(de) FDA/IFA - Gai Dào #29 - Vom Raubtier Mensch und Fragen, die es sich vielleicht zu stellen lohnt

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Sat Jun 15 17:46:07 CEST 2013


Antwort auf einen Artikel der April-Ausgabe der Găidào -- Philippe Kellermann -- „Der 
Mensch ist in seinem Egoismus wilder als die wildesten Tiere und zugleich sozialistischer 
als die Bienen und Ameisen.“ -- Michael Bakunin (1868) ---- In der April-Ausgabe der 
„Găidào“ hat B. Sc. Filtz über die „leidigen Diskussionen“ geklagt, an deren Ende immer 
wieder gesagt werde: --- „Eure Ideen sind ja ganz schön, aber es steckt leider in der 
Natur des Menschen (...).“ Filtz kommentiert: „Auf einmal ist es wieder da, das Raubtier, 
das[.] seinen Nächsten schlachtet. Plündernd und mordend durch die Gegend zieht, wenn es 
nicht vom großen Leviathan, dem starken Staat im Zaum gehalten wird.“ Nahegelegt wird 
damit, dass der Menschen nicht von Natur aus ein solches „Raubtier“ sei. Dem würde ich 
insofern zustimmen, als dass auch ich nicht davon ausgehe, dass der Mensch ausschließlich 
ein solches ist.

Genauso gilt aber, dass der Mensch nicht einfach „von Natur aus“
solidarisch, hilfsbereit und freiheitlich ist. Die Bemerkung von Flitz
aufgreifend, wonach – weil letztlich unsere Vorstellung von Natur
immer begrenzt und gesellschaftlich gefiltert ist – „alles, was exis-
tent“ dann auch als natürlich betrachtet werden muss, sollte man sich
auch aus anarchistischer Perspektive mit dem Problem des immer
wieder auftretenden und die Geschichte der Menschheit durchzie-
henden „Raubtieres“ Mensch auseinandersetzen. Vor allem auch in
den eigenen Reihen. Denken wir an den berüchtigten Anarchisten
El perro negro („Der schwarze Hund“), von dem Martin Baxmeyer
berichtet, dass dieser den „Sinn der Revolution“ während des Spani-
schen Bürgerkriegs darin sah, „loszuziehen und katalanische Indus-
trielle nebst ihrer Familien abzuschlachten“ (Baxmeyer 2013). Oder
denken wie an die Machno-Bewegung: „Verwegen, lachend“, erzählt
Anna Saksaganskaja über Machno-Soldaten, „prahlten sie einer nach
dem anderen mit ihren Heldentaten. Ihre Erzählungen trugen aus-
schließlich blutigen Charakter. Jeder von ihnen bemühte sich, den
anderen mit seiner Kühnheit zu übertreffen – über Menschen spra-
chen sie dabei wie Schlachter über Vieh: umgebracht, erstochen, mit
dem Messer abgestochen, Bauchaufschlitzen. Diese Wörter wurden
mit Gelächter begleitet.“ (zit.n. Schnell 2012: 352f.)

Ist es also so leicht von der Hand zu weisen, was der dem Anarchis-
mus nahestehende Fritz Brupbacher zu seinen Erfahrungen in der
Russischen Revolution im Januar 1922 an Max Nettlau schreibt: „Und
jetzt geht es in meinem Kopf alles durcheinander. Hungerelend, Bol-
schewismus, neue Politik, Sozialismus überhaupt. Es ist, man sei wie-
der ganz am Anfang. Vorderhand unterliege ich Eindrücken. Kann
noch nichts zusammendenken. Denn es sind nicht eigentlich die Bol-
sches, sondern die menschliche Natur, die da am Werk gewesen ist.
Nur als Teil dieser menschlichen Unfähigkeit seh’ ich sie. (...) Ich sah
[den Anarchisten Alexander] Schapiro. Ich frug ihn, ob es nötig war
die Genossenschaften zu unterdrücken. Er sagte, sie waren in den
Händen von Gegenrevolutionären. Aber man hätte die erschiessen
und die Genossenschaften bestehen lassen können. Ich erzähle Ihnen
das, damit sie aus dem Geist der Besten auf andere schliessen. (...) Ue-
berhaupt die persönliche Psychologie aller in Russland ist das große
Rätsel. Eben drum die Menschennatur. Man steht da – wo man früher
noch urteilte. Man dringt nicht bis zum Urteil vor – vor Staunen.“
(zit.n. Burazerovic 1996: 131)

Selbstverständlich sind all dies Beispiele aus Extremsituationen, in
denen wohl mehr die brutalisierenden Umstände als eine menschli-
che Natur am Werke ist. Worauf es mir aber ankommt ist, dass man
solche Fragen nicht einfach ignoriert, oder nur kurz zur Kenntnis
nimmt, um dann zur Darstellung der Sonnenseiten des Lebens über-
zugehen – so wie Kropotkin Darwins Vorstellung eines „Kampfes um
Dasein“ ja auch nicht bestritt, nur relativiert – am Ende aber bei den
Kropotkin Nachfolgenden von jener Darwin’schen These gar nichts
mehr zu hören ist und ein Schlaraffenland der „Gegenseitigen Hilfe“
suggeriert wird, das zwar schön anzuschauen, aber vielleicht doch
etwas zu euphorisch gezeichnet ist.

