(de) FdA-IFA, Gai Dào #35 - Israel/Palästina-Konflikt -- Against the Wall: Anarchistische Mobilisierung*

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Tue Dec 10 08:45:47 CET 2013


Der neue Anarchismus in Israel ---- In den letzten 10 Jahre erlebten wir ein komplettes 
Wiedererwachen eines globalen Anarchismus mit einer durchgängigen politischen Praxis, wie 
er in Ausmaß und Umfang seit den 1930ern nicht mehr zu sehen gewesen war. (...) ---- ?Die 
aktuelle Diskussion basiert insofern auf einem Verständnis von Anarchie als einer primär 
politischen Kultur, die innerhalb eines globalen Netzwerks von frei gebildeten Gruppen und 
Kollektiven. ---- Einige der Hauptmerkmale dieser Kultur sind: 1. Ein Repertoire von 
Aktivitäten, das direkte Aktion, soziale Nachbarschaftsarbeit, militante Konfrontationen 
auf der Straße und Gegenkultur verbindet. 2. Eine antihierarchische Organisationsform, die 
auf freiwilliger Assoziation, Konsens und Spontaneität beruht. Und 3. Eine politische 
Sprache und Diskussion, deren zentralen Ideen einen eindeutigen Bezug zur anarchistischen, 
revolutionären Tradition aufweisen. Die direkte, ethnografische Begegnung mit dem letzten 
Element formen die Basis für die Analyse der Diskussionsmerkmale des gegenwärtigen 
Anarchismus als einer ideologischen Familie.

Drei Themen ragen heraus: Die Ablehnung einer hierarchischen
Gesellschaft und aller Regimes einer sozialen Autorität, was
Kapitalismus, Staat, Patriarchat und Rassismus mit einschließt; eine
Befürwortung der direkten Aktion, die ohne Führung Justiz und
Hierarchie angreift, sowie die Selbstorganisation alternativer sozial er
Räume mit einer Betonung von Verschiedenheiten als Wert, was
ergebnisoffene Ziele und die Tendenz zur Ablehnung utopischer
Vorgaben zu Gunsten des Experimentierens und von Kreativität zur
Folge hat.

In Palästina/Israel w ar Anarchismus für Jahrzehnte eine beständige
Unterströmung, von dem libertären Sozialismus der frühen Kibbutz
Bewegung bis zu den yiddischen Publikationen und Kultur-Klubs der
1950er Jahre.

Der zeitgenössische israelische Anarchismus entstand in der Punkszene
der späten 80er, zu einer Zeit, als die Ablehnung und Verweigerung der
Armee während der ersten Intifada anstieg. Die israelische
Tierrechtsbewegung entstand im selben Milieu und viele israelische
Anarchist*innen waren Teil dieser Bewegung. Der größte Zuwachs kam
in den 90ern mit dem Widerstand gegen die kapitalistische
Globalisierung. So wie Proteste gegen Straßenbau entscheidend für die
Konsolidierung der britischen anarchistischen Bewegung war, so waren
die Graswurzelproteste gegen den Bau der israelischen Autobahn, die
zivilen Ungehorsam und Sabotageakte umfasste, für viele junge
Aktivist*innen eine radikalisierende Erfahrung, obwohl das Ziel, den
Bau zu verhindern, nicht erreicht wurde.

Die Schnittpunkte, die in der Kampagne impliziert waren -
Umweltverschmutzung, öffentlicher Raum, Landrechte der
Araber*innen und die Absprachen zwischen Regierung und
privatwirtschaftlichen Interessen - führten zu einer starken Umwelt-
und Gerechtigkeitsagenda in Israel. Inspiriert von den großen
antikapitalistischen Protesten in London und Seattle Ende 1999
organisierten israelische Aktivist*innen Reclaim-the-Streets-Partys und
Food-not-Bombs-Aktionen und gründeten den ,,Salon Mazal"-Infoladen
sowie Indymedia Israel. In dieser Zeit kam es auch zur Verbreitung
typisch anarchistischer Organisationsmethoden: freiwillige
Assoziationen, Entcheidungen nach dem Konsensprinzip und
Vernetzungen durch kulturelle Veranstaltungen, spontanen
Versammlungen und dem starken Gebrauch von E-Mails und
Webseiten.

