(de) FdA-IFA, Gai Dào #35 - Geschichte - Machnowstschina und Antisemitismus -- Von M.N.* / Übersetzung aus dem Jiddischen: Marcel Heinrich

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Wed Dec 11 09:28:01 CET 2013


Der folgende Artikel erschien am 5. Mai 1922 auf der Titelseite der jiddischen 
Wochenzeitung Fraye arbeter shtime . Sie war von 1890 bis 1977, mit nur kurzen 
Unterbrechungen, die wichtigste jüdisch anarchistische Zeitschrift in jiddischer Sprache 
und wurde auf der ganzen Welt aufmerksam rezipiert. Der Autor des Textes ist unbekannt, in 
einer Fußn ote wird jedoch seine Identität angesprochen. Vielleicht, man könnte es wegen 
dem Namenskürzel "M.N." vermuten, war es Nestor Machno selbst, der diesen Artikel für die 
Fraye arbeter shtime schrieb. ---- * Hinweis zum Autor: Auf Verlangen der Redaktion hat 
der Genosse Alexander Berkman den Schreiber, der einer der Hauptanführer der 
Machno-Bewegung gewesen ist, darum gebeten, für die Fraye arbeter shtime seine Stellung 
zum A ntisemitismus zu beschreiben. Genosse Berkman garantiert für die Ehrlichkeit und 
Aufrichtigkeit des Schreibers. (Redaktionskollektiv Fraye arbeter shtime)

Die Machnowstschina, so wie jede uralte revolutionäre Bewegung
auch, von der zeitweise eine allgemeinen Revolution auszugehen
drohte, hat bei den vorherrschenden politischen Schulen natürlich
keine Sympathie gefunden. Solche Bewegungen werden erst dann
besungen und beschrieben, wenn sie die herrschende Ordnung der
Dinge nicht mehr bedrohen. Die Gegenwart begegnet solchen
Bewegungen immer mit Feindschaft und Krieg. Es werden alle
möglichen Mittel genutzt, um sie zu bekämpfen. So war es bei der
ehemaligen Sklavenbewegung von Spartakus und so war es bei der
russischen Bauernbewegung unter Smenkorazen und Puyatshew.
Genau dassselbe passiert jetzt mit den Machnowstschina. Auch wir
hören viel Falsches aus den Mäulern der Menschiwiki, der Seren und
der anarchistischen Bolschewisten. Was lässt sich denn schon aus den
Mäulern der kommunistischen Partei erwarten, deren ganze Existenz
auf dem Tod dieser Bewegung aufgebaut ist? Doch das sind
selbstverständlich Lügen.

Die Machnowzi haben gegen die Gewalttaten der kommunistischen
Partei gekämpft. Gleichzeitig mussten sie gegen die
Konterrevolutionäre kämpfen - Denikin und Wrangel. Die
Bolschewisten haben das ganz genau gewusst und haben
unverschämterweise behauptet, dass sich die Machnowstschina formal
mit den beid en Generälen in einem kriegspolitischen Verband
befinden. Die kommunistischen Herrscher, welche die Machnowzi
bekämpften, konnten sich nicht zurückhalten, ein alt erprobtes Mittel
zu gebrauchen, das von allen Herrschern zu jeder Zeit gebraucht
wurde: den Gegensatz von Rasse und Nation, des Antisemitismus. Es
sind mir nie Beweise untergekommen, dass antisemitische Ausbrüche
je öffentlich mit der Machno-Bewegung in Verbindung gebra cht
wurden. Die sonderbare Legende vom Antisemitismus und der
Machnowstschina ist von der kommunistischen Macht überall
verbreitet worden. Ihre Agenten verbreiteten ohne Unterlass diese
Legende, so dass sie natürlich die Aufmerksamkeit der jüdischen
Massen auf sich zog.

Es ist nicht notwendig zu erwähnen, dass die Legende unverschämt
falsch und eine Lüge ist. In Russland und womöglich in der ganzen Welt
ist Machnos Armee die Einzige, die sich nie an Pogromen gegen Juden
beteiligt hat.

Die Machnowstschina muss von zwei Seiten betrachtet werden:
Erstens, die Armee, die sich ständig in Bewegung vom einen Platz zum
nächsten befand, und zweitens, das große in Dörfern lebende

Bauerntum, das mit Machnos Armee sowohl ideell als auch logistisch
verbunden war. Sowohl für die Armee als auch für die Masse der
Bauern, welche die Armee verpflegte, gilt, dass sie stets die besten
Freunde der arbeiten den Juden waren. Die jüdischen Bevölkerungen
von Gulei Pole, Aleksandrovsk, Beridiansk, Mariopol sowie von viele
andere Städte und Dörfer können und werden über die Personen der
Machnowstschina sagen, dass sie in ihnen stets hingebungsvolle
Freunde gefunden haben - Revolutionäre.

Als einer der Beteiligten dieser Bewegung, verfüge ich über alle
Beweise, welche diese Fragen betreffen. Hier nur einige wenige
wichtige Fakten.

Am 12. Mai 1919 sind in der jüdischen Erdarbeiterkolonie Garke,
Alexandrover, etliche jüdischen Familien ermordet worden, insgesamt
zwanzig Menschen. Machnos Stab hat sofort ein Komitee
zusammengestellt, das feststellte, dass die Verbrechen von sieben
Bauern aus dem Dorf Uspenavka begangen worden sind. Da sie Teil der
Povstantshevsker Armee gewesen sind, wurden sie vor ein
Kriegsgericht gestellt und zum Tode verurteilt. Später wurde
festgestellt, dass dieses Ereignis, wie auch spätere, von den Agenten
Denikins, die in der Gegend von Gulei Pole tätig waren, provoziert
worden war.

