(de) FAU-IAA Direct Action #220 - Victor Hugo, Julius Cäsar und die blauen Augen der Schwalben -- Ein Gespräch mit Dominique Manotti

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Wed Dec 4 19:13:42 CET 2013


1995, mit 53 Jahren, veröffentlicht Dominque Manotti ihren ersten Roman. "Spät, und nicht 
aus Berufung", erklärt sie, "sondern eher aus Verzweiflung" über die Entwicklung einer 
Gesellschaft, die ihre Generation vergeblich zu verändern versucht habe. Ihre politische 
Erfahrung und analytische Praxis als (Wirtschafts-)Historikerin liefern der 
Politkrimiautorin das Instrumentarium, mit dem sie der Gesellschaft so präzise wie 
gnadenlos den Spiegel vorhält. Ihr neuester in deutscher Übersetzung erschienener Roman 
führt die KrimiZEIT-Bestenliste im August 2013 an. Während der H(amburger) E(nergie) 
W(echsel)*-Lesetage 2013 las und diskutierte sie im Buchladen Osterstrasse. Jorinde 
Reznikoff sprach mit ihr. 1

"Le refus de parvenir" - Verweigerung von Erfolg als Selbstzweck sei die Devise der 
revolutionären SyndikalistInnen im Frankreich vor dem 1. Weltkrieg gewesen, eine Devise, 
an die Dominique Manotti sich stets gehalten hat2. Allerdings sei es für sie als Lehrerin 
mit einem festen Gehalt natürlich ein Leichtes gewesen, sich ihren absoluten Freiheitsraum 
zum Schreiben zu bewahren, ohne davon leben zu müssen. Erfolg hat sie allerdings.

Dominique, mit bürgerlichem Namen Marie-Noëlle Thibault, spricht in einem gestochen 
scharfen Französisch mit der ihr eigenen kompromisslosen Deutlichkeit. Die Sorge um 
Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit treibt sie an. Immer noch und trotz der 
Hoffnungslosigkeit, die sich ihr mit bleierner Schwere auf alle Fragen nach der Zukunft 
legt, die zu stellen ich allerdings nicht müde werde.



Quelle: KP Flügel
In der Gewerkschaft stand sie lange Jahre an führender Stelle, im Widerstand gegen den 
Algerienkrieg war sie aktiv, in der StudentInnenrevolte, ohne präzises Engagement ist sie 
undenkbar. Geschichte hat sie studiert und unterrichtet, Wirtschaftsgeschichte mit 
besonderem Blick auf die technischen und sozialen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts, die 
ArbeiterInnenbewegung. Doch ihr politisches Engagement sieht sie als gescheitert an. 
Deshalb beginnt sie, mit 50 Jahren Kriminalromane zu schreiben. Denn "der Politkrimi, der 
roman noir, sei die große Literatur des 20. Jahrhunderts. Leider."

Der roman noir, wortwörtlich der "schwarze Roman", trete immer in Zeiten des Niedergangs 
auf. So sei das Genre "in den Staaten zur Zeit der großen Depression" überhaupt 
entstanden. "Vorher gibt es diese Art von Literatur nicht." Das verdeutliche ihr Begründer 
und "Papst" Dashiell Hammett. Er zeichne eine amerikanische Stadt so, dass diese Stadt als 
Verbrechen deutlich werde. "Ihre Ordnung selbst ist das Verbrechen." Am Ende der 
Untersuchung durch den bezeichnenderweise namenlos bleibenden Detektiv wisse man, dass die 
Stadt sofort wieder mit dem gleichen Verbrechen beginne. "Es gibt keine Wiederherstellung 
der Ordnung." Hier arbeite der Roman wie eine Art Skalpell, um aufzuzeigen, was die 
kriminelle Ordnung sei, und dass sie sich nicht ändere.

Das reflektiere eine total andere Vision als der klassische Krimi, der eigentlich ein 
Detektivroman sei, ein populäres Genre, das die Lesenden von vorne herein in der 
Sicherheit wiege, dass die angegriffene Ordnung wiederhergestellt werde. Diese Form 
erscheine das erste Mal im 19. Jahrhundert als literarischer Ausdruck der Philosophie der 
Aufklärung und des aufkommenden Nationalstaats. Denn für diese Gattung "sind folgende drei 
Dinge nötig: ein Rechtsstaat, eine Polizei, eine Rationalität." In einem religiösen Staat 
oder einer Monarchie könne es keinen Kriminalroman geben. Denn hier entschieden der 
Monarch oder die religiöse Macht darüber, was Recht sei. Demgemäß habe es auch unter 
Stalin und Hitler keinen Kriminalroman geben können.

Seine stereotype "Grundstruktur ist von vorneherein vorhanden und sichtbar: Das 
Verbrechen, die Untersuchung, die Lösung." Und diese klare Form erleichtere die Lektüre, 
mache sie zu "einem populären Genre", für Menschen, die wenig lesen, eine Hilfe.

"Am Anfang macht sich der Leser Angst, dann hängt er sich an die Untersuchung, am Schluss 
ist er wieder in Sicherheit."