Uns Menschen als „Problemfall“ zu betrachten, spricht jedoch nicht
unbedingt gegen den Anarchismus. Denn vielleicht kann man die
ganze Problematik auch einmal von einer anderen Seite aus angehen.
Es ist nämlich keinesfalls so, wie der spätere NS-Jurist Carl Schmitt
meinte, dass für den Anarchismus „der Mensch entschieden gut“
sei und „alles Böse“ nur „die Folge theologischen Denkens und sei-
ner Derivate, zu denen alle Vorstellungen von Autorität, Staat und
Obrigkeit“ gehören (Schmitt 1934: 72f.). Bakunin beispielsweise, auf
dessen Ausführungen in Gott und der Staat Schmitt möglicherweise
anspielt, hat vielmehr erklärt: „Wenn es einen Teufel gibt in der gan-
zen menschlichen Geschichte, so ist es dieses Befehlsprinzip. Dieses
allein zusammen mit der Dummheit und Unwissenheit der Massen,
auf die es sich übrigens immer gründet und ohne die es nicht exis-
tieren würde, hat alles Unglück, alles Verbrechen, alle Schande der
Geschichte hervorgebracht. Und unausweichlich findet sich dieses
verfluchte Prinzip als natürlicher Instinkt in jedem Menschen wie-
der, die besten nicht ausgenommen. Jeder trägt den Keim davon in
sich und jeder Keim muß bekanntlich nach einem Grundgesetz des
Lebens sich entwickeln und wachsen, sobald er in seinem Milieu
günstige Entwicklungsbedingungen findet.“ (Bakunin 1871: 350).

Ähnlich hat Malatesta gegen die Vorstellung, wonach in jedem leben-
digen Wesen ein*e Anarchist*in schlummere, eingewandt: „Würde es
nicht eher der Wahrheit entsprechen zu sagen, daß in jedem lebendi-
gen Wesen ein tatsächlicher oder potentieller Tyrann vorhanden ist?“
(Malatesta 1922: 138) Diese Vorstellung ist für die betreffenden Perso-
nen nun aber gerade kein Argument gegen, sondern vielmehr für den
Anarchismus gewesen. Denn so wie man gegen Thomas Hobbes ein-
wenden kann, dass seine im Leviathan (1651) vorgeschlagene Lösung
zur Beendigung des „Kriegs aller gegen alle“ (Naturzustand) – Errich-
tung eines mit weitgehenden Befehlsbefugnissen ausgestatteten Sou-
veräns als Hüter der Ordnung –, doch etwas merkwürdig anmutet, da
doch auch dieser Souverän ein (oder mehrere) Mensch(en) ist, so also
durch einen unglaublichen Machtzuwachs nur ungehemmter seiner
Raubtierhaftigkeit freien Lauf lassen kann, lässt sich jeder Staat pro-
blematisieren, und vor allem die Vorstellung von Erziehungsdikta-
turen unterschiedlicher Couleur: Wer meint, so Rudolf Rocker, „daß
die Masse so unwissend, egoistisch und korrumpiert sei, daß sie ein
Übergangsstadium der Regierung nicht entbehren könne“ vergisst,
„daß Regierer auch keine Engel, sondern aus demselben Stoffe ge-
macht sind wie alle anderen Menschen. Und da wollen wir doch nicht
den Bock zum Gärtner machen.“ (Rocker 1919: 42)

Daher auch Malatestas Warnung: „Und als Regierung wären wir si-
cherlich nicht besser als alle anderen. Wir wären vielleicht sogar eine
noch größere Gefahr für die Freiheit, denn, überzeugt wie wir sind,
Recht zu haben und das Richtige zu tun, wären wir als wahre Fana-
tiker geneigt, alle, die nicht wie wir denken und handeln würden,
als Konterrevolutionäre und Feinde des Gemeinwohls zu betrachten.“
(Malatesta 1931: 93) Freilich bleibt nichts desto trotz die eigentliche
Frage bestehen: Wie wird es möglich, uns alle in den Stand zu verset-
zen, jene Fähigkeit zu freiem Dasein und kollektiven Einigungen zu
erlangen und zu praktizieren, welche ohne Zwang, sei es von einem
Staat, einer Gemeinde oder sonst wem auskommen kann?

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Literatur:

Bakunin, Michael (1871): Protest der Allianz, in: ders. Staatlichkeit und Anarchie und 
andere Schriften. Frankfurt am Main/Berlin/Wien: Ullstein, 1972. S.348-394.

Baxmeyer, Martin (2013): Raus aus der Schmollecke. Martin Baxmeyer über anarchistische 
Mythenbildungen und die Widersprüche des Spanischen Bürgerkrieges (1936-1939), in: 
Philippe Kellermann (Hg.). Anarchismusreflexionen. Zur kritischen Sichtung des 
anarchistischen Erbes. Gespräche. Lich: Edition AV, im Erscheinen.

Burazerovic, Manfred (1996): Max Nettlau. Der lange Weg zur Freiheit. Berlin: Oppo.

Malatesta, Errico (1922): Anarchismus und Revolution, in: ders. Gesammelte Schriften. Band 
2. Berlin: Karin Kramer, 1980. S.136-142.

Malatesta, Errico (1931): Fragen zur Taktik, in: ders. Gesammelte Schriften. Band 2. 
Berlin: Karin Kramer, 1980. S.89-93.

Rocker, Rudolf (1919): Prinzipienerklärung der Syndikalismus, in: ders./F. Barwich/E. 
Gerlach/A. Lehning/H. Rüdiger. Arbeiterselbstverwaltung/Räte/Syndikalismus. Berlin: Karin 
Kramer, 1979. S.7-42.

Schmitt, Carl (1934): Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität. 
Berlin: Duncker & Humblot, 1990.

Schnell, Felix (2012): Räume des Schreckens. Gewalt und Gruppenmilitanz in der Ukraine 
1905-1933. Hamburg: Hamburger Edition.


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