(de) FAU-IAA Direct Action #220 - Die entfremdete Stadt ...und anarchosyndikalistische Ansätze einer Stadtteilorganisation
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Sun Dec 22 07:57:19 CET 2013
Wenn wir unsere Arbeitskraft im Betrieb verkaufen, so ist den meisten von uns klar, dass
wir diese Arbeit nicht etwa für uns oder für das Allgemeinwohl leisten. Was wir von den
Waren und Dienstleistungen halten die wir produzieren, interessiert unsere
ArbeitgeberInnen herzlich wenig. Wir haben keine oder nur minimale Mitbestimmungsrechte
was Art, Verwendung und Beschaffenheit der von uns produzierten Güter betrifft. Ebenso
gehört das, was wir geschaffen haben, nicht uns. Die Arbeit hat mit uns als Personen quasi
nichts zu tun. Ebenso verhält es sich mit den meisten Gütern die wir konsumieren. Wir
wissen nicht wer sie hergestellt hat, haben zu dem Produkt und denen die es geschaffen
haben, keinerlei greifbare Beziehung.
Da auch die einzelnen Bestandteile der Stadt Waren sind, setzt sich diese Entfremdung in
ihr fort. Weder die ArbeiterInnen, die ihre Bestandteile herstellen und pflegen, noch die
lohnabhängigen1 ,,KonsumentInnen", also die BewohnerInnen, haben wirklichen Anteil an
ihrer Gestaltung, Nutzung und Entwicklung.
Über unser Lebensumfeld entscheiden vordergründig Kapitalverhältnisse. Faktoren wie die
Nähe zur Arbeit, Schule, Mietkosten, Bedingungen der VermieterInnen und vorhandene
Angebote auf dem Wohnungsmarkt spielen bei der Wahl unseres Wohnumfeldes i.d.R. eine
weitaus größere Rolle als die Frage nach der Nachbarschaft, unseren privaten Vorlieben und
den Gestaltungsmöglichkeiten im Stadtteil. NachbarInnen bleiben meist unbekannt,
Eigenheiten und Vorgänge im Stadtteil bekommen wir nur am Rande mit.
In unseren Mietwohnungen werden uns Wohnstandards, Haus- und Grundstücksregeln meist von
der Vermietung diktiert. Kreative Gestaltung oder die freie Aushandlung von Normen des
Zusammenlebens sind Luxus, der sich meist nur mit einem hohen Einkommen finanzieren lässt.
Ebenso verhält es sich mit unserem erweiterten Wohnumfeld. Die Gestaltung städtischer
Flächen, die Straßenführung, die Bereitstellung öffentlicher Einrichtungen wird in den
Stadtparlamenten oft kurzfristig und hinter verschlossener Tür entschieden. Wollen
Nachbarschaften Einspruch gegen unliebsame Bauprojekte o.ä. Erheben, benötigen sie meist
zu viel Zeit um sich zu organisieren und sich im Ränkespiel zwischen Paragraphendschungel,
Vertröstungen und gespielter Bürgerbeteiligung zurechtzufinden. In dieser Zeit werden von
Investoren und Stadtregierungen gerne unumkehrbare Tatsachen geschaffen. Wenn es um
private Grundstücke und Immobilien geht, ist die Ohnmacht noch größer - wer das Geld hat,
hat die Macht, wer keins hat, hat Pech.
Der Mensch in der modernen kapitalistischen Stadt ist ein atomisiertes Individuum, das von
den herrschenden Verhältnissen im Gefühl der Ohnmacht und Beziehungslosigkeit gehalten wird.
STADT OHNE SPRACHE
Doch auch die konkrete Ästhetik der Stadt spricht die Sprache der kompletten
Kapitalisierung des urbanen Zusammenlebens. Öffentlicher Raum, das kann der Ort für
Gestaltung, Kreativität und urbane Kommunikation sein. Faktisch ist Stadt heute aber in
Struktur gegossene Sprachlosigkeit, oder besser: Die Kapitalseite spricht, der Rest hat
die Fresse zu halten. Fassaden, Parks, Gehsteige - alles hat nach geschriebenen und
ungeschriebenen Gesetzen glatt und normiert auszusehen. Eine Innenstadt, ein Vorort, eine
Plattenbausiedlung, ein Gründerzeitviertel etc. sieht aus wie viele andere. Abwechslung
bringen meist nur historische Prunkbauten und Prestigeobjekte. Die Kapitalseite spricht.
