(de) FAU-IAA Direct Action #220 - Eine Stadt, die krank macht

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Thu Dec 26 13:45:48 CET 2013


Ein anderer Rückblick auf die Kämpfe der Bürger in Taranto gegen Korruption, 
Vetternwirtschaft und Vergiftungen rund um die dortige Ilva-Fabrik des Riva-Konzerns -- 
Die Proteste in Taranto loderten das erste Mal am 2. August letzten Jahres auf. Kurz 
darauf wurde der Besitzer des Ilva-Konzerns, Emilio Riva, verhaftet, außerdem sein Sohn 
Nicola und zwei ihrer engsten Vertrauten, unter denen der Name Girolamo Archinà der 
wichtigste ist - er hatte über Jahre ein riesiges Spinnennetz der Korruption aufgebaut, 
bestehend aus PolitikerInnen, Fachleuten der Gewerkschaften, BetriebsleiterInnen, 
InspektorInnen der Polizei in dieser Richtung, sogar ein Priester war dabei. In 90 
Ordnern, benannt mit ,,Verkaufte Umwelt", hatten die Recherchen der Staatsanwaltschaft 
Taranto Platz. Es gibt zudem stundenweise abgefangene Telefonate. Es sind bereits 50 
ProtagonistInnen dieses Netzes bekannt. Einige von ihnen - wie der Präsident der Provinz 
Taranto, Gianni Florido - wurden schon in den Arrest gesteckt und werden unter Aufsicht 
verwahrt, damit sie keine Beweismittel vertuschen können.

Am 2. August des letzten Jahres gingen einige Menschen auf die Straße, aufgerufen von den 
drei großen Gewerkschaften CGIL, CISL und UIL. Pikanterweise ergriff diese Demonstration 
nicht gegen die korrupten PolitikerInnen und ihre Machenschaften rund um das Ilva-Werk 
Partei, sondern für sie. Das Motto hieß: ,,Retten wir unsere Arbeitsplätze, retten wir 
Riva" oder ,,Lieber Krebs als arbeitslos" (DA 218 berichtete). Die 
GewerkschaftsfunktionärInnen waren selbst Teil dieses ,,Systems Ilva".

An diesem Tag ergriff jedoch endlich auch der andere Teil der Stadt, der sich nicht mehr 
von der Angstmacherei der AkteurInnen des Systems Ilva beeinflussen lassen wollte, zum 
ersten Mal das Wort. Das Mikrofon der GewerkschaftsfunktionärInnen wurde abgedreht. Auf 
einer improvisierten Bühne am anderen Ende des Platzes, wo sich ein Apecar-Parkplatz 
befand, wurde die Stimme gegen die FunktionärInnen erhoben. Das schlug die FunktionärInnen 
der drei großen Gewerkschaften schließlich in die Flucht. Viele von denen, die auf der 
Bühne der GewerkschaftsfunktionärInnen gestanden hatten, sind heute diejenigen, die sich 
vor der Staatsanwaltschaft zu verantworten haben. Ein blaues Apecar ist seitdem das Symbol 
der Bewegung gegen die Fabrik, ein Symbol der Selbstorganisation, ein Symbol einer 
Organisation von unten, die sich in dem ,,Komitee denkender BürgerInnen und ArbeiterInnen" 
vereint hat. Sie haben jenen Schleier gelüftet, der jahrzehntelang die Verbrechen und die 
Umweltzerstörung in Taranto verborgen hatte.

