(de) FAU - Direkte Aktion 218 - Opium als Impulsgeber -- Arbeiterbewegung, Anarchismus und Religion. Ein Gespräch

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Tue Aug 6 13:19:02 CEST 2013


Torsten Bewernitz: Sebastian, du arbeitest gerade an einem Buch über Anarchismus und 
Christentum. Die meisten heutigen deutschsprachigen AnarchistInnen würden sich davon 
wahrscheinlich distanzieren und behaupten, der Anarchismus wäre im Kern atheistisch. Aber 
ich frage mal anders: Ist der Anarchismus eher katholisch oder eher protestantisch? ---- 
Sebastian Kalicha: Ob sich der Großteil tatsächlich sofort davon distanzieren würde, weiß 
ich nicht. Meine Erfahrung bei Veranstaltungen und Gesprächen zum Thema bislang war, dass 
es auch unter atheistischen/agnostischen AnarchistInnen - als den ich mich übrigens auch 
verstehe - durchaus ein ehrliches Interesse an dem Thema gibt, ohne gleich dem recht 
beliebten, aber meiner Meinung nach verkürzten ,,Religion ist Scheiße"-Reflex nachzugeben.

Aber zu deiner Frage: Man findet im gesamten Spektrum des Christentums - auch im 
Katholizismus - in Geschichte und Gegenwart Leute, Bewegungen und Ansätze, die mit dem 
Anarchismus in Verbindung gebracht werden können. Die These, die ich daher eingangs und 
als eher allgemeine Antwort auf deine Frage aufstellen würde, ist: der Anarchismus kann 
auch christlich sein - sprich, sich vom Christentum herleiten, von dieser Warte aus 
begründ- und argumentierbar sein. Der Soziologe und Philosoph Jacques Ellul, der seinen 
christlichen Anarchismus ,,nahe bei Bakunin" verortete und besondere Sympathien für den 
spanischen Anarchosyndikalismus hatte, drückte es einmal so aus, dass ,,biblisches 
Gedankengut direkt zum Anarchismus" führe.

Die Frage nach dem ,,katholisch oder protestantisch", die du stellst, ist aber, denke ich, 
schwer beantwortbar, da dieses Feld prinzipiell ein sehr weites ist. Aber mit diesen 
beiden Schlagworten kommt natürlich sofort mal die Frage von institutionalisierter 
Religion, von Kirche als Machtapparat ins Spiel, was für viele ein entscheidender Punkt 
ist, wenn über christlichen Anarchismus diskutiert wird. Der ,,klassische" christliche 
Anarchismus, womit ich jetzt mal eine christlich-anarchistische Tradition bezeichne, die 
sich mehr oder weniger auf Tolstoische Konzeptionen dieser Idee bezieht, ist in seinem 
Antiklerikalismus äußerst radikal und konsequent. Für viele ist diese konsequent 
antiklerikale Haltung essentiell für einen christlichen Anarchismus, was ja durchaus 
schlüssig ist. Insofern hat hier natürlich vor allem der Katholizismus ein Problem.

Wobei: So einfach ist es dann auch wieder nicht, denn selbst der Katholizismus hat 
Strömungen hervorgebracht, die stark libertäre Züge aufweisen. Das bekannteste Beispiel 
ist hier wohl die Catholic-Worker-Bewegung, die unter anderem in vielerlei Hinsicht 
nachhaltig von den Industrial Workers of the World (IWW) beeinflusst wurde. Eine der 
GründerInnen der Catholic Workers, Dorothy Day, war seit ihrer Jugend Wobbly. Auch sehr 
bezeichnend: Days Mitstreiter, der christliche Anarchist Ammon Hennacy, gründete in Salt 
Lake City ein ,,Haus der Gastfreundschaft" (ein zentrales Merkmal der 
Catholic-Worker-Bewegung) und nannte es ,,Joe Hill House". Auch der IWW-Folksänger Utah 
Philips lebte dort eine Zeit lang. Ihn verband eine enge Freundschaft mit Hennacy. Die 
Unterstützung von Streikenden und von Arbeitskämpfen war und ist ein zentrales Merkmal von 
Catholic-Worker-Aktivismus, wie Day ihn geprägt hat.

