(de) FAU - Direkte Aktion #217 – Unter dem Druck des Marktes --- DA-Kollektivreihe: Selbstverwaltung zwischen Chance und Ideologie

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Sat Jun 8 20:02:35 CEST 2013


Mit der Verschärfung der Krise in Europa ist bei vielen GewerkschafterInnen das Interesse 
an der Arbeiterselbstverwaltung von Betrieben neu erwacht. Das zeigt sich u.a. am relativ 
breiten Echo, das die Übernahme der Baustoff-Fabrik Vio.Me im griechischen Thessaloniki1 
durch die Belegschaft gefunden hat. Wieder scheint die Idee der selbstverwalteten 
Produktion als Alternative zum Jobverlust in der Krise attraktiv für Teile der Klasse zu 
werden. Manche mögen sich auch an die ArbeiterInnen der Keramikfabrik Zanon und etlicher 
anderer Betriebe erinnert fühlen, die im Zuge der argentinischen Krise von 2001/2002 ihre 
Betriebe übernommen haben.2 ---- Für die traditionellen Gewerkschaften hat die Idee der 
Arbeiterselbstverwaltung in den letzten hundert Jahren eine eher untergeordnete Rolle 
gespielt. Die klassische Trade Union will lediglich den Mehrwert aus der kapitalistischen 
Produktion etwas anders verteilen.

An einer Änderung der Besitz- oder Machtverhältnisse hat sie kein besonderes Interesse. 
Für die anarcho-syndikalistischen Gewerkschaftsbewegungen war die Frage der 
Arbeiterselbstverwaltung hingegen immer wieder ein großes Thema. Das liegt nicht zuletzt 
daran, dass die gesellschaftliche Perspektive dieser Gewerkschaften der libertäre 
Kommunismus ist, eine Gesellschaft also, die sich auf eine von ProduzentInnen und 
KonsumentInnen selbstverwaltete Güterproduktion und Güterverteilung gründet.



KOLLEKTIVE MÜDIGKEIT (URHEBER: FINDUS) IDEOLOGISCHE ÜBERHÖHUNG

Während allerdings in der generellen Frage weitgehende Einigkeit herrscht, gibt es 
hinsichtlich aktueller betrieblicher Selbstverwaltungsexperimente ganz unterschiedliche 
Diskussionen und Einstellungen. Immer wieder trifft man etwa auf eine regelrechte 
ideologische Überhöhung der Selbstverwaltung. Dahinter steckt die Vorstellung, es bräuchte 
nur genügend selbstverwaltete Betriebe als lebendiges Gegenbeispiel zum kapitalistischen 
Normalbetrieb und schon geriete die kapitalistische Form der Vergesellschaftung ins 
Wanken. Viele BefürworterInnen einer derartigen Selbstverwaltungs-Ideologie blenden 
allerdings aus, dass Arbeiterselbstverwaltung im Rahmen des kapitalistischen Weltmarktes 
zwangsläufig immer den Bewegungsgesetzen dieses Marktes unterworfen ist.

An dieser Tatsache ist in der Vergangenheit die übergroße Mehrheit der selbstverwalteten 
Betriebe gescheitert. Ein gutes Beispiel hierfür bieten hierzulande die 1980er Jahre. 
Damals gab es in der Nachfolge der Revolte von 1968 hunderte von selbstverwalteten 
Betrieben, die meisten im Dienstleistungsbereich, einige aber auch als Handwerks- oder 
andere Produktionsbetriebe. Viele davon, wenn auch nicht alle, verstanden sich ganz 
ausdrücklich als hierarchiefreie Alternativen zur kapitalistischen Wirtschaft, in denen 
die übliche Ausbeutung der Arbeitskraft anderer abgeschafft war und nur Leute arbeiten 
konnten, die gleichzeitig auch EignerInnen waren. Binnen weniger Jahre zeigte sich aber 
bei den meisten selbstverwalteten Betrieben, dass politischer Enthusiasmus die Marktzwänge 
nicht aushebeln kann. Fast alle wurden nach kapitalistischen Maßstäben unterkapitalisiert 
gegründet. Was an Kapital fehlte, musste durch Mehrarbeit der KollektivistInnen 
ausgeglichen werden. Das führte dazu, dass meistens die Löhne so niedrig waren, dass man 
mit Recht von einer Selbstausbeutung sprechen kann. Längere Arbeitszeiten bedeuteten, dass 
man weniger Zeit und Energie für den Versuch hatte, die bestehenden Verhältnisse 
umzustürzen. Manche Betriebe verbrannten schnell die meiste Zeit und Energie mit der 
eigenen Selbstverwaltung. Aus diesen und anderen Gründen gab es häufig nicht genug 
InteressentInnen, die für die Aussicht auf lange Arbeitszeiten und geringe Gehälter bereit 
waren, zum Kollektivisten bzw. zur Teilhaberin eines Betriebes zu werden, um dort zu 
arbeiten. In der Folge wurden aus vielen Betrieben „Geschäftsführerkollektive“, in denen 
die ChefInnen die usprünglichen Mitglieder der Selbstverwaltung waren, die anderen 
Beschäftigten aber reguläre LohnarbeiterInnen. Die meisten selbstverwalteten Betriebe 
„professionalisierten“ sich, um sich den Marktgesetzen anzupassen oder gingen an diesen 
und ihren eigenen Widersprüchen zugrunde.

