(de) FAU-IAA Direct Action #220 - ERSCHIENEN IN: DIREKTE AKTION 220 - NOV/DEZ 2013

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Sun Dec 1 14:07:45 CET 2013


Anarchosyndikalismus: Ein Relikt aus vergangenen Tagen ...oder vielleicht doch nicht? ---- 
Ein Text von Harald Beyer-Arnesen aus dem Jahr 1997 ---- Ilan Shalif, ein libertärer 
Kommunist, dessen Gedanken ich schätze, auch wenn ich nicht immer mit seinen 
Schlussfolgerungen übereinstimme, schrieb folgendes während eines Email-Austauschs 
zwischen den klassenkämpferischen AnarchistInnen von ,,Organise!" [...]: ---- ,,Die 
anarcho-syndikalistische Gewerkschaft ist ein Märchen, ein Traum. Sie kann in unserer 
jetzigen kapitalistischen Gesellschaft nicht verwirklicht werden. [...] Gegenwärtig kenne 
ich keine anarcho-syndikalistische Gewerkschaft, die nicht nur ihrem Namen nach eine 
solche ist (entweder es ist keine Gewerkschaft, oder sie neigt bereits zur Kooption und 
zum Reformismus). [...] In unserer heutigen kapitalistischen Gesellschaft fällt es schwer, 
sich irgendeine praxisbezogene Gewerkschaft vorzustellen, die nicht groß und kooptativ 
wäre. Vollkommen anders verhält es sich dagegen mit kleineren Arbeitergremien. Wenn die 
Zeit für echte, libertäre Arbeitergewerkschaften reif ist, wird die Revolution schon 
bereits im vollen Gange sein." [...]

Sind Anarchosyndikalismus und die revolutionären Gewerkschaften im Allgemeinen ein Relikt 
aus vergangenen Tagen, ein Traum, der sich in unserer heutigen kapitalistischen 
Gesellschaft nicht mehr verwirklichen lassen wird? Jüngste Beispiele aus der Geschichte 
scheinen diese Behauptung zu stützen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die 
syndikalistische Zentralorganisation der schwedischen ArbeiterInnen (SAC) nur noch ein 
blasser Schatten ihrer Selbst. Diese Entwicklung ist umso bedeutender, bedenkt man, das 
die SAC (von der viel älteren französischen CGT mal abgesehen), die einzige revolutionäre 
Gewerkschaft war, die nie brutal unterdrückt wurde. Die Wobblies der IWW sind zwar 
momentan gesund und munter, doch ihre Mitgliederzahl beläuft sich auf gerade 900; Die CNT 
nach Franco ist auf weniger als 10.000 Mitglieder geschrumpft und droht in ihrer einstigen 
Hochburg Katalonien an inneren Spannungen zu zerbröckeln. Das bescheidene Wachstum der 
französischen CNT und der ,,Unione Syndicale Italiana" (USI) rief leidenschaftliche 
Dispute hervor, in denen über Kooption und Reformismus gestritten wurde und endete 
schließlich in deren Spaltung. Die deutsche FAU ist mit der Produktion ihrer Zeitung auf 
dem richtigen Weg, doch von einer eigentlichen Gewerkschaftsstruktur noch weit entfernt. 
Das britische Industrienetzwerk ,,Solidarity Federation" (SF) besteht aus 50 Mitgliedern, 
und befindet sich in der gleichen Situation wie die norwegische NSF, die seit 1976 als 
kleine Propagandagruppe mit derzeit ca. 40 Mitgliedern agiert und ihre Botschaft in 
korporativen Gewerkschaften verbreitet. Auch das wiederaufgekommene Interesse in Osteuropa 
hat bis jetzt nichts weltbewegendes hervorgebracht. In den früheren Hochburgen des 
Anarchosyndikalismus in Süd- und Zentralamerika ist die Situation noch trister als in 
Europa. Auf lange Sicht vielversprechend könnte das Wiedererstarken der Befürworter einer 
revolutionären Gewerkschaftsbewegung in Südafrika sein. Ähnliche Tendenzen sind erstmalig 
auch in Nigeria und Sierra Leone zu erkennen. Eine Gewerkschaft im eigentlichen Sinne ist 
allerdings zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht vorhanden.

