(de) FDA/IFA - Gai Dào #29 - Mal raus gehen - Über Perspektiven auf dem Land und warum wir die Stadt verlassen von Die Schwarzen Katzen

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Fri Jun 21 07:00:34 CEST 2013


An dieser Stelle möchte ich einen Gedanken aufgreifen, der in der anarchistischen Bewegung 
und in D.I.Y.-Zusammenhängen nicht ganz unpopulär ist. Dabei handelt es sich um die Idee, 
autark zu leben, die eigenen Bedürfnisse weitestgehend aus eigener Hand befriedigen zu 
können, sowie die Natur und den Planeten zu schonen und dem schädlichen Einflüssen der 
Städte zu entkommen – sprich: aufs Land zu gehen. -- Der Gedanke mag zunächst wenig 
verlockend erscheinen, sind viele von uns doch erst dem ländlichen „Idyll“ entflohen. Auch 
bieten die Städte scheinbar mehr Möglichkeiten, sich zu entfalten und sein Leben „frei“ zu 
gestalten. Was „auf dem Land“ bleibt, ist Langeweile, kulturelle Einöde und ein, jede Idee 
erstickender, Konservatismus, der von Schützenstammtischen bis zu umherziehenden 
Kameradschaften reicht.

Auch haftet der politischen Kommunenbewegung der Ruf von ’68
und Hippies an, was komischerweise meistens negativ
wahrgenommen wird. Doch muss man kein*e Anarchoprimitivist*in
oder harte*r Öko-Anarcho*a sein, um zu sehen in welche Sackgassen
das Leben in den Städten führt.

Die Städte entstanden in direkter Folge der Enteignung der Landbe-
völkerung, welche sich nun in den neuen urbanen Zentren wieder-
fand, wo sie den Bedarf an Menschenmaterial für die aus dem Boden
schießenden Fabriken befriedigen sollte.(1) Sie sind also seit ihrer
Entstehung keineswegs ein Produkt progressiver Entwicklung, als
welche sie heute oft verklärt werden.

Heutzutage finden sich die Menschen in den weltweit stetig wach-
senden Metropolen allein wieder. Sie sind isoliert von einander trotz
absoluter Vermassung. Massenhaft untergebracht in konformen
„Wohn“-Einheiten, massenhaft transportiert auf vorgegebenen We-
gen zu vorgeschriebenen Zeiten, leben in der wahrgewordenen Visi-
on von Technokraten (Stadtplaner genannt). Zusammengepfercht auf
engsten Raum ist es unmöglich seine Nahrung oder Energie selbst zu
produzieren und die natürlichsten Orte sind am Reißbrett geplante
Parks mit Öffnungszeiten oder die Ruinen des einstigen Fortschritts.

Die Bedürfnisse der Menschenmengen können wiederum nur durch
zentralisierte und monopolisierte Institutionen kontrolliert und
„befriedigt“ werden. Dies auf allen Ebenen, das heißt zentrale Ver-
waltung, Massentierhaltung, industrielle Landwirtschaft, zentrale
Energieversorgung in den Händen von Großkonzernen. Die Mög-
lichkeiten unmittelbar Einfluss auf die Basics des eigenen Lebens zu
nehmen, sind also extrem beschränkt.

Städte sind nicht nur ein Produkt der Entfremdung des Menschen von
seiner natürlichen Mitwelt (nicht „Umwelt“, was schon eine Trennung
impliziert), sondern sie produzieren auch fortwährend Entfremdung
– voneinander, von der Natur, von sich selbst. Um die entstehende
Leere zu füllen, bleibt nur Konsum in einer der unzähligen Shop-
pingmeilen oder vorgefertigten Ablenkungsmöglichkeiten und sich
selbst immer wieder einzureden, was man doch für Freiheiten und
Möglichkeiten hat (die man ja doch nicht nutzt, weil man lieber in der
Wohnung oder der immergleichen Bar hockt bzw. die elektronische
Freiheit noch viel größer und verlockender ist). Aktivist*innen in den
Städten haben seit jeher versucht gegen diese Tendenzen anzukämp-
fen. Von Stadtteilinitiativen über Streetart und Guerilla Gardening
bis zu militanten Eingriffen in den urbanen Alltag reicht die Palette
der Bemühungen. Die offensichtliche Erfolglosigkeit dieser Interven-
tionsversuche offenbart aber eine weitere Schattenseite der Städte –
sie bündeln die Kräfte der Repression. Zwar eignen sie sich eher als in
ländlichen Gebieten um Gleichgesinnte zu treffen und „die Massen“
zu mobilisieren, aber dem gegenüber steht umfassende Kameraüber-
wachung, Polizei und Privatarmeen, elektronische Überwachung,
Crowd Control und so fort.(2) Dies macht es nicht nur Aktivist*innen,
sondern allen „sozial Unangepassten“ ungemein schwer, sich frei zu
bewegen, frei zu kommunizieren und Orte der Gegenkultur zu er-
schaffen.