Was fehlt, ist Platz für verwilderte Flächen, für Orte und Häuser, die NachbarInnen
einfach nach ihren Bedürfnissen gestalten können. Was sich in der Stadt ablesen lässt: Die
neuesten Konsumangebote, die ungefähre Preislage der Wohnungen, der aktuell angesagte
Pastellton unter Baufrauen/-herren, vielleicht die Zuzugsrate. Was sich nicht ablesen
lässt: Wer sind die BewohnerInnen der Häuser, was denken sie, was finden sie schön? Was
machen sie gerne?
Als eine Gegenbewegung zu dieser Entpersonalisierung und der Entfremdung des Raumes können
dagegen Graffiti und andere Formen von Streetart betrachtet werden. Mit der illegalen
Handlung erhält die Stadt Merkmale, die mit der handelnden Person in Beziehung stehen.
Auch kompensiert Streetart die Zentralisierung von öffentlicher Debatte, in dem sie
oftmals politische Sachverhalte kommentiert oder in Frage stellt. Aber auch reiner
Vandalismus ist sicher oft ein Ausdruck - wenn wohl auch meist unbestimmter - Rebellion
gegen die Machtlosigkeit und Entfremdung des/der Handelnden. So gesehen bilden Zerstörung
und Neugestaltung des urbanen Erscheinungsbilds die wohl am weitesten verbreitete direkte
Aktion gegen die heutigen politischen Verhältnisse.
AUSBRUCH, DER DRANG ZUR SELBSTBESTIMMUNG
Gerade im Hinblick auf urbane räumliche Gestaltung zeigt sich, wie stark der menschliche
Drang nach Selbstgestaltung und -bestimmung ist. Kinder, die in der Stadt aufwachsen,
spielen wie selbstverständlich auf verwilderten Grünflächen und heruntergekommenen Ruinen,
bauen sich eigene Refugien, schaffen Räume der Selbstbestimmung und der kreativen
Verwirklichung. Das etwas Schlimmes daran sein könnte ein Stückchen Welt zu benutzen,
müssen Eltern, Schule und Staat erst noch in ihre Köpfe hämmern. Auch in der Jugend setzt
sich dieses Phänomen oft in Form von stillen Hausbesetzungen fort. Was meist als
Treffpunkt zur Erlangung jugendlicher Autonomie beginnt, weitet sich immer wieder zu
Wohnbesetzungen junger Menschen aus. Der Regelübertritt geschieht hier meist bewusst, mal
aus Protest, mal aus Freude am Kitzel, mal aus der Selbstverständlichkeit heraus, dass die
heutigen Besitzverhältnisse eine ungerechte Absurdität sind.
Erscheinungen dieser mehr oder weniger politisch motivierten Regelübertritte im Ringen um
Selbstbestimmung und freie Nutzung der Stadt ließen sich noch viele finden, z.B. die
Umgestaltung von Grünflächen, spontane Happenings im Park, Feiern in leerstehenden
Industrieruinen, öffentliche Hausbesetzungen usw. Meist verhindern jedoch der mangelnde
Rückhalt in der NachbarInnenschaft, die massive städtische und staatliche Repression oder
der von Beginn an temporäre Charakter dieser Aktionen nachhaltige Veränderungen.
EIN BISSCHEN ANDERS
Konkrete Ansätze, wie es über den Rahmen einzelner linker Hausprojekte oder Wagenplätze
hinaus möglich ist, sich gemeinsam zu organisieren, bietet ein Blick in einen Teil des
Dresdner Stadtteils Löbtau. Schon vor Jahren waren hier unabhängig voneinander ein
selbstverwaltetes Studierendenheim, ein linkes Hausprojekt und kostengünstige
ArbeiterInnen-WGs entstanden. Seit 2009 häuften sich Auseinandersetzungen mit
FaschistInnen, die auch immer wieder BewohnerInnen des Viertels attackierten. 2011
gipfelte die rechte Gewalt in einem Angriff von 250 FaschistInnen auf insgesamt vier
Häuser der Nachbarschaft. Dieser bittere Anlass ließ die NachbarInnen näher
zusammenrücken. Am Tag danach wurden die gröbsten Schäden zusammen beseitigt und eine
erste NachbarInnenversammlung einberufen.