Das allgemeine Bild, welches Ilan von der gegenwärtigen Situation skizziert ist 
zutreffend, auch wenn sich natürlich darüber streiten lässt, wie korrekt es im Detail ist.

Um den ,,historischen" Anarchosyndikalismus endgültig zu den Akten legen zu können, reicht 
es nicht aus, seinen derzeitigen Zustand empirisch zu bestimmen und lediglich Mechanismen 
zu benennen, mit denen die aktuelle Form des Kapitalismus gegen den Aufbau einer solchen 
Bewegung arbeitet. Denn das würde bedeuten, dass man in Zeiten, in denen sich der 
Klassenkampf intensiviert und die Arbeiter wieder anfangen, an eine Welt jenseits des 
Kapitalismus zu glauben, ein mögliches Wiedererstarken einer solchen Bewegung außer Acht 
gelassen wird. Die gegenwärtige Marginalität und die Absenz einer revolutionären 
Gewerkschaftbewegung spiegelt das mangelnde Selbstbewusstsein der Arbeiterklasse wieder, 
die nicht in der Lage ist, eine Welt ohne kapitalistisch geprägte soziale Beziehungen 
aufzubauen.

Wir sollten uns also folgende Frage stellen: Könnte in der heutigen Zeit nicht eine, wenn 
auch nur eine einfache, revolutionäre Gewerkschaftsstruktur als Motor zu einer zumindest 
teilweisen Stärkung des Selbstbewusstseins der Arbeiterklasse dienen? Für mich gibt es 
Gründe, die diese These stützen. Werfen wir zunächst einen Blick in die Zukunft.

DER ANKNÜPFUNGSPUNKT AN EINE ZUKÜNFTIGE GESELLSCHAFT

Für Sozialrevolutionäre ist es selbstverständlich, organisatorische Fragen vor dem 
Hintergrund ihrer Ziele zu betrachten und Mittel zu finden, die zu den Anforderungen an 
eine zukünftige, globale, libertär-kommunistische Gesellschaft passen. Konkret bedeutet 
das, dass der Übergang in eine solche dauerhafte Gesellschafts- und Organisationsform im 
Wesentlichen auf den Bedürfnissen, den Wünschen und der Vorstellungskraft einer freien 
Gesellschaft basiert.

Wir leben in einer Welt der exzessiven Arbeitsteilung. Der Zusammenhalt unter den 
ArbeiterInnen ist deshalb entscheidend für den Erfolg einer sozialen Revolution. Das ist 
nichts Neues. Fehlender Zusammenhalt war einer der Hauptgründe, die zum Scheitern der 
russischen Revolution führten und zwischen den Arbeitern das fehlende Selbstvertrauen in 
ihre Fähigkeiten zur Selbstorganisation fern vom Arbeitsplatz verstärkten.

Harald Beyer-Arnesen verstarb am 11. Mai 2005 in Oslo

Arbeiterräte agieren in ihren Produktionsstätten auf lokaler Ebene. Sie sind nicht 
ausreichend geeignet, um im Alltag eine Vernetzung zwischen den verschiedenen 
Produktionsstätten auf eine unbürokratische Art und Weise zu bewältigen. Daher war es kein 
Zufall, dass die Bolschewisten durch die Sowjets erstmalig in der Lage waren, ihre 
separatistischen Machtbestrebungen zu etablieren. Während der kurzen revolutionären Phase 
in Russland dienten die Komitees in den Fabriken als Basis der Opposition und als 
Machtzentrum der ArbeiterInnen. Doch diese Macht löste sich schon bald aufgrund fehlender, 
funktional agierender Verbindungen unter den Arbeitern auf.

