(de) FdA-IFA, Gai Dào #35 - Kultur -- "Es muss schon räudig klingen." Interview mit den saarländischen Punkrockern von - Auslaufmodell Von: B.K.
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Mon Dec 2 11:19:54 CET 2013
Es war das Jahr 2005, als sich in dem kleinen, beschaulichen, saarländischen Städtchen St.
Ingbert die Punkrockband "Auslaufmodell" gründete. Neben der Musik, einem beträchtlichen
Bierkonsum, waren und sind die politische Betätigungen, sowie das Handeln nach dem
DIY-Prinzip (DIY = do it yourself) ständige Begleiter der Band. So ist es auch nicht
verwunderlich, dass Auslaufmodell regelmäßig für ein einfaches "Dankeschön" auf Konzerten
der inzwischen aufgelösten anarchistischen Gruppe "Antinationale Offensive /
antinationale.org [ANO]" die Stimmung anheizte und auch sonst eine enge Verbundenheit zu
den organisierten anarchistischen Strukturen im Saarland bewiesen. Jetzt erscheint Ende
November ihr neues Album "Schwarze Märchen", zugleich ihr erster Tonträger auf Vinyl und
die erste Veröffentlichung seit 2009.
Jetzt sitze ich hier in dem gemütlichen Infoladen des Autonomen
Zentrum Wuppertal mit Flo, dem Bassisten, und Timo, dem Sänger von
Auslaufmodell, für das folgende Interview rund um ihr neues Album
und den Anarchismus im Saarland nach der Auflösung der
Antinationalen.
Hey, euer neues Album wird ja, wie auf dem Backcover ersichtlich von
verschiedenen Labels mitgetragen, unter anderem taucht auch das alte
Logo der inzwischen seit über einem halben Jahr aufgelösten
"Antinationale" auf. Wie kommt das jetzt auf einmal und wie läuft die
Zusammenarbeit mit den ganzen unterschiedlichen Labels?
Flo: Also bei der ANO bzw. Antinationale waren ja Teile der Band selbst
aktiv und es gab immer persönliche Konta kte. Die Leute haben von
Anfang an gesagt, dass sie unsere Platte unters tütz en wol len. Die
anderen Labels bzw. Unterstützer*innen sind das JUZ St. Ingbert,
Zombie Union Records, Violent Heartbeat Records und Pest und
Cholera Records. Der Kontakt zu den verschiedenen Projekten ist zu
einem Teil persönlich und zum anderen haben wir sie einfach
angeschrieben, ob nicht das Interesse besteht uns in dieser Form zu
unterstützen.
Timo: Das alte ANO-Logo verwendeten wir deshalb, weil sich die
spätere Gruppenbezeichnung auf die Homepage "antinationale.org"
bezog, welche jetzt ja nicht mehr existiert, und wir es für schwachsinnig
hielten, auf diese Internetseite zu verweisen.
Flo: Außerdem sieht das alte Logo cooler aus.
Ihr steckt da wahrscheinlich etwas besser drin. Nach der Auflösung der
Antinationale und dem damit verbundenen Ende ihrer Homepage hört
man recht wenig über anarchistische A ktivitäten im Saarland. Könnt ihr
uns da ein wenig mehr erzählen, was in letzter Zeit ging und auch was für
Potenzial die Region in eurer Wahrnehmung hat?
Timo: Also wir sind ja jetzt auch gerade die zwei Exil-Saarländer der
Band, von daher sind wir nicht mehr ganz so nah da dran. Obwohl das
Saarland durch den Wegzug vieler Leute politisch schwächer geworden
ist, ist es so, dass Personen, die im anarchistischen Zusammenhang
Antinationale aktiv waren, immer noch als Einzelpersonen zum einen
überregional an Veranstaltungen teilnehmen und Kontakte pflegen, als
auch direkt in Strukturen im Saarland aktiv sind. Hier vor allem in
Freiraumstrukturen wie der Kampagne "Finit" in Saarbrücken oder im
selbstverwalteten Jugendzentrum in St. Ingbert. Durch ihre
Unterstützung leisten sie einen wichtigen Beitrag zur noch
vorhandenen Infrastruktur im Saarland. Die "Feierabend Kneipe", die
die Antinationale monatlich im JUZ St. Ingbert organisiert hat wurde so
dann auch beibehalten und es wird sich auch bemüht, in diesem
Zusammenhang kulturelle und politische Veranstaltungen zu
organisieren. Aber wie das alles genau hinhaut, will ich als Exil
Saarländer nicht beurteilen.
