(de) Captain: Die Selbstverwaltung von Port Said und die Arbeiter_innenkämpfe March 12, 2013 (en, fr, it)

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Sun Aug 18 05:37:51 CEST 2013


Eine noch nie dagewesene Situation besteht derzeit in der Stadt Port Said - komplette 
Selbstverwaltung, die Zurückweisung von allem, was die Autorität repräsentiert. Es ist 
eine Situation, die die Hauptakteure - im ägyptischen Kampf derzeit die Arbeiter_innen - 
versuchen auch in anderen Städten zu reproduzieren. ---- Port Said ist jetzt vollständig 
in den Händen der Bevölkerung. Am Stadteingang gibt es anstelle der alten Strassensperren 
der Polizei einen Checkpoint, der von Einheimischen besetzt ist, zumeist von streikenden 
Arbeiter_innen, die sich selbst ,,Volkspolizei" nennen. Dasselbe gilt für den Verkehr - 
keine Verkehrspolizisten mehr, dafür junge Männer, Studenten und Arbeiter, die den Verkehr 
der Stadt selber regeln. ---- Ziviler Ungehorsam: Die Stadt ist hauptsächlich 
charakterisiert durch ihre totale Zurückweisung von Mursis Regierung in all ihren Formen.

Das zeigt sich im Loswerden der Polizei, der Arbeitsverweigerung und in der Zurückweisung 
der Schulsystems der Regierung.

So weit der Faktor ,,Sicherheit" interessiert, unter Selbstverwaltung sind die Strassen 
sicherer als je zuvor. Wegen den Strassenprotesten, dem Zorn der Bevölkerung nach den 21 
Todesstrafen wegen dem Massaker von Port Said und den 40 Opfern der darauffolgenden 
Zusammenstösse wurde die Polizei letzte Woche dazu gezwungen, zu akzeptieren, dass die 
Bevölkerung die Stadt übernimmt.

Mursis Regierung hat zugestimmt, die Polizei zurückzurufen, wegen dem unwiderlegbaren 
Filmmaterial, das Polizeibeamte zeigt, wie sie Demonstranten kaltblütig erschiessen, aber 
auch weil sie überzeugt ist, dass eine Stadt nie fähig sein wird, sich selbst zu verwalten 
und dass Port Said früher oder später die Regierung bitten wird, zu intervenieren, um die 
erwarteten Riots zu stoppen. Jedoch sieht die Realität ganz anders aus und zeigt, dass 
eine Stadt ohne die ,,Ordnungskräfte" sicherer und lebenswerter ist.

Es gibt auch eine taktische Vereinbarung, die der Armee (die in der Bevölkerung mehr 
respektiert wird als die Polizei, da die Armee traditionell weniger eng mit dem Regime 
verknüpft ist als die Polizei, die Schöpferin der Geheimdienste ist) erlaubt, 
Schlüsselpunkte der Stadt zu beobachten ohne aber intervenieren zu dürfen.

Die Realität sieht also so aus: Machtlose Soldaten, die Schlüsselpunkte wie das 
Gerichtsgebäude und den extrem wichtigen städtischen Hafen (jetzt bestreikt) überwachen 
und die ,,Volkspolizei", die sich um die Sicherheit der Stadt kümmert. Die Zurückweisung 
von allem, was die Autorität repräsentiert kann auch gesehen werden in der Verweigerung 
Regierungssteuern und Rechnungen zu zahlen, sowie in der Verweigerung jeglicher 
Kommunikation mit der Zentral- und Lokalregierung.

Die Stilllegung der Regierung und die Selbstverwaltung der Mittel und Verfahren der 
Produktion verwandeln die Port Said-Erfahrung in eine Realität ohne Vorläufer und ein 
Experiment der neuen Form des Lebens, Produzierens und Existierens.

Fabriken sind geschlossen, der Schiffsverkehr blockiert, nur das Nötigste wird produziert 
und nur unverzichtbare Dienstleistungen werden erbracht.

