(de) FAU - Direkte Aktion #217 – Streiken gegen Nazis --- Der Mössinger Generalstreik und der heutige Blick auf die Geschichte
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Wed Jun 5 12:28:41 CEST 2013
Zum 80. Jahrestag des Mössinger Generalstreiks gibt es eine kontroverse Diskussion in
Mössingen. Den einen geht die Ehrung von KPD-Mitgliedern zu weit, welche sie als
ebensolche Feinde der Demokratie ausmachen. Den anderen geht es um das Bewusstsein, über
die Tragweite des Protestes, denn der Mössinger Generalstreik gilt als einer von nur
wenigen Versuchen, der Machtübernahme Adolf Hiltlers durch Massenaktion etwas
entgegenzusetzen. Die KPD rief damals in einem Flugblatt reichsweit zum Generalstreik der
ArbeiterInnen auf, diesem folgten allerdings nur ArbeiterInnen im 4000-Seelen-Ort
Mössingen. Was folgte war dennoch die Zerschlagung des kollektiven Widerstandes der
ArbeiterInnenschaft. ---- Nun herrscht erneut Aufruhr in der örtlichen Bevölkerung.
Ein Theaterstück und die wissenschaftliche Aufarbeitung der Ereignisse sowie ein
Protestmarsch spaltet den Ort über die Darstellung der eigenen Geschichte in zwei Teile.
Das Ereignis selber steht für Menschen außerhalb von Mössingen ziemlich klar als einer der
wenigen Widerstandsversuche bei der Machtergreifung der Nazis in der ArbeiterInnenschaft.
Im Ort verläuft dennoch der Graben teilweise direkt durch ganze Familien. Die einen wollen
die Geschichte zum 80. Jahrestag der Machtergreifung Adolf Hiltlers öffentlicher machen
und diejenigen ehren, die damals am Generalstreik in der kleinen Ortschaft teilgenommen
hatten. Die anderen wehren sich gegen vermeintliche Heroisierung von KommunistInnen, die
ja letztendlich ebenfalls die Demokratie abgeschafft hätten, wären sie die an die Macht
gekommen. Hier zeigt sich exemplarisch, wie sehr die Extremismusdebatte bereits im
politischen Alltag angekommen ist und was sie anrichtet: WiderstandskämpferInnen gegen den
Faschismus werden hier diffamiert und ihre eigentlichen Ziele verschwimmen in
populistischen Thesen einer unwissenschaftlichen Betrachtung. Als am 2. Februar diesen
Jahres dann, aufgerufen von AntifaschistInnen, den Couragefrauen, der IG Metall und ver.di
bis zu 1200 Menschen in Mössingen zusammenkamen und unter den Parolen wie „Faschismus ist
keine Meinung, sondern ein Verbrechen“ oder „Generalstreik 1933 – Vorbild für Zivilcourage
heute“ ein Zeichen gesetzt wurde, wurde dies weit über die lokale Ebene hinaus sichtbar.
Aber was ist damals eigentlich in Mössingen und Umgebung passiert?
Am 31. Januar 1933 waren 800 Männer und Frauen dem Aufruf der KPD gefolgt, auf die
Übertragung der Macht im Staate an Adolf Hitler mit einem Generalstreik zu reagieren.
Unter der Parole „Heraus zum Massenstreik!“ zogen die ArbeiterInnen durch Mössingen und
sie waren damit die ersten, die auf die Straßen drängten. Als Vorbild diente wohl der
Generalstreik gegen den Kapp-Putsch 1920, der die junge Weimarer Republik damals
strukturell lahmlegte. Nachdem der Protestzug einige der Betriebe erfolgreich zum
Stillstand brachte, trudelte eine Staffel der Polizei ein und es war offenbar klar, dass
in anderen Orten keine Streiks begonnen hatten. Der überwiegende Teil der ArbeiterInnen
schaffte es, sich einer Personalienüberprüfung zu entziehen und konnte über die
umliegenden Felder flüchten.
Bisher kaum bekannt ist allerdings noch eine weitere Tatsache: So ist von ZeitzeugInnen
überliefert, dass auch in Bad Lauerterberg dem Aufruf der KPD gefolgt wurde. Allerdings
nutzten die ArbeiterInnen hier ein anderes Mittel des Widerstandes. Sie sabotierten die
örtlichen Produktionsanlagen der streikunwilligen Betriebe, indem sie dort unverzichtbare
Teile entfernten. Somit standen die Bänder still und die Produktion lag darnieder.
Schließlich musste hier die SA-Hilfspolizei den Generalstreik zerschlagen.
Doch beherrscht seit dem aktuellen ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ wieder ein
anderer Tenor die öffentliche Debatte, nämlich dass die Entstehung des Dritten Reiches als
„Übermacht“ über alle hineingebrochen zu sein scheint. Während hier die Begeisterung der
Jugend für Hitler verschwiegen wird, wird an anderer Stelle der Widerstand durch
unliebsame Linke verdrängt. Wichtiger als ein Gedenken an die, die damals mitliefen,
scheint ein Gedenken an die, die sich dem entgegenstellten. Denn wer schwieg, stimmte
sicher nicht selten zu – wer streikte, sicher nicht.
Andreas Potzlow
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