"Schwarze Märchen" hat sich nach der ersten Ankündigung bezüglich
neuer Aufnahmen ja ziemlich hingezogen, die Songs gibt es ja zumindest
auf Livekonzerten auch schon eine Weile. Gab e s dies bezüglich besondere
Gründe oder Probleme?
Flo: Also unsere letzte Veröffentlichung war 2009. Das Problem die
ganze Zeit war, dass unser damaliger Schlagzeuger nach Berlin gezogen
ist und deshalb gab es Umstrukturierungen in der Band, wir hatten
zwischendurch schon einen anderen Schlagzeuger, was aber auch nicht
geklappt hat und jetzt haben wir wieder umgestellt. Thorsten hat jetzt
die Gitarre übernommen und unser alter Gitarrist Bernd ist zum
Schlagzeug übergewechselt. Dann mussten wir mit der neuen
Besetzung erst mal die alten Lieder wieder einproben und neue Lieder
machen. Das alles hat sich halt ziemlich lange hingezogen. Mit den
Aufnahmen der neuen Liedern haben wir letztes Jahr im November
angefangen und die wurden erst im Juli wirklich fertig. Jetzt ist aber
alles in Ordnung und die Sachen sind beim Presswerk.
Timo: Dazu kommt, dass Flo und ich nicht mehr im Saarland wohnen.
Flo hat eine ganze Zeit lang in Berlin gewohnt, ich in Düsseldorf, und
das Problem ist dann sowieso, dass wenn wir uns einmal getroffen
haben, wir für die anstehenden Konzerte proben mussten. Wir haben
das komplette Album auch selbst aufgenommen und Bernd hat das
alles abgemischt. Und sowohl Bernd als auch Thorsten sind sehr stark in
die Arbeit im JUZ St. Ingbert involviert bzw. leisten einen Großteil der
dort anfallenden Arbeit. Unsere Aufnahmen standen da oftmals hinten
an. Deswegen hat sich das alles sehr hinausgezögert.
Wie ihr schon gesagt habt, euer Album ist komplett DIY im JUZ St. Ingbert
aufgenommen worden, ohne großartiges Studio. Habt ihr da aus
Kostengründen auf Qualität verzichtet oder gab es da bewusst andere
Beweggründe?
Flo: (lacht) Kostengründe spielen da natürlich auch eine Rolle. Wir
hätte n das Album anders auch gar nicht rausbringen können. Aber wir
haben auch einfach Bock, das alles selbst zu machen und da Bernd
sowieso ganz fit mit so Aufnahmekram ist, lag das auch direkt auf der
Hand, das alles in der Form zu machen.
Timo: Also der größte Qualitätsverlust, was die Aufnahmen angeht,
liegt auch sicherlich nicht bei m abmischen, sondern direkt mehr dabei,
dass unsere Mikros, mit denen wir die Gitarre und so abgenommen
haben, veraltet sind bzw. Gesangsmikros waren und sicherlich auch
nicht die Besten. Dafür fehlt uns einfach das Geld. Ich denke allerdings
auch, abgesehen davon, dass wir als Band die dem DIY-Gedanken
sowieso nahesteht und uns das wichtiger ist, passt es auch gut zu
unserer Musik, wenn noch etwas Rotzigkeit dabei bleibt und es nicht
ganz so cle an ist.
Flo: (lacht) Es muss schon räudig klingen. Davon abgesehen, die
Qualität ist auch nicht schlecht. Die ist absolut in Ordnung.
Timo: Wir sindsicherlich auchjetzt auch nicht so die Perfektionisten, was man
hören kann...(lacht) Es ist halt immer noch Punkrock.
Ihr habt ja auch, in einer etwas abgewandelten Form das Gedicht
"Todesfuge" von Paul Celan vertont, mit dem berühmten Satz "Der Tod ist
ein M eister aus Deutschland". Geschichtlich ist es ja nicht gerade
unumstritten, Adorno formulierte ja auch 1951 den berühmten Satz
"Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch" und obwohl er
seine Aussage später revidierte, gab es auch weite rhin Kritik an diversen
lyr ischen Auseinandersetzungen mit der Shoa. Und obwohl schon öfter
benutzt, schrieb der Autor noch 1970: "Dieses Gedicht muß jetzt lange,
lange noch ganz bei sich bleiben." Wie kam der Entschluss, diesen Text zu
benutzen zustande, was waren eure Gedanken bei der Vertonung, und
was haltet ihr von eurem Ergebnis?
