(de) DIREKTE AKTION #218 - "Was dem Mittelalter das Kloster, das kann uns Modernen das Gefängnis sein"

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Tue Aug 20 15:30:49 CEST 2013


Gustav Landauers mystisch geprägter Anarchismus ---- Im Februar 2012 stürmen ein paar als 
Punk-Band getarnte junge Frauen die Christ-Erlöser-Kathedrale in Russlands Hauptstadt 
Moskau. Kurz darauf stellen sie ein Video ihrer Aktion ins Internet, unterlegt mit einem 
Song, der die Führung des Staates und der Russischen Orthodoxen Kirche scharf kritisiert. 
Für das Gericht, das zwei der Frauen für zwei Jahre ins Straflager schickt, ist die Sache 
klar: Rowdytum, motiviert durch religiösen Hass. Da scheint es ins Bild zu passen, wie 
Pussy Riot bereits in den Wochen zuvor auffällig geworden war: Mit ihrem Song ,,Kropotkin 
Wodka" hatten sie ein Getränk gepriesen, das gut für die Protestierenden auf der Straße 
sei, den Herrschenden aber ein Treffen mit Präsident Kennedy ermögliche - vielleicht ein 
versteckter Gruß an die ,,Dead Kennedys", deren ehemaliger Sänger Jello Biafra zu dieser 
Zeit die Occupy-Bewegung unterstützt.

Typisch, könnte man meinen: antireligiöser Anarchismus, Kritik an religiöser und 
staatlicher Autorität, ni Dieu ni maître. Aber warum beriefen sich dann die angeklagten 
Mitglieder von Pussy Riot so beharrlich auf die Bibel und die klassische russische 
Religionsphilosophie?

Religion kann ein Herrschaftsinstrument sein. Religion kann aber auch helfen, Herrschaft 
zu kritisieren. Historisch lässt sich beides an zahlreichen Beispielen zeigen. Dabei 
scheint es eine Art von Wahlverwandtschaft zu geben zwischen bestimmten Formen von 
Religion und bestimmten politischen Richtungen: Der Marxismus wäre dann einem 
apokalyptischen Typ von Religion zuzuordnen: Das Heil erscheint am Ende und als Ziel der 
Geschichte nach dem Endkampf zwischen Gut und Böse. Der anarchische Gegenentwurf kann 
dabei mystische Formen annehmen. Besonders deutlich wird das am Beispiel von Gustav Landauer.

JUDE, ATHEIST, MYSTIKER

Urheber: Oscar Suck
Gustav Landauer wird 1870 als Sohn jüdischer Eltern in Karlsruhe geboren. Die geistige 
Enge, die er in seiner Schulzeit erlebt, führt ihn zum Anarchismus und zu seinem Wunsch, 
Schriftsteller zu werden. 1891 zieht Landauer nach Berlin-Friedrichshagen, damals 
Künstler- und Intellektuellenzentrum. Er schließt sich einer marxistischen Studentengruppe 
an und befreundet sich mit den Initiatoren der sozialistischen ,,Freien Volksbühne". Wie 
bei zahlreichen anderen Intellektuellen seiner Zeit geht mit der Politisierung eine 
Abgrenzung von der Religion einher. 1892 verlässt Landauer die jüdische 
Religionsgemeinschaft, der er bis dahin anscheinend ohnehin nie stark verbunden gewesen war.

In Berlin stürzt sich Landauer in Politik und Literatur. Er wird Mitherausgeber und 
Chefredakteur der Zeitschrift Sozialist. Weil Landauer im Jahre 1893 als anarchistischer 
Delegierter am Züricher Kongress der Zweiten Internationale teilnimmt und darüber im 
Sozialist berichtet, wird er wegen ,,Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Staatsgewalt" 
zu seiner ersten Gefängnisstrafe verurteilt.

Ein weiterer Gefängnisaufenthalt 1899 / 1900 bringt eine Wende in seinem Denken. In der 
Haft übersetzt Landauer mehrere Predigten Meister Eckharts aus dem Mittelhochdeutschen und 
beschäftigt sich intensiv mit der Gedankenwelt der mittelalterlichen Mystik. In einem 
Brief an seine spätere zweite Ehefrau, die Dichterin Hedwig Lachmann, schreibt er: ,,Was 
dem Mittelalter das Kloster, das kann uns Modernen das Gefängnis sein. Die Esel, die uns 
diese Kur vorschreiben, wissen gar nicht, welche Wohltat sie manchem schon erwiesen haben. 
Ich habe da innen früher einsame Wonnestunden ohnegleichen erlebt, und die Kraft des Leids 
hat sich mir erprobt." Landauers mystisches Denken, das er im Anschluss an Meister Eckhart 
entwickelt, kommt ohne Gott aus. Landauer - ein atheistischer Mystiker.

