(de) FDA/IFA - Gai Dào #29 - Interview mit Sole, Teil 1 ---- US-amerikanischer anarchistischer Rapper auf Tour in Europa
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Sun Jun 16 11:50:34 CEST 2013
von Gaidao-Redaktion * Übersetzung: wotlsam (afb) ---- Anmerkung der Redaktion: Wir haben
das Interview mit Sole aus dem Englischen übersetzt und veröffentlichen es in zwei Teilen:
Im ersten Teil spricht Sole über seine kommende Europa-Tournee, über seine Anfänge und
seine Beziehung zum Hip Hop, wer ihn inspirierte und warum er nicht viel von „Demokratie“
hält. Außerdem wollen wir euch kurz näherbringen, was für ihn Anarchismus bedeutet, bevor
wir im nächsten Teil des Interviews konkreter auf das Thema Anarchismus, die
anarchistische Bewegung in den USA und die daraus folgende staatliche Repression eingehen.
---- Gaidao: Bist du schon aufgeregt wegen deiner bevorstehenden Europa-Tour? ---- Sole:
Ja, sehr sogar. Ich werde ein neues Set spielen, was für mich mehr Spaß bedeutet und für
die Zuschauer wesentlich interessanter anzuschauen sein sollte.
Ich bin ein großer Fan von däleks Musik, deswegen bin ich schon auch schon total
aufgedreht mit ihnen auf einer Bühne zu stehen. Am meisten freue ich mich darauf
Griechenland zu besuchen. Autonome antifaschistische Kollektive aus Athen
und Thessaloniki haben mir da eine helfende Hand gereicht und am
Ende der Tour werde ich dann etwa eine Woche umherreisen und
versuchen, so viel wie möglich von der Situation vor Ort zu lernen.
Was bedeutet Hip-Hop für dich und hat sich diese Bedeu-
tung in den letzten 10 Jahren verändert?
Für mich war Hip-Hop immer, wie Chuck D sagte, das „CNN des
Ghettos“. Natürlich komme ich aus den (behüteten) Vororten, sodass
ich das nicht wirklich behaupten kann, also behaupte ich „Die Welt
ist das Ghetto“ und CNN scheiße. In Bezug auf Hip-Hop stehe ich
in einem Konflikt mit mir selbst ... Ich liebe die Power eines guten
Songs, aber ich weiß auch, dass dies nur ein kleiner Baustein ist, der
zur Radikalisierung, zur Bildung und zum Empowerment von Men-
schen genutzt werden kann und auch dass dies nicht ausreicht. Mir
ist klar, dass viele Leute einfach nur gerne tanzen und Spaß haben
wollen, auch dafür kann Musik gut sein. In den letzten zehn Jahren
hat es die Musik jedoch geschafft, immer faschistischer, banaler und
auch materialistischer zu werden ... Es gab da eine Zeit in den spä-
ten 1990ern, in der es sich so anfühlte, als ob sich die Avantgarde
durchsetzen würde, aber heute sieht mensch Labels, die genau diese
untergrundartigen Strategien nutzen, um neue Künstler („Odd Fu-
ture“, „Lana del Ray“, „Action Bronson“, etc.) zu promoten, auf eine
Art und Weise, wie wir das nie gekonnt hätten. Um den Hip-Hop
steht es also immer schlechter, aber ich glaube wenn wir diesen kul-
turellen Kampf führen wollen, müssen wir dem Spektakel auf seinem
Terrain entgegentreten, manchmal sogar in seiner eigenen Sprache.
Wie kamst du zur Rap-Musik?
Als ich ungefähr 8 Jahre alt war, hörte ich wie jemand in einem Film
etwas rappte, außerdem mochte ich Rap schon immer. Ich hab mir
irgendwie beigebracht, auf meinem Tape-Deck Loops zu erstellen, in
dem ich immer wieder einen 4-Zeilen-Beat aufnahm, Pause drück-
te, zurückspulte und von vorne begann. Mit 10 begann ich dann auf
dem gleichen Weg meine eigenen Songs zu schreiben ... Ich mochte es
schon immer zu schreiben, außerdem war ich gut in Lyrik, also kam
mir Rappen irgendwie gelegen. In der 8. Klasse bemerkte ich, dass
meine Kunstlehrerin einen Mischpult in ihrem Raum stehen hatte.