Obwohl die Verbindungen zwischen den ArbeiterInnen nicht einzig und allein im 
revolutionären Syndikalismus präsent sind, sondern auch in bürokratischen Gewerkschaften 
teilweise aufrecht erhalten werden, stellen sie dort nur eine Ausnahme dar: Im Regelfall 
entsteht eine Führungsspitze, durch die sich die ArbeiterInnen zunehmend voneinander 
isolieren und immer passiver werden. Der gegenseitige Kontakt und die Hilfe wird somit 
einer handvoll Spezialisten überlassen, die nicht selten nur die Kunst der leeren Phrasen 
pflegen. Dieses Führungspersonal blockiert jeglichen direkten Kontakt zwischen den 
ArbeiterInnen und setzt ihr Handeln generellen Verdächtigungen und Illegitimierungen aus.

DIE FRAGE NACH BESTÄNDIGEN ORGANISATIONSFORMEN

Viele Sozialrevolutionäre lehnen die Beteiligung an institutionalisierten, großen 
Organisationen der Arbeiterbewegung innerhalb des kapitalistischen Systems ab. Da der 
Kapitalismus die eigentliche Antriebsfeder dieser Organisationen ist, werden diese zu 
institutionalisierten Hindernissen. Sie drohen die Revolution zu blockieren, indem sie 
ihre abgehobene Existenz zu rechtfertigen versuchen, sobald der Klassenkampf an einem 
bestimmten Punkt angekommen ist, nämlich dann, wenn dieses System überwunden werden kann.

Die Revolution braucht also ihre eigenen Organisationsformen. Organisationsformen, die 
möglicherweise in einem kapitalistischen System wachsen und gedeihen, werden den 
Bedürfnissen einer sozialen Revolution nicht gerecht werden können. Die Gewerkschaften 
können sich, in ihrer Funktion als Vertreter der Arbeitskraft, der Logik des Kapitals 
nicht entziehen, unabhängig von den politischen Überzeugungen ihrer Repräsentanten und 
deren Bemühungen, demokratische Gewerkschaftsstrukturen zu etablieren. Es ist im Rahmen 
dieser Argumentation notwendig, die vorsätzlichen Täuschungen durch Teile der 
Gewerkschaftsbewegung zu enthüllen und sich deshalb gegen die Arbeitgeber und die 
Gewerkschaften gleichermaßen zu richten.

Setzt man diesen Gedanken fort, müssen diese Anti-Gewerkschaftskämpfe gezwungenermaßen in 
alternativen Strukturen münden, die dann entweder wiederum als Gewerkschaft fungieren, 
oder werden durch interne als auch externe Spaltungen in einen atomisierten Zustand 
zurückfallen werden, innerhalb oder außerhalb der korporativen Gewerkschaftsstruktur. Man 
fühlt sich bei dem Gedanken, dass nur die Spaltung das Sprungbrett zur sozialen Revolution 
sein könnte, ziemlich verlassen. Jedoch basiert die Befürchtung, die diesem strategischen 
Gedanken zu Grunde liegt, darauf, dass möglicherweise aus korporativen 
Gewerkschaftsstrukturen ein unausgegorenes, revolutionäres Gebräu hervorgehen könnte 
welches komplett vom Fortbestand des vorherrschenden Systems abhängig sein wird.

Die Kritik an der Gewerkschaftsbewegung, die in oben genannter Position steckt, ist dem 
Anarchosyndikalismus nicht fremd. Man ist sich im klaren, dass der Anarchosyndikalismus im 
Kern durch unvermeidbare Widersprüche gekennzeichnet ist, die allerdings gleichzeitig eine 
Quelle der Vitalität in sich bergen. Dieser Kern beschreibt den grundlegenden Zustand der 
arbeitenden Klasse innerhalb des Kapitalismus und taucht dort auf, wo soziale Revolutionen 
geboren werden und wo sie auch schon wiederholt verloren wurden.

Die widersprüchliche Natur des Anarchosyndikalismus ist sein revolutionärer Antrieb und 
setzt ihm gleichzeitig dem Risiko aus, von der Logik des Kapitalismus vereinnahmt zu 
werden. Umso wichtiger sind institutionalisierte Vorsichtsmaßnahmen, um die jüngsten 
Entwicklungen als auch die immer wieder auftretenden Konflikte im Anarchosyndikalismus zu 
verhindern.