Den Ersten Weltkrieg lehnt Landauer von Beginn an ab. Mit Beginn der Revolution im 
November 1918 kommt Landauer auf Bitte des neuen bayerischen Ministerpräsidenten Kurt 
Eisner hin nach München. Nach der Ermordung Eisners wird Landauer in der ersten Münchener 
Räterepublik für wenige Tage Minister für Volksaufklärung, Unterricht, Wissenschaft und 
Künste. Von der zweiten, kommunistisch dominierten Räterepublik distanziert er sich bald. 
Im Zuge der militärischen Niederschlagung der Revolution 1919 wird Landauer verhaftet und 
ermordet.

In einem Nachruf schreibt Landauers Freund Martin Buber: Landauer ,,fühlte in sich den 
urjüdischen Geist, der zur Verwirklichung drängt, leibhaft gegenwärtig; er fühlte sich 
seinen Ahnen, den jüdischen Propheten und den jüdischen Blutzeugen, verbunden. Gustav 
Landauer hat als ein Prophet der kommenden Menschengemeinschaft gelebt und ist als ihr 
Blutzeuge gefallen."

ATHEISTISCHE MYSTIK

Landauer entfaltet seinen mystisch-philosophischen Ansatz vor allem in seiner 1903 
erschienenen Schrift Skepsis und Mystik. Anders als in der mittelalterlichen Theologie des 
Meister Eckhart ist das Ziel für Landauer nicht eine Vereinigung des Menschen mit Gott, 
vielmehr führe der mystische Weg dazu, dass der Einzelne ,,Welt" werde und so seine 
Isolation überwinde, in der er als von der Umgebung abgegrenztes Individuum gefangen sei: 
,,Um nicht welteneinsam und gottverlassen ein Einziger zu sein, erkenne ich die Welt an 
und gebe damit mein Ich preis; aber nur, um mich selbst als Welt zu fühlen, in der ich 
aufgegangen bin."

Die Vereinigung mit der ,,Welt" geschehe, so Landauer, wenn das Individuum in sein 
tiefstes Inneres vorstoße. An dieser Stelle wird der Einfluss der Theologie des Meister 
Eckhart auf Landauer deutlich. Eckhart war der Überzeugung, dass jeder Mensch einen 
göttlichen ,,Seelengrund" in sich trage. Deshalb sei die Einung mit Gott durch die 
Konzentration auf diesen ,,Gott in mir" zu erreichen, also durch die Abkehr von der Welt 
und durch ,,Abgeschiedenheit", als Preisgabe des eigenen Habens, Wollens und Seins. Nur 
wenn der Mensch wahrhaft ,,arm im Geiste" sei, könne er der Gottheit Raum geben, die in 
ihm zum Durchbruch gelangen wolle. Die extremste Selbstpreisgabe des Menschen wird so zur 
vollkommenen Form seiner Gottwerdung.

Landauer geht analog dazu davon aus, dass jeder Mensch die ,,Welt" (als Äquivalent zur 
Gottheit) in sich trage, zu der er durch Abgeschiedenheit, durch ,,Absonderung" vorstoße:

,,Je fester ein Individuum auf sich selbst steht, je tiefer es sich in sich selbst 
zurückzieht, je mehr es sich von den Einwirkungen der Mitwelt absondert, um so mehr findet 
es sich als zusammenfallend mit der Welt der Vergangenheit, mit dem, was es von Hause aus 
ist. Was der Mensch von Hause aus ist, was sein Innigstes und Verborgenstes, sein 
unantastbarstes Eigentum ist, das ist die große Gemeinschaft der Lebendigen in ihm [...]: 
die Gemeinschaft, als die das Individuum sich findet, ist mächtiger und edler und urälter 
als die dünnen Einflüsse von Staat und Gesellschaft her. Unser Allerindividuellstes ist 
unser Allerallgemeinstes. Je tiefer ich mich in mich selbst heimkehre, um so mehr werde 
ich der Welt teilhaftig."

MYSTIK UND REVOLUTION

Die Überzeugung einer innigsten Verbundenheit von Individuum und ,,Welt" - und damit 
eingeschlossen von menschlichem Individuum und Menschengeschlecht - begründet einen 
spezifischen Glauben an eine elementare Gemeinschaftsfähigkeit. Ist ,,die große 
Gemeinschaft der Lebendigen" in jedem Menschen präsent, so erscheinen die ,,Einflüsse von 
Staat und Gesellschaft" als dünn. Der Staat ist dann nicht mehr nötig, um menschliches 
Zusammenleben zu ermöglichen. Der Staat sei, so Landauer, nicht die Lösung, sondern das 
Problem. In seiner Schrift über Die Revolution (1907) erklärt er: ,,Wo der Geist nicht 
ist, da ist die Gewalt: der Staat und die ihm zugehörigen Formen der Obrigkeit und des 
Zentralismus". ,,Geist" ist demnach das, was die Menschen untereinander verbindet, und 
zwar als ,,ein natürlicher aber kein auferlegter Zwang", der zugleich ,,Freiheit und 
Ordnung" schafft.