Da ich da nur rumsaß, lieh sie es mir aus. Ich begann dann Demos
auf meine Tape-Loops aufzunehmen und schickte diese zu lokalen
DJs, die ihre Freude daran hatten, dass sich dieses 13-jährige weiße
Kind tatsächlich einen abrappte. Mit der Zeit bekam ich dann Zugang
zu Studios, und nachdem ich meine Demos an DJs wie „DJ Premiere“
und „Jermaine Dupris“ weitergegeben hatte, sahen manche, dass da-
mit Geld zu machen war, denn der einzige andere weiße Rapper, der
jemals so in Erscheinung trat, war „Vanilla Ice“. Das war genug Moti-
vation für mich um weiterzumachen. Gleichzeitig war meine Mutter
eine Riesenunterstützung, was einen großen Unterschied ausmachte.
Ich habe immer daran geglaubt, dass ich es schaffen kann.
Welche Künstler*innen haben dich bei deiner Arbeit inspiriert?
Eindeutig vom schwarzen Nationalismus beeinflusster Hip-Hop wie
„X Clan“, „Public Enemy“, „Boogie Down Productions“, von denen be-
sonders „Ice Cube“ einen großen Einfluss auf mich hatte, „N.W.A.“,
„Ice-T“, „Organized Konfusion“, „O.C.“ ... Stilistisch wurde ich stark
von Sachen aus dem Untergrund der Westküste beeinflusst: „Mystik
Journeymen“, „Project Blowed“, „Freestyle Fellowship“, „Saafir“, „Ras
Kass“. An Einflüssen, die nichts mit Hip-Hop zu tun haben, würde ich
sagen: „Woody Guthrie“, „Pete Seeger“, „Godspeed You! Black Emper-
or“, „Silver Mt. Zion“ und schließlich stand ich total auf „Ramshackle
Glory“, „Wingnut Dishwashers Union“ und „Andrew Jackson Jihad“.
Produzierst du deine Platten selbst?
Nicht wirklich. Ich produziere schon eine ganze Menge eigener
Musik, aber die bewerbe ich nicht sonderlich, weil es schon immer
mehr etwas war, was ich aus reinem Spaß tat, sozusagen als Ventil.
Im Moment mache ich auf der Bühne aber mehr Live-Sampler-Kram,
was dann wohl auch bedeutet, dass ich das mehr im Studio machen
werde. Ich liebe es Beats zu produzieren, aber ich finde einfach mehr
Inspiration bei Produktionen anderer.
Wann und wieso hast du begonnen, ein Interesse für politische Themen zu entwickeln?
Ich war schon immer politisch motiviert. Der erste Song, den ich mit
11 Jahren aufnahm, handelte davon jemanden aus dem Gefängnis zu
befreien und David Duke umzubringen (den Anführer des Ku-Klux-
Klan). Aber ... in der Zeit nach Public Enemy habe ich es immer ge-
hasst, dass politische Musik klang wie billige Stoßstangenaufkleber,
und „Conscious Rap“ hat auf mich immer abstoßend und wie völ-
lig trivialer Mist gewirkt. Deshalb habe ich mich mehr auf soziale
Themen konzentriert und hab‘ vor allem gegen die Musikindustrie
gewettert. Am 11. September war ich in New York, ich wollte gera-
de einen Freund vom Flughafen abholen. In dem Moment wusste
ich, wir hatten etwas getan, was das heraufbeschworen hatte ... Ich
wusste nur nicht was ... Also begann ich die Zeitung zu lesen, las
Noam Chomsky und Howard Zinn, ich begann Fragen zu stellen, ich
unterzog mich exzessiv einem Crash-Kurs in Geschichte, aktuellen
Ereignissen, Marxismus, Anarchismus, begann damit Revolutionen
zu studieren ... Das tat ich ein paar Jahre lang ... Einer der Vorteile
als selbstständiger Musiker ist, dass du, wenn du Jahre nur mit Lesen
verbringen willst, du das auch tun kannst! Ich wollte diese Themen in
meiner Musik nie ansprechen, solange ich sie nicht mit Argumenten
und Fakten unterstützen konnte. Ich klammerte mich also einfach
selbst aus und machte die Welt zu meiner Muse ... In letzter Zeit ver-
suche ich damit mehr Balance zu finden, aber letztendlich glaube ich,
dass Kunst am besten ist, wenn sie den Status Quo herausfordert.