Timo: Adorno hat auch damals einen Hörsaal von der Polizei räumen
lassen, also mich interessiert es nicht, was der dazu gesagt hat. Höre
ohnehin zu häufig, was der gute Mann mal von sich gegeben hat und zu
selten, was mein Gegenüber gerade denkt . Ich finde dieses Gedicht ist
auf jeden Fall ein sehr eindringliches Gedicht, eines was den
Gräueltaten, die da geschehen sind, gerecht wird. Auch ist der Versuch,
Versatzstücke aus diesem Gedicht in musikalischen Stücken
umzuwandeln, bei linken politischen Bands schon länger Gang und
Gebe, sei es der Ausspruch "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland"
wie bei dem gleichnamigen Stück von Slime oder auch bei anderen
Bands, wie zum Beispiel bei Anarchist Academy, die da noch näher am
Text dran waren. Meiner Meinung nach hat das Gedicht außer dieser
berühmten Zeile noch wesentlich mehr zu bieten und ich denke, dass
unsere musikalische Interpretation eine zu dem Gedicht passende,
bedrückende Atmosphäre schafft. Es ist ein langsameres Lied, es wirkt
düster und erdrückend. Durch den Gastgesang von Thomas wirkt das
Ganze noch intensi ver. Es ist kein Lie d, was man falsch verstehen
könnte oder Gefühle suggeriert, welche eine Fehlinterpretation
zulassen. Es ist kein Lied, was man partymäßig live präsentieren kann,
sondern egal wie und wo wir das spielen, es beinhaltet immer noch den
beklemmenden Charakter. Für mich ist ein wichtiger Aspekt von Punk,
die Realität ohne Kompromisse aufzuzeigen. Von daher war auch das
gerade ein Anreiz das Gedicht umzusetzen. Wenn Leute grundsätzlich
ein Problem damit haben, können sie das gerne, ich habe kein Problem
damit. Ich halte es für gefährlich Dinge zu tabuisieren, die sich dem
Vergessen und der Relativierung der Shoa und den anderen Verbrechen
der Nazis entgegensetzen. Ich denke Celan hätte in dem Deutschland
von heute, in dem die Enkel der einstigen Mörder*innen wieder
meuchelnd durch die Lande ziehen und versuchen Pogrome
anzuzetteln, andere Sorgen als die, dass wir Versatzstücke aus seinemG
edicht geklaut haben.
Wenn du sagst, dass ist ein beklemmendes Lied, gerade zu diesem ernsten
Thema... Spielt ihr das dann auch live vor einer...wohl nicht mehr ganz
nüchternen, partygetränkten Punkermeute?
Timo: Ja, wir spielen das live und ich denke das ist bei dem Lied auch
sehr gut möglich. Wir setzen das Lied immer sehr bewusst an eine
Stelle, wo wir nicht mehr davon ausgehen, dass gerade die Party am
Steigen ist. Wir werden es bestimmt nicht vor jedem Hintergrund
spielen. Allerdings denke ich auch, dass dieses Lied einfach eine
Atmosphäre erzeugt, welche nicht zur Party taugt. Selbst wenn man
den Text weglassen würde, wäre es kein Lied, was unheimlich dazu
veranlassen würde, wild rumzuspringen und Party zu machen. Und
vielleicht kann dadurch sogar eine besoffene Person, welche nur auf
feiern aus ist, nochmal zum Nachdenken angeregt werden.
Flo: Ich denke, man kann jetzt auch nicht den Anspruch haben, immer
alle erreichen zu müssen.
Timo: Ich sehe jetzt auch nicht die Gefahr darin, dass das Lied in seiner
Ernsthaftigkeit und in seiner Intension dadurch entwertet wird. Sonst
könnte man glaube ich viele Lieder nicht mehr live spielen.
Auf eurem Textblatt finden sich leider keine Erklärungen oder
Kommentare zu den Texten. In den meisten Fällen ist das inhaltlich auch
nicht nötig, aber bei zwei Liedern hätte ich doch eine Nachfrage. Zum
einen bei "Weiße Träume", worum geht es da ge nau? Und die andere
Frage bezieht sich auf "Asphalthyänen", der Refrain ist...na ja, halt relativ
Deutschpunk-Klischeehaft richtig platt gehalten, die achtzeilige Strophe
hingegen gar nicht in dem Stil geschrieben, woher kommt's?