Mittlerweile entwickelte sich daraus ein NachbarInnennetzwerk aus über hundert Menschen,
die sich kennen und mal mehr, mal weniger miteinander kooperieren. Aus den verschiedenen
Kreisen entwickelten sich kulturelle und politische Veranstaltungsreihen, DIY-Angebote,
zwei kollektiv genutzte Gärten, eine selbstgebaute Nachbarschaftssauna, ein
Emailverteiler, um Termine, politische und soziale Geschehnisse bekannt zu geben, aber
auch Zimmer- und Wohnungssuche zu koordinieren. Immer wieder wurden dabei
selbstverständlich Mittel der direkten Aktion genutzt und nicht nach Gesetz, sondern nach
moralischer Beurteilung gehandelt. Daneben wirkt sich die soziale Vernetzung der
NachbarInnen auch in alltäglicher Hilfe und einem verbesserten Klima aus. Der wichtigste
Fortschritt ist aber vielleicht der, dass progressive MitarbeiterInnen des Grünflächen-
und Stadtplanungsamts das Plenum und die Einzelpersonen der Nachbarschaftsvernetzung als
Verhandlungspartner zur Neugestaltung von Flächen im Stadtteil anerkannt haben. So wird
aktuell die zweite Fläche nach den Wünschen der NachbarInnen gestaltet, und es konnten
halbwilde Grünflächen, eine Streuobstwiese, Hängematten, Graffitiwände und mehr
durchgesetzt werden.
WAS HAT DAS MIT SYNDIKALISMUS ZU TUN?
DAS ECKHAUS WERNERSTR./CVOLUMBUSSTR. - BEKANNT DURCH DAS LINKE WOHNPROJEKT "PRAXIS"
Die FAU ist heute noch keine große Gewerkschaftsföderation und ist gezwungen, sich vor
allem auf gewerkschaftliche Kernaufgaben des Arbeitskampfs zu konzentrieren, um an Breite,
Bekanntheit und Wirkmacht zu gewinnen. Das Konzept anarchosyndikalistischer Organisation
bedeutete aber schon immer mehr als den reinen Kampf in der kapitalistischen Produktion.
Nach dem Konzept der Arbeiterbörsen haben die lokalen FAU-Gewerkschaftstrukturen
langfristig auch die Aufgabe, alle anderen gesellschaftlichen Belange zu organisieren oder
mit anderen emanzipatorischen Initiativen in diesem Sinne Hand in Hand zusammenzuarbeiten.
In den Nachbarschaften kann die FAU in diesem Sinne z.B. Strukturen aufbauen, um die
aktive Selbstorganisation der BewohnerInnen zu fördern. Praktisch kann dies zum Beispiel
in der Schaffung von Nachbarschaftsinformationsbüros geschehen, die nicht nur
gewerkschaftliche Beratungen anbieten, sondern ebenso Angebot und Nachfrage für
ehrenamtliche Pflege- und Hausarbeiten vermitteln. Mit eigenen Fonds könnte die Schaffung
von sozialverträglichen und kollektiv organisierten Wohn- und Arbeitsräumen in Angriff
genommen werden, Grünflächen unter Verwaltung der AnwohnerInnen gebracht werden usw.2
Ebenso könnten in den Nachbarschaften mit Hilfe der FAU Umsonstläden und
Vertriebskollektive für kollektiv produzierte Waren3, soziale Zentren, freie
Kindertagesstätten usw. entstehen. Sicher sind auch hier der Ausbreitung durch die
Kapitalverhältnisse starke Grenzen gesetzt. Doch schon heutige Beispiele zeigen, dass
bundesweit und international föderierte Strukturen finanziell und politisch um ein
vielfaches schlagkräftiger sind als zufällig vernetzte Einzelinitiativen. Schließlich
ermöglicht jede weitere selbstkritisch-kollektive Struktur neue Freiräume, um Konzepte der
Selbstverwaltung und partiell auch der Schenkwirtschaft zu erproben, in Frage zu stellen
und zu optimieren und so die komplette Übernahme aller gesellschaftlichen Belange in
Selbstverwaltung ein bisschen möglicher zu machen.
Wolf Meyer, Dresden
[1] ? Gemeint sind hier nicht nur Menschen in einem Lohnverhältnis, sondern ebenso z.B.
Menschen, die auf den Lohn von Angehörigen oder staatliche Transferleistungen angewiesen sind.
[2] ? Siehe dazu das schon heute gut funktionierende Mietshäusersyndikat, das Kollektiven
bei der Schaffung selbstverwalteter Häuser und Flächen rechtlich und finanziell hilft.
[3] ? Siehe Artikel zum Konzept ,,Gewerkschaftlich organisierter Betrieb" (,,Geiles Label
sucht cooles Kollektiv" DA 218)
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