Der einzige Schutz vor Kooption ist die Auflösung der Organisation. Es ist also 
offensichtlich, dass jede beständige Organisationsform im Kapitalismus immer dem Risiko 
ausgesetzt sein wird, kooptiert und somit zu einem Hindernis in einer revolutionären 
Situation zu werden.

Aber diesem Argument entgegenzuhalten ist die Frage, ob eine Organisationsstruktur, die 
entweder auf den konkreten negativen Erfahrungen der ArbeiterInnen mit bürokratisierten 
korporativen Gewerkschaftsstrukturen basiert oder komplett unorganisiert ist, in der Hitze 
des Gefechts einer revolutionären Situation tatsächlich weniger Gefahr läuft, durch alte 
oder neue Klassengegensätze kooptiert zu werden. Ich denke nicht. Im Gegenteil. Die 
Tendenz zum Reformismus und zur Kooption wird in einer revolutionären 
Gewerkschaftsbewegung immer existieren und beide scheinen sogar ihre größte Chance zu 
sein, denn sie machen eine Beantwortung der daraus resultierenden Fragen zwingend im Hier 
und Jetzt erforderlich, nicht in einer fernen Zukunft. Ich verweigere mich allerdings der 
Logik, dass es in einer revolutionären Situation eine Stärke darstellt, an Unterwürfigkeit 
und Passivität gewöhnt zu sein. Ich kenne auch keinen historischen Beweis, der diese 
Ansicht stützten würde. Auf der anderen Seite scheinen eine endlose Blutspur und 
zahlreiche Gewaltherrschaften das Gegenteil zu bezeugen.

Man kann sich sogar fragen, ob das ablehnende Verhalten waschechter Revolutionäre 
gegenüber beständigen Massenorganisationen für die kapitalistische Kooption nicht doch den 
ultimativen Triumph darstellt.

DIE FRAGE DER KOOPTION

Seit dem Enstehen riesiger Gewerkschaftsbewegungen und der ,,glorreichen" Zeit des 
revolutionären Syndikalismus gelang es dem Kapitalismus zunehmend, jene Mechanismen zu 
kultivieren, die es ihm ermöglichten, Gewerkschaften in seine Entwicklung zu integrieren. 
Dieser Prozess begann, als privates und staatliches Kapital sich gezwungen fühlten, das 
Existenzrecht von Gewerkschaften anzuerkennen. Diese Akzeptanz wurde überall eng an die 
Bedingung geknüpft, dass Gewerkschaften durch ihre Stellvertreter einen dämpfenden und 
disziplinierenden Einfluss ausüben und, wenn notwendig, auch Sanktionen durchsetzen 
sollten, um ihre Mitglieder innerhalb der ihnen gesetzten Grenzen zu halten. So wurden 
Gewerkschaften schließich zum systemstabilisierenden Faktor im Kapitalismus. Zwei 
Beispiele aus den skandinavischen Ländern sollen diesen historischen Sachverhalt belegen.

1905 begann die schwedische Arbeitgeberassoziation (SAF) auf ein landesweites System 
kollektiver Verhandlungen mit bindenden, aber zeitlich begrenzten Vereinbarungen 
hinzuarbeiten. Wie so oft waren es hauptsächlich die großen Industrieunternehmen, die 
einen Vorteil darin sahen, Gewerkschaften in Positionen mit gemeinsamer Verantwortung zu 
integrieren, was zur Folge hatte, dass der Zentralismus in den Gewerkschaften zunahm. Als 
immer mehr schriftliche Vereinbarungen auf landesweiter Ebene zwischen den Mitgliedern der 
SAF und dem sozialdemokratischen Gewerkschaftsausschuss (LO) getroffen wurden, fühlte sich 
die syndikalistische SAC veranlasst, sich, basierend auf ihren Grundsätzen, in Opposition 
zu solchen Vereinbarungen zu positionieren. Was von nun an als legale oder illegale Form 
des Arbeitskampfes betrachtet werden sollte, wurde später als ,,Gesetz zur 
arbeitsrechtlichen Vereinbarung und dem Arbeitsgericht" (1928) institutionalisiert. Dieses 
Gesetz, dem weitere folgten, wurde nicht nur eine Grundlage für Vorschriften und 
Sanktionen, sondern ermöglichte auch wichtige Sozialleistungen wie die 
Arbeitslosenversicherung, die wiederum in landesweiten Verträgen geregelt wurden. Die 
Mitglieder der SAC waren automatisch durch diese abgesichert, obwohl ihre Gewerkschaft es 
verweigert hatte, sich daran in irgendeiner Form zu beteiligen. Die ausdrückliche Absicht 
von SAF und LO, die SAC an den Rand zu drängen, wurde durch das Gesetz von 1928 letztlich 
umgesetzt. Seitdem werden Fäden zwischen den Arbeitgeberverbänden, den Gewerkschaften und 
dem Staat gesponnen, um das Netz der gegenseitigen Abhängigkeit aufrecht zu erhalten.

