(de) FAU DIREKTE AKTION #216 – „Wir schließen uns zusammen“ --- Ein Gespräch über Syndikalismus und Peronismus in Argentinien

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Mon May 6 15:06:39 CEST 2013


Neben der spanischen Confederación Nacional del Trabajo (CNT), war die argentinische 
Federación Obrera Regional Argentina (FORA) die vielleicht weltweit einflussreichste 
syndikalistische Organisation in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Vielen ist sie 
durch die tragische Geschichte des „Aufstand in Patagonien“ bekannt, die von Osvaldo Bayer 
recherchiert, aufgeschrieben und verfilmt wurde. Doch auch heute noch existiert die 
argentinische Schwestergewerkschaft der FAU. ---- In der Nähe des weltberühmten Stadion 
der Boca Juniors, liegt ihr Lokal in einem ärmeren Viertel des Stadtteils, in das sich 
TouristInnen und Auswärtige eher selten verirren. Das Lokal ist seit vielen Jahrzehnten im 
Besitz der Organisation und war einst der Sitz der FORA-Hafenarbeitergewerkschaft.

Die DA sprach dort mit Néstor, einem Telekommunikationsarbeiter, der der „FORA Zona 
Norte“, aus der Provinz Buenos Aires, angehört und Ramón, einem Drucker, der in dem 
Gewerkschaftslokal wohnt und für dessen Instandhaltung zuständig ist, über Syndikalismus, 
und Peronismus in Argentinien.

Könnt ihr zunächst auf die momentane soziale und wirtschaftliche Situation in Argentinien 
eingehen?

Néstor: Die Lage ist besser als vor 10 Jahren, als die aktuell regierende Strömung des 
Peronismus an die Macht kam. Die Regierung stößt aber nun an ihre Grenzen. Die sozialen 
Konflikte nehmen an Schärfe zu, weil die wirtschaftliche Strategie, auf welche die 
Regierungen von Cristina Fernández de Kirchner und Néstor Kichner im letzten Jahrzehnt 
gesetzt haben, zunehmend an Wirksamkeit verliert. Dieses Modell setzt auf einen beständig 
wachsenden Export von Soya. Aktuell sind aber keine Zuwächse mehr zu verzeichnen.

Viele Lohnabhängige haben begonnen ihre Unzufriedenheit mit der aktuellen Situation in die 
Öffentlichkeit zu tragen. Es gibt eine sehr hohe Inflation in Argentinien, wodurch die 
Einkommen entwertet werden. Die Regierung erkennt die tatsächliche Inflationsrate und 
damit auch die Entwertung der Einkommen aber nicht an. Dies erzeugt großen Unmut, auch 
weil die Steuerregelungen nicht entsprechend angepasst werden. Die Inflation frisst die 
Gehälter der ArbeiterInnen und die Regierung verschärft die Situation durch ihre Ignoranz 
noch zusätzlich.

Ramon: Die Regierung hat eine klientelistische Sozialpolitik betrieben und populistische 
Maßnahmen ergriffen, wie zum Beispiel die Verstaatlichung der Live-Übertragungen aller 
Spiele der ersten Fußballliga. Nun haben sie weniger zu verteilen. Das Geld, was sie 
ausgeben, kompensiert nicht mehr die Beträge, die sie den Leuten abnehmen, damit solche 
Dinge aus den öffentlichen Haushalten finanziert werden können. Aber wenn sie kein Geld 
mehr haben, mit dem sie die Leute ruhig stellen können, droht eine erneute soziale 
Explosion wie 2001.

Néstor: Diese Sozialpläne haben die Funktion eines Beruhigungsmittels gegen die 
Arbeitslosigkeit. Damit haben sie die sozialen Bewegung der Erwerbslosen zunächst 
entwaffnet und dann vereinnahmt. Früher haben die Erwerbslosenorganisationen (Anm. d. 
Übers.: die sogenannten „Piqueteros“) diese Gelder eingefordert. Sie blockierten Straßen, 
um Sozialpläne für die Erwerbslosen zu erzwingen. Heute verwalten die Gemeinden die 
Sozialpläne. Sie geben den Erwerbslosen eine Aufgabe, die eigentlich ein Gemeindearbeiter 
oder eine Gemeindearbeiterin machen sollte, wie die Säuberung der öffentlichen Plätze oder 
das Kehren der Straßen. Die Gelder, mit denen dies finanziert wird, werden den Rentenfonds 
entnommen.

