung“ überhaupt in Einheiten aufgeteilt 
und verteilt werden muss. Das misst die Bildung schon mit heutigen Wertverständnissen. 
Gerd Stange umgeht das Problem – sowohl der Bezahlung wie auch des zugestandenen 
Bildungskontingents – damit, dass er Arbeitspflicht, Bildungsrecht und Bezahlung jeweils 
mit so niedrigen (im ersten Fall) oder hohen (bzgl. Bildung und Bezahlung) Zahlen ansetzt, 
dass sich Protest dagegen erübrigen würde. Dennoch: Bei allem Mut zur Utopie ist ein wenig 
Realismus angebracht, und der sagt uns, dass diese Zahlen nicht sofort erreicht werden 
können. Und wenn diese nicht erreicht werden, heißt das, die Bezahlung oder auch die 
Möglichkeiten der Bildung müssten reglementiert werden. Hier wäre eine Diskussion zu 
führen, wie dies unter der Beteiligung aller überhaupt möglich wäre, ohne gleich wieder in 
ein neues Herrschaftsverhältnis abzurutschen.

MYTHEN ÜBER DIE ARBEITERKLASSE

Wie viele – wohl die meisten – Linken und Libertären beruft Gerd Stange sich auf 
Geschichte und Tradition. Das ist in erster Linie die Geschichte der Arbeiterbewegung. Und 
da sich die verschiedenen linken und libertären Traditionen immer auch auf verschiedene 
Geschichten berufen, besteht auch bei Stange hier ein Abgrenzungsbedürfnis, um die 
Tradition neu zu formulieren: „Die traditionelle Linke bezieht sich auf die 
Arbeiterklasse, worunter sie diejenigen versteht, die einen Arbeitsplatz haben und 
gewerkschaftlich organisiert sind“ (S.15). Nanu? Das mag vielleicht dem Umstand geschuldet 
sein, dass linkslibertäre Strömungen nicht als „traditionelle Linke“ gelten oder aber auch 
dem, dass Gerd Stange sich nahezu zwei Jahrzehnte aus einer entsprechenden Diskussion 
herausgehalten hat, aber es ist eigentlich nicht neu, dass die „Arbeiterklasse“ keineswegs 
nur aus Berufstätigen und erst recht nicht nur aus GewerkschafterInnen besteht. Neben 
Anti-Atom-Protesten und den Protesten gegen den Irak-Krieg 2003 waren immerhin die größten 
sozialen Proteste der 2000er Jahre die Proteste gegen die Hartz-Gesetzgebung. Und die 
wurden teilweise, wenn auch zum Leidwesen vieler Beteiligter, von sehr, sehr 
traditionellen „Linken“ begleitet.

Worauf Stange hinaus will, ist freilich das Spannungsverhältnis mit den Neuen Sozialen 
Bewegungen, das es zu überwinden gälte. Und wenn man als „Arbeiterbewegung“ die großen, 
korporatistischen Gewerkschaften im Auge hat, ist hier tatsächlich einiges im Argen: Wir 
müssen uns nur mal den Konflikt zwischen ArbeiterInnen in den Atomkraftwerken und den zu 
Recht zahlreichen VerfechterInnen des Atomausstiegs vor Augen halten oder – noch 
deutlicher – die Verlautbarungen aus den Reihen der DGB-Gewerkschaften zum Thema Bundeswehr.

Mit der daraus resultierenden Ablehnung der Berufung auf eine solche Tradition baut Gerd 
Stange dann teilweise eine schon fast absurde Argumentationskette auf: „Viele Tätigkeiten 
und Aktivitäten finden allein oder im Verein statt, die ohne Lohnarbeit auskommen. Man 
nehme zum Beispiel das Engagement, mit dem zahlreiche junge Menschen das freiwillige 
soziale, ökologische oder europäische Jahr machen. Sie bekommen ihren Lebensunterhalt 
annähernd bezahlt, ohne Lohnarbeiter zu sein. Trotzdem leisten sie Erstaunliches. Oder 
gerade deswegen“ (S.32).

Hier fehlt leider vollkommen die Einbettung in eine Kritik des Kapitalismus: Gerd Stange 
hatte zuvor, ganz richtig, das Genossenschaftswesen dahingehend kritisiert, dass es nach 
wie vor in kapitalistischer Konkurrenz steht und zur Selbstausbeutung tendiert. Im selben 
Sinne ist es doch – und es gibt ja auch zahlreiche entsprechende Kritiken von 
Freiwilligendiensten – überdeutlich, dass FSJ, FÖJ etc. Lohnarbeitsstrukturen sind, die 
dazu noch von einer Überausbeutung geprägt sind. Stange selbst schreibt das ja sogar: Die 
Bezahlung reicht „annähernd“ für den Lebensunterhalt. Und folglich sind FSJler u.ä. 
eindeutig LohnarbeiterInnen – hier wird lediglich die rechtliche und die politische 
Kategorie durcheinandergeworfen. Jedenfalls sind diese Strukturen staatlich 
subventionierter Überausbeutung bestimmt nicht geeignet, um aus ihnen eine Utopie zu 
formulieren.