In Norwegen waren die landesweiten Verträge größtenteils ein Ergebnis der 
Ausschlussstrategie norwegischer Arbeitgeberverbände. Aber seit 1911 entwickelte sich eine 
starke, syndikalistisch inspirierte Opposition innerhalb der LO, die sich für die direkte 
Aktion als Mittel des Widerstands einsetzte. 1918 ermöglichte es der Eisen- und 
Metallarbeiterverband, die Entscheidungskontrolle über den Beginn und das Ende von 
Arbeitskämpfen direkt in die Hände der betroffen ArbeiterInnen zu legen, während der 
Arbeiterbund hingegen beschloss, auf die Unterzeichnung lokaler Verträge zu verzichten. 
Diese sogenannten ,,allgemein anerkannten Vertragsbedingungen" verdrängten zunehmend den 
Abschluss von lokalen Verträgen. Dies führte wiederum zu einem Gerichtsurteil von 1920, 
welches besagt, dass die Gewerkschaften die juristische Verantwortung für die Aktionen 
ihrer Lokalförderation haben, unabhängig davon, ob sie diesen Vertrag unterzeichnen oder 
nicht. Auf diese Weise untergrub das Urteil die Entscheidung, nicht als offizielle Partei 
an einem geschrieben Vertragswerk teilzunehmen. Zuvor konnte man sich noch durch 
Verweigerung an einem Vertragswerk der gesetzlichen Auflage entziehen, doch von da an 
konnte der Arbeitgeber die Gewerkschaften verpflichten bei Unregelmäßigkeiten eingreifen 
zu müssen.

Diese Sklavenverträge, wie sie zu jener Zeit genannt wurden, wurden nicht einfach 
aufgelöst. Stattdessen entwickelte sich ein kompliziertes Netz von Gesetzen und bindenden 
Vereinbarungen, welche zum Zweck hatten, jeglichen potentiellen Konflikt zwischen Käufern 
und Verkäufern von Arbeitskraft zu regulieren. Innerhalb dieses Systems war kein Platz für 
die revolutionäre Gewerkschaftsbewegung, welche dadurch de facto ungesetzmäßig wurde.

Auf den ersten Blick haben die Arbeiter zwar in diesem beschriebenen Prozess ein bisschen 
was erreicht, aber die Arbeitgeber erreichten wesentlich mehr: stabile Konditionen, um die 
kontinuierliche Ausbeutung von ArbeiterInnen fortzusetzen, die Befriedung der 
Arbeitskräfte sowie eine impotente ArbeiterInnenvertretung, welche nun von der Spitze bis 
zur Basis über alle Ebenen reichte. Beide, Arbeitskräfte und Arbeitervertretung, waren 
darauf aus, den Frieden, die Ordnung als auch die gegenseitige Verantwortung ganz im 
Dienste des Kapitalismus aufrechtzuerhalten, mit dem Staat als finalem, ,,neutralen" 
Schlichter.