Der Ausbruch der zweiten, bewaffneten Intifada 2000 führte dazu,
dass die radikalen Israel*innen sich schnell weg von Umwelt- und
Globalisierungsthemen hin zu aktuellen Aspekten von Okkupation und
militärischer Gewalt an ihrer eigenen Haustür orientierten. Das
wichtigste Organ zur Solidarisierung mit den palästinensischen
Kommunen war zunächst die Ta'ayush (arabisch-israelische
Partnerschaft), ein Netzwerk, welches auf seinem Höhepunkt hunderte
aktiver Teilnehmer*innen hatte, sowohl jüdis che als auch
palästinensische Bürger*innen Israels. Obwohl nicht explizit
anarchistisch, organisierte sich die Ta'ayusch nach dem Konsensprinzip
und ohne formale Mitgliedschaft, und sie führte direkte
Solidaritätsa ktionen von unten für die palästinensischen Kommunen
durch: Zum Beispiel Essen in belagerte Dörfer und Städte zu bringen,
palästinensische Bäuer*innen gegen Siedler*innen und Soldat*innen zu
verteidigen, wenn sie ihre Felder bestellten. Ab Sommer 2001 kamen
viele internationale Anarchist*innen als Freiwillige der Internationalen
Solidaritätsbewegung (ISM) in die Region, eine von Palästinenser*innen
geführte Koordination, die Europäer*innen und Nordamerikaner*innen
mobilisierte, sich gewaltfreien Aktionen von Paläs tinenser*innen in der
Westbank anzuschließen. Zu den ISM-Aktionen gehörten die Bildung
von Menschenketten, um Soldat*innen zu blockieren, während
Palästinenser*innen militärische Straßenblockaden einrissen, die
Abhaltung von Massendemonstrationen oder die kollektive
Missachtung von Ausgangssperren, um Kinder in die Schule zu bringen
oder Felder zu bestellen. ISM-Mitbegründer Ghassan Andoni schätzt,
dass ca. 20 % der ISM-Freiwilligen jüdisch waren.

Im Frühjahr 2002, während einer Intensivierung israelischer Gewalt in
der Westbank, wie die Zerstörung des Flüchtlingslagers Jenin und die
Belagerung der Geburtskirche in Bethlehem, wurden die Aktivitäten in
die defensivere Ri chtung von menschlichen Schutzschilden und
Beobachter*innen gedrängt. ISM-Aktivist*innen blieben in von Abriss
bedrohten Häusern von Palästinenser*innen, begleiteten
Krankenwagen und Arbeiter*innen, die Schäden reparierten und
brachten Nahrung und Medizin in belagerte Kommunen. Als die Gewalt
abnahm, wurde die ISM wieder proaktiv, indem sie mehr
Demonstrationen, die Ausgangssperren missachteten und einen
internationalen Solidaritätstag für die Palästinenser*innen
organisierten.

Im Frühjahr begann eine heftige Krise der ISM aufgrund mehrerer
aufeinander folgender, tragischer Ereignisse. Die Ermordung der ISM-
Freiwilligen Rachel Carrie T om Hurndall im Gaza-Streifen fungierte als
eine effektive Abschreckung, die die Anzahl der Freiwilligen in der
Region stark reduzierte. Schließlich begann die Regierung eine
Kampagne gegen die ISM, sie fälschlicherweise beschuldigend,
Terroristen zu unterstützen, und die Armee machte eine Razzia im ISM
Medien-Büro in Beit Sahour. Es wird angenommen, dass unter den
beschlagnahmten Dingen eine umfassende Liste von ISM-Freiwilligen
sowie ihre Adressen und Passnummern war. Dies versetzte den
israelischen Sicherheitsapparat in die Lage, ihre Sperrliste nicht
willkommener internationaler Personen zu erweitern, was zu einer
Erhöhung der Anzahl von Deportationen und Einreiseverweigerungen
führte.

Die ISMobwohlhat nie wieder ihre alte Stärke und Dynamik zurückgewonnen,
bis zum heutigen Tag Freiwillige im Land anwesend sind.

Im Frühjahr 2003 auch verspürten Israel*innen, die mit ISM-Gruppen
zusammengearbeitet hatten, vermehrt das Bedürfnis, ihrem eigenen
Widerstand als Israel*innen mehr Sichtbarkeit zu verleihen und riefen
eine autonome Gruppe ins Leben, die mit Palästinenser*innen und
Internationalen zusammenarbeitete. Inzwischen begann in der
besetzten Westbank der Bau derjenigen Sperre Wirklichkeit zu werden,
die als Trennungsmauer oder Apartheitsmauer bekannt ist.

Nach einigen sporadischen Aktionen und Demonstrationen gegen die
Barriere begann eine kleine Gruppe sich zu treffen und eine
vertrauensvolle Reputation von israelischen Direkte-Aktion
Aktivist*innen aufzu bauen, die bereit waren, gemeinsam mit
palästinensischen Kommunen Widerstand zu leisten. Im April 2003
luden Nazeeh Sha'labi, Hani Amer und andere Farmer*innen aus dem
Westbank-Dorf Mas'ha die Gruppe ein, ein Protest-Camp auf ihrem
Land zu errichten, von dem sie durch die Mauer abgeschnitten zu
werden drohten. Das Protest-Camp wurde zu einem Zentrum für
Information und Widerstand gegen den geplanten Bau. Während der
viermonatigen Dauer des Camps kamen mehr als eintausend
Israel*innen und Internationale, um die Situation kennenzulernen und
sich dem Widerstand anzuschließen. Während des Camps begann die
Gruppe sich ,,Anarchists Against Fences" zu nennen. In English ist sie in
der Regel als ,,Anarchists Against the Wall" (AAtW; die
Doppelbuchstaben fehlen in anderen Sprachen) bekannt. Nach der
Räumung des Camps, bei der es zu 90 Verhaftungen kam, wurden
AAtW eingeladen, an täglichen Aktionen gegen den Bau der Mauer im
Dorf Budrus teilzunehmen. Während 55 gewaltfreien Aktionen, die
2004 folgten, töteten israelische Soldat*innen einen Protestierenden
und verletzten ca. 300 Personen.

