(de) From Hipness to Ramschness ---- In Rom garantiert der Wirtschaftsfaktor Massentourismus nicht allgemeinen Wohlstand, sondern Konkurrenz und Vertreibung

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Mon Dec 2 07:28:10 CET 2013


Am Samstag, dem 19. 10., gingen in Rom nach verschiedenen Schätzungen bis zu 70.000 
Menschen anlässlich einer von Gewerkschaften und Sozialverbänden organisierten 
Demonstration unter dem Motto ,,Gegen Verarmung und Austerität" auf die Straße. 
Vorangegangen war am 18. 10. ein ,,Generalstreik der Basisgewerkschaften", der seine 
Zentren in Städten wie Florenz oder Mailand hatte. Trotz der Unterschiedlichkeit des 
römischen Protestes grenzte sich dieser in seiner Ganzheit - und dies ist angesichts der 
derzeitigen Verhältnisse in Italien durchaus erwähnenswert - offensiv gegen 
nationalistische Strömungen wie auch, unter dem Eindruck der jüngsten Tragödie vor 
Lampedusa, gegen einen Rassismus ab, der sich jenseits des starken rechten Lagers längst 
in der italienischen Mehrheitsgesellschaft etabliert hat. Die konservative Presse stürzte 
sich in bekannter Manier dann auf die Möglichkeiten, angesichts ihrer Heterogenität eine 
dezidiert anti-chauvinistische Krisendemonstration zu diskreditieren. So wurde allen Ortes 
vor jeglichen Inhalten der Demonstration die Geschichte von ,,Neun Anarchisten, die Messer 
und Schlingen mitführten und von der Polizei verhaftet wurden" verbreitet.

Die großen Organisationen, die an der Demonstration teilnahmen, hatten auch Busse aus 
anderen Teilen des Landes in die Hauptstadt organisiert. Aus Rom selbst aber wurde 
wesentlich von Seiten der dortigen Stadteil- und Freiraumbewegungen zu der Demonstration 
mobilisiert. Der Slogan ,,Recht auf Stadt" bekommt in einer Metropole wie Rom, die auf 
engem Raum durchzogen ist von tourismusindustriell nutzbaren Prachtbauten der 
statusverliebten Eliten der letzten zweieinhalbtausend Jahre, eine ganz andere Dimension 
als in den nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem sozial und ökonomisch funktional 
neugestalteten deutschen Großstädten. Auf den Plätzen um das Forum Romanum, auf den 
Brücken über den Tiber, in den Gassen des touristischen Gastro-Viertels Trastevere oder um 
den Campo di Fiori herrscht ein entfesselter Konkurrenzkampf um den besten Standort. Die 
These von der Stadt als neuer Fabrik - wie sie ja nicht zuletzt der italienische 
Postoperaismus um Antonio Negri prägte - wird hier scheinbar besonders nachvollziehbar: 
Werden die mal historisch, mal religiös, mal romantisch konnotierten Sehenswürdigkeiten 
der Stadt als die ihr entspringenden Waren aufgefasst, so sind die TouristInnen und das in 
Form von Immobilien nach Anlagemöglichkeiten wie auch Status anzeigendem Besitz suchende 
Kapital die Kunden. Der staatlich und kommerziell limitierte Zugang zur Mehrwertproduktion 
entlang der Umwandlung von Ruinen, Plätzen und Kirchen zu einer endlos vermarktbaren Ware 
scheint aufgrund mangelnder politischer Selbstorganisation der Menschen, die versuchen, 
hieran ihren Lebensunterhalt zu verdienen, in einen vergleichbaren Zustand wie bei den 
unorganisierten und somit schutzlosen proletarischen Massen der frühen industriellen 
Revolution in Europa zu münden. Kritischen RombesucherInnen wird solch ein Vergleich nicht 
als allzu weit hergeholt erscheinen - unübersehbar die vielen verarmten fliegenden 
HändlerInnen, die oftmals sichtbar verzweifelt versuchen, leuchtendes Kinderspielzeug, 
billigen Romkitsch, je nach Wetter Sonnenbrillen oder Regenschirme oder auch Drogen und 
den eigenen Körper zu verkaufen. Hinzu kommen augenfällig die biblische Leprakranke 
nachahmenden Bettelkolonnen rund um den Petersdom, die die katholischen BesucherInnen aus 
aller Welt wie den Sohn Gottes - aber eben nicht um Heilung, sondern um 50 Cent - 
anflehen. Nicht wenige katholische TrachtenträgerInnen, die sich eben noch vor der 
vatikanischen Kulisse zwecks Rumgepose auf Facebook fotografieren ließen, konsumieren 
anschließend jenes touristische Angebot, sich mit sehr kleinem Kleingeld der eigenen 
Barmherzigkeit zu vergewissern.