Ein anderes Beispiel, das man aus dem katholischen Spektrum noch anführen könnte, wäre zum 
Beispiel die lateinamerikanische Befreiungstheologie, der zwar gemeinhin eine Affinität 
zum Marxismus nachgesagt wird, bei der aber auch klar anarchistische Züge erkennbar sind.

Gemälde der Freireligiösen Gemeinden, ca. 1890er Jahre (Johannes-Ronge-Haus, Ludwigshafen)

Gemälde der Freireligiösen Gemeinden, ca. 1890er Jahre (Johannes-Ronge-Haus, Ludwigshafen)
Torsten Bewernitz: Apropos Marxismus: Auch der ist dem Klischee zufolge ja der Religion 
nicht unbedingt zugetan. Es gibt ein sehr schönes fiktives Gespräch zwischen Sherlock 
Holmes und Karl Marx, in dem Holmes sich über den Satz ,,Religion ist Opium für das Volk" 
beschwert. Auf Marx' Nachfrage: ,,Sie stimmen mir nicht zu?" antwortet Holmes: ,,Bezüglich 
der Religion schon. Aber Sie haben offenbar noch nie Opium probiert." Wie dem auch sei: 
Die Marxsche - und damit auch die spätere marxistische - Religionskritik scheint mir, 
wesentlich stärker als die anarchistische, nicht nur Institutionenkritik, sondern vor 
allem eine materialistische Ideologiekritik zu sein, in gewissem Sinne ist sie 
fundamentaler. Dabei hätte das keineswegs so kommen müssen: Schaut man sich die 
frühsozialistischen Schriften von Marr, Weitling, Hess usw. an, dann wimmelt es da von 
,,Evangelien", ,,Katechismen", ,,Heiligen Geschichten" usw. Um ein Beispiel 
herauszugreifen: Moses Hess' ,,Heilige Geschichte der Menschheit" beginnt mit der 
biblischen Schöpfungsgeschichte und endet mit einem sozialistischen ,,Neuen Jerusalem" - 
hier greift Hess einen Begriff auf, der schon in den Bauernkriegen und der Täuferrepublik 
zu Münster im frühen 16. Jahrhundert die soziale Utopie beschrieb. Worauf ich letztlich 
hinauswill: Offenbar gab es in der Arbeiterbewegung immer auch ein Bedürfnis nach 
Religion. Das sieht man auch an den zahlreichen quasi-religiösen Kulten in der 
Arbeiterbewegung: Die freireligiösen Gemeinden spielen heute in Teilen Deutschlands unter 
GewerkschafterInnen noch eine bedeutende Rolle, mit Predigten, Sonnenwendfeiern usw. - 
allerdings ohne Gott, obwohl die Freireligiösen Mitglieder jeder Religion aufnehmen. Die 
Tradition der Freidenker, die deutlich atheistischer ist und in der selbst in Deutschland 
AnarchistInnen eine stärkere Rolle spielten, nimmt ähnliche religiöse Kulte auf. Könnte 
die harschere Kritik des Marxismus auch mit ein Grund dafür sein, dass sich religiöse 
Linke eher dem Anarchismus zugewendet haben? Oder anders gefragt: Ist die pragmatische 
Kritik am Herrschaftsinstrument Kirche letztlich ,,volksnäher" als der vermeintlich 
wissenschaftlich fundierte Atheismus z.B. marxistischer Prägung?

Sebastian Kalicha: Was das Opium anlangt, so kann Religion natürlich diesen Effekt haben, 
wie ihn Marx sah. Wenn Holmes hier aber darauf anspielt, dass Opium für ihn einen 
ähnlichen Effekt hat wie sein obligatorisches Kokain, nämlich ein Impulsgeber für seine 
besten und scharfsinnigsten Ideen und Überlegungen ist, dann würde ich hier einen gewagten 
Vergleich anstellen: Vielleicht ist der christliche Anarchismus das Opium nicht im 
Marxschen, sondern im Holmesschen Sinn! Denn der Punkt ist der, dass es ja ein leichtes 
ist, die Bibel bzw. die Evangelien als eine Geschichte der Subversion und der Rebellion zu 
lesen. Jeder, der sich z.B. das Neue Testament durchliest bzw. auch nur mit den 
Grundmotiven dessen vertraut ist, wird den subversiven Charakter dieser Geschichten nicht 
leugnen können. Und genau diese Motive sind es, auf die sich christliche AnarchistInnen 
bezogen und beziehen, so wie verschiedene HäretikerInnen und KetzerInnen vor ihnen bzw. 
mit dem christlichen Anarchismus verwandte Strömungen wie die Befreiungstheologie und 
andere progressive religiöse Kräfte. Das, was eine solche Lesart in der Praxis 
hervorbrachte, war stets sehr beeindruckend.