Durch den Druck des Widerstands und eines legalistischen
Präzedenzfalls, den Anarchist*innen im Fall Beit Surik (s. u.) erreichten,
verlegte der Staat die Barriere schließlich weiter westlich, was 300 Ha
Land und 3.000 Olivenbäume rettete.

Im Jahr 2004 wurden auch in zahlreichen Dörfern Basiskomitees gegen
die Barriere gebildet, die Israel*innen einluden, am Widerstand
teilzunehmen. Demonstrationen und Aktionen fanden fast täglich in
Salem, Anin, Biddu, Beit Awwa, Deir Balut, Beit Surik, und Beit Likia,
sowie in palästinensischen Nachbarschaften, die durch die Mauer um
Jerusalem eingeschlossen waren, statt. Die Präsenz der Israel*innen
und Internationaler, war die Armee in der Regel gezwungen, tödliche
Repression zu vermeiden und bei einigen Aktionen gelang es
Palästinenser*innen und Israel*innen, die Bauarbeiten für den Tag
anzuhalten, Abschnitte der Mauer einzureißen oder zu beschädigen
oder durch ihre Tore durchzubrechen. Ab Februar 2005 unterstützte
die Gruppe hauptsächlich wöchentliche Demonstrationen im Dorf
Bil'in, eine widerständige Mobilisierung, die m it hohen
Teilnehmer*innenzahlen trotz gewalttätiger Repression drei Jahre
anhielt.

Eine typische Freitagsdemonstration in Bil'in (oder Ni'lin) beginnt nach
dem Freitagsgebet mit einem Marsch im Zentrum des Dorfes und einer
anschließenden Prozession mit Gesang und Trommeln Richtung Mauer.

Um die Aufmerksamkeit der Medien für den Protest zu erhalten (und
das Militär zu irritieren und zu verwirren), hat die Demonstration einen
besonderen symbolischen Ausdruck: Den Versuch, Bäume entlang der
Mauer zu pflanzen, ein Trauermarsch, der den Tod des Dorfes aufgrund
der Erstickung seiner Lebensgrundlage erklärt, oder die Erinnerung an
ein historisches Ereignis. Israelische Kräfte (normalerweise von der
Grenzpolizei) erwarten die Protestierenden an der Mauer oder
begegnen ihnen manchmal auf dem Weg dorthin. Obwohl es den
Protestierenden manchmal erlaubt wird, die Mauer zu erreichen,
Parolen zu singen und von den Medien interviewt zu werden, erklären
die israelischen Soldat*innen die Zone schließlich unweigerlich zu
einem geschlossenen militärischen Sperrgebiet und beginnen den
Marsch mithilfe von Tränengas, Schockgranaten, Gummigeschossen,
Stößen und Schlägen aufzulösen. .In diesen Situationen versuchen
einige Demonstranten vielleicht an der Mauer zu bleiben oder einen
anderen ihrer Abschnitte zu beschädigen, bis sie vertrieben oder
verhaftet werden. Wenn die Demonstration sich in das Dorf
zurückzieht, bewegen sich Jugendliche aus dem Ort auf die Rückseite
und beginnen Steine zurück auf die israelischen Kräfte zu werfen. Dies
führt manchmal zu einem Eindringen von Militär-Jeeps in das Dorf und
zu weiteren Verhaftungen. Um fünf Uhr morgens ist alles in der Regel
wieder ruhig.

Seit 2005 wiederholt sich diese höllische Prozedur wöchentlich mit teils
mehr, teils weniger Gewalt. Im Laufe der Zeit änderte sich die
Zusammensetzung der Gruppe gänzlich und die physischen und
emotionalen Konsequenzen regelmäßiger Gewalt machten sich
bemerkbar. Seit 2009 existiert eine regelmäßige Präsenz einer AAtW
Gruppe auf den Freitagsdemos in Ni'lin, Bil'in, und Ma'asra. Es gibt auch
Vernetzungen mit einigen anderen Dörfern.

Es sollte bedacht werden, dass AAtW nur eine Aktionssphäre innerhalb
der größeren anarchistischen Bewegung darstellt, die für viele
Antibesatzungsdemos und -aktionen in Israel mobilisierte.
Aktivist*innen haben Stacheldraht gespannt und in verkehrsreichen
Straßen Nord-Tel Avivs Kontrollposten nachgestellt, und kurzzeitig

Panzer und Einsatzfahrzeuge erklettert, die sich auf das Eindringen in
den Gazastreifen vorbereiteten. Es gab auch eine breite Beteiligung
von Anarchist*innen bei israelischen Protesten gegen den Krieg gegen
den Libanon im August 2006 und gegen den Gazastreifen im
September 2008. Anarchist*innen stellten einen großen Anteil an den
Demonstrationen gegen diese Angriffe und blockierten kurz den
Eingang zu einer Luftflottenbase auf den Höhepunkten der beiden
Kriege.

Dynamik der Mobilisierungen

Nach Vorstellung der Entstehung und Entwicklung von AAtW und ihren
Aktivitäten komme ich nun zur Diskussion von Dynamiken ihrer
Mobilisierung unter dreierlei Gesichtspunkten: Direkte Aktion,
Binationalismus und Führerschaft. Bei diesem Abschnitt soll es um die
Relevanz anarchistischer Politik bei der Formierung von
Schlüsselaspekten der Mobilisierungsdynamik gehen und eine
adäquate Orientierung liefern, um ihre Effektivität begründet
einzuschätzen.