DIE SOZIALEN KÄMPFE WERDEN SCHÄRFER
Das Beispiel der hochgradig prekarisierten StraßenhändlerInnen und BettlerInnen Roms zeigt 
aber auch die Beschränkung der These von der Stadt als Fabrik des 21. Jahrhunderts auf. 
Denn die Essenz ihrer Prekarisierung besteht in ihrer strukturell schwachen Position 
innerhalb der politischen Ökonomie - die Verknappung ihrer Arbeitskraft würde die 
herrschenden Verhältnisse nicht in ihrer Existenz bedrohen, wie es zu Zeiten der 
industriellen Ära in Europa jeder ernsthafte Generalstreik tat und es heute in den 
industriellen Zentren Asiens und Südamerikas immer noch tun würde. Die italienische und 
die EU-Einwanderungspolitik halten die konstante Ethnisierung dieser früher einmal 
,,subproletarisch" genannten sozialen Schicht aufrecht, und so erfüllen jene Menschen vor 
allem den doppelten Zweck, als Arbeitsreserve für den Markt bereitzustehen und somit die 
Krisenängste der übrigen Bevölkerung rassistisch in einen Abwehrkampf gegen die verarmte 
migrantische Konkurrenz zu bündeln. SS-Runen und Hakenkreuze gehören zu den häufigsten 
Sprayer-Motiven an den Mauern und Häuserwänden der Stadt. Eine ,,Liga der Nationalen 
Allianz" mobilisiert bewusst am 9. November zu einer eigenen Großdemonstration, quasi als 
Antwort auf die Chauvinismuskritische am 19. Oktober. Die obere Hälfte der Plakate zeigen 
die erstürmte Berliner Mauer, die untere ein Meer aus nationalistischen Flaggen vor dem 
Kolosseum. Die Bildersprache ist eindeutig jene der deutschen Neofaschisten, und wie bei 
ihnen wird die EU mit der Sowjetunion verglichen, selbstredend nicht zwecks der 
Verteidigung der Freiheit des Individuums, sondern der der Nation.



Selbstorganisierte Arbteits- und Arbeitslosenberatung im römischen Stadtteil Garbatella
Basisgewerkschaften wie die USI-IAA und andere selbstorganisierte Zusammenhänge wie etwa 
die Plena der sozialen Zentren mobilisierten zu der linken Demonstration am 19. 10. mit 
der analytischen Verbindung der unterschiedlichsten von der ökonomischen Krise tangierten 
Felder. Die USI Rom rief dazu auf, sich am Einheitsblock der ArbeiterInnen aus den 
Sozialberufen zu beteiligen, weil deren Kampf immer auch die Belange der Allgemeinheit 
tangiere: Neben dem Erhalt ihrer Arbeit gehe es hierbei immer auch um Teilhabe für alle. 
Davon abgesehen war es in den letzten Monaten durch kämpferische Selbstorganisation 
gelungen, zwei römische Kitas nicht nur vor der Schließung zu bewahren, sondern den 
privaten Betreiberunternehmen sogar die volle Beibehaltung der Arbeitsplätze und Gehälter 
abzutrotzen. Durch massive Gegenwehr der Spartengewerkschaften und AnwohnerInnen konnte 
die Schließung der Stadtteilbibliotheken verhindert und auch ihre ungeminderte 
Finanzierung durchgesetzt werden. Und auch die Angestellten in den römischen Tierheimen 
konnten die Erfahrung machen, dass selbst in zunächst aussichtsloser Lage entschlossener 
Widerstand von Erfolg gekrönt sein kann - alle Arbeitsplätze wurden erhalten. Wie die USI 
Rom anhand solcher Beispiele betont, machte diese Erfolge die Selbstorganisation jenseits 
der Gewerkschaftsbürokratie, die sich meist viel zu schnell mit billigen Kompromissen 
abspeisen lässt, überhaupt erst möglich. Hieran orientierte sich auch ihr Aufruf zu der 
Demonstration: Sich nicht durch die Organisationshierarchie der Veranstaltung die Ziele 
und Wünsche vorschreiben zu lassen, sondern den engen Rahmen des angeblich Möglichen durch 
eigenes Handeln zu sprengen.