Wer nun aus der Stadt rausgeht findet aber sicher kein ländliches
Idyll. Dörfer oder „das Land“ sind genauso wenig progressive Orte
per se, wie es die Städte sind (angesichts der stürmischen Zeiten, in
denen wir leben, sollte das Idyll bzw. die Insel auch nicht das sein,
wonach wir streben). Wie bereits oben beschrieben ist die ländliche
Bevölkerung tendenziell konservativer, das Kulturelle tendiert gegen
Null oder beschränkt sich auf Großraumdiskos und Heimatverei-
ne. Auch ist es in der Enge der Dorfgemeinschaft erheblich schwe-
rer individuell-unangepasst zu leben und Gleichgesinnte zu finden.
Trotzdem bin ich der Meinung, dass der (vor allem kollektive!) Schritt
aufs Land der Richtige ist. Kultur kann von interessierten Menschen
geschaffen werden, Konservatismus durch die lebendige Alternati-
ve nebenan aufgeweicht werden und unangepassten Individuen ein
Freiraum und Grund zum Bleiben geboten werden.

Der entscheidende Punkt ist meiner Meinung nach jedoch die Er-
nährungs- und Energieautonomie, welche erreicht werden kann und
sollte. Denn sie ist die Basis eines dauerhaften Entzugs aus staatlicher
„Fürsorge“ bzw. Basis einer wahrhaft autonomen Gegenkultur. Dabei
kann auf einen reichhaltigen Erfahrungsschatz aus über 30 Jahren
Kommunebewegung, sowie Permakultur und unzählige Interne-
tressourcen zum Thema Selbstversorgung zurück gegriffen werden.
Ebenso kann und sollte traditionelles Wissen erhalten und angewen-
det werden und kreativ, lustvoll an neuen Ideen gearbeitet werden.
Durch eine intensive D.I.Y.-Kultur wird außerdem ökologischer ge-
lebt, da sinnloser Konsum auf Kosten des Planeten reduziert und
„Müll“ entweder nicht anfällt oder kreativ weiterverarbeitet wird.
Des Weiteren bieten Landkommunen ein Rückzugsort, in dem sich
Aktivist*innen ungestörter treffen und austauschen, aber auch Kraft
tanken und entspannen können.

Die Kommune soll aber keine Insel sein. Ein Leben komplett außer-
halb kapitalistischer Vergesellschaftung ist heutzutage leider noch
nicht möglich und außerdem soll die Kommune auch der Vereinze-
lung entgegenwirken. Nicht nur der ihrer Mitglieder, sondern auch
der gesellschaftlichen. Ein gutes Beispiel, wie die Kommune poli-
tisch-gesellschaftlich wirken kann, ist das „Projekt A“(3). Aufbauend
auf dieser oder ähnlichen Ideen können Kommunen ein Netzwerk
gegenseitiger Hilfe aufbauen und so eine echte alternative Ökonomie
schaffen. Diese dient im ersten Moment die Kommune und ihre Mit-
glieder zu finanzieren, soll aber letztendlich darüber hinaus reichen
und die kapitalistische Ökonomie überflüssig machen (das Ganze
sollte aber nicht in Ausbeutung unter Selbstverwaltung enden).

Ich rede hier auch nicht von einem Wunderland, welches von heute
auf morgen entstehen wird. Viele Kommunen kämpfen mit finanziel-
len, verwaltungstechnischen und vor allem sozialen Problemen. Ge-
rade Bürokratie kann den Traum von alternativen Bauen und Ener-
gieerzeugen schnell zum Alptraum machen. Wer diesen übersteht,
sollte auch die vielfältigen sozialen Spannungen, die das Leben in
Großgruppen mit sich bringt, nicht unterschätzen.

Wer sich radikal dem Bestehenden widersetzt, wird außerdem auch
in ländlichen Gebieten mit Repression zu rechnen haben (siehe Tar-
nac 9). Unabhängig davon bietet aber die ländliche Umgebung viel
mehr und bessere Möglichkeiten echte Alternativen zum System auf-
zubauen, autark zu leben und den Kollaps, der unvermeidlich ist, zu
überstehen. Die Städte sind schon allein aufgrund ihrer Struktur dem
Untergang geweiht. Sie sind Ursache und Folge einer Fehlentwick-
lung zugleich. Sie bedingen und erfordern Abhängigkeiten, Monopo-
lisierung und Zentralisierung. Sie töten Kreativität und ersetzen sie
durch Konsum. Über kurz oder lang ist auch der Planet soweit aus-
gebeutet, dass diese absolut unnatürlichen Formationen nicht mehr
überlebensfähig sind. Das Ende der Städte ist besiegelt und wahr-
scheinlicher als ein kommender Aufstand ist ein Kollaps. Auch die
„Demokratie“ ist ein Auslaufmodell. Es herrscht der Sachzwang, die
Bürokratie verwaltet das Elend und einige Wenige streichen die Pro-
fite ein, solange es noch geht.

Meine Inspiration für den Kampf gegen dieses System, mein Gegen-
entwurf, das „Für“, mein Wegweiser ist die Anarchie.

Die Grundideen des Anarchismus umfassten auch schon immer die
Dezentralisierung und Autarkie/Autonomie. Dies geht Hand in Hand
mit einer einfachen Lebensweise, die die Mitwelt und den Planeten
schont und respektiert und weg vom Rand des Abgrunds führt. In
diesem Sinne: Raus aufs Land!

„Alles ist aufzubauen im aufständischen Prozess.“
Unsichtbares Komitee, Der kommende Aufstand
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(1) Vgl. Marx, Karl: Die ursprüngliche Akkumulation
(2) Vgl. 325, Nr. 10, S.8 ff. (www.325.nostate.net/library/325-10.pdf)
(3) Vgl. Stowasser, Horst: Projekt A


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