Aber noch ein Satz zur anarchistischen Religionskritik: diese beschränkt sich nicht bloß 
auf Institutionskritik. Hier sind sich ja bekanntlich christliche und 
atheistische/agnostische AnarchistInnen tatsächlich häufig völlig einig. Diese 
Institutionskritik ist eher ein verbindendes und kein trennendes Motiv. Aber ich gebe dir 
schon recht, dass viele bekannte nicht-christliche AnarchistInnen wie Kropotkin, Rocker, 
Landauer, de Cleyre, Woodcock, Bookchin, Walter etc. durchaus bereit waren, offen zu 
sagen: ,,Ja, das Christentum hat potentiell auch anarchistische Facetten" und sich daher 
eher auf die Institutionskritik fokussierten. Ein entscheidenderer Moment bei vielen 
AnarchistInnen zum Thema Religion ist hier aber eine viel allgemeinere Herrschaftskritik, 
was bei der Frage der Religion bekanntlich darauf hinausläuft, dass man Religion und 
Anarchismus als unvereinbar begreift, da, so die bekannte Argumentation, der Glaube an 
einen Gott ein bewusstes Akzeptieren eines Herrschaftsverhältnisses bedeute. Dieses 
Argument steht und fällt natürlich mit dem Gottesverständnis, das man hat, und hier gibt 
es sehr viele differenzierte und hoch spannende Zugänge, die in einschlägigen Diskussionen 
zum Thema häufig gar nicht vorkommen. Aber hier betreten wir das Feld der Theologie, und 
dieses ,,Überthema" des Gottesverständnisses ist natürlich ein viel zu breites, als dass 
es hier einigermaßen befriedigend abgehandelt werden könnte. Letztlich läuft die 
Argumentation vieler christlicher AnarchistInnen aber darauf hinaus, dass ,,Gott" nicht 
notwendigerweise die tyrannische Herrscherfigur ist, wie sie oft gezeichnet wird, dass die 
Gott-Mensch-Beziehung nicht notgedrungen eine hierarchische, ungleiche sein muss. 
Interessant fand ich auch die Argumentation eines christlichen Anarchisten, der mal 
meinte, dass er da stets mit Feuerbach argumentiere, der ja sinngemäß meinte, der Mensch 
sei nicht das Abbild Gottes, sondern Gott sei ein Abbild des Menschen. Wenn die Menschen, 
von denen sich das Abbild Gottes also herleitet, nun AnarchistInnen wie er seien, dann sei 
die Gottesfrage zu seiner völligen Zufriedenheit geregelt.

Ob die marxistische Kritik an der Religion nun tatsächlich harscher war als die 
anarchistische, kann ich nur schwer beurteilen. Fakt ist aber, dass, wie auch du schon 
angedeutet und durch Beispiele belegt hast, im Marxismus die anti-religiöse Front 
keineswegs so undurchlässig und geschlossen ist, wie es auf den ersten Blick scheinen mag 
- und genauso verhält es sich meiner Meinung nach beim Anarchismus.

Torsten Bewernitz: In der Tat eine gewagte These, mein lieber Watson! Der 
Hörspielverfasser David Zane Mairowitz hat wohl absichtlich um des Witzes Willen Opium und 
Kokain verwechselt, ein Opiumkonsum Holmes' lässt sich ja nicht belegen. Dafür kann man 
allerdings belegen, dass Sherlock Holmes in derselben Bibliothek wie Karl Marx saß und 
dort die Schriften Bakunins studiert hat. Aber auch das nur nebenbei, mit unserem Thema 
hat das nur am Rande zu tun, weil es vielleicht eine gewisse Faszination für Mythen und 
auch Heldenfiguren zeigt, der wir auch als AtheistInnen und AgnostikerInnen erlegen sind. 
Das scheint mir auch für die historische Arbeiterbewegung zuzutreffen. Insbesondere, wenn 
man sich die Jahrhundertwende anschaut, und hier noch mal besonders die Jugendbewegungen, 
finden wir viele kultische Elemente, z.B. Sonnenwendfeiern, die in der Weimarer Zeit dann 
sowohl von germanophilen Nazis wie aber auch von der Syndikalistisch-Anarchistischen 
Jugend gefeiert wurden. Die Sozialdemokraten entwickelten um Ferdinand Lassalle einen 
quasi-religiösen Personenkult, auch nach der ,,marxistischen Wende" in den 1890er Jahren.

