(de) FAU - Direkte Aktion #217 – Ein historischer Wendepunkt -- Der Streiksommer 1973

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Fri Jun 28 08:40:32 CEST 2013


Ein mittlerweile klassischer Text zur Geschichte des Klassenkampfs in Deutschland beginnt 
mit einer minutiösen Darstellung des wilden Streiks beim Traktorenhersteller John Deere in 
Mannheim, der am 22. Mai 1973 begann. Die treibende Kraft dieses selbstorganisierten 
Kampfes waren vor allem migrantische Arbeitskräfte, die sich gegen die mörderische 
Erhöhung des Arbeitstempos an den Fließbändern wehrten. Nach wenigen Tagen wurde der 
Streik durch die brutale Jagd von Werkschutz und Schlägertrupps auf „Ausländer“ 
zerschlagen. „›Alte Betriebsräte, die schon seit Jahrzehnten im Werk sind, sagten nachher 
ganz blaß: Es war wie 1933.‹ Der Streik war nach einem genau ausgearbeiteten Plan 
zerschlagen worden.“ (Karl Heinz Roth, Die „andere“ Arbeiterbewegung, 1974)

SZENE AUS DEM FILM "PIERBURG - IHR KAMPF IST UNSER KAMPF" (1974/75)
INNERBETRIEBLICHE SPALTUNGSLINIEN

Es war der erste in einer ganzen Reihe von Streiks, die im August zu einer regelrechten 
Streikwelle mit fast 100.000 Beteiligten wurde, in der zwei Merkmale auffielen: Anders als 
in den Septemberstreiks von 1969, die das im betrieblichen Alltag auch in den Jahrzehnten 
zuvor durchaus normale Phänomen von wilden, also nicht gewerkschaftlich legitimierten 
Streiks ins öffentliche Bewusstsein holten, trat 1973 ein neues Subjekt auf den Plan, das 
in der Arbeiterbewegung bisher als nicht mobilisierbar galt. Migrantische Arbeiter und 
insbesondere Arbeiterinnen in der Metall- und Elektroindustrie, die als angelernte 
Maschinenbedienerinnen und Fließbandarbeiter zu geringen Löhnen für das deutsche 
Wirtschaftswunder schufteten, rebellierten gegen ihre Arbeitsbedingungen. Anders als es 
die klischeehafte Darstellung der durch staatlich organisierte Anwerbeverfahren ins Land 
geholten „Gastarbeiter“ will, waren viele von ihnen in den 1950er und 1960er Jahren auf 
eigene Faust aus den perspektivlosen Verhältnissen in Spanien, Italien, Marokko, Portugal, 
Griechenland oder der Türkei aufgebrochen, um im Wirtschaftswunderland ihr Glück zu 
versuchen. Jahrelang hatten sie knechtende Arbeitsbedingungen, die Unterbringung in 
Baracken und Bruchbuden und rassistische Ausgrenzungen erduldet, um Geld ins Heimatdorf 
schicken oder sich die Grundlage einer selbständigen Existenz in ihrem Land aufbauen zu 
können. Als der Spiegel auf dem Titel seiner Ausgabe vom 3. September 1973 den 
Streikführer bei Ford in Köln mit der Schlagzeile „Wilde Streiks. Lohnpolitik auf eigene 
Faust“ abbildete, ging er am Kernpunkt der Auseinandersetzung vorbei und widerlegte sich 
selbst mit den Worten eines Streikenden: „Für uns ist das Geld gar nicht mal so wichtig“, 
berichtete ein Italiener, „der Arbeitsplatz muß menschlicher werden. Wenn einer von uns 
mal pissen muß, dann muß er ein dutzendmal fragen. Die Leute sind so erbittert, daß sie 
Eisen fressen könnten.“ Und ein Türke soll gesagt haben: „Macht kaputt, türkische Leute 
nix Menschen, wie Tieren“.

Was hier mit der sprachlichen Verballhornung schon angedeutet wird, war das zweite Merkmal 
dieser Streikwelle: die extreme rassistische Mobilisierung von staatlicher und privater 
Gewalt gegen die Streikenden. In vielen Fällen gelang es der Unternehmensleitung – oft in 
Zusammenarbeit mit Betriebsräten und Gewerkschaften – die Streiks durch rassistische 
Spaltungen niederzuschlagen und aktive Kolleginnen und Kollegen zu entlassen. Trotzdem 
musste sie in der Lohnfrage Zugeständnisse machen, auch in Form von linearen 
Lohnerhöhungen (40 Pfennig, 50 Pfennig, 1 Mark usw. mehr für alle), die vor allem die 
Gewerkschaften störten, weil sie darin eine Verletzung der „Leistungsgerechtigkeit“ sahen 
– die ideologische Rechtfertigung für innerbetriebliche Spaltungslinien, die in der 
Ausgestaltung der Tarifverträge so sorgsam zementiert werden. Umgekehrt war es für die 
Streikenden gerade diese Art der Forderung, mit der sie instinktiv die Spaltungen 
innerhalb der Klasse und den Lohn als individualisierende Fetischform der „bezahlten 
Arbeit“ überwinden wollten.