Die direkte Aktion

Nach eine ihrer ersten Aktionen erklärten AAtW:

,,Wir erzwangen die Öffnung des Tores in Mas'ha, um eine Lücke in der
Mauer des Hasses zu öffnen und mit unseren Aktionen eine lebende,
lebendige Alternative zur Apartheitspolitik der israelischen Regierung
anzubieten...

Wir arbeiten in einer Atmosphäre voller Kooperation ohne
Anführer_innen...

Wir glauben, dass Gerechtigkeit und Gleichheit durch die freiwillige
Vereinbarung zwischen Menschen entsteht und dass der Staat lediglich
ein aggressives Instrument dominanter Ethnien/Klassen ist...

Die Berliner Mauer wurde nicht durch den Regierungen und Abkommen
beseitigt, sondern durch Bürger*innen, die sie mit ihren eigenen Händen
niederrissen...

Die ethnis che Säuberung findet vor unseren Augen statt und wir haben
nur eine Option: Die wenigen Rechte, die wir noch in den Resten der
israelischen Demokratie haben, zu benutzen und die rassistischen
unmoralischen Gesetze zu brechen."

Dies ist ein sich zum Anarchismus bekennender Text, der die
spezifischen Ziele der Gruppe mit einer weiter gefassten
anarchistischen Politik verbindet: Den Appell an die Regierungen
abzulehnen, ihr Verhalten und die Institution des Staates an sich zu
reformieren, und stattdessen zu direkter Aktion - physischer
Intervention gegen Ungerechtigkeit - aufzurufen, in einer Form, die
selbst die Ansätze einer Alternative zum aktuellen System von
Dominanz und Ausbeutung enthält. Direkte Aktion wird definiert als
Aktion ohne Vermittler*innen, wobei ein Individuum oder eine Gruppe
die Kraft und Ressourcen des Individuums bzw. der Gruppe nutzt, die
Realität in die gewünschte Richtung zu ändern, statt an eine
Intervention externer Agent*innen zu appellieren, typischerweise einer
Regierung. Dies spie gelt sich in dem Desinteresse, durch etablierte
legale Kanäle zu agieren oder eine Macht innerhalb des Staates
aufzubauen.

Wenn Anarchist*innen also beispielsweise gegen eine Waldrodung
sind, dann bedeutet direkte Aktion, statt die Justiz anzurufen oder
Petitionen bei Gericht einzureichen, lieber konkret einzugreifen und
die Rodung zu be- oder verhindern.

Im gemeinsamen Widerstand in der Westbank ist die direkte Aktion
deutlich präsent: In der gewaltfreien Behinderung von Bulldozern, die
erfolgreich (wenn auch nur kurz) den Bau der Mauer in verschiedenen
Dörfern gestoppt hat, in der Entfernung von Felsbrocken und großen
Betonwürfeln, die das Militär benutzt, um den Zugang zu Straßen für
Palästinenser_innen zu blockieren und in der kollektiven Missachtung
von Ausgangssperren. Weit davon entfernt reiner Protest zu sein,
schaffen diese Aktionen - falls erfolgreich - sofort und materiell die
Realität, die die Palästinenser*innen und ihre israelischen und
internationalen Verbündeten anstreben: die Bauarbeiten zu stoppen,
eine Straße zu öffnen, einen normalen Arbeitstag zu verbringen.

Diese Praktiken direkter Aktion sind eingebettet in eine Aktionskultur,
die Dezentralität und Autonomie betont. So wie die direkte Aktion
Autonomie und eine Ablehnung der Staatsautorität manifestiert, ist die
Logik einer zentralistischen Ausrichtung einer anarchistischen
Organisierungskultur fremd. Ein Vorteil hierbei ist es, auf verschiedene
Taktiken zurückgreifen zu können. Während andere Formen Muster
und Regelmäßigkeiten entstehen, lässt die anar chistische Kultur der
direkten Aktion eröffnet freiwilligen Gruppen Wege, um eine
selbstorganisierte Initiative zu ergreifen, bei der Beweglichkeit und
Dynamik erhalten bleiben, die für effektive Interventionen innerhalb
eines sich rasant entwickelnden Feldes des Widerstands benötigt
werden. Lehrreiche Beispiele dieser Dynamik finden sich in den
Erfahrungen israelischer Anarchist*innen und sie spiegeln sich in ihren
Diskussionen direkter Aktionen wider.

Ein Beispiel ist der Schaden, der im November 2007 am Rande einer
Demonstration gegen die Mauer in der Region von Bethlehem den
Weinreben und Feldfrüchten zugefügt wurden, die Jüdi_innen
angelegt hatten. (...) Ein Aktivist schrieb an den E-Mail-Verteiler der
Gruppe:

,,Ich halte solche Aktionen für nicht akzeptabel. Jemandes
Lebensgrundlage zu zerstören, unabhängig davon, wie lange sie dort
leben oder aus welchem Land sie kommen, ist ethisch nicht vertretbar
und auch für eine bedeutungsvollen sozialen Widerstand nicht hilfreich
(von einem anarchistischen ganz zu schweigen)."