Das ist die eine Seite, die Übernahme religiöser Kulte und die Ersetzung durch eigene, 
quasi-religiöse Überzeugungen. Die andere besteht in einer, nun schon angesprochenen, sehr 
offensiven Ablehnung der Religion. Eines der in der Arbeiterbewegung beliebtesten Bücher 
zwischen 1880 und 1900 war der erstmals 1845, noch unter anderem Titel, erschienene 
,,Pfaffenspiegel" von Otto von Corvin. Das war den sozialdemokratischen Funktionären gar 
nicht so recht, weil es sich um ein recht derbes Buch handelte. Dabei wollten die 
Sozialdemokraten keineswegs die Kirche in Schutz nehmen, sondern sie wollten stattdessen 
,,seriöse" Argumente aus der Naturwissenschaft gegen die Religion in Stellung bringen. Der 
Szientismus, die Wissenschaftsgläubigkeit, des ausgehenden 19. Jahrhunderts wurde in 
Stellung gebracht. Der Sozialhistoriker Erhard Lucas (der übrigens ursprünglich 
evangelische Theologie studiert hatte) benennt als beliebteste Bücher in den 
Arbeiterbibliotheken dieser Zeit z.B. ,,Moses oder Darwin?" von Arnold Dodel, ,,Kraft und 
Stoff" von Ludwig Büchner usw. Die zeitgenössischen Interpretationen des Sozialgeschehens 
sind entsprechend: Der jetzt entstehende ,,Marxismus" ist geprägt von den Schriften 
Friedrich Engels und Karl Kautskys, die beide oftmals mit Vergleichen aus der 
Naturwissenschaft arbeiten. Daraus entwickelt sich die Mentalität, dass es einen 
zwangsläufigen, einen quasi-evolutionären ,,Fortschritt" gäbe, ein gewisser Fatalismus, 
die Mentalität, die wir auch in der jüngeren linken Bewegung noch in Parolen wie ,,Die 
letzte Schlacht gewinnen wir" finden. Bei der Sozialdemokratie führte das einerseits zu 
dem ,,Warten auf den großen Kladderadatsch" (August Bebel) und andererseits aber auch zu 
einer gewissen Militanz, denn die Naturwissenschaft bewies ja, dass man im Recht sei. 
Diese Fokussierung auf eine ,,Wissenschaftlichkeit" finden wir nicht nur im sogenannten 
,,Wissenschaftlichen Sozialismus" der ,,Marxisten-Leninisten", sondern durchaus auch im 
Anarchismus, siehe Kropotkin oder Pierre Ramus.

Erhard Lucas schließt daraus in seinem Klassiker Vom Scheitern der deutschen 
Arbeiterbewegung nicht nur, dass die Wissenschaft zum ,,Gegenkonzept" zur Religion wurde, 
sondern dass dies auch zu einer verhängnisvollen Spaltung der Arbeiterbewegung in 
sozialistische und christliche führte - die christliche hatte dann eben eine offene Flanke 
zum Konservativismus und schließlich auch zum Nationalismus. Die Sozialdemokratie in 
Deutschland hatte ihren Schwerpunkt entsprechend nahezu ausschließlich in den 
protestantischen Gebieten.

Das scheint mir für den Anarchismus, sofern dieser in Deutschland überhaupt eine Rolle 
spielte, nicht dermaßen zu gelten - im Gegenteil finden sich m.E. sozialethische und 
philosophische Anleihen gerade im Katholizismus und im Judentum. Ich würde sogar die 
,,Wahlverwandtschaft" des zeitgenössischen Anarchismus vor allem mit dem ,,jüdischen 
Messianismus", die Michael Löwy mal deutlich herausgearbeitet hat, sogar für den 
wichtigeren und auch heute noch aktuelleren ,,Link" zwischen Religion und Anarchismus halten.

