(de) DIREKTE AKTION #218 - Riots in Stockholm -- Ein Interview mit Basar Gerecci von der Stadtteilgruppe Megafonen

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Sun Aug 18 05:14:01 CEST 2013


In Schwedens Vorstädten brennt die Luft (Quelle: Kassandra) ---- Ende Mai kam es in 
Stockholm zu mehrtägigen Unruhen mit über hundert ausgebrannten Autos, Angriffen auf 
Polizeidienststellen und nächtelangen Straßenschlachten. Schauplatz waren vor allem 
migrantische Stadtviertel, in Schweden als ,,Vororte" bezeichnet und mit den französischen 
Banlieues vergleichbar: Siedlungen am Rande der Städte, die von gesellschaftlicher 
Isolation, hoher Arbeitslosigkeit und mangelnder sozialer Infrastruktur geprägt sind. Die 
Unruhen im Mai 2013 waren nicht die ersten dieser Art in Schweden, doch hatten sie einige 
spezielle Merkmale. Zu diesen zählte die Rolle, die in den letzten Jahren gegründete 
Stadtteilgruppen spielten, vor allem Megafonen in Husby. Megafonen rief am 14.

Mai, nachdem in Husby ein 69-jähriger Mann bei einem Polizeieinsatz erschossen worden war, 
zu einer Demonstration gegen Polizeigewalt auf und fungierte während der Unruhen als eine 
Art mediales Sprachrohr für die BewohnerInnen des Viertels, von dem sich die Unruhen auf 
andere Vororte ausdehnten. Für die Direkte Aktion unterhielt sich Gabriel Kuhn mit Basar 
Gerecci, einem der Mitbegründer der Gruppe.
Der Tod eines eines 69-jährigen Mannes während eines Polizeieinsatzes in Husby wird oft 
als Anlass für die Unruhen im Mai angeführt. Es vergingen jedoch fünf Tage, bis es zu den 
ersten Sachbeschädigungen und Auseinandersetzungen mit der Polizei kam.

Das ist richtig. Warum das so war, kann ich nicht genau sagen. In gewisser Hinsicht war 
der Tod des Mannes sicher der Auslöser der Unruhen, aber die eigentlichen Gründe liegen 
tiefer. Vielleicht wäre dieser Tod, wie so oft, einfach vergessen worden, hätten wir ihn 
nicht zum Thema gemacht.

Ihr rieft zu einer Demonstration gegen Polizeigewalt auf. Viele haben euch deshalb für die 
Unruhen verantwortlich gemacht.

Wenn wir zu einer Demonstration aufrufen, sind wir nicht für das Anzünden von Autos 
verantwortlich. Die Demonstration und unsere Forderungen nach einer unabhängigen 
Untersuchungskommission und einer Entschuldigung der Polizei waren angemessen.

Es war nicht das erste Mal, dass es in Schweden zu Unruhen dieser Art kam. Warum war 
dieses Mal das Medieninteresse so groß?

Erstens spielte sich das Ganze in Stockholm ab, und die Medien sind immer schnell zur 
Stelle, wenn etwas in der Hauptstadt passiert. Zweitens dehnten sich die Unruhen auf mehr 
Vororte aus als sonst. Und drittens wollten auch wir eine öffentliche Debatte haben - die 
Probleme der Vororte müssen diskutiert werden.

Euch wurde vorgeworfen, Öl ins Feuer zu gießen.

Wenn jemand Öl ins Feuer gegossen hat, dann die Polizei. Es war unglaublich, mit welcher 
Aggressivität sie während der ersten Auseinandersetzungen aufgetreten ist. Viele Menschen 
waren schockiert. Auch ich. So etwas habe ich mir in Schweden nicht vorstellen können.

Richteten sich die Proteste in erster Linie gegen Polizeigewalt?

Die an den Protesten Beteiligten hatten unterschiedliche Motivationen. Polizeigewalt 
spielte sicher eine wichtige Rolle. Aber grundlegender sind soziale Probleme.

Die da wären?

Die schwedische Gesellschaft ist enorm gespalten. Schweden ist ein reiches Land und es 
gibt keine ,,Ghettos", wie wir sie von anderen Ländern kennen. Doch es gibt enorme 
Unterschiede zwischen den Menschen, die Macht und Einfluss haben, und denjenigen, denen 
jede Macht und jeder Einfluss fehlen. Viele der in Schweden lebenden Menschen fühlen sich 
nicht wertgeschätzt und aus der schwedischen Gesellschaft ausgeschlossen. Der Sozialabbau, 
der die Vororte besonders hart trifft, verstärkt dieses Gefühl.

Das entspricht nicht dem Bild von Schweden, das viele Menschen haben.

Dass dieses Bild angekratzt wurde, halte ich für eine der positivsten Konsequenzen der 
Ereignisse der letzten Wochen. Schweden ist nicht das heile Land allgemeiner Wohlfahrt, 
für das es oft gehalten wird. Diese Vorstellung ist veraltet.

Die Lage in Schweden hat sich verschlechtert?

Es gibt an der Vergangenheit nichts zu verherrlichen, aber die sozialen Spannungen sind um 
vieles stärker geworden, seit die Regierung einen streng neoliberalen Kurs verfolgt. Auch 
der Rassismus ist am Steigen, was nicht zuletzt die Erfolge der Schwedendemokraten 
bestätigen: sie zogen bei den letzten Wahlen ins Parlament ein und werden ihren 
Stimmenanteil bei den Wahlen im nächsten Jahr wahrscheinlich vergrößern.