(...) Andere Teilnehmer*innen argumentieren, dass die Zerstörung der
Lebensgrundlage der Siedler*innen - soweit möglich - (...) ein Teil des
Widerstands gegen die Okkupation sei. Jede direkte Aktion gegen die
Siedler*innen - selbst die nicht-ideologischen, die durch ökonomische
Vorteile herausgelockt wurden - sind Teil der sozialen Kämpfe, solange
sie sozial und mit guten Absichten getan wurden.

(...) Diese Diskussionen zeigen die stark-reflektierende Natur der
Aktivitäten der direkten Aktion von AAtW. Tatsächlich zeigt die
anarchistische Kultur einen intensiven und fortfahrenden Dialog über
ethische Dimensionen der Aktionen der Bewegung. (...) Das Fehlen von
Zwangsmechanismen fördert auf strukturellem Gebiet eine offene,
experimentelle Politik, bei der ethische Spann ungen zu produktiven
Impulsen für neue Taktiken in der Praxis führen können. Gleichzeitig
erlaubt die Dezentralität Individuen mit gleichgesinnten Freunden in
einer freiwilligen Gruppe zusammenzuarbeiten, die in
Aktivitätsbereichen agieren, die von anderen Gruppen akzeptiert
werden, die nicht genau dieselben Perspektiven vertreten.

Bi-Nationalität

(...) In diesem Fall heißt direkte Aktion, dass Anarchist* innen, die soziale
Beziehungen ohne Hierarchie und Dominanz vorschlagen, solche
Beziehungen selbst herstellen, in ökologischen Gemeinschaften,
städtischen sozialen Zentren, nicht am Profit ausgerichteten Bereichen
des Handels außerhalb des kapitalistischen Marktes usw. So verwenden
sie direkte Aktionen, um eine neue Gesellschaft aufzubauen, innerhalb
der Schale des Bisherigen. (...)

Dieser konstruktive Aspekt der direkten Aktion zeigt sich in
Mobilisierungen durch die manifest unterschiedlichen
Beziehungsstrukturen zwischen Israel*innen und Palästinenser*innen -
solche, die auf Partnerschaft, Solidarität und Empathie basieren, statt
auf Fremdheit, Trennung und Angst. Die gemeinsame Kampagne gegen
die Segregationsbarriere ist deshalb zu einem langwierigen Experiment
in Binationalismus geworden, ein Kontakt von Angesicht zu Angesicht
an den Barrikaden, wo Israel*innen und Palästinenser*innen ihre
stereotypen Identitäten gegenseitig abbauen können und eine geteilte
Gemeinschaft des Widerstandes erschaffen können. Nazeeh Sha'labi
sagt:

,,Wir wollen zeigen, dass die israelischen M enschen keine Feinde sind; die
Möglichkeit für Israel*innen schaffen, mit uns als Nachbar*innen
zusammenzuarbeiten und unseren Widerstand zu unterstützen ... Unser
Camp zeigte, dass Frieden nicht durch Mauern und Trennung geschaffen
wird, sondern durch Kooperation und Kommunikation zwischen den zwei
Völkern, die in diesem Land leben. Im Mas'ha Camp haben wir vier
Monate lang 24 Stunden am Tag zusammengelebt, zusammen gegessen
und miteinander gesprochen. Unsere Angst war nie voreinander, sondern
nur vor den israelischen Soldat*innen und Siedler*innen."

Aufmerksamkeit sollte der Natur der binationalen Allianz geschenkt
werden, die in dieser Kampagne entstand. Der gemeinsame
Widerstand wurde die gesamte Zeit explizit von Palästinenser*innen
angeführt. Israelische und internationale Aktivist*innen partizipierten
bewusst in ihm als Unterstützer*innen, als Antwort auf die Einladung
der palästinensischen Basiskomitees. Der israelische Anarchist Yossi
Bar-Tal argumentierte, dass ,,wir nicht in Palästina arbeiteten, um zu
erziehen ... Wir haben nie Flyer auf Arabisch verteilt, um zu erklären, was
Anarchie bedeutet und warum du bei uns mitmachen solltest, weil dies
nicht unser Weg ist ... Wir sind nicht dort, um zu erziehen, weil, während
sie von unserem Staat okkupiert werden, wir keinen Grund haben
hinzukommen und zu predigen."

Die Wichtigkeit der anarchistischen Perspektive hierin kommt in dem
Unterschied zwischen der Praxis dieses gemeinsamen Widerstands und
den zahlreichen gut finanzierten und komplett entpolitisierten
Dialogen und Koexistenz-Projekten zum Ausdruck. Letztere sind eine
wachsende Industrie, angefangen bei ,,Seeds for Peace"-Sommer-
Camps und Jugenddialog-Programmen bis hin zu isaelisch-
palästinensischen Ausstellungen und runden Tischen in Europa und den
USA. Das große Problem solcher Projekte ist für die palästinensischen
und auch israelischen Dissident*innen, dass ihre Räumlichkeiten und
Sprache die Realität der Besatzung unter der falschen Vorstellung der
Gleichheit ihrer Teilnehmer*innen maskieren. Indem sie die Wurzeln
des Konflikts in der gegenseitigen Unkenntnis und den
Verdächtigungen auf beiden Seiten suchen, verdecken sie die große
Ungleichheit der Machtverteilung, die im Spiel ist, und münden in einen
für anarchistische Mobilisierung unakzeptablen Versuch, die
Beziehungen zwischen Israel*innen und Palästinenser*innen zu
normalisieren, als wäre die Besatzung b ereits beendet.