GENOSSENSCHAFTEN OHNE GENOSSINNEN

In viel größerem Maßstab noch hat sich die Gewalt dieses „stummen Zwangs der ökonomischen 
Verhältnisse“ am (gewerkschaftlichen) Genossenschaftswesen gezeigt. Genossenschaften haben 
nicht notwendigerweise etwas mit Selbstverwaltung zu tun. Selbstverwaltung im 
anarcho-syndikalistischen Sinn ist nicht zuletzt die Frage nach der Kontrolle der 
ArbeiterInnen über ihre Produktion. In einem selbstverwalteten Betrieb entscheiden alle 
gemeinsam, was und wie produziert wird und was mit dem Ertrag aus der Arbeit geschieht. 
Das beinhaltet, dass alle, die in einem selbstverwalteten Betrieb arbeiten, auch an diesem 
beteiligt sein sollen. Genossenschaften hingegen sind zuallererst eine Rechtsform für 
gemeinsamen Kapitalbesitz mit erweiterten Mitspracherechten – aber auch Pflichten – für 
die KapitaleignerInnen. Die Form der Genossenschaft besagt also nichts darüber, wie die 
Arbeit organisiert ist. So machte es beispielsweise für die ArbeiterInnen des polnischen 
Haushaltsgeräte-Konzerns Fagor3 keinen großen Unterschied, dass die Firma von Mondragon 
und damit dem weltgrößten genossenschaftlichen Unternehmen (mehr als 100.000 Beschäftigte) 
mit Sitz in Spanien, günstig aufgekauft wurde. Ähnlich wie viele große Genossenschaften im 
Wohnungsbau-, Banken- und Konsumsektor hierzulande, agieren solche Firmen aus Sicht der 
Beschäftigten als normale kapitalistische Marktteilnehmerinnen.

Wenn in diesem Artikel die Selbstverwaltungsideologie kritisch hinterfragt wird, bedeutet 
dies nicht, dass wir Arbeiterselbstverwaltung unter Bedingungen des kapitalistischen 
Weltmarktes für überflüssig oder gar schädlich halten. Sie hat durchaus ihre Berechtigung 
und kann als Beispiel dienen. Zu einer kritisch-solidarischen Unterstützung sollte 
allerdings die Erkenntnis gehören, dass es sich bei Arbeiterselbstverwaltungs-Experimenten 
nur um eine Nische und nicht um eine generelle Strategie handeln kann. Solche Experimente 
unter dem enormen Druck des kapitalistischen Marktes verlangen allen Beteiligten viel ab. 
Es hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass es nur zu einfach und bequem ist, sich dem 
Zwang zur Professionalisierung, zur Anpassung und zur Abgabe der eigenen Verantwortung zu 
ergeben. Hier könnte eine in den selbstverwalteten Betrieben verankerte 
anarcho-syndikalistische Gewerkschaft ein wichtiges Korrektiv darstellen. Doch das ist 
eine Diskussion, die noch zu führen ist.

Gianna Med

Zum Weiterlesen:

[1] www.viome.org und biom-metal.blogspot.gr

[2] www.ila-bonn.de/artikel/ila357/argentinien_zanon.htm

[3] libcom.org/forums/news/mondragon-capitalists-exploitation-repression-poland-20072008

Ein Buchtipp:

Notz, Gisela: Theorien alternativen Wirtschaftens, Reihe theorie.org im Schmetterling 
Verlag, ISBN 3-89657-660-7


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