Brot wird hergestellt (im Photo unten ist ein Laden zu sehen, der Brot zu tiefen Preisen 
verkauft; Die Zeichen erklären den Grund für den Protest); Lebensmittelläden, Spitäler und 
Apotheken bleiben in Betrieb. In jeder Fabrik sind es die Arbeiter_innen, die entscheiden, 
ob sie die Produktion fortsetzen werden oder nicht. Und im Moment ist die Antwort darauf 
generell ,,Nein". Gerichtigkeit zuerst, Vervollständigung der Revolution zuerst - nur dann 
wird die Produktion wieder aufgenommen.

Eine neue Form der Selbstverwaltung wird auch in Schulen ausprobiert. Diese blieben 
geöffnet aber die Familien in Port Said verweigern es, ihre Kinder in die Schulen der 
Regierung zu schicken. Zu diesem Zeitpunkt versuchen Lehrer­_innen und das Volkskomitee 
auf dem zentralen Platz, der neu Tahrir Platz von Port Said heisst, Volksschulen zu 
organisieren, in denen neben schulischen Fächern auch die soziale Gerechtigkeit und die 
Werte der Ägyptischen Revolution vermittelt werden sollen.

Eine Situation also, die für einige unmöglich erscheinen wird. Auch auf dieser Website 
(Anm. d. Übers.: infoaut.org) haben wir schon früher über Port Said berichtet, mit anderer 
Perspektive. Aber nach den 21 Todesurteilen wegen dem Massaker im Stadion, ist in dieser 
Stadt ein neues Bewusstsein des Volkes entstanden, wahrscheinlich in sehr traditioneller 
Weise. Tatsächlich waren die Verurteilten 21 Jugendliche, zumeist Studenten, während die 
Verantwortung für die Schlacht in den politischen Kreisen gesucht werden muss. Die Urteile 
scheinen lediglich zur Besänftigung jener zu dienen, die Gerichtigkeit suchen. Keiner der 
Angeklagten kommt aus den Reihen der Polizei, des Staates oder der Geheimdienste. Das 
wurde von Port Said verstanden und sobald die Todesurteile verkündet wurden, explodierten 
riesige Proteste, die zum Tod von etwa 40 Demonstrant_innen führten. Einige starben 
während den Beerdigungen von anderen Opfern der Strassenkämpfe. Das führte zum Beginn des 
Streiks und dem zivilen Ungehorsam.

Das ist eine Situation, die selbst wir nie für möglich gehalten hätten, wenn wir sie nicht 
mit eigenen Augen gesehen hätten.

Der Zorn, der entstand durch das Verlangen nach Gerechtigkeit, durch die Todesstrafen und 
die darauffolgenden 40 Todesopfer, ist nun ein politischer geworden. Die starke 
Beteiligung der Arbeiter_innen, das wachsende Bewusstsein in der Bevölkerung Port Saids - 
das machte diesen Protest zu einem unvergleichlichen Kampf, der nun Mursis Regierung 
zittern lässt. Es ist ein Kampf, der das Regime wirklich in die Knie zwingen könnte, wenn 
er sich auf andere Städte ausweitet.

Sie bitten nicht mehr darum - wie sie das noch vor einer Woche getan haben - die Einwohner 
von Port Said nicht für Delikte zu bestrafen, die eigentlich das Regime begangen hat. 
Jetzt verlangen sie Gerechtigkeit für alle Opfer der Revolution, jetzt rufen sie mit 
lauter Stimme den Sturz des Regimes herbei.

Am Montag gab es eine grosse Demonstration in den Strassen von Port Said - die unabhängige 
Arbeitergewerkschaft, Student_innen, die revolutionäre Bewegung, alle strömten sie auf die 
Plätze, viele sind aus Kairo gekommen, um Solidarität zu zeigen mit den Arbeiter_innen und 
der kämpferischen Stadt. Ein riesiger Marsch zog durch die Strassen der Stadt und forderte 
den Generalstreik für das ganze Land.

Inzwischen haben auch andere ägyptische Städte in den letzten Wochen grosse Streiks 
gesehen - in Mahalla, Mansoura und Suez haben die Arbeiter_innen vieler Fabriken für 
Wochen keinen Finger gerührt.

Infoaut-Korrespondent_in für den Nahen Osten

27. Februar 2013

Übersetzung durch Libertäre Aktion Winterthur.

Related Link: http://www.infoaut.org


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