Im Gegensatz dazu findet der gemeinsame Widerstand in voller
Anerkennung der Ungleichheit zwischen den israelischen und
palästinensischen Teilnehmer*innen statt - auf dem Gebiet der
ökonomischen Ressourcen, der Bewegungsfreiheit, der Sicherheit vor
willkürlicher staatlicher Gewalt usw.

Diese Anerkennung wurde in Teilen durch die anarchisti sche
Perspektive der israelischen Teilnehmer*innen möglich, die sie auf
diese Art von der zionistischen Erzählung trennt, eine unnötige,
künstliche Neutralität aufzugeben, die durch die Diskussion von
Koexistenz aufrecht erhalten wird. Der gemeinsame Widerstand bleibt
eher durchdrungen von einem Geist ge teilter Fe indschaft gegenüber
dem Regime der Besatzung und der Ablehnung einer falschen
Normalität.

Anführer_innen

Fragen der Führerschaft und Machtdynamiken innerhalb von Gruppen
waren in radikalen sozialen Bewegungen seit spätestens Ende der
1960er umstritten. (...) Wie das Beispiel AAtW zeigt, ist das Ziel einer
Arbeit im Geiste voller Kooperation ohne Anführer schaft oft durch
Etablierung informeller Machtkonzentration beeinträchtigt. Im Juni
2006 schreibt ein Teilnehmer*in der Gruppe im E-Mail-Verteiler:

,,Ich bin tief entmutigt zu sehen, dass in der israelischen anarchistischen
Bewegung Anführer existieren - jene starken und charismatis chen
Männer, die sich Verhaftungen und Medienaufmerksamkeit rühmen,
denen jede*r folgt und zuhört. Sie sagen, dass sie Anarchist*innen seien
und keine Rangzeichen auf ihren Schultern tragen und dass die meisten
Entscheidungen unter ihrer Mithilfe durch eine Mehrheit in
demokratischen Abstimmungen stattfinden, aber in der Praxis geschieht
unter der Oberfläche alles in Einvernehmen mit ihren Wünschen und in
der Praxis ist ihre Stimme größer, lauter und gleicher als die Anderer."

(...) Die Mail könnte eine tiefere feministische Kritik darstellen, die
mehrere Frauen in AAtW als maskuline Kultur von Aktivität und
Führerschaft bezeichnet haben.

Während ein ungefähres, zahlenmäßiges Gleichgewicht zwischen
Männern und Frauen in Führungsrollen bleibt, ist es völlig ungeklärt, ob
dies einen feministischen Prozess oder eine Aufgabe von
Geschlechterrollen widerspiegelt.

In Mails an den Autor ha ben einige Frauen auf eine Kultur hingewiesen,
die ihnen abverlangt, ein selbstsicheres, raumeinnehmendes Verhalten
von Männern zu akzeptieren. Auch der Fokus der Gruppe auf die
kurzfristige Organisierung von Demonstrationen wurde von ihnen
kritisiert, als eine ,,wham, bam, thank you ma'am politics" - im Kontrast
zu weniger spektakulären, aber nachhaltigeren Projekten der
gegenseitigen Hilfe mit den Dörfern.

Den wichtigen strukturellen Grundlagen für die Ausbildung von
Führungsdynamiken sollte mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.
Die Forschung hat insbesondere die ungleiche Verteilung politischer
Ressourcen herausgestellt, die ein Schlüssel zur Aneignung von Macht
darstellen, um in informellen Bewegungen zu handeln. Solche
Ungleichheiten führen nicht zu einer Dominanz, wenn damit die
Möglichkeit gemeint ist, andere zu bestrafen oder ihr Verhalten zu
kontrollieren, sondern eher verschiedene Grade von Einfluss. Letzteres
kann z. B. darin bestehen, die Möglichkeit zu haben, Kooperationen
zwischen Bewegungen zu befördern.

Politische Ressourcen, die für ungleiche Verteil ungen anfällig machen,
sind also nicht nur Zugang zu Geldern oder materieller Infrastruktur,
wie Veranstaltungsräumen und Autos, sondern auch immaterielle
Ressourcen (Kulturkapital): Kompetenzen, Wissen und Kontakte.

(...) Im Fall der AAtW scheint insbesondere diese politische Ressource
für die Entstehung von ungleichem Einfluss zentral zu sein. Dies liegt
an der Wichtigkeit persönlicher Kontakte zu den Anführer*innen der
Basiskomitees gegen die Mauer in zahlreichen palästinensischen
Dörfern. Nur wenige Teilnehmer*innen in der Gruppe haben die Zeit
und Ressourcen, in der Westbank herumzureisen und diese Kontakte
zu etablieren. Außerdem wenden sich neue Basiskomitees, die
Unterstützung für ihre Demonstrationen suchen, an bereits
bestehende palästinensische Komitees, um sich mit relevanten
Kontakten zu versorgen, und diese werden sie natürlich an
Aktivist*innen verwiesen, mit denen sie bereits zusammenarbeiten.
Eine Umverteilung dieser Ressource auf eine Art und Weise, die mehr
Gleichheit in der Gruppe erzeugt, ist sehr schwierig. Aufgrund des
Anwachsens von persönlicher Vertrautheit und Vertrauen ist eine
Beziehung zu einem*r palästinensischen Koordinator*in nicht einfach
übertragbar auf eine*n andere*n Aktivist*in, der Erstere*r fremd ist.