Timo: "Weiße Träume" bezieht sich von der Thematik auf ein großes
Problem, persönliche Erfahrungen, die wir in unserem Freundeskreis,
als a uch in der ganzen Szene immer wieder feststellen müssen, nämlich
dass viele Leute zum exzessiven Drogenkonsum neigen und sich selbst,
aufgrund der ganzen Scheiße, die passiert, und auch wegen der
Hoffnungslosigkei t, die diese Gesellschaft, dieses Verwertungssystem
mit sich bringt, kaputt machen. Die Leute wollen das nicht mittragen,
können aber nicht ausbrechen und das stimmt einen dann schon
traurig, wenn Freund*innen ihren Ausweg in Drogen suchen, seien es
legale oder illegale Stoffe. Man muss mitansehen, wie die sich langsam
.. . ja, zerstören. Das Lied soll nicht wie ein erhobener Zeigefinger
rüberkommen, denn es liegt immer noch in der Entscheidung des
einzelnen Menschen, was und wie viel er konsumiert, aber es ist halt
ein Ausdruck der Gefühle, die ich dazu habe... .
Flo: ....ja, dass man halt immer mehr den Bezug zu den Leuten verliert
und die kaum mehr wieder erkennt oder merkt, wie krass die sich mit
der Zeit verändert haben.
Timo: Zu Asphalthyänen: Ich habe die Strophe zu dem Lied vorher
schon fertig gehabt. Sie bezieht sich auf das typische Bild, das sich mir
aufdrückt, wenn ich nachts durch deutsche Städte laufe. Ich denke, das
ist relativ egal, in welcher S tadt du dich befindest, dieser Widerspruch
zwischen dem kahlen erdrückenden Grau und der bunten Reklame, die
einem regelrecht die Scheiße ins Hirn presst mit diesen grellen Farben,
die einem immer wieder in Wellen entgegenschlagen. Dieser Text
wurde mir dann aber schon ein bisschen zu stark lyrisch und deshalb
fand ich diesen schon plumpen Refrain einen schönen Aufschrei
dagegen. Eine einfache Art sich gegen diese Eintönigkeit zu wehren
und es gefühlsmäßig rauszuschreien. Und auch wenn es jetzt
intellektuell nicht gerade das anspruchsvollste Lied ist, ich singe es
sehr gerne und ich finde es auf jeden Fall schön und notwendig, das
einfach mal so rauszuschreien.
Ihr habt ja in den acht Jahren eures Bestehens noch nie eine wirkliche
Tour gespielt, sondern immer nur vereinzelt am Wochenende einzelne
Konzerte und auch das nicht durchgehend. Wird sich das mit dem neuen
Album ändern, wird es mehr Bühnenpräsenz geben?
Flo: Wir versuchen es. Wir sind aber schon megafaul und haben jetzt
auch keinen Bock, ständig irgendwelche Läden anzuschreiben, ob die
jetzt Konzerte für uns organisieren wollen, weil uns d ieses
Angebiedere irgendwie auf den Sack geht. Die letzten Jahre war es
einfach so, dass wir in ganz verschiedenen Städten gewohnt haben und
es deshalb einfach nicht möglich war, viele Konzerte zu spielen.
Timo: Wir organisieren ja auch schon seit Jahren Konzerte im JUZ St.
Ingbert und gerade wenn du welche organisierst, kommst du auf der
anderen Seite auch nicht so dazu, selbst welche zu spielen. Ja, und wie
Flo schon gesagt hat, wir waren und sind ziemlich faul, haben aber
schon noch vor unsere Bühnenpräsenz zu erhöhen und wenn es zeitlich
trotz der Entfernung zueinander passt, dann denke ich wäre auch eine
Tour eine sehr schöne Sache. Über Anfragen freuen wir uns
diesbezüglich natürlich sehr.
Flo: Jo, bei Anfragen wärenwir auf jedenFall für Schlafplatz, Sprit und
was zu Essen dabei...
Timo: ...und frei saufen (lacht).
Euch gehören die letzten Worte.
Timo: (lacht) Gute Frage....ja, also ich hoffe, dass wenn die Platte
draußen ist, sie gefällt und...ja was sagt man da jetzt...dieses
Schlusswort ist m eistens doch einfach Scheiße...na ja...(lacht). Ich hoffe
natürlich, dass die Leute sich über die Texte ein paar Gedanken machen
und dass was davon hängen bleibt.
Flo: Ja, und man kann gerade noch ein bisschen Werbung machen. Das
Album wird es bald bei bandcamp geben, wo es dann auch kostenlos
runtergelad en werden kann (auslaufmodell.bandcamp.com). Und wer
dann noch Lust hat, es auf Vinyl zu haben, kann sich das dann auch noch
bei uns bestellen.
Kontakt:
http://auslaufmodell.blogsport.de/
auslaufmodell at riseup.net
auslaufmodell.bandcamp.com
Release Konzert ( + "Disanthrope", "Xiao Pangzi", "Abgesagt") 22.11.2013 // 19:00 Uhr
JUZ St. Ingbert, Pfarrgasse 49, 66386 St. Ingbert
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