Diese korporative Struktur zeigt sich am deutlichsten in Ländern wie den skandinavischen, 
die einen hohen Prozentsatz an Arbeitern aufweisen, die passiv organisiert sind. Aber auch 
in Ländern mit einer prozentual sehr niedrigen gewerkschaftlichen Organisationsgrad werden 
die allgemeinen Bedingungen der Arbeiterklasse insgesamt von dem System einer mehr oder 
weniger korporativen Beziehung zwischen Gewerkschaft, Arbeitgeber und Staat bestimmt. Der 
letztgenannte Fall scheint ein größeres Feld für Aktionen und Organisationsstrukturen zu 
eröffnen, da diese schwerer zu kontrollieren sind.

Dort, wo Gewerkschaften vollkommen oder teilweise gesetzlich verboten sind und direkte 
Aktionen logischerweise oft das einzige Ausdrucksmittel für Missfallen sind, wird die 
Situation unberechenbarer und potentiell explosiv. Diese Gegebenheiten variieren von Land 
zu Land. In Indien beispielsweise ist jede Gewerkschaft laut einer örtlichen Quelle ein 
privates Unternehmen, mit der Aufgabe, Geld für seinen Unternehmer zu erwirtschaften. Es 
führt kein Weg daran vorbei, die dortigen Gewerkschaften und die Situation, unter der sie 
operieren müssen, zu verstehen. Es ist jedoch bemerkenswert, dass diese Gewerkschaften, 
sobald sei etwas an Legalität gewonnen haben, allem Anschein nach durch Kooption immer 
mehr jener Gewerkschaftsbewegung ähneln, welche noch für die Sowjetunion typisch war. 
Trifft das nicht auf die AFL-CIO (American Federation of Labour and Congress of Industrial 
Organisations) zu? Werden alle Gewerkschaften im zeitgenössischen Kapitalismus so enden?

DIE LÜCKE IN DER VERBINDUNG

Arbeiter werden sich immer organisieren, sofern sie eine Notwendigkeit dafür sehen und 
genügend Zusammenhalt und kollektive Stärke besitzen. Gewerkschaften sind nicht einfach 
irgendetwas vermeidbares, auch wenn wir es uns manchmal wünschten: sie sind etwas, dass 
uns der Kapitalismus aufzwingt. Konkret heißt das, dass der Kapitalismus uns in die 
Situation drängt, die Gewerkschaften erst notwendig macht. Solange wir unser Schicksal 
nicht in die eigenen Hände genommen haben, werden wir nicht ohne sie auskommen. Je mehr 
wir als ArbeiterInnen unorganisiert sind (die Mitgliedschaft in korporativen 
Gewerkschaftsform stellt dabei nur eine bestimmte Form der Unorganisiertheit dar, da sie 
größtenteils als Organisation der Passivität und der Teilung fungiert), umso mehr werden 
wir nur biegbares Material in den Händen des Gegners sein und letztlich allein durch die 
Logik des Kapitals regiert werden.

Der Arbeitsvertrag, kollektiv oder individuell, stellt bei seiner Eigentümlichkeit an sich 
ein Disziplinierungsinstrument dar, welches zum grundlegenden Bestandteil des Kapitalismus 
gehört. Das Unterschreiben eines solchen Vertrags beinhaltet eine grundsätzliche 
Anerkennung der Klassenbeziehungen. Er stellt die Voraussetzung für das Überleben eines 
Arbeiters dar und ist somit nicht einfach auf Basis individueller politischer 
Überzeugungen kündbar.

