(de) FAU, DIREKTE AKTION #218 - Das System ILVA --- Proteste im italienischen Stahlwerk

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Sat Aug 10 12:29:44 CEST 2013


Mobilisiert von den großen italienischen Gewerkschaften FIM, FIOM, CGIL und UIM 
demonstrierten am 2. August 2012 ArbeiterInnen in Taranto unter dem Motto ,,Lieber Krebs 
als arbeitslos". Auf dieser Pro-Riva-Demonstration kappten die ArbeiterInnen und 
AnwohnerInnen, die sich nicht weiter mit der Alternative Arbeit oder Gesundheit und der 
bekannten Korruption zwischen dem ILVA Werk, der etablierten Politik, den Parteien und den 
Mehrheitsgewerkschaften abfinden wollten, das Mikrofon von Maurizio Landini, dem Chef der 
FIOM - Metall - Gewerkschaft. ---- Im süditalienischen Taranto produziert Italiens größtes 
Stahlwerk ILVA, Teil der Riva-Group, ca. 9 Millionen Tonnen Stahl-Fertigprodukte pro Jahr. 
Die Riva-Gruppe betreibt auch in Henningsdorf, Brandenburg an der Havel und in Lampertheim 
Werke der stahlverarbeitenden Industrie.

Im Besitz der Familie Riva sind weitere Stahlwerke in Italien und dem restlichen Europa.

Nähert man sich der Stadt Taranto auf der E 90 von Bari aus, bestimmt schon von weitem das 
Stahlwerk das Bild der Stadt. Riesige Hallen und Schornsteine ergeben ein bizarres Bild 
eines großen Monsters, das das Leben der Menschen und die Umweltbedingungen der Region 
bestimmt, beschreibt Ivan, Journalist aus der Gegend um Taranto, das Werk.

Seit der Privatisierung 1995 häufen sich die Meldungen über Arbeitsunfälle im Werk. So 
berichtete die DA #191 Januar/Februar 2009 über 44 tödliche Arbeitsunfälle seit der 
Privatisierung. Hinzu kommen die arbeitsbedingten Erkrankungen und Todesfälle, 
insbesondere Atemwegs- und Krebserkrankungen, die im direkten Zusammenhang mit der umwelt- 
und gesundheitsschädlichen Produktionsweise der ILVA stehen. Allein die Zahl der 
Krebserkrankungen in der Region beträgt schätzungsweise 500 pro Jahr. Das wurde seitens 
des Riva-Konzerns lange dementiert und mantra-artig auf die Investitionen in Maßnahmen zum 
Umweltschutz verwiesen.

Eine Farce, wenn man sich die aktuellen Anklagepunkte vom Mai dieses Jahres der Mailänder 
Staatsanwaltschaft gegenüber Emilio Riva, Chef des Riva-Konzerns, ansieht. Die 
Anklagepunkte betreffen Umweltverbrechen und den Verdacht auf fahrlässige Tötung.

Im Zuge des Gerichtsverfahrens wurden bereits 8,1 Milliarden Euro des Vermögens der 
Familie Riva eingefroren, die nach Ansicht der Mailänder Staatsanwaltschaft in 
Umweltschutzanlagen hätten investiert werden müssen. Diese Unterlassungen führten zu 
Emissionen von Dioxin und anderen Schadstoffen, die zu Umweltschäden und einer Häufung von 
Erkrankungen bei ArbeiterInnen und AnwohnerInnen geführt haben.

Weitere 1,2 Milliarden Euro sind bereits beschlagnahmt worden oder werden noch in 
verschiedenen Steueroasen gesucht. Der Vorwurf gegen Emilio und seinem Bruder Adriano Riva 
lautet in diesem Fall auch auf Steuerhinterziehung.

Proteste gegen Riva weiten sich aus (Quelle: riva AG)

PROTESTE GEGEN RIVA WEITEN SICH AUS (QUELLE: RIVA AG)
KLAGEN, VERHAFTUNGEN UND RÜCKTRITTE

Es stellt sich die Frage, warum immer noch Anstrengungen von der Regierung in Rom 
unternommen werden, den Regelbetrieb aufrechtzuerhalten, obwohl die Provinzregierung in 
Taranto das Werk zumindest zum Teil stilllegen wollte. Die Nichtbeachtung von 
richterlichen Anordnungen hat bei der ILVA scheinbar Tradition. Seit 2004 sollten mehrere 
Werksteile laut richterlichem Beschluss stillgelegt werden, was jedoch nicht umgesetzt 
wurde. Die Stilllegungen sollten dem Schutz der Gesundheit von Bevölkerung und Belegschaft 
dienen. Im Juli 2012 wurden Emilio Riva, sein Sohn Nicola und sechs weitere Manager 
verhaftet bzw. unter Hausarrest gestellt. Ein weiterer Sohn, Fabio setzte sich schon 2012 
nach London ab, um sich der Verhaftung zu entziehen. Mittlerweile wurde er als Drahtzieher 
der Steuerhinterziehung in London verhaftet und soll in den nächsten Wochen nach Italien 
ausgeliefert werden.

