(de) FAU-IAA Direct Action #220 - Hallo, bist du hier Chef? Nein? Super! -- ArbeiterInnen organisieren sich in der Dresdner FAU-Gastronomiegewerkschaft
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Thu Dec 19 15:26:28 CET 2013
Nach knapp drei Monaten ihres Bestehens kann die Initiative Basisgewerkschaft Nahrung und
Gastronomie (I-BNG) der Dresdner FAU schon einige Anfangserfolge verbuchen. Die
Branchensektion ist aktuell in sieben Betrieben vertreten, hat im ersten Lokal 100% der
KellnerInnen organisiert und eine erste große Kampagne begonnen. Daneben wurden ein
Emailverteiler für interessierte KollegInnen und ein öffentlicher Lohnspiegel angelegt.
---- GEWORBEN WIRD DIREKT IM BETRIEB ---- Angestoßen wurde die I-BNG vor allem durch eine
Betriebsgruppe, die im Mai bei einer Verhandlung eine Lohnerhöhung von 20% durchsetzen
konnte und in der schon damals FAU-Mitglieder aktiv waren. Aufgrund der guten Resonanz
entschlossen sich mehrere KollegInnen, eine Branchensektion innerhalb der lokalen FAU auf
die Beine zu stellen.
Die Situation in der Branche ist dafür günstig: Die KellnerInnen, KöchInnen und
Putzkräfte, gerade im Dresdner Kneipenviertel ,,Neustadt", sind sozial gut vernetzt.
Zusätzlich haben sie oft ein Bewusstsein für ihre prekären Beschäftigungsverhältnisse und
gemeinsame materielle Nöte. Zeitgleich befinden sich viele Betriebe in räumlicher Nähe,
was schnelle Absprachen und regelmäßige Diskussionen erleichtert.
Seit der Entstehung der Initiative gehen Mitglieder und solidarische KollegInnen
regelmäßig mit Werbung für Veranstaltungen und anderen Infomaterialien der I-BNG direkt in
die Betriebe. Allein durch diese Rundgänge hat sich die Vernetzung unter den KollegInnen,
aber auch der Bekanntheitsgrad der I-BNG, schnell erhöht. In vielen Betrieben sind die
verteilenden KollegInnen schon bekannt, Flyer etc. werden schneller angenommen und an die
Restbelegschaften weiterverteilt.
MINDESTLOHN UND ARBEITSRECHT
Einen Hauptschwerpunkt der ersten Organisationsphase bildet die Erstellung von
Grundlagenmaterial. Neben einem allgemeinen Vorstellungsflyer ist so schon eine Broschüre
für die gewerkschaftliche Durchsetzung von Mindestlöhnen mittels der I-BNG entstanden,
daneben gibt es einfache Werbemittel wie Sticker und Bierdeckel. Eine Anleitung zum
solidarischen Verhalten im Betrieb, Umgang mit wirtschaftlich angegriffenen Betrieben und
eine Arbeitsrechtsbroschüre sind in Planung oder werden schon erarbeitet.
Die Situation in den knapp 25 Betrieben, zu denen schon Kontakt aufgenommen werden konnte,
stellt sich relativ ähnlich dar. Der überwiegende Teil der Beschäftigten arbeitet im
Minijob oder soloselbstständig. Die meisten stocken mit ALG-II auf. Grundlegende
Arbeitsrechte wie Pausenzeiten, Recht aufs Trinkgeld, Bezahlung von Probearbeit und Urlaub
sind in den meisten Betrieben ein Fremdwort. Der Lohndurchschnitt rangiert zwischen sechs
und sieben Euro pro Stunde netto. Gerade vor dem Hintergrund des katastrophalen
Lohnniveaus entschied sich die I-BNG nach längeren Diskussion mit KollegInnen die schon
erwähnte Kampagne ,,8,50Euro - Drunter geht's nicht!" ins Leben zu rufen. Die Forderung
mag ein wenig zu lasch erscheinen, da 8,50Euro weder einen annehmbaren Lebensstandard noch
eine sinnvolle Altersversorgung ermöglichen. Hintergründe der Entscheidung sind die
geringe Erfahrung der meisten Beschäftigten mit gewerkschaftlicher Aktivität, der starke
Hang zu sozialen Beziehungen mit den ChefInnen durch die meist geringe Betriebsgröße und
die Tatsache das es sich bei der angestrebten Lohnerhöhungen z.T. schon um 20-30% handelt.
Die I-BNG will diese bescheidenen Lohnziele mit einfachen Verhandlungen oder kurzlaufenden
Haustarifen durchsetzen und so in möglichst vielen Betrieben ein Grundlohnniveau aber auch
eine gewerkschaftliche Stärke entwickeln.
Eng mit der Kampagne in Verbindung steht der öffentliche Lohnspiegel den die I-BNG auf
ihrer Website anbietet. Aktuell sind dort Lohnniveaus nebst Arbeitsrechtsverstößen der
ersten neun Betriebe gelistet. Die Übersicht soll KollegInnen bei der eigenen Einschätzung
ihrer Lage, der Vernetzung aber auch der Jobsuche weiterhelfen. Ebenso richtet sich die
Liste jedoch auch an KundInnen. Diese können durch Proteste, aber auch durch bewusste
Konsumentscheidung ihrerseits langfristig finanzielle Anreize für Lohnerhöhungen in den
Betrieben schaffen. Aktuell wird unter KollegInnen aktiv dafür geworben, dass eigene
Beschäftigungsverhältnis auf der Website anonym zu ,,leaken". Ab nächsten Monat wollen
einzelne KellnerInnen die Lohntabelle mit Begleittext in regelmäßigen Abständen in den
Kneipenvierteln plakatieren.
Wolf Meyer
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