Mit Erleichterung, Vergewisserung und imaginären Lösungen hat sie, hélas, nichts zu tun, 
Dominique Manotti, die Autorin des Schwarzen Korps, der Ehrenwerten Gesellschaft und des 
jüngsten Romans Zügellos.3

Die schwarze Kunst des Sezierens hat Dominique Manotti bei Julius Cäsar gelernt. Das 
erfahre ich erstaunt, als ich nach Stil und Methode ihres Schreibens forsche. Bei dieser 
Frage blickt Dominique hocherfreut auf und holt weiter aus.

In ihrer Schulzeit habe sie Latein gelernt, da habe sie die pragmatische politische 
Motivation zum Schreiben sowie die daraus resultierende knappe und genaue Erzählweise von 
Julius Cäsar stark geprägt. "Er führt einen Eroberungskrieg, nur um sagen zu können, dass 
er ihn gewonnen hat, und damit in Rom die Macht zu übernehmen." Zu diesem Zweck müsse er 
ihn überzeugend beschreiben. Der Krieg selbst sei weniger wichtig als sein Bericht, denn 
der werde öffentlich vor der Volksversammlung im Forum vorgelesen. "Dafür muss er an 
seinem Stil sehr feilen, ihn extrem einfach und sehr kurz halten." Man habe letztlich den 
Eindruck, nicht ein einziges Wort verändern zu können. "Jedes Wort hat eine Art 
Offensichtlichkeit. Alles ist total einleuchtend und klar. Man stößt nirgends an. Das fand 
ich einfach großartig!" Im Übrigen sei Cäsar damit der erste vor George W. Bush gewesen, 
der einen Krieg für die "Bilder" geführt habe.

Allergrößten Wert legt Dominique auf den populären Aspekt. Im Gegensatz zu dem noblen 
Cicero habe Cäsar, und nach ihm Tacitus, fürs Volk geschrieben.

Dieser Wertschätzung und ihrer Ausbildung als Historikerin gemäß habe sich ihr eigener 
literarischer Stil ganz natürlich entwickelt: Kurz, knapp und so direkt wie möglich, auf 
alles irgend Verzichtbare verzichtend. Wenn HistorikerInnen einmal das richtige Wort 
gefunden hätten, dann müssten sie es unbedingt beibehalten, Wiederholung in der Wortwahl 
sei kein Makel, sondern stehe im Dienst der Genauigkeit. Auch müsse die Handlung immer 
direkt und so unkompliziert wie möglich erzählt werden. Wie die Sprache müsse jede Szene, 
jede Aktion der Handlung dienen. Der Rhythmus folge der Intensität der Aktion, 
beschleunige und entspanne sich mit derselben. Verben seien also wichtig, eine Reduktion 
der Adjektive und weitgehender Verzicht auf Vergleiche. Lachend erzählt Dominique von 
einem Vergleich, der ihr das klar gemacht habe: "Blau wie die Augen der Schwalben" habe 
sie in einem Buch gelesen und es sofort wieder zugeklappt. Denn wer habe je einer Schwalbe 
in die Augen geschaut und sie als blau identifizieren können?

Sie schreibe auch immer im Präsens, dieser viel leichteren und kürzeren französischen 
Zeitform im Gegensatz zu dem repetitiven schweren Imperfekt. Zudem sei das Präsens die 
"Zeit des Kinos", in der AutorIn und LeserIn sich auf der gleichen Zeitebene bewegten.

Die Begeisterung, mit der Dominique Manotti erzählt, wie und weshalb sie erzählt, ist so 
unwiderstehlich, dass ich die Frage nach der politischen Einflussnahme von Literatur noch 
einmal zu stellen wage. So hoffnungslos sei das vielleicht doch nicht?! Dominique richtet 
sich entschieden auf: "Da bin ich ganz deutlich: Ein Roman wird niemals die Welt 
verändern." Um sogleich, etwas weicher, einzuräumen, dass es wohl doch zwei Autoren 
gegeben habe, die insofern einen Einfluss auf ihre sehr bewegte Epoche hatten, als sie ihr 
eine Stimme hätten geben können: Victor Hugo und Charles Dickens. "Die Menschen drückten 
sich durch ihre Worte, Bilder und Symbole aus." In den Staaten habe der Western genauso 
funktioniert. Er habe die Weise modelliert, wie die AmerikanerInnen sich selbst sahen. Und 
das war "ein Glücksstreich, so sahen sie sich als heroische Cowboys, nicht als 
selbstmordgefährdete Indianer." Für den aufkommenden Krimi sei dann sehr klar gewesen, 
dass er den Western aus der Perspektive des Privatdetektivs neu geschrieben habe. "Der 
Privatdetektiv ist ein Avatar des Cowboys." Das sei ein starkes Bild der amerikanischen 
Imagination. Und da habe der Schriftsteller eine Rolle.

Jorinde Reznikoff

ANMERKUNGEN:
[1] ? hew-lesetage.de/programm/

[2] ? "Das Emporkommen zu verweigern bedeutet, weder das Handeln noch das Leben zu 
verweigern; es bedeutet, das Leben wie das Handeln als Selbstzweck zu verweigern." Albert 
Thierry zitiert nach J. Vidal, L'homme en proie aux enfants, Les Primaires, numéro spécial 
Albert Thierry. 1921. S. 377-383. (Übersetzung Jorinde Reznikoff.).

[3] ? Die Ehrenwerte Gesellschaft erschien 2012 im Verlag Assoziation A, Das Schwarze 
Korps und Zügellos 2013 bei Ariadne Kriminalroman, im Verlag Argument.


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