Dass die Firmenleitung des ILVA-Werkes über Jahre hinweg scheinbar unbehelligt 
Arbeitsschutz- und Umweltschutzauflagen verletzen konnte, zeigt, wie tief das Geflecht 
Politik-ILVA-Mehrheits-Gewerkschaften ist.

Am 25.05.2013, dem Tag, an dem der Aufsichtsrat der ILVA zurücktrat, fand im Berliner 
FAU-Lokal die erste von mindestens zwei Veranstaltungen zu den verbrecherischen 
Machenschaften der Riva-Gruppe statt. Zu Gast waren Giovanni, Aktivist aus dem Komitee 
,,Comitato Cittadini e Lavoratori liberie pensanti" (Komitee freier und denkender 
BürgerInnen und ArbeiterInnen) und Ivan, Journalist aus Taranto. Zu der Veranstaltung des 
Taranto-Soli-Komitees, bestehend aus tie germany, labournet.tv und der Sektion Bau und 
Technik der FAU Berlin, kamen BesucherInnen aus Berlin und Riesa. Auch Arbeiter aus dem 
Henningsdorfer Werk, wo am 1. Mai durch ein Flugblatt auf die Situation in Taranto und die 
Veranstaltung im FAU-Lokal Berlin aufmerksam gemacht wurde, kamen zur Veranstaltung.

DIE REGION WEHRT SICH

Giovanni berichtete von den aktuellen Kämpfen der ArbeiterInnen und AnwohnerInnen in und 
um Taranto: ,,Der Druck auf die Regierung und die Werksleitung steigt, was man daran 
sieht, dass immer mehr Menschen bewusst unabhängig von den großen Gewerkschaften und 
Parteien auf die Straße gehen." Laut Giovanni folgten den Aufrufen des ,,Comitato" im 
Spätsommer letzten Jahres 300 Menschen zu Kundgebungen. Am 1. Mai 2013 zogen bis zu 50.000 
Menschen auf die Straßen und Plätze und setzten ein Zeichen gegen die 1.Mai-Kundgebungen 
der großen Gewerkschaften.

Dabei machten Giovanni und Ivan deutlich, wie das System Riva-ILVA in Taranto über Jahre 
funktionieren konnte. Eine große Überraschung war es nicht, zu hören, dass die Familie 
Riva ein weitgestricktes Netz von finanziellen Zuwendungen aufbaute, um sich unabdingbar 
zu machen. So berichteten sie von Finanzhilfen der Riva-Gruppe an politische Parteien 
jeder Richtung von der Mitte aus.

Abgesehen von diesen ,,Beihilfen" war und ist das Erpressungspotential hinsichtlich der 
Arbeitsplätze enorm. Apulien gilt als strukturschwächste Region Italiens, und die 
Riva-Gruppe argumentiert mit dem Wegfall von bis zu 20.000 Arbeitsplätzen direkt in 
Apulien und Zehntausenden in der Zulieferindustrie. Mit dem Verlust des Arbeitsplatzes 
lassen sich bei den Menschen Ängste schüren. Es war ein langer Weg, so Giovanni, dass sich 
die Menschen in Taranto selbstorganisieren, um für Arbeitsplätze und ihre Gesundheit zu 
kämpfen. Schon seit vielen Jahren tragen besorgte ArbeiterInnen und AnwohnerInnen Fakten 
und Unterlagen zusammen, die beweisen, dass ILVA die Menschen krank macht.

Für diese Menschen war es nicht immer leicht, sich Gehör zu verschaffen, denn ILVA 
bedeutet eben auch Lohnarbeit. Seit 50 Jahren gehört die Fabrik mit ihrem bizarren Bild 
und dem Schmutz zur Stadt. Vor ILVA wanderten große Teile der Bevölkerung aus oder 
arbeiteten unter prekärsten Bedingungen als Fischer, Landarbeiter auf einem Großbesitz 
oder für das Militär. So versprach ILVA zunächst ein wenig Unabhängigkeit. Die 
Privatisierung im Jahr 1995 nahmen viele Menschen in Taranto erleichtert auf, weil sich 
die ausländischen Investoren aus Japan, Indien oder Deutschland nicht durchgesetzt hatten. 
Dadurch blieb die Hoffnung erhalten, dass die Brosamen des Reichtums der ILVA weiterhin in 
die Region fließen. Erst langsam setzte sich die Erkenntnis durch, dass sowohl vor ILVA, 
während der Zeit als Staatsbetrieb und unter Emilio Riva, das Werk und der Schmutz zwar in 
Taranto war, aber das Geld nach Rom bzw. nach der Privatisierung nach Mailand wanderte. 
,,Die Menschen sehen mittlerweile ein, dass ein Weg gefunden werden muss, am eigenen 
Schicksal teilzuhaben", kommentiert Giovanni die aktuelle Entwicklung. Ein neuer Slogan 
des ,,Comitato Cittadini e Lavoratori liberi e pensanti" lautet passenderweise: Io non 
delego, io participio (Ich delegiere nicht, ich mache mit).

AG Riva


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