Kurze Chronik. 1960er Jahre: Die Regierung entschließt sich, eine ExpertInnenkommission in 
zwei Städte des äußersten Südens zu schicken: Bari und Taranto. Die Kommission soll den 
perfekten Standort für die größte Stahlhütte Europas auswählen. Es ist die sogenannte 
,,Reindustrialisierung" Süditaliens. Die Experten kehren zurück nach Rom, überzeugt, dass 
die Ilva (also die Fabrik) in Taranto gebaut werden soll. Ausschlaggebend für die 
Entscheidung ist unter anderem, dass es dort keine eigene politische Klasse gibt, mit der 
es zu Konflikten hätte kommen können. Das Stahlwerk soll auf der Piazza Castello erbaut 
werden, direkt vor dem Zentrum, und es würde keine Proteste geben. Die Regierung nimmt die 
Experten beim Wort. Und nun wächst die Ilva quasi an der Stadt, doppelt so groß wie das 
bewohnte Zentrum. Eine Stadt in der Stadt, seit 50 Jahren, ohne jemals zu schlafen. 
Permanenter Ausstoß von Stahl und permanenter Profit. Und das Geldmachen hört nicht einmal 
in der Nacht auf. Tagein, tagaus wird die sensible Umgebung, in der einst Fischfang, 
Viehzucht und Landwirtschaft betrieben wurden, unvorstellbar entstellt.

Protest auf den Straßen Tarantos

Achtziger Jahre: Die Ilva ist immer noch staatlich und hat Fabriken in Terni, Piombino und 
Genua. Der Standort Bagnoli ist wegen extremer Umweltverschmutzung schon geschlossen 
worden. Aber im offiziellen betrieblichen Magazin wird ein Slogan abgedruckt, der sehr gut 
die Misere in Taranto beschreibt. Fast wie eine böse Prophezeiung heißt es da: ,,Wenn die 
Ilva erkältet ist, dann hat Taranto eine Lungenentzündung".

1995: Die Fabrik wird privatisiert. Sie wird an den Riva-Konzern verkauft, der seinerseits 
die Fabriken in Terni und Piombino weiterverkauft und die Fabrik in Genua schließt. 
Außerdem wird die Anlage in Taranto verkleinert; von 35.000 Angestellten bleiben nur 
18.000. 18.000 in einer Stadt von 200.000 Einwohnern.

Heute haben 92% des von Italiens Industrie ausgestoßenen Dioxins ihren Ursprung in 
Taranto. Dioxin gibt es dort überall. Selbst in der Muttermilch. Hunderte von 
Schlachttieren werden deswegen sinnlos getötet - vielen Tonnen Miesmuscheln und andere 
Meerestiere werden vergiftet. In Rione Tamburi, einem Viertel am Stadtrand, stellen sie 
bei unter 13-jährigen Kindern die gleiche Beschaffenheit der Lungen wie bei 60-jährigen 
Rauchern fest! Alles in dem Viertel ist rot, weil rot die Farbe des Stahlpulvers ist. 
,,Das Mineral", das sie dort aus ihren Balkonen oder Schlafzimmern zusammenfegen. Das, was 
sie auch einatmen, wenn sie mit verschlossenen Fenstern dort in der Wohnung sitzen.

Am 2. August letzten Jahres haben also die BürgerInnen die Verharmlosungen und die Lügen 
erkannt. Seitdem sehen sie klar, dass sich nur etwas verändert, wenn sie sich Gehör 
verschaffen. Seitdem kommen all diese Sachen ans Tageslicht: Mit wie viel Milliarden Euro 
Emilio Riva die Zerstörung der Umwelt aufrechterhielt, mit wie vielen Milliarden er die 
Repräsentanten bestach und weiter die Gesundheit der Bevölkerung und des Umfelds der 
Fabrik massiv gefährdete. Es ist wie eine Live Soap im Gericht. Alle wussten alles, alle 
kennen die Namen und Spitznamen von denen, die Berge von Geld angesammelt haben.

Und auch jetzt, da der Staat langsam die geheimen Verbrechen von Ilva aufdeckt, 
verunreinigt die Ilva-Fabrik weiter die Umwelt. Die Menschen sterben weiterhin. Doch viele 
der Menschen haben sich entschlossen, nun Widerstand zu leisten und Stück für Stück für 
eine gesunde Stadt zu streiten.

Von Ivan aus Taranto
bearbeitet und übersetzt von G. Roccia


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