(de) FDA/IFA - Gǎi Dào Nr. 28 – Registermethode 2.0 - Einige Überlegungen zur syndikalistischen Kampftaktik. von Frank Pott, Berlin

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Wed May 1 12:30:41 CEST 2013


Disclaimer vorneweg: Ich bin kein Program mierer und habe bis heute nicht eine Zeile Code 
selbst geschrieben, weshalb einige Gedankengänge nie umsetzbar wären. ---- Ich habe 
nachgedacht. Mal wieder. Seid ein paar Tagen lässt mich die Idee einer technischen 
Aktualisierung des Syndikalismus nicht mehr locker. Bzw. einer konkreten Taktik des 
Syndikalismus: das Lohn- und Arbeitsregister. ---- Unter der sogenannten Registermethode 
wurde die lokale Erfassung aller arbeitsrelevanten Daten innerhalb der an die Arbeitsbörse 
angeschlossenen Organi sationen verstanden. Damals wurde das i.d. Regel durch noch 
vorhandene Systeme der Haus- und Straßenkassierung wöchentlich beim sogenannten 
Arbeitsnachweis gemacht. Jedes Mitglied der lokalistischen Gewerkschaften war demnach 
wöchentlich gezwungen, seine aktuelle Arbeitssituation gegenüber der Gewerkschaft offen zu 
legen.

Dies erfolgte gleichzeitig mit der Kassierung der wöchentlichen
Mitgliedsbeiträge und Aushändigung der Gewerkschaftszeitung. Über diese Art
der Abfrage war der Gewerkschaft ein wichtiges Instrument ihrer Arbeit gegeben: Sie wusste
zu jedem Wochenturnus den Krankenstand in der Organisation, wie viel Stunden die
Mitglieder gearbeitet habe n, zu welchen Löhnen, wo Mitglieder im Streik sich befanden, wo
Mitglieder entlassen wurden, wo Hilfszahlungen notwendig waren und natürlich auch wo
Verbesserungen der Löhne im Bereich des möglichen waren. (Kurze Anmerkung, damals war
eine Gewerkschaft zumeist für einen Beruf vorhanden, die Gliederung in
Branchengewerkschaften erfolgte erst nach dem 1. Weltkrieg, wo die Registermethode zumeist
nicht mehr zur Anwendung kam).

Da die Gewerkschaft eine Übersicht hatte, wie die Stundenlöhne in einem Beruf in einem
lokalen Rahmen waren, konnten sie lokal für sich Lohnuntergrenzen praktisch festlegen, in
dem beschlossen wurde, dass Mitgliedern verboten wurde, unter einem bestimmten Lohn zu
arbeiten. Wer es dennoch machte, hatte mit Disziplinarverfahren zu rechnen, allerdings 
waren die Hilfskassen auch so organisiert, dass dies i.d.Regel nicht notwendig wurde. So 
konnten auch Verhandlungen nach zeitlich begrenzten Tarifverträgen umgangen werden, da sie 
durch direkte ökonomische Aktion nicht mehr notwendig wurden. (Beispiele sind hierfür die 
Fliesenleger*innen in Düsseldorf, oder die Textilarbeiter*innen in Teilen Sachsens.) Als 
Erweiterung des Registers war in vielen Arbeitsbörsen auch ein Stellenregister 
angeschlossen, das Genoss*innen in Jobs verhalf, gerade in Zeiten der schwarzen Listen 
(Nicht Einstellungslisten der Betriebe!) ein wichtiges Unterstützungswerkzeug.

Heute wäre so etwas technisch wesentlich einfacher möglich und könnte helfen, das
(Stunden-)Lohngefälle von Freiberufler*innen, Freelancer*innen und anderen
Scheinselbstständigen zu minimieren.