Ein solches Verständnis von „Arbeiterklasse“ war noch nie richtig und es ist letztlich 
auch nicht das „traditionelle“, sondern ein in Weimarer Zeit mit ihren 
Rationalisierungsdebatten aufkommendes Klischeebild, das insbesondere von kommunistischen 
Parteien aufgenommen wurde und auch in den 1960er und 1970er Jahren als „Proletkult“ 
fröhliche Urstände feierte – daher wird Gerd Stange es sicherlich auch haben. 
Nichtsdestotrotz war es schon immer schlicht falsch. Und aus einer Kritik an dieser Sicht 
formuliert Stange dann auch, dass die „klassenlose Gesellschaft“ nicht Ziel des Kampfes 
des Proletariats sei – sondern daraus lediglich eine neue Klassenherrschaft resultieren 
könne – und zieht sodann den Nationalsozialismus als Beispiel einer Herrschaft von vielen 
über wenige heran (S.47).

Kurz: Aus einem begrenzten Klassenbegriff resultiert die Annahme eines begrenzten Ziels 
des Klassenkampfs. Die Schlussfolgerung ist – in jedem Fall – eine Untauglichkeit des 
Klassenbegriffs. Die Konsequenz daraus ist für Gerhard Stange die vollkommene Verwerfung 
des Klassenbegriffs. Die syndikalistische Schlussfolgerung wäre eine andere Formulierung 
des Klassenbegriffs.

SYNDIKALISTISCHE ASPEKTE

Das waren letztlich in der Geschichte immer zwei: Ein relativ eng an Marx orientierter, 
der die Arbeiterklasse an den Aspekt der Besitzlosigkeit und der daraus resultierenden 
Notwendigkeit zum Verkauf der Arbeitskraft definierte, und der an dem Punkt der Betonung 
einer Arbeitermacht, die zu direkter Aktion und zum Generalstreik befähigt, über Marx 
hinausging; sowie ein kultureller, der die Errungenschaften der Arbeiterbewegung, aber 
auch soziokulturelle Aspekte wie gemeinsame wirtschaftliche Lage, in den Mittelpunkt 
stellte. Kann Gerd Stange auch an diese Position anschließen? Oder: Kann ein aktueller 
Syndikalismus an Stange anschließen?

Ja, denn in der Gesamtbetrachtung ist Gerd Stanges Die libertäre Gesellschaft trotz der 
erwähnten Mankos durchaus lesens- und auch diskutierenswert. An dieser Stelle die 
Kritikpunkte hervorzuheben, ist auch deutlich dem Wunsch von Autor und Verlag geschuldet, 
über den Text in die Diskussion zu kommen. Und wenn Gerd Stange in seinen manchmal zu 
konkreten Zukunftsvisionen eine doppelte Netzstruktur mit einem „regionalen Netz zwischen 
Gleichen“ und einem „inhaltlichen Netz zwischen Verschiedenen“ vorschlägt, knüpft er damit 
an die Doppelstruktur syndikalistischer Gewerkschaften (Branchen- und Regionalstruktur) 
an. Besonders deutlich wird die Anschließbarkeit im Aspekt der Sozialisierung des 
Eigentums: Gerd Stange macht deutlich, dass es nicht einfach reicht, einige 
„selbstverwaltete Projekte“ zu haben, die vor sich hinwurschteln. Heutige „autonome 
Strukturen“ wie etwa linke Zentren leiden zumeist daran, dass eine ebenso „autonome“ 
Clique sie verwaltet, die Regeln bestimmt und das Ganze zu einem Szeneloch versumpfen 
lässt. Gerd Stange schlägt für solche „autonomen Strukturen“ neutrale Prüfungskommissionen 
vor (S.43).

Das klingt autoritär, ist es aber nicht, im Gegenteil: Wenn man den Anspruch ernst nimmt, 
dass irgendwann alles allen gehören soll, dann darf man keine Cliquen dulden, die allein 
ihre Interessen durchsetzen, sondern benötigt basisdemokratische Kontrollinstanzen, die 
den gesamtgesellschaftlichen Anspruch aufrechterhalten. Denn Anarchie ist ja schließlich 
nicht Chaos, sondern, wie es so schön heißt „Ordnung ohne Herrschaft“.

Teodor Webin

Gerd Stange: Die libertäre Gesellschaft. Grundrisse einer freiheitlichen und solidarischen 
Gesellschaft jenseits des Kapitalismus. Verlag Die Buchmacherei, Berlin 2012. ISBN 
978-3000397035. 78 Seiten, 6,80 Euro.


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