Nachhaltigkeit und Effektivität

(...) Ich würde gerne kurz einen Faktor diskutieren, der die Effektivität
von AAtW und Gruppen der direkten Aktion generell beeinflusst: die
Fähigkeit, Burnout als Ergebnis staatlicher Repression zu bewältigen.
Während es die Medienaufmerksamkeit erregt, ist Repression sowohl
emotional als auch physisch gefährlich für die Teilnehmer*innen und
schwächt das langfristige Überleben von Gruppen. Wie oben
beschrieben wurde in Bil'in die Begegnung mit Pfefferspray,
Schlagstöcken und Schockgranaten zu einem wöchentlichen Erleben.
Während dies offensichtlich nicht mit der tödlichen Brutalität
gegenüber Palästinenser*innen gleichgesetzt werden kann, ist die
Erfahrung von staatlicher, gewalttätiger Repression für die israelischen
Anarchist*innen sicherlich beträchtlich, im Vergleich zu
nordamerikanischen oder europäischen Aktivist*innen.

Die junge Israelin namens Gil Na'amati war die erste Israelin, die durch
Soldat*innen während des Widerstands gegen die Barriere am
26.12.2003 ernsthaft verletzt wurde, als sie in der Seite von einer Kugel
getroffen wurde und aufgrund eines hohen Blutverlustes fast ihr
Leben verloren hätte. Es gab auch einige Fälle, in denen Israel* innen
von Reizgasgranaten oder Gummigeschossen am Kopf getroffen
wurden, wobei eine Person eine schwere Verletz ung erlitt. Israelische
Sicherheitskräfte haben Demonstrationen auch als Möglichkeit
benutzt, um weniger tödliche Waffen zu testen, wie Pfefferbälle (eine
kleine, transparent-rote Kugel, die ein extrem irritierendes Pulver
enthalten) und Tze'aka (hebräisch für ,,Schrei"), eine minutenlanger
Ausstoß eines ohrenbetäubenden Lautes, der von einem Gerät an
einem Fahrzeug gesendet wird und Gleichgewichtsstörungen und
Übelkeit verursacht.

Paradoxerweise wuchs die Medienaufmerksamkeit gegenüber des
gemeinsamen Widerstands durch die Verletzung israelischer
Beteiligter (wenigstens 10 Palästinenser*innen wurden während dieser
Kampagne getötet). Bis zur Verletzung Na'amatis agierte AAtW - trotz
all ihrer Bemühungen die Medien anzulocken - weitgehend ohne von
der israelischen Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Der
staatliche Gebrauch potenziell tödlicher Gewalt gegen jüdische
Bürger_innen machte den Widerstand jedoch dramatisch sichtbar und
löste eine hitzige öffentliche Debatte über die Angriffe der Armee auf
unbewaffnete Protestler*innen aus. Obwohl das Medienecho sich in
erster Linie auf Armeetaktiken reduzierte, eröffnete sich auch ein
Debattenraum innerhalb der israelischen Mainstream-Medien über eine
Kritik an der Politik der Teilung.

Die hohe Medienaufmerksamkeit, die durch die staatliche Repression
hervorgerufen wurde, führte zu verbreitetem posttraumatischen
Stresssyndrom unter den Beteiligten des AAtW und verursachte
Burnout und den Rückzug von Aktivitäten.

Posttraumatischer Stress ist ein Aspekt, auf da s Bewegungen, die
weltweit auf die direkte Aktion setzen, erst langsam eingehen. Als
Folge von Repression erleben Aktivist*innen in der Regel Ängste,
Depression, Panikattacken und Hyperwachsamkeit, ebenso wie
körper liche Symptome von chronischer Übermüdung und
Muskelverspannungen bis hin zu unregelmäßigen Pulsfrequenzen und
Änderungen im Menstruationszyklus.

Im Fall der AAtW-Initiative beeinträchtigte die Ansammlung
unbehandelter posttraumatischer Stress-Syndrome die Kraft und das
Durchhaltevermögen. Die Vertrautheit mit der Gruppe legt Nahe, dass
ein Grund für die Vernachlässigung die Langzeiteffekte, die Repression
zu behandeln, ein Ethos persönlicher Aufopferung und Belastbarkeit
war, das mehr als eine*n der Beteiligten antrieb.

In jüngster Zeit jedoch begann die Gruppe verstärkt, diesem Aspekten
bewusst Aufmerksamkeit zu schenken und ein Team israelischer
Aktivist*innen, die sich in posttaumatischer Behandlung ausbildete,
bietet Beratung, Workshops und Publikationen über das Phänomen an.
(...)