Im gleichen Monat, im Mai 1919, veranstalteten die Soldaten von
Otaman Grigoriev, die keine Verbindung zu den Machnowstschina
hatte n, in der Stadt Yelisavetgrad einen größeren Pogrom. Etliche
tausend Menschen waren betroffen, nahezu die ganze jüdis che
Bevölkerung. Machno und seine Genossen wurden sehr wütend und
beschlossen, dass niemand außer ihnen selbst Gregoriev dafür
bestrafen werde. Die Aufgabe war kompliziert, aber Machno hat sie
durchgeführt. Auf dem Treffen der Partisanen von Tavrie, Khersan und
Jekaterinoslaw, im Juli 1919, hat er Gregoriev des unverzeihlichen
Yelisavetgrader Pogroms beschuldigt und ihn vor den Augen der
ganzen Versammlung erschossen. Die Ermordung des Gregor iev hat die
ganze Pavstatshevsker Bewegung auf sich genommen und das Treffen
der Partisanen hat die Tat als historische Notwendigkeit ins Protokoll
eingetragen.

Am 5. Mai 1919 fuhr Machno durch die Station Verkhni Takmak, als er
plötzlich ein Plakat mit der folgenden Aufschrift entdeckte: "Schlagt
die Juden, Rettet die Revolution, Lang lebe Machno!" - Machno hat
gleich gefordert, dass man den Urheber des Plakats zu ihm bringen
soll. Es meldete sich ein Partisan, den Machno persönlich kannte. Er
hatte an der Schlacht gegen Denikin teilgenommen und war im
allgemeinen kein schlechter Kerl. Machno hat ihn auf dem Platz, auf
dem er stand, und in Anw esen heit einer großen Anzahl Menschen
erschossen.

Seien die dargebrachten Fakten nun gut oder schlecht, sie beweisen
eines, es zeigt wie streng Machno jede Erscheinung des Antisemitismus
verfolgte.

Unter den Beteiligten des großen Pavstatshevsker Aufstandes von
1918-1919 haben sich natürlich auch Menschen mit zweifelhaften
Neigungen gemischt. Diese waren jedoch nicht das Produkt der
Pavstatshevsker oder der allgemeinen russischen Wirklichkeit und
hatte n innerhalb der Bewegung keine Bedeutung. Das gleiche gilt für
die in verschiedenen russischen Städten aufgetretene Aufregungen
über Antisemiten. Mit der Machnowstschina hatten sie nichts zu tun.

In der Machnobewegung waren nicht wenige jüdische Revolutionäre
und sie haben keine kleine Rolle gespielt. Viele von ihnen haben sich an
der schweren Arbeit für die Revolution 1905 beteiligt. Eine gute Hälfte
der Kultur- und Erziehungsabteilung der Machnoarmee war Juden. Der
Vorsitzende der größten Körperschaf t in der Bewegung, der regionale
kriegs-revolutionäre Sowjet, war ein Jude, der Anarchist Kohen. Rund
ein Zehntel der besten jüdischen Revolutionäre waren in der
Machnobewegung, die für sie die einzige revolutionäre Volksbewegung
gewesen ist.

Der Antisemitismus existiert in Russland, so wie in einigen anderen
Ländern. In Russland oder überhaupt in der Ukraine kam der
Antisemitismus nicht durch die revolutionären Epoche oder die
Pavstatshevsker Bewegung, sondern als Erbe aus der Vergangenheit.
Die Machnowstschina haben überall mit Wort und Tat dagegen
gekämpft. Noch vor der Zeit der Bewegung haben sie Schriften
herausgebracht, in denen si e die Massen zum Kampf gegen das Übel
aufgerufen haben. Man kann sicher sagen, dass die Machnowstschina
beim Kampf gegen den Antisemitismus in der Ukr aine und in der
ganzen Gegend, große Arbeit geleistet ha ben.

Die Machnowstschina ist die revolutionäre Bewegung der untersten
Volksschichten. Sie trägt den tiefen Geist der Völkerbruderschaft, mit
dem alle schuftenden Arbeiter geboren sind. Sie ist eine soziale
Bewegung, wie es sie nicht viele gibt, die sich nicht für Nationalität
interessiert, sondern für welche die Arbeit und die Freiheit der Arbeit
die Hauptsache sind.

Der Antisemitismus wird immer wieder von Regierungen verschiedener
Länder zur Verbesserung der Lage genutzt. Davon haben sich auch
nicht die kommunistischen Herrscher abgesagt. Aber natürlich haben
sie ihn anders genutzt als unter dem Zaren. Er ist "edler" und
"sozialistischer" geworden, doch im Kern hat er sich nicht verändert. Sie
haben das Schreckbild des jüdischen Volksunglücks herbeigerufen. Das
eine wissen wir, d er Antisemitismus hat sich schon immer ein anderes
Äußeres gegeben.

Dieser Text soll den jüdischen Arbeiterernsthaft mit der Frage beschäftige.
unterrichten, auf dass er sich

M.N. Makhnovshtshine un antisemitizm. in: Fraye arbeter shtime, Nr.
1158, 5. Mai 1922, S. 1.

Nachbemerkung des Übersetzers: Die vorliege nde Übersetzung richtet
sich nach den Jiddisch/Englisch Wörterbüchern von Weinreich und
Harshav. Einige Stellen wurden dem Sinn nach übersetzt oder, wenn ich
sie nicht verstanden habe, ganz weggelassen. Unbekannte Eigennamen
sind als Transkription niedergeschrieben.


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