KOLLEKTIVITÄT UND VEREINZELUNG
Doch nicht für alle Menschen ist es überhaupt noch möglich, solche Verteilungskämpfe zu 
führen. Die Versprechen der kapitalistischen Ökonomie über Freiheit und Individualität 
entpuppten sich für eine Vielzahl von LadenbesitzerInnen in der Nähe des Campo di Fiori 
als Trojanisches Pferd. Im alten Handwerksviertel siedelten sich über Jahrzehnte auf einen 
engen Kundenrahmen spezialisierte kleine Geschäfte an, die von der Beliebtheit des 
Viertels in studentischen, KünstlerInnen- und TouristInnenkreisen profitierten und 
handgemachte Instrumente, Möbel oder Kunst und Literatur verkauften. Die meisten von ihnen 
sind bereits verschwunden, ersetzt durch austauschbare Souvenierläden und den Charme von 
Disneyland verbreitende Restaurants, die die TouristInnenströme abfangen wollen. 
Gentrification kippt ab einem bestimmten Punkt von Hippness in Ramschness. Massimiliano Di 
Giuliomaria, Inhaber des Bücherantiquariats Ardengo in der Via del Pellegrino, erzählt im 
Gespräch mit der Direkten Aktion, dass sich auch die TouristInnen in den letzten zehn 
Jahren sehr verändert hätten. Den meisten ginge es heute um eine Akkordbesichtigung von 
Rom, kaum eineR nehme sich noch die Zeit, sich mit den AnwohnerInnen auseinanderzusetzten. 
Während die Mieten in der Innenstadt ins Unermessliche stiegen, sei hier eigentlich nur 
noch mit Massenware Geld zu verdienen. Noch vor 15 Jahren konnte er von seinem Geschäft 
mit nur noch antiquarisch erhältlichen Büchern über klassische und moderne Kunst, 
Geschichte, Philosophie und Politik aufgrund der Durchmischtheit des Viertels gut leben. 
Doch heute sieht Massimiliano keine Zukunft mehr, und wie er jemals seine Schulden 
zurückbezahlen und wovon er im Alter einmal leben soll, ist ihm schleierhaft. ,,Mir bleibt 
nur noch die Hoffnung auf den großen Crash", sagt er mit ernster Miene. So kämpft er einen 
vereinzelten und verzweifelten Kampf mit jenen Finanzinstituten, die im Zuge der Krise von 
Seiten der Staaten mit Milliarden gestützt wurden, ihn aber nun aufgrund der Filetlage 
seines Geschäfts mittels seiner Schulden von dort vertreiben wollen; gehört sein liebevoll 
eingerichteter Laden erst mal der Bank, wird er zu hohen Preisen an InvestorInnen verkauft 
werden, die aufgrund ihres Kapitals - anders als die meisten Menschen in der römischen 
Innenstadt - dazu in der Lage sind, sich auf die jeweils aktuellen Bedingungen des Marktes 
einzustellen. ,,Alles in dieser Gegend wird von Investoren aufgekauft, mal, um mehr Geld 
zu verdienen, mal schlichtweg wegen des Prestiges."

Und so sind Schlagwörter wie über ein ,,Recht auf Stadt" oder die vielbeschworenen 
,,Kämpfe um Raum" eben nicht verallgemeinerbar. Die antirassistischen Stadtteilprojekte 
und autonomen Zentren Roms erschaffen ihre Freiräume auf den Trümmern einer prekären 
Stadtgesellschaft. Doch hier geht es letztlich um eine - fraglos enorm wichtige - 
Standortgenehmigung für ein Paralleldasein. Menschen wie Massimiliano Di Giuliomaria würde 
eine Besetzung ihres eigenen Geschäfts, um etwa eine Zwangsräumung zu verhindern, nicht 
viel bringen, wären Schulden und mangelndes Einkommen doch weiterhin gegeben. Auch wenn 
die AktivistInnen des CSOA la Strada, die in der Woche vom 7. bis zum 14. Oktober den 
neunzehnten Geburtstag der Besetzung einer riesigen Halle im Stadtteil La Garbatella 
verglichen mit der deutschen autonomen Szene sympathisch offen mit erstaunlich gemischtem 
Publikum feierten, so bleiben auch sie ,,Szene", anstatt eine Bewegung zu sein. Aus einer 
kurzzeitigen Besetzungswelle an Schulen und Universitäten ging in Trastevere wiederum vor 
einem Jahr das besetzte Kino America Occupata hervor; nun wird in einem großen 
historischen Kinokomplex alternative Kultur verwirklicht. Doch während in dem ruhigeren, 
kaum touristisch erschlossenen Garbatella die AktivistInnen des CSAO la Strada beim Wirken 
in den Stadtteil hinein mit weniger ökonomischer Macht zu ringen haben, rüsten sich im 
Touri-Hotspot Trastevere ,,Task Forces" und eine so genannte ,,Superpolizei" zum Angriff 
auf BettlerInnen und StraßenverkäuferInnen - die jungen AktivistInnen des ,,America 
Occupata" werden kaum mehr als ein paar Transparente dagegen aufbringen können.

Marcus Munzlinger


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