Wann und warum wurde Megafonen gegründet?

Wir gründeten uns im Jahr 2010, als immer deutlicher wurde, dass die Politiker an der 
Lösung der sozialen Probleme, mit denen wir in den Vororten zu kämpfen haben, nicht 
interessiert waren. Wir versuchen daher, selbst zu positiven Veränderungen beizutragen, 
aber auch Druck auf die Politiker auszuüben, damit sie ihrer Verpflichtung nachkommen: 
nämlich den Menschen, die sie gewählt haben, zu dienen.

Habt ihr damit Erfolg?

Ja, aber es ist ein harter Kampf. Auf jeden Fall hat sich das Diskussionsklima verändert. 
Das zeigte auch die Situation während der Unruhen.

Es wurden immer wieder Distanzierungen von den Brandstiftungen und den Straßenschlachten 
von euch eingefordert. Ihr habt dies verweigert. Warum?

Solche Distanzierungen sind leere Gesten. Sie sind Teil des politischen Spiels, aber sie 
ändern nichts. Was uns interessiert, ist eine Auseinandersetzung mit den Gründen, die zu 
dem führen, was wir im Mai erlebt haben. Warum kann so etwas geschehen? Und was muss getan 
werden, damit es nicht notwendig ist, Autos anzuzünden, um auf soziale Probleme aufmerksam 
zu machen? Wer sich darüber unterhalten will, mit dem sprechen wir gerne.

Ihr habt in Zusammenhang mit den Unruhen von einer ,,Revolte" gesprochen. Was meintet ihr 
damit?

Wir wollten klar machen, dass die Ereignisse in einem politischen Kontext zu verstehen 
sind. Zu sagen, dass es sich nur um ,,Hooliganismus" oder ,,Zerstörungswut" handelt, ist 
Quatsch und hilft niemandem weiter.

Welche Rolle spielte Megafonen während der Unruhen?

Wir waren vor allem medial aktiv. Es war wichtig, Perspektiven aus den Vororten in die 
öffentliche Debatte miteinzubringen.

Damit wart ihr sehr erfolgreich.

Ja, wir sind recht zufrieden. Der Druck war enorm. Auf einen Medienansturm dieser Art 
waren wir nicht vorbereitet. Expressen und Aftonbladet, die zwei größten schwedischen 
Tageszeitungen, sendeten tagelang im Web-TV live aus Husby. Wir bekamen Interviewanfragen 
aus der ganzen Welt. Aber wir haben uns durchgekämpft und sind als Organisation gewachsen 
und stärker geworden.

Was sind jetzt, nachdem die Unruhen abgeklungen sind, eure nächsten Ziele?

Einerseits wollen wir einfach die Arbeit weitermachen, die wir bisher getan haben: die 
Verteidigung der sozialen und gemeinschaftlichen Strukturen in unserem Vorort, die 
Organisierung von Aktivitäten für Jugendliche und von öffentlichen 
Diskussionsveranstaltungen sowie unabhängige Medienarbeit. Megafonen ist mittlerweile 
nicht nur in Husby aktiv, sondern in mehreren Vororten Stockholms. Andererseits haben wir 
aufgrund der Aufmerksamkeit, die uns während der Unruhen zukam, zukünftig auch die 
Möglichkeiten, uns in breitere politische Diskussionen einzuschalten.

Welche Themen sind dabei für euch von besonderer Bedeutung?

Persönlich bin ich davon überzeugt, dass sich die grundlegenden Probleme, mit denen wir es 
zu tun haben, nicht mithilfe von Reformen beseitigen lassen. Wenn wir uns jedoch an den 
bestehenden politischen Rahmen halten, dann sind die Prioritäten Ausbildung und 
Arbeitsplätze. Die Schulen in den Vororten sind eine Katastrophe, und es ist für viele 
Menschen unserer Stadtviertel unmöglich, eine Anstellung zu finden. Wie soll das Gefühl 
der gesellschaftlichen Isolation verschwinden, wenn sich das nicht ändert?

Hat die Rolle, die ihr während der Unruhen gespielt habt, eure Position lokal gestärkt?

Alles in allem ja, glaube ich, obwohl dies kompliziert ist. Natürlich gibt es auch in 
Husby Menschen, die unsere Haltung nicht teilten. Aber ich glaube, es gibt im Allgemeinen 
viel Respekt für das, was wir getan haben. Gleichzeitig liegen die Ereignisse noch nicht 
einmal zwei Wochen zurück, und wir müssen noch viel diskutieren und analysieren, bevor wir 
Genaueres dazu sagen können.

Interview: Gabriel Kuhn

Zum Weiterlesen:

In der Nr. 31 (Juli) der Gâi Dào erscheint ein allgemeiner Überblick über die Ereignisse 
in Stockholm.

In der Nr. 585 von analyse & kritik (ak) erscheint der Text ,,An eine Nation in Flammen", 
den die Gruppe Pantrarna, die ,,Schwesterorganisation" von Megafonen in Göteborg, 
anlässlich der Unruhen verfasst hat.

Auf www.alpineanarchist.org findet sich (auf Englisch) auch ein Interview mit Mitgliedern 
der Pantrarna zu den neuen migrantischen Stadtviertelgruppen in Schweden und deren 
politischer Bedeutung.


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