Ein anderes wichtiges Thema ist die Prekarisierung. Nach offiziellen Zahlen sind 40 % der 
Arbeitsplätze prekär. Wenn das schon die offizielle Zahl ist, dann kannst du dir ausmalen 
wie hoch erst die realen Zahlen sein müssen. Ein großer Teil dieser prekarisierten 
ArbeiterInnen hat keinen Bezug zu Gewerkschaften. Aber die prekarisierten Lohnabhängigen, 
die in der Industrie arbeiten, die haben nach wie vor einen Beziehung zu ihnen.




Dominant: Die peronistischen Gewerkschaften in Argentinien. (Quelle: Robert Ortmann)
Wie steht es um die Gewerkschaftsfreiheit in Argentinien?
Ramon: Sie existiert nicht.

Néstor: Schon seit über 20 Jahren fordert die International Labour Organisation (ILO) der 
Vereinten Nationen Gewerkschaftsfreiheit in Argentinien ein. Das Land hat die 
entsprechenden internationalen Abkommen unterzeichnet, hält sich bis heute aber nicht 
daran. Nach wie vor ist eine perverse Gesetzgebung aus den 1960er Jahren in Kraft. Sie 
schränkt die Möglichkeit der Arbeiterorganisationen an Tarifverhandlungen teilzunehmen 
ein, wenn diese nicht staatlich anerkannt sind. Dies ist ein Erbe der peronistischen 
Gewerkschaftsbewegung, der politischen Bewegung innerhalb des Gewerkschaftsdachverbandes 
Confederación General del Trabajo (CGT).

In Argentinien gibt es eine Gewerkschaft für jeden Teilbereich der Wirtschaft, die als 
Mehrheitsgewerkschaft gilt und offiziell anerkannt ist. Dies ist immer eine der 
peronistischen Gewerkschaften. Bei den Gewerkschaftswahlen versucht die Linke ihnen stets 
diese Positionen streitig zu machen. Bis heute ist dies aber niemals gelungen, denn wenn 
eine Gewerkschaft die Wahl gewinnt, die in Opposition zum Peronismus steht, dann setzen 
sie deren Mitglieder unter Druck, damit sie die Gewerkschaft verlassen oder gründen eine 
Parallelgewerkschaft unter selbem Namen, die dann die Position dieser 
Oppositionsgewerkschaft einnimmt. Außerdem versucht die Linke sich als Opposition in den 
peronistischen Gewerkschaften festzusetzen. Aber bei den internen Wahlen kommt es dann 
immer wieder zu Manipulationen. Sie kommen einfach und nehmen die Wahlurne mit. Sie setzen 
auch auf Einschüchterung, Gewalt und solche Dinge. Durch diese mafiösen Machenschaften 
wird garantiert, dass immer Peronisten die einflussreichen Posten besetzen. Dies sind seit 
langem übliche Praktiken innerhalb der argentinischen Gewerkschaftsbewegung.

2010 wurde der Student Mariano Ferreyra erschossen. Er hatte einen Konflikt für die Rechte 
der ArbeiterInnen im Eisenbahnsektor unterstützt. Die Proteste richteten sich gegen 
Outsourcing-Maßnahmen und deren Folgen für die Beschäftigten. Für den Mord angeklagt und 
vor Gericht gestellt, wurden schließlich die Führer der Gewerkschaft der Eisenbahner. 
Dieser Fall zeigt die Allianz zwischen dem Staat und diesen Gewerkschaften beispielhaft 
auf: Im Prozess wurde unter anderem aufgedeckt, dass der Arbeitsminister dem 
Gewerkschaftsführer empfohlen hatte, dafür zu sorgen, dass Peronisten die wichtigen 
Positionen im Betrieb einnehmen sollten, damit kein Raum für die Linke bleibt, die den 
Arbeitskampf der ausgegliederten ArbeiterInnen vorangetrieben hatte.

Wie ist die aktuelle Lage der FORA in diesem sozioökonomischen und politischen Umfeld?