300.000 STREIKENDE IN ÜBER 300 BETRIEBEN

Auf den Streik bei John Deere folgten der wilde Streik im Juni auf der Klöckner-Hütte in 
Bremen und im Juli der Kampf von 3.000 Arbeitsmigranten bei den Hella-Werken in Lippstadt, 
die „50 Pfennig mehr für alle“ forderten, nachdem kurz zuvor 800 der 2.000 deutschen 
Arbeiter einen Teuerungszuschlag von 15 Pfennig erhalten hatten. Als Reaktion wurde eine 
Hundertschaft der Bochumer Polizei nach Lippstadt verlegt und 50 Polizisten auf dem 
Werksgelände stationiert, die mit brutaler Härte gegen Streikende vorging.

Den Auftakt der dann einsetzenden Streikwelle bildete der Kampf beim Vergaserhersteller 
Pierburg in Neuss vom 13. bis 17. August – zu dem gerade das Buch „Wilder Streik – das ist 
Revolution“ von einem der damals Beteiligten erschienen ist, dem auch der sehenswerte Film 
„Pierburg – Ihr Kampf ist unser Kampf“ von 1973 beiliegt. Im Unterschied zu vielen anderen 
Kämpfen dieses Zyklus war es hier gelungen, die Spaltung zwischen deutschen männlichen 
Facharbeitern und migrantischen, vor allem aus Griechenland stammenden Frauen zu 
überwinden und gemeinsam für die Forderungen nach einer Mark mehr für alle und der 
Abschaffung der „Leichtlohngruppe“ II – der tarifvertraglich legitimierten 
Frauendiskriminierung – einzutreten.

Streikforscher zählten am Ende des Jahres fast 300.000 Beteiligte an solchen wilden 
Streiks in über 300 Betrieben. Aufgrund der Größe der Fabrik und der dramatischen 
Zuspitzung im Streikverlauf wird diese Streikwelle im historischen Bewusstsein oft mit dem 
Streik bei Ford in Köln vom 24. bis zum 30. August 1973 verbunden, der allerdings nur ein 
Höhepunkt war. Dort arbeiteten damals 12.000 aus der Türkei stammende Menschen an den 
Maschinen und Fließbändern und traten sehr geschlossen und erkennbar als das neue Subjekt 
der Klassenkämpfe auf. Entsprechend repressiv reagierten Kapital und Staat, mussten sich 
in der Folge aber ernsthaft damit beschäftigen, wie diese für die reibungslose Produktion 
der deutschen Industrie nicht mehr verzichtbare Industriearbeiterschaft in die 
Gesellschaft „integriert“ werden könnte.

„Donnerstag, 30.8., sieben Uhr fünfzehn morgens, war es dann so weit. Vor Tor III hatte 
Personalchef Bergemann den gesamten Werkschutz, als Arbeiter verkleidete Polizisten, 
Mitglieder des Betriebsrats und der IG Metall-Vertrauensleutekörperleitung und mittlere 
Manager, zusammen mehrere hundert Mann, um sich geschart. Ein Transparent und Plakate mit 
der Aufschrift: ›Wir wollen arbeiten‹, waren gemalt. Einheiten der Bereitschaftspolizei 
Nordrhein-Westfalens waren in taktisch günstige Positionen gegangen. Der Plan war wie bei 
John Deere in Mannheim, nur brutaler, in größeren Dimensionen entworfen: es sollte der 
Eindruck erweckt werden, als ob es zwischen arbeitswilligen deutschen Arbeitern und den 
Emigranten bei deren Demonstration während des Schichtwechsels zu einer Massenschlägerei 
käme; die Polizeieinheiten sollten dann dazustoßen, den Demonstrationszug der Streikenden 
vollends zerschlagen und das Streikkomitee verhaften. Tatsächlich verlief alles nach 
Plan.“ (Roth, Die „andere“ Arbeiterbewegung)

