(de) FAU-IAA Direct Action #220 - Das war Spießerkram -- Von pseudosozialistischer Diktatur, linken Irrtümern und der Suche nach Utopie

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Wed Dec 25 11:08:55 CET 2013


Selbst in den linken WGs westdeutscher Provinz-Hauptstädte hörte man irgendwann über die 
DDR: "Es war nicht alles schlecht..." Und in den fünf immer noch als "neu" bezeichneten 
Bundesländern ist die Tageszeitung, die für die Verbreitung solcher Thesen sorgt, relativ 
viel gelesen. Für eine neue Generation von AktivistInnen ist die DDR so Geschichte wie für 
meine Altersgruppe der Nationalsozialismus oder "1968". Und um eine weitgehend nicht 
selbst erlebte Geschichte ranken sich Mythen, die Konsequenzen haben für die eigene Art 
und Weise, Politik zu machen. Gerade während einer globalen Wirtschaftskrise und damit 
eines Aufschwungs linker Ideen ist das relevant. ---- Die HerausgeberInnen des 
Sammelbandes Was tun mit Kommunismus? diagnostizieren einen neostalinistischen 
Rückschritt, den Christoph Jünke in seinem Beitrag erläutert und der die DDR glorifiziere. 
Beispiele sind die von Gesine Lötzsch im Januar 2011 ausgelöste Kommunismus-Debatte, die 
"Danksagung" für den Mauerbau durch die junge welt im August 2011 und die 
Auseinandersetzung um Luciano Canforas und Domenico Losurdos Rehabilitierungsversuche Stalins.

REVOLUTION UND KONTERREVOLUTION
Das Ende der DDR hat den linken Politikstil massiv verändert. Denn das Setting änderte 
sich radikal: Zur als "Wende" kleingeredeten Revolution von 1989 gehörte die 
Wiedervereinigung 1990, ein binnendeutscher Imperialismus und die Verfestigung der 
deutschen Vormachtstellung in der EU. Dazu gehörte auch die Welle der rassistischen 
Anschläge Anfang der 1990er Jahre, der Kosovo-Krieg und der Umbau des Bildungssystems, der 
1997 zu massiven Protesten an Schulen und Universitäten führte. Das sind Ereignisse, die 
mindestens eine Generation von Linken massiv prägten. Deutlich wird dies in dem Beitrag 
Bini Adamczaks, die auch ihre eigene Geschichte erzählt, in der, obwohl sie 1989 zehn 
Jahre alt war, die Prägung durch die 1989er Revolution und die 1990er Konterrevolution 
deutlich wird. Die Geschichte der DDR inklusive ihrem Ende ist immer auch die Geschichte 
der West-Linken - und dies im weitesten Sinne. Dies schildert etwa Willi Hayek in seinem 
Beitrag: Die Existenz der DDR bewegte einen auch immer dazu, eine andere Form von 
Sozialismus zu (er)finden. Und Hauke Benner führt diese Erzählung weiter zu der 
gegenseitigen Befruchtung der Neuen Sozialen Bewegungen Ost- und Westdeutschlands.

VON DER SOZIOLOGISCHEN PHANTASIE ZUR "KONKRETEN" UTOPIE
Politische Theorie, Kritik der Verhältnisse und eigene Biographie stehen im vorliegenden 
Band im engen Zusammenhang. Die Vielfalt der Erfahrungen und die Bereitschaft, diese 
auszutauschen, machen den Reiz des Buches aus: Haben Adamczak, Hayek und Benner ihre 
westlichen Erfahrungen eingebracht, so bringen u.a. Renate Hürtgen, Bernd Gehrke und Anne 
Seeck die Osterfahrungen in die Diskussion. Herauszuheben ist auch der Beitrag Sebastian 
Gerhards, der die Zeit der "Wende" und die marktwirtschaftliche Ideologieproduktion der 
"Wendehälse" thematisiert, damit auch deutlich macht, wie uneinheitlich die junge 
Geschichte der PDS bzw. Linkspartei ist. In diesen Beiträgen wird klar: Es reicht nicht, 
zu konstatieren, dass die DDR ein Sozialismus mit vielen Fehlern war oder eine gute Idee, 
die falsch umgesetzt wurde. Sondern sie war schlicht gar nicht sozialistisch.

Der Erfahrungsaustausch, der hier geboten wird, ist nicht nur durch mehrere Generationen 
und die Mischung aus Ost- und Westlinken gegeben, sondern auch strömungsübergreifend: 
MarxistInnen, AnarchistInnen, TrotzkistInnen diskutieren. Das ist deswegen inspirierend, 
weil sich an diesem Ansatz jedeR - auch "Nachgeborene" - sinnvoll beteiligen kann. Das 
bedeutet nun nicht, dass es nicht auch rein theoretische Beiträge gibt. Frank Engsters 
Ausführungen zur "Selbstkritik des Kapitals" schrappen nur haarscharf an völliger 
akademischer Unverständlichkeit vorbei. Und Lucy Redlers Beitrag ist enttäuschend nah an 
alter Ideologieproduktion. Dabei hätte sie es nach der Diskussionsreihe, die dem Buch 
voranging, besser wissen können: Denn das "Ei des Kommunismus" wird in dem Buch 
tatsächlich gefunden. Mehrere AutorInnen weisen darauf hin, dass die Frage eben nicht 
lauten muss, "Was verstehen wir unter Kommunismus?" und "Wie stellen wir uns diesen als 
Utopie vor?", sondern, wie es Christian Frings ausdrückt, dass es um die "beständige 
selbstbewusste Produktion von Beziehungen" gehen muss, und zwar in globalem Maßstab: "Wer 
heute Vorschläge für eine andere Welt aus dem Hut zaubert, sollte sich zuallererst fragen, 
ob sie oder er sie denn auch schon mit den Menschen in Asien, Afrika und Lateinamerika 
diskutiert hat."

Mag sein, dass es im Zuge der jüngsten kapitalistischen Krise zu einer unheilvollen 
Renaissance autoritärer Sozialismuskonzeptionen gekommen ist. Allerdings scheint sich doch 
eher das demokratische Modell durchzusetzen. Fast ein Vierteljahrhundert nach der 
ostdeutschen Revolution können jedenfalls Ost- und West-Linke auf einen Diskussionsprozess 
zurückblicken, der sie womöglich in dieselbe Bewegung gebracht hat. Die gegenseitige 
Fremdheit von ost- und westdeutschen Menschen, auch emanzipatorischen, ist immer noch 
krass hoch, nicht anders als die globale. Aber es wird besser. Ob das reicht, ist eine 
andere Frage.

Torsten Bewernitz

Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (Hg): Was tun mit Kommunismus?! Kapitalismus. 
"realexistierender Sozialismus". Konkrete Utopien heute. Unrast-Verlag, Münster 2013. 388 
Seiten, ISBN 978-3-89771-526-4. 18,- Euro.

Das war Spießerkram


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