Als Lohnsklaven - entweder vorübergehend oder gar nicht beschäftigt, auf dem Weg einer zu 
werden oder bereits ausgestoßen - sind wir über die Funktionsweise des Kapitalismus 
miteinander verbunden. Diese Gemeinsamkeit ist allerdings nicht unumstößlich. Wir sind 
nicht das bloße Anhängsel des Kapitals. Seine Akzeptanz gilt nur unter Vorbehalt: in 
wilden Streiks und zahlreichen kleineren Sabotageakten und Blockaden, die täglich und an 
nahezu jedem Arbeitsplatz stattfinden, widersetzen wir uns zeitweilig. Es existiert eine 
Lücke in diesem Zusammenhang, die geweitet oder verengt werden kann und das bedeutet, dass 
der oben beschriebene Prozess umkehrbar ist. Alles andere wäre ja auch überraschend, denn 
es würde bedeuten, das die Gewerkschaftsstrukturen komplett unbeeinflusst von dem 
generellen Auf und Ab des Klassenkampfes wären. Das anarcho-syndikalistische Projekt setzt 
sich zum Ziel, die erzwungene Akzeptanz der Klassenbeziehungen immer mehr in Frage zu 
stellen, bis es zur endgültigen Explosion von Energien, Träumen, Gedanken und Wünschen 
kommt. Und zwar dann wenn die Bindungen an die kapitalistische Logik bröckeln, wenn 
Klassen abgeschafft sind und das freie Individuum als auch die kollektive Kreativmacht im 
Sinne einer gegenwärtigen als auch zukünftigen nicht-hierarchischen Gesellschaft agieren. 
Und das ohne die von Staat und Kapital auferlegten Fesseln.

DIE WINDE FANGEN

Die Ablehung des Anarchosyndikalismus, die aus der Angst vor Kooptation entspringt, ähnelt 
dem Bild eines Seglers, der davor zurückschreckt, schwimmen zu lernen, weil er dadurch 
fürchtet, sein Leben in Gefahr zu bringen.

Bei dem Gedanken an eine Erneuerung des Anarchosyndikalismus erscheint der Umstand, dass 
es zu wenige Initiatoren und zu wenig langfristiges Engagement gibt, als Teufelskreis. Das 
hat zur Folge, dass es keine dauerhafte Organisation gibt, denen die ArbeiterInnen 
beitreten könnten, auch wenn sie wollten. Zwar sind erste Strukturen entstanden, die als 
gewerkschaftlich zu bezeichnen können, doch die Skepsis ist nach wie vor groß: 
,,Grundsätzlich eine gute Sache, aber zu wenig Leute für eine Gewerkschaft. Wenn mehr 
ArbeiterInnen beitreten, würde ich mir es überlegen". Genau in dieser Situation befindet 
sich die IWW heute, trotz ihrer historischen Bedeutung.

Andererseits kann eine Organisation ab einem bestimmten Punkt auch plötzlich schnell 
wachsen. Ähnliches kann passieren, wenn der Kern einer revolutionären Gewerkschaft an 
verschiedenen Plätzen in kurzer Zeit in Erscheinung tritt. Noch etwas ist zu sagen: Die 
Reaktionen, die einer Organisation entgegenschlagen, werden anders sein, wenn sie nicht 
als reine Propagandatruppe auftritt, die zukünftige Utopien skizziert anstatt im Hier und 
Jetzt tätig zu sein, sondern als gewerkschaftsbildende Organisation, die sich auf 
bestimmte Prinzipien beruft. Wenn du eine revolutionäre Gewerkschaft willst, musst du 
damit zu beginnen, Strukturen aufzubauen, die auch in einem kleinen Rahmen, im Hier und 
Jetzt das Prinzip der praktischen Solidarität umsetzen und in ihren Bestrebungen auch als 
funktional wahrgenommen wird.

Egal wie raffiniert die Methoden der Kooption auch sein mögen, die Stürme der 
Unzufriedenheit werden immer wehen. Um den Anarchosyndikalismus wieder aufleben zu lassen, 
müssen die Flammen von Unzufriedenheit und Respektlosigkeit gegenüber den Vorgesetzten 
entfacht werden. Aber es müssen auch Strukturen vorhanden sein, um diese Winde zu 
kanalisieren, ihnen ein verlängertes Leben einzuhauchen und ihnen eine Richtung zu geben, 
damit sie noch stärker werden. Unsere Aufgabe besteht darin, direkte Verbindungen zwischen 
den Arbeitern aufzubauen - auf lokaler Ebene, innerhalb der Grenzen eines Staates als auch 
auf globaler Ebene, von den Arbeitsplätzen hin zu den Kommunen in denen wir leben. Wir 
müssen Raum schaffen für kollektive Diskussionen, in denen von einer Gesellschaft jenseits 
des Kapitalismus geträumt werden kann.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist der Aufbau von revolutionär-gewerkschaftlichen Strukturen 
als Mittel zu betrachten, um den Traum von jener post-kapitalistischen Gesellschaft in die 
Arbeiterklasse zu transportieren. Dass dies zu einem Großteil innerhalb des Systems einer 
korporativen Gewerkschaftsbewegung geschehen kann, ist nur schwer vorstellbar. Die 
korporative Gewerkschaftsbewegung ist nicht im Stande sich zu reformieren. Sie muss 
dekonstruiert werden. Deswegen ist der offene Anarchosyndikalismus von entscheidender 
Bedeutung.