Ich würde eine Bewertung auf drei Ebenen vorschlagen, die auf
kurzfristigen, mittelfristigen und langfristigen Zielen [von Widerstand
gegen die Mauer durch AAtW, Anm. d. Ü.] basieren. Kurzfristige Ziele
wurden fast nie erreicht (...). In den wenigen Fällen, in denen der
Verlauf der Mauer geändert und Landenteignungen rückgängig
gemacht wurden, lag die erwiesene Ursache nicht in der direkten
Aktion vor Ort, sondern im Erfolg von Eingaben vor dem israelischen
Gericht durch die Dorfbewohner*innen. (...) Gleichzeitig ist klar, dass
die Unterstützung durch AAtW und internationale Aktivist*innen die
Dorfbewohner*innen ermutigte und einen Anteil daran hatte, deren
Entschluss zu stärken, zusätzlich zu den Protesten den legalen Weg zu
durchschreiten. Es kann auch, obwohl nicht beweisbar, argumentiert
werden, dass die hohe Aufmerksamkeit für den Widerstand gegen die
Mauer in den anklagenden Dörfern die Entscheidungen der Richter an
den Gerichten beeinflusst hat, die in den meisten Fällen Eingaben
gegen den Verlauf der Mauer abgewiesen hatten.

Langfristige Ziele wurden offensichtlich nicht erreicht: Die Okkupation
dauert an und es ist keine soziale Revolution gegen den Kapitalismus
und den Staat am Horizont sichtbar. (...).

Trotzdem wäre es ein Fehler, die Kampagne von AAtW als uneffektiv
abzuschreiben. Das liegt daran, dass mittelfristige Ziele - einen
gemeinsamen Widerstand aufzubauen, die Politik der Trennung zu
delegitimieren und die Lüge der ,,Es gibt keinen Partne r"-Formel
bloßzustellen - fast sofort erreicht wurden.

Die Anwesenheit von Israel*innen und Internationalen zwang die
Armee, das Repressionsniveau gegen die protestierenden
Palästinenser*innen signifikant zu reduzieren, und ermöglichte eine
fortlaufende Kampagne von Protest und direkte Aktionen gegen die
Mauer. Die Praxis der direkten Zusammenarbeit von Angesicht zu
Angesicht wurde von einer seltenen Ausnahme zu einem Paradigma
der Anti-Okkupations-Aktivitäten innerhalb der weiteren israelischen
Linken, und hat bewiesen, dass dort tatsächlich Partner*innen auf der
palästinensischen Seite sind, die bereit sind, Beziehungen
gegenseitiger Hilfe und Respekt mit Israel*innen aufzubauen. Der
gemeinsame Widerstand war vielleicht auch darin erfolgreich, die
Mauer zu delegitimieren. Zwischen Oktober 2003 und April 2006
verdoppelte sich die Minderheit der Israel*innen, die grund sätzlich
gegen den Bau der Mauer sind, von 6,8 Pr ozent auf 12,8 Prozent.

(...) Es kann gesagt werden, dass der gemeinsame Widerstand einen
bedeutenden Einfluss auf die hegemoniale Konstruk tion von Realität
im israelischen Diskurs hatte. Am wichtigsten, er hat kräftig die
Konstruktion von Palästinenser*innen als ,,die Anderen", gesichtslosen,
renitenten Feinde, die die Jüdinnen ins Exil treiben wollen oder
Schlimmeres, herausgefordert.

Dass dies ein Ziel von AAtW war, geht deutlich aus einem anderen Teil
ihres oben erwähnten Zitats hervor:


,,Seit wir uns erinnern können, wurden wir einer Gehirnwäsche von Hass
und Angst vor unseren palästinensischen Nachbar*innen ausgesetzt ...

Uns wurde gesagt, dass unsere Hände in Frieden ausgestreckt sind, dass
aber niemand dort ist, mit dem geredet werden könnte. Aber diese Lügen
wurden bloßgestellt und können von jed er Person gesehen werden, die an
den Aktionen gegen die Okkupation teilnimmt. Wir haben gemeinsam
unter den Olivenbäumen geschlafen (b evor sie gefällt wurden), wir sind
zusammen zur Mauer marschiert und wir werden weiterhin gemeinsam
Widerstand leisten - Palästinenser*inne n, Israel*innen und Internationale
- für Gerechtigkeit und Gleichheit für alle."


Es ist wichtig zu betonen, wie entgrenzend die Praxis des gemeinsamen
Kampfes im Kontext des hegemonialen öffentlichen israelischen
Bewusstseins ist. Die Ansicht von Israel*innen, die Schulter an Schulter
mit Palästinenser*innen demonstrieren, übers chreitet Tabus, die vom
zionistischem Militarismu s vertreten wird, und zwingt die jüdischen
Zuschauer*innen, sich ihrem e igenen dunklen, kollektiven Trauma zu
stellen. Um die Dinge gerade heraus zu sagen, durch ihre Aktionen
erklären die israelischen Protestierenden praktisch, dass sie sich
weig ern an den Diskurs zu glauben, der eine direkte Verbindung
herstellt zwischen der palästinensischen Befreiung und einem zweiten
Holocaust. (...)

Quelle:

http://www.academia.edu/964089/Against_the_Wall_Anarchist_Mobil
zation_in_the_Israeli_Palestinian_Conflict

* Von: Uri Gordon, PEACE & CHANGE, Vol. 35, No. 3, Juli 2010im
(414-430)


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