Was ist dafür zu tun? Nun es gibt zwei f ür mich sehr wichtige Anforderungen an das System:
1. Es muss dezentral organisiert sein
2. Es muss belastbar sein

Zu Punkt 1) Die dezentrale Organisierung hat folgenden Grund: Strukturen sind 
korrumpierbar. Wenn das System nur auf einem Server liegt, kann es aus verschiedenen 
Gründen abgeschaltet oder, noch schlimmer, abgesc hnorchelt werden. Ich bin zwar dafür, 
die Daten anonymisiert als Open Data zu betreiben, aber dagegen, Zentralsysteme zu 
betreiben. Repression ist nur das eine, auch Distribution. Wenn z. B. der Deutsche 
Gewerkschaftsbund diese Idee gut findet, eine Instanz aufbaut und viele Menschen 
mitmachen, der DGB aber eines Tages beschließt, dieses System behindert seine Existenz, 
dann darf das System selbst nicht abschaltbar sein.
Gerade aus dem Bereich Peer-2-Pee r kennt die Netzgemeinde schon verteilte Systeme und
Datenbanken, auch hier müsste ein solches zum Tragen kommen. Am besten über
Verifizierung in einem Trustnetz1 . Eine der schlimmsten Abhängigkeiten der
Arbeiterbewegungen entstanden, als sie die Sozialsysteme – welche vorher selbst 
organisiert waren (und durchaus Ineffizienz aufwiesen) – in staatliche Hand übereignet wurden.

Zu Punkt 2) Wenn das System wächst und an Brisanz zunimmt, dann wird es aus
verschiedenen Bereichen beschossen werden, nicht nur von Ano ns, die meinen, das
Selbstbestimmungsrecht wäre gefährdet (auch deshalb ist ein dezentrales System notwendig),
sondern auch Kapitalisten die die Dienstleistung “Datenmanipulation” als Geschäftsfeld
entdecken werden (nicht so schlimm wie die historische Parallele Pistoleros, aber genauso
zerschießend!). Also muss es möglich sein, jeden Angestellten zu verifizieren, das kann 
über die Steuernummer sein, das kann aber auch anderwe itig z.B. über ein Trustnetz 
möglich sein.

Auch muss das System es aushalten, sowohl 10.000 Leute als auch 10 Mio. Leute sich selbst
organisieren zu lassen. Eine Verifizierung ist zwingend erforderlich, da der größte 
Schaden des Systems wäre, wenn seine Glaubwürdigkeit, die Belastbarkeit der Daten, selbst 
angegriffen werden kann.

Was stelle ich mir also vor (wenn es denn möglich ist)?
Als Endanwender*in habe ich mich am Anfang an einer noch nicht näher zu benennenden
Stelle verifiziert, dass ich ich bin. Dann erhalte ich ein Client oder ein Dashboard, in 
dem i ch meine Steuerdaten und ähnliches eingeben kann (Maschinenlesbarkeit herstellen!), 
auch die eigenen Vertragsbedingung en als Angestellter (z. B. Festlegung der 
Arbeitszeiten, Überstundenregelungen etc.) sollten hinterlegbar sein. Für Freelancer*innen 
natürlich das gleiche mit Werksvertragsdaten oder andere Vertragsdaten, die die 
Bedingungen festschreiben.
Wichtig wird jetzt natürlich eine Maske in der die geleistete Arbeitszeit eintragbar ist, 
sowie Pausenzeiten, Stückzahlen (Produzierendes Gewerbe), etc. pp.

Im Hintergrund läuft der Abgleich bzw. Vergleich dieser Daten mit den anderen im System
gemittelten Daten. Wenn es bereits Vereinbarungen gibt, wie z.B. die Überstunden geregelt
sind, und man diese verletzt, muss dem Endanwender sowie der eventuell vorhandenen
Gewerkschaft dies anzeigbar sein (Alert vielleicht?). Hier kann dann interve niert werden.
Die Daten werden im besten Falle via einem Peer-2-Peer Ansatz ausgetauscht, am besten noch
erweitert um einen Mesh2 -Ansatz, damit die Daten nicht zensierbar sind. D ie Software 
muss APIs3 bieten, die offen und nachvollziehbar sind, damit weitere Entwicklungen
programmierbar sind. Überhaupt ist eine Grundlage der Software offener Quellcode und freie
Lizenzen.

Ich hoffe, die Ideenskizze war jetzt nicht zu wirr und ich bekomme Feedback zu den 
Ideen,Diskussionen bitte in den Kommentaren (https://copperanarchist.com) oder auf Twitter
@syndikalista.


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