OFFENER ANARCHOSYNDIKALISMUS

Ein offener Anarchosyndikalismus bedeutet, dass die Solidarität über die reine 
Mitgliedschaft hinausreicht: es geht um ein vernetztes Denken der arbeitenden Klasse auf 
einem Mikro- und Makrolevel und die Entwicklung solidarischer Bindungen, um den 
praktischen Zusammenhalt in den unterschiedlichsten Rängen, Reihen und Abteilungen der 
korporativen Gewerkschaften. Diese Gewerkschaftsprinzipien sind außerhalb der 
solidarischen Gewerkschaften bedeutungslos, denn nur dort geht es nicht um bloße 
Mitgliedszahlen, sondern um praktisch ausgeübte Solidarität. Der Arbeitsplatz ist zwar der 
Ausgangspunkt im Anarchosyndikalismus, doch es geht darüber hinaus. Andernfalls würde man 
nur der Logik des Kapitalismus folgen. Ein Beispiel für die ,,über den Arbeitsplatz 
hinausgehende Gewerkschaft" sind die Kämpfe der CNT, die sich u.a. gegen die Schließung 
der Werften in Puerto Real, nahe Cadiz im Süden Spaniens, einsetzte, wo sich der Kampf 
auch auf umliegende Gemeinden ausweitete.

Die direkte Aktion im anarchistischen Sinne beinhaltet, die Mittel dem Zweck anzupassen 
und so eine Änderung der Welt auf kleinerem oder größerem Niveau zu bewirken. Wir nutzen 
unsere Macht über die Produktion, um dieses Ziel zu erreichen. Bescheidene Veränderungen 
in unserem Leben reichen uns nicht. Wir werden die eigene Fantasie wie auch die der 
Arbeiter befeuern. Wir werden stetig unsere Augen nach Potential offenhalten. Dies ist 
umso wichtiger, da der Kapitalismus sich selbst zum sozialen Faktor erhoben hat und unser 
alltägliches Leben in immer größerem Umfang durchdringt und durch seine exzessive 
Arbeitsteilung spaltet. Dadurch fällt es uns schwerer zu erkennen, dass wir eigentlich in 
der Lage wären eine andere Welt zu erschaffen.

Oft hört man, dass großformatig-revolutionäre Gewerkschaften zwar eine Lösung des Problems 
sein könnten, sie jedoch nie in der Lage sein würden, die gesamte Arbeiterklasse zu 
organisieren. Das trifft vermutlich zu. Es erscheint allerdings nicht sehr weise, diesen 
Gedanken auf der Grundlage einer reinen Gegenannahme zu führen. Eine Mitgliedschaft sollte 
niemals als Ende, sondern als Mittel angesehen werden. Es kann nur ein Ende geben: eine 
umfassende, globale Gesellschaftsform, die frei von Grenzen, Klassen, Hierarchien und 
Staaten ist und so weit wie möglich im Hier und Jetzt verwirklicht werden kann. Aber dafür 
müssen wir einen Zusammenhalt zwischen den Arbeitern aufbauen. Bereits vorhandene 
Anknüpfungspunkte werden wir gerne mit anderen teilen und ausbauen, jedoch nur auf Basis 
einer praktischen, nicht-hierarchischen Solidarität.

Aus dem Englischen übersetzt von Benjamin Most

Anarcho-Syndicalist Review Nr.22 (1997): Originaltext ist zu finden unter: 
syndicalist.us/2013/10/23/anarcho-syndicalism-a-historical-closed-door-or-not/


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