Ramon: Es ist schwierig. Du kommst an diesen Mafiagewerkschaften, die mit den Bossen 
kooperieren, kaum vorbei. Es ist aber wichtig eine Alternative hierzu zu etablieren und 
zwar in Form der Vollversammlung. Das ist etwas, was sie ablehnen. Wenn es dann doch 
einmal Versammlungen gibt, dann werden sie von immer den gleichen Delegierten, die mit den 
Bossen gemeinsame Sache machen, dominiert. Diese kooperieren auch mit der peronistischen 
Gewerkschaft und der Arbeitskampf endet dann, wenn diese Gewerkschaft es sagt, nicht wenn 
die Versammlung es entscheidet. Wir müssen mit dieser Delegiertenkultur des Peronismus 
brechen. Dieser Idee einer „erleuchteten Person“, eines Caudillo, der kommt und uns alle 
führt. Dieses Modell haben die meisten ArbeiterInnen verinnerlicht. Wichtig wäre 
demgegenüber eine horizontale Versammlung zu etablieren, wo Partizipation erzeugt werden 
kann. Wo ein radikaler Arbeitskampf entsteht, der so lange geführt wird, bis die 
Forderungen erfüllt sind.

Wir schließen uns zusammen und versuchen Betriebsgruppen zu bilden, über die wir Einfluss 
am Arbeitsplatz ausüben können. Aber es gibt eine Menge Faktoren, die dem im Wege stehen. 
Das ist unser Kampf heute: Versammlungen im Betrieb zu organisieren und darüber 
Partizipation zu entwickeln. Was wir vorschlagen sind gewerkschaftliche Aktivitäten am 
Arbeitsplatz, ohne die peronistische Gewerkschaft, deren Mitglied wir aber gleichzeitig 
sein müssen. Wir haben keine andere Wahl, denn jede gewerkschaftliche Aktivität, hinter 
der nicht eine offizielle Gewerkschaft steht, ist ein Kündigungsgrund.

Syndikalismus in Argentinien heute. Was ist das? Welche Konzepte und Möglichkeiten habt ihr?

Ramon: Der Peronismus hat der FORA als gewerkschaftliche Organisation in den 1940er Jahren 
den Gnadenstoß versetzt. Einige Jahrzehnte später haben die GenossInnen wieder bei null 
angefangen. In den letzten zehn Jahren konnten wir einige Erfahrungen nach dem „try and 
error“-Prinzip sammeln Wir haben versucht Aktivierungsprozesse am Arbeitsplatz anzustoßen, 
ohne dabei unsere Prinzipien aus dem Blick zu verlieren. Gewerkschaftliche Arbeit in 
Argentinien ist nicht absolut unmöglich. Es ist eben nur sehr schwierig etwas außerhalb 
der offiziellen Strukturen zu machen. Wenn du Delegierter werden möchtest, kannst du 
Delegierter werden. Wenn du eine betriebsinterne gewerkschaftliche Kommission gründen 
möchtest, ist auch dies möglich.

Néstor: Aber dies alles eben nur im Rahmen der offiziellen Strukturen. Die 
Organisationsform ist vorgegeben. Aktuell ist die FORA eine dem Syndikalismus nahe 
stehende Organisation. Sie erfüllt nicht alle Merkmale des Syndikalismus. In ihr 
organisieren sich ArbeiterInnen aus verschiedenen Branchen in Gruppen, die wir „sociedades 
de resistencia“ nennen (Anm. d. Übers.: Entspricht den „Allgemeinen Syndikaten“ in 
Deutschland). Früher war dies die übliche Form der gewerkschaftlichen Organisation in 
Argentinien. Durch den Peronismus und die peronistische Gesetzgebung wurde sie aber 
verdrängt. In diesen Gesetzen sind Regelungen enthalten, die diese Organisationsform 
behindern. So können zum Beispiel die ArbeiterInnen einer Branche keinen Streik aus 
Solidarität mit den ArbeiterInnen einer anderen Branche durchführen. Solidaritätsstreiks 
sind verboten. Wir haben Mitglieder in der Bildungsbranche, in der Druck- und 
Grafikbranche und in anderen Branchen, aber unsere Dachorganisation sind diese „sociedades 
de resistencia“.

Interview: María Robbiano

und Robert Ortmann


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