(de) DIREKTE AKTION #218 - Vielleicht ist alles ganz anders? -- Zum Tod von Lutz Schulenburg

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Thu Aug 22 13:57:51 CEST 2013


Lutz SchulenburgEinige Wochen sind seit dem 1. Mai 2013 vergangen, dem Tag, an dem Lutz 
Schulenburg uns plötzlich verlassen hat. Das Lauffeuer war rasend, die Resonanz entsprach 
dem Maßstab seines unermüdlichen Wirkens und Arbeitens für sichtbare und unsichtbare 
Aufstände. Eine Flut von Nachrufen und Trauerbekundungen brach los. Und da war die 
großartig berührende Trauerfeier am Hamburger Diebsteich. Dort hat Lutz seine letzte 
Ruhestätte gefunden, in gebührendem Abstand zu den offenen Armen einer bronzenen Maria. -- 
Die Nachricht seines Todes hatte uns alle in Hamburg, die wir ihn kannten, überrascht. Von 
seinem Aneurysma, welches ihn kurz nach der Leipziger Buchmesse ereilt hatte, schien Lutz 
sich so blendend erholt zu haben. Mit der gleichen Vehemenz und rebellischen Kraft, mit 
der er sein Leben lang unterwegs gewesen war.

Und als er, aus dem Krankenhaus kommend, seine Reha in Plau am See antrat, da hatten wir 
ihn doch gerade noch einmal ganz anders kennengelernt... Und er selbst vielleicht sich und 
sein Leben? Am 21. April, seinem 60. Geburtstag, sagte er auf die Frage, wie er sich denn 
fühle, leise: ,,Ach, ich wusste ja gar nicht, dass das Leben auch so sein kann. So leicht, 
so frei..." Er sagte das mit einer sanften hellen Stimme, die es nicht gewohnt schien, 
Worte für dieses ganz Andere zu ertasten. Und dann das letzte Foto von Lutz; KP Flügel hat 
es drei Tage vor dem letzten Tag während einer Schiffsreise über den Plauer See gemacht. 
,,Ein Mann in Frieden, harmonisch und schön - mit (s)einem liebenswürdigen, leise 
ironischen Lächeln - in äußerer und innerer Ruhe, geschützt durch Mütze und Brille, das 
von 1000 Gedanken besetzte Gehirn wie befreit..., beinahe ist so etwas wie Heil-Sein zu 
spüren, ein im Einklang-Sein. Vielleicht der Ausdruck von tiefem inneren Einverständnis?" 
So fragte sein Arzt und Freund Hans Schulz in seiner Traueransprache.

Mit dieser Offenheit und Neugierde hatten wir Lutz ein paar Jahre zuvor kennengelernt. In 
der ,,Schwarzen Katze", einem Kellerlokal in der Hamburger Fettstraße, welches 
anarchistischen Gedanken und Aktivismen Raum bietet. Da saß der Verleger Lutz Schulenburg 
bei einem Treffen der FAU. Bescheiden, erwartungsvoll, freies Engagement wertschätzend. Da 
saßen wir, in elegantem Schwarz, irgendwie anders. Lutz beäugte uns und freute sich. Wir 
auch. Dann lernten wir seine Partnerin Hanna Mittelstädt kennen. Wir wurden Freunde, wir 
machten ein Buch zusammen, und manches Interview für die DA, die GWR und Radio FSK.

Offenheit und Neugierde haben Lutz durch das Leben geführt, zuweilen getrieben. Als 
Schüler wollte er lieber nach Kuba, als in Hamburg-Bergedorf weiter die Schulbank zu 
drücken. Der Ausreißer kam nur bis München, wo er von der Polizei aufgegriffen und wieder 
zurückgeschickt wurde. Dieser Freiheitsdrang war für ihn ein bedingungsloser. Engagiert in 
linken Zusammenhängen, zeigte er sich offen für die Ideen der Situationisten, die den 
Pariser Mai mit ihren Manifesten und Texten und ihrem Slogan ,,Ne travaillez jamais!" 
entscheidend mit geprägt hatten. Als dann der Situationist Pierre Gallissaires nach 
Hamburg kam und Lutz auch Hanna Mittelstädt kennenlernte, widmete er sich elanvoll der 
Verlagsarbeit. In der Edition Nautilus wurden Schriften der Situationisten, Surrealisten 
und Dadaisten verlegt, neben anspruchsvoller Literatur und politischen Kampfschriften. 
Zuletzt waren es Der kommende Aufstand, die Protest- und Verteidigungsschriften von Pussy 
Riot sowie das feministische Manifest von Laurie Penny, mit denen der Verlag eindeutig 
eine emanzipatorisch-libertäre Position bezog, auch wenn Lutz den Verlag nicht als einen 
anarchistisch festgelegten verstanden wissen wollte. Und er widmete sich der Fortführung 
der vom Rätekommunisten Franz Pfemfert 1911 gegründeten Zeitschrift Die Aktion. Eine der 
ganz wenigen Zeitschriften, die sich konsequent gegen jegliche Kriegsbegeisterung 
positionierte.

In einem in der April/Mai-Ausgabe der DA veröffentlichten Gespräch über die Neuerscheinung 
des Trottelbuchs von Franz Jung fand Lutz Sätze über den geliebten Schriftsteller, 
Aktivisten und Rätekommunisten, als wären sie eine unübertreffliche Selbstbeschreibung. 
Ersetzen wir also Franz Jung durch Lutz, würde es heißen: ,,Lutz Schulenburg ist ein von 
Herzen abenteuerlicher und vom Typus her avantgardistischer Verleger und Aktivist... 
zugleich umtriebig und Getriebener, Zeitgenosse und natürlich Opfer der gesellschaftlichen 
Verhältnisse. Aber er war jemand, der seine Zeit sehr genau wahrgenommen hat und immer an 
Orten war, an denen sich etwas entschieden hat."

Franz Jung hatte den Satz von Thomas von Kempen ,,Was suchst du Ruhe, wenn du zur Unruhe 
geboren bist?" seiner autobiografischen Schrift Der Weg nach unten vorangestellt. Dieser 
Satz leitete auch das Programm der Trauerfeier von Lutz Schulenburg ein. Ob er, der 
Unruhige, jetzt Ruhe gefunden hat?

Was hat Lutz zu allerletzt wahrgenommen, was hat sich und wo genau für ihn entschieden, 
als er gegangen ist, von hier, ganz und für immer? Was hat sich da seiner Offenheit und 
Neugierde dargeboten? Diese Fragen bleiben. Lutz hat sie uns gelassen. Die Unruhe der 
Frage. Der Frage nach der Ruhe in der Unruhe des Erdenlebens.

Jorinde Reznikoff / KP Flügel


More information about the A-infos-de mailing list