Warum denkst du, dass „Demokratie“ nicht der richtige
Weg ist, mit den Problemen dieser Welt umzugehen?
Nun, ich mag „direkte Demokratie“ und ich denke nicht, dass wir
jemals eine Demokratie hatten! Ich mag einfach keine repräsenta-
tiven Regierungsmodelle in dem Sinne, dass Menschen in unserem
Namen einfach machen können, was sie wollen, und dabei nur finan-
ziellen Interessen verpflichtet sind – und wir keine Möglichkeit ha-
ben, sie dafür zur Rechenschaft zu ziehen, und
auch nicht die Möglichkeit haben, die Struktu-
ren derart umzuwälzen, dass sie menschlicher,
weniger zerstörerisch und ausbeuterisch sind.
Wenn wir nur Pferd und Kutsche hätten, würde
es für mich Sinn machen, dass es eine Person
gibt, die tausend Kilometer entfernt sitzt und
einen repräsentiert und nur alle 4-6 Jahre wie-
dergewählt werden kann. Aber heute braucht
es keine vier Wochen mehr, um den Ozean zu
überqueren und eine Nachricht braucht keine
drei Wochen, um ihren Empfänger zu erreichen.
Wir müssen die Methode, mit der wir uns selbst
organisieren aktualisieren. Wenn ich David
Graeber darüber reden höre, wie wir Formen di-
rekter Demokratie mit neuen technologischen
Mitteln vereinen können, ergibt das für mich
sehr viel Sinn. Wenn ich über die Erfahrungen
mit der Occupy-Bewegung nachdenke, merke
ich, dass das wunderschöne Erfahrungen in vielen Aspekten waren,
jedoch gleichzeitig der Beweis, dass wir noch einen langen Weg vor
uns haben, wenn wir ernsthaft über Selbstverwaltung reden wollen.
Was bedeutet für dich Anarchismus?
Anarchismus als Philosophie bedeutet für mich einen horizontalen
Weg der Organisierung, ohne Chef*innen und Herrscher*innen, nie-
mand, der einen anderen ausbeutet, eine Welt, die sich nicht um Pro-
fite, sondern um Ethik und Mitgefühl dreht, ohne eine zentrale Auto-
rität. Das bedeutet, dass wir in unserem Inneren wissen, was richtig
ist, dass Menschen von Grund auf moralisch handeln und keine Re-
ligionen oder Regierungen brauchen, um gewisse Dinge durchzuset-
zen. In der Praxis bedeutet das, dass wir aus den Ruinen der alten
eine neue Welt schaffen können, wir die Welt nach unseren Vorstel-
lungen verändern können. Wenn wir etwas verändern wollen, sollten
wir dies einfach tun, handeln. Wenn du in deiner Nachbarschaft, da
wo jetzt ein Parkplatz ist, einen Garten anlegen willst, mach es, bit-
te nicht um Erlaubnis.
Wenn wir uns die Occupy-Sandy-Bewegung
und die Bemühungen des Common-Ground-Kollektivs nach Hurri-
kane Katrina (in New Orleans) ansehen, erkennen wir, dass diese ho-
rizontal organisierten Gruppen wesentlich schneller und effektiver
reagieren können als die Regierung und das Rote Kreuz. Es ist der
Glaube, dass die Welt, in der wir leben, niemandem und doch uns
allen gehört. Anarchismus respektiert eine Vielzahl an Vorgehens-
weisen; was bedeutet, wenn jemand gewaltfrei handeln will, er*sie
dies auch tun kann. Wenn diese Menschen sich jedoch dazu entschei-
den, sich physisch gegen staatliche Gewalt zur Wehr zu setzten, ist
das ihr Recht. Anarchismus ist zwanglos, daher kann niemand einer
anderen Person ein spezifisches Denken und Handeln aufdrücken.
Ich persönlich favorisiere den Anarcho-Kommunismus, der von Peter
Kropotkin verfochten wurde, aber ehrlich gesagt weiß ich, dass wir
eine neue Perspektive in Bezug auf Arbeit und Strukturen, die neue
Technologien eingliedern, brauchen, die der Macht von Megakonzer-
nen und der Globalisierung entgegentreten können.
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