DER ANFANG VOM ENDE DES NACHKRIEGSBOOMS

Die Kölner Boulevardpresse schrieb von „Türken-Terror“ – und fragte ängstlich: „Übernehmen 
Gastarbeiter die Macht? Zum ersten Mal wurde ihnen ihre Stärke bewusst.“ In globaler 
Perspektive der für das 20. Jahrhundert prägenden Leitindustrie, dem Auto, betrachtet, 
wiederholte sich hier nur, was Mitte der 1930er Jahre in den großen Sit-Down-Streiks in 
den USA passiert war und später in den schnell expandierenden Automobilproduktionen 
Brasiliens und Südafrikas und dann Südkoreas geschehen sollte und heute in China und 
Indien stattfindet. Völlig unabhängig von den jeweiligen kulturellen Settings scheint die 
fordistische Massenproduktion von Autos (und Elektro-Waren) zum einen auf ein 
migrantisches, sprich bäuerliches, Subjekt als Arbeitskraft angewiesen zu sein, zum 
anderen aber durch ihre spezifische Produktionsweise auch eine spezifische Rebellionsweise 
zu provozieren. Die technische Art der Verkettung einer arbeitsteiligen Produktion durch 
Fließband- und Zuliefersysteme verleiht auch kleinen, unqualifizierten Arbeitergruppen an 
neuralgischen Punkten einen enormen Machthebel, der zum Ausgangspunkt massenhafter Kämpfe 
werden kann. Diese Form proletarischer Produktionsmacht hat sich zusammen mit den 
permanenten räumlichen Verlagerungen der Produktion über den Erdball verbreitet. Das 
Kapital flieht beständig vor den neuen Rebellionen, deren Basis es selbst geschaffen hat, 
um neue Orte mit ausbeutbarer Arbeitskraft zu finden. Der Theoretiker des kapitalistischen 
Weltsystems, Immanuel Wallerstein, hat jüngst in einem Kommentar auf die Endlichkeit 
dieser Reproduktionsstrategie des Kapitals hingewiesen: Nach China kommt Kambodscha, d.h. 
die noch anzapfbaren Arbeitskraftreserven werden immer kleiner!

Das „Déjà-vu“ der Massenarbeiterrebellionen, das den geografischen Verlagerungen des 
Kapitals folgt und sie vor sich hertreibt (Beverly Silver), überlagert sich aber mit zwei 
weiteren Zyklen, die den Verlauf der kapitalistischen Entwicklungsdynamik bestimmen. Im so 
genannten Produktzyklus erschöpfen sich die Profite aus einer zunächst innovativen 
Technologie wie dem Automobil in dem Maße, in dem sich die Produktion immer mehr 
verbreitet und standardisiert wird. Mit dem Eintritt von China und Indien in die 
Weltautoproduktion scheint hier ein Endpunkt erreicht zu sein. Entsprechend heftiger 
dürften dort auch die Kämpfe werden, weil keine Monopolprofite mehr zur Verfügung stehen, 
um sozialpartnerschaftliche Deals wie in den USA oder Westeuropa zu finanzieren.

Die zweite Überlagerung ist mit dem geopolitischen Zerfall der hegemonialen Leitmacht 
verbunden, die für einen erfolgreichen Boom der Weltwirtschaft erforderlich ist. Als die 
aus dem verarmten und agrarisch geprägten Süditalien immigrierten Proletarier die modernen 
Massenfabriken der Auto- und Elektroindustrie in Turin und Mailand im Heißen Herbst von 
1969 mit Streiks und Fabrikrevolten überzogen, schrieb die Presse: „Unser Vietnam haben 
wir im eigenen Haus“. Der Vergleich hätte nicht treffender sein können, denn „1968“, zu 
dem auch der deutsche Streiksommer 1973 gehörte, markierte sowohl das ökonomische Ende des 
Nachkriegsbooms, als auch die beginnende Krise der Weltmacht USA, die bisher den 
widersprüchlichen Laden der kapitalistischen Reproduktion flott gemacht und wieder in 
Schwung gebracht hatte. Die Massenarbeiterstreiks in Westeuropa, in die sich selbst die 
stabilitätsverwöhnte BRD im Sommer 1973 einreihte, markierten damit einen entscheidenden 
Wendepunkt in der globalen Entwicklung des Kapitalismus. Die Weltwirtschaftskrise von 
1974/75 brachte zwar die Rebellionen von 1968 bis 1973 zum Halt, aber die darauf folgende 
Finanzialisierung und spekulative Blasenbildung von fiktivem Kapital konnte der 
Reproduktion des Kapitals keinen neuen Schwung verleihen, sondern sie nur simulieren. 
Heute, vierzig Jahre nach dem kurzen Sommer der wilden Streiks in Deutschland, sind all 
seine Impulse wieder virulent.

Christian Frings, Köln


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