Um die im Menschen vergrabene Verbundenheit untereinander wieder Wirklichkeit werden zu 
lassen, müsse der Staat mit seinen Einrichtungen zurückgedrängt und dem ,,Geist" Raum 
gegeben werden. Dies könne durch die Gründung von Gemeinschaften außerhalb des Staates 
geschehen, um ,,den Geist auszulösen, der hinter dem Staate gefangen sitzt". Landauer 
erklärt: ,,Wir warten nicht auf die Revolution, damit dann Sozialismus beginne; sondern 
wir fangen an, den Sozialismus zur Wirklichkeit zu machen, damit dadurch der große 
Umschwung komme!"

Anstatt im Kapitalismus für eine neue Gesellschaft zu kämpfen, propagierte Landauer den 
,,Austritt aus dem Kapitalismus", die Gründung einer sozialistischen Neben- oder 
Gegengesellschaft, die mit der Verwirklichung einer neuen Gemeinschaft beginne. Nichts 
stehe der gesellschaftlichen Umwandlung so sehr im Wege, wie die potentiellen 
Protagonisten der Veränderung selbst, die vom Kapitalismus, seinen Werten und seiner 
Wirklichkeit korrumpiert würden und die erst ihre ,,freiwillige Knechtschaft" abstreifen 
müssten, um dann ,,durch Absonderung zur Gemeinschaft" zu kommen.

Für Landauer bedeutet das - mit einer deutlichen Stoßrichtung gegen den Marxismus: Die 
Vereinigung des Einzelnen mit der höheren Wirklichkeit, hier der Welt und der Menschheit, 
ist jederzeit möglich und nicht etwa abhängig von einem bestimmten Entwicklungsstand der 
Produktivkraftentfaltung. Sie hängt allein von der Bereitschaft des Einzelnen ab, den 
mystischen Weg zu beschreiten. Revolution ist damit zugleich ein gesellschaftliches und 
ein spirituelles Projekt: Es gilt, sowohl die Formen des Zusammenlebens umzugestalten, die 
Formen staatlicher Herrschaft zu zerstören und ,,geist- gemäße" Institutionen aufzubauen, 
als auch sich selbst zu verändern, gemeinschaftsfähig zu werden.

So könnte sich im Idealfalle ein neues Gemeinwesen von unten nach oben entwickeln, 
basierend auf kleinen Einheiten, in denen herrschaftsfreie Verbundenheit erlebt werden 
kann und die Beteiligten in der Lage sind, die sie betreffenden Entscheidungen gemeinsam 
zu treffen. Delegierte dieser kleinen Einheiten sollen dann auf den nächsthöheren Ebenen 
diejenigen Entscheidungen treffen, die eine größere Zahl von Gemeinschaften angehen, und 
so immer weiter bis hin zur Ebene eines Völkerbundes: ,,eine Gesellschaft von 
Gesellschaften von Gesellschaften; ein Bund von Bünden von Bünden; ein Gemeinwesen von 
Gemeinwesen von Gemeinden; eine Republik von Republiken von Republiken."

Sollte die Menschheit je einen solchen Völkerbund errichten - das Ende der Geschichte wäre 
das nicht, denn Geschichte ist keine Einbahnstraße mit einem endgültigen Ziel. Deshalb sei 
es nötig, Formen zu finden, die die Gemeinschaftsfähigkeit der Menschen erhielten und 
verhinderten, dass der Staat wieder an die Stelle der geistbewegten Gemeinschaften trete. 
Das anti-institutionelle Element müsse gleichsam institutionalisiert werde, um der 
Verfestigung von Machtstrukturen vorzubeugen. Oder, wie Landauer es in seiner Schrift 
Aufruf zum Sozialismus ausdrückt: Die Revolution müsse ,,Zubehör unsrer 
Gesellschaftsordnung" und ,,Grundregel unsrer Verfassung werden".

SPIRITUALITÄT DER GEWALTFREIHEIT

Als Anarchist lehnt Landauer Zwang und damit auch Gewalt ab. Man könne das Ziel einer 
herrschafts- und damit auch gewaltlosen Gesellschaft ,,nur erreichen, wenn das Mittel 
schon in der Farbe dieses Zieles gefärbt ist. Nie kommt man durch Gewalt zur 
Gewaltlosigkeit." Vielmehr setze eine neue Form des Zusammenlebens Umkehr und mystische 
Wiedergeburt voraus und sei nur möglich, wenn ,,sich freie, innerlich gefestigte und in 
sich beherrschte Naturen aus den Massen loslösen und zu neuen Gebilden vereinigen". Nur 
solche ,,Neulebendige und von innen her Wiedergeborene" seien anarchiefähig: ,,Die werden 
unter einander leben als Gemeinsame, als Zusammengehörige. Da wird Anarchie sein." Und: 
,,Sie werden nichts töten als sich selbst in dem mystischen Tod, der durch tiefste 
Versunkenheit zur Wiedergeburt führt."

Joachim Willems


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