Sebastian Kalicha: Zu deinem ersten Gedanken würde ich einwerfen, dass deine meiner 
Ansicht nach zutreffende Beobachtung über die Übernahme quasi-religiöser Kulte durch die 
Arbeiterbewegung argumentativ aber auf einer anderen Ebene steht als beispielsweise die 
Argumentation von christlichen AnarchistInnen oder BefreiungstheologInnen, die sagen, das 
Christentum und Anarchismus/Marxismus haben inhaltlich, ethisch, politisch, sozial etc. 
sehr viel gemeinsam und sollten miteinander und nicht gegeneinander gedacht werden. Das 
ist es, was mich primär interessiert - nämlich diese inhaltliche Argumentation mit meinem 
agnostisch-anarchistischen Background kritisch zu prüfen und mir die Frage zu stellen: 
,,Ist das sinnvoll oder nicht?" Und ich kam da für mich zu der Überzeugung, dass das, was 
diese Leute schreiben und sagen, Sinn hat - und dazu muss man nicht mal gläubig sein. Da 
gibt es dann ja auch richtig spannende Detaildiskussionen rund um Anarchismus und 
Marxismus im Kontext des Christentums. Jacques Ellul beispielsweise bestritt vehement, 
dass das Christentum mit dem Marxismus vereinbar sei, da, wie er u.a. meinte, es in den 
Evangelien prinzipiell und konsequent abgelehnt wird, einen (revolutionären) Wandel über 
den Weg und mit dem Instrument der politischen Macht(ergreifung) zu erreichen. Daher blieb 
für ihn nur der Anarchismus und eben nicht der Marxismus als logische politische 
Konsequenz für ChristInnen übrig.

Lustig auch, dass du Kautsky in diesem Kontext ansprichst. Auf den bin ich erst kürzlich 
erneut bei meinen Recherchen zu dem Häretiker und Vorläufer des christlichen Anarchismus 
Peter Chelcicky (1380-1460) gestoßen. Kautsky hatte offenbar größere Sympathien für diesen 
tief gläubigen Mann und nannte ihn einen ,,Gleichheitskommunisten [...] im urchristlichen 
Sinne". Letztlich konnte aber sogar Kautsky den genuin anarchistischen Charakter 
Chelcickys nicht leugnen und schlussfolgerte, dass er einen ,,anarchistische[n], aber 
friedfertige[n] Kommunismus" vertreten hätte. Auch der von dir im Kontext des 
,,Wissenschaftlichen Sozialismus" angesprochene Anarchokommunist Pierre Ramus machte aus 
seinen Sympathien für einen christlichen Anarchismus Tolstoischer Prägung - der sich vor 
allem auf die Bergpredigt bezieht - keinen Hehl. In Zeitschriften wie Erkenntnis und 
Befreiung oder Wohlstand für Alle, deren Herausgeber Ramus war, finden sich Dutzende 
derartige Beiträge.

Aber warum denkst du, dass der Link mit dem ,,jüdischen Messianismus" bzw. jener mit dem 
Katholizismus besonders ausschlaggebend ist?

Torsten Bewernitz: Bzgl. des Katholizismus, und darauf zielte auch meine erste, nicht ganz 
ernsthaft gemeinte Frage ab, beruht diese These zum einen auf Erfahrung: In meiner 
politischen Sozialisierung wimmelt es schlicht von ehemaligen MessdienerInnen und 
PfadfinderInnen, das mag aber auch an einer ländlichen Sozialisierung liegen. Ich 
beobachte bei diesen GenossInnen eine doppelte Bewegung: Zum einen distanziert man sich 
aufgrund der eigenen Erfahrungen mit der Obrigkeitskirche sehr stark von dieser und damit 
auch von der Religion, zum anderen beruft man sich aber, bewusst oder unbewusst, auf ein 
spezifisch katholisches Sozialethos. Meiner Erfahrung nach erkennen selbst hartgesottenste 
AtheistInnen an, dass der historische Mensch Jesus ein Revolutionär war.

  Postkarte der Freidenker Leipzig zur Sommersonnenwende 1928 (Städtisches Museum Leipzig)

Postkarte der Freidenker Leipzig zur Sommersonnenwende 1928 (Städtisches Museum Leipzig)
Und die christliche Sozialethik scheint mir schlicht eher katholisch geprägt zu sein: 
Kolping, Bischof von Ketteler, Papst Leo XIII. sind die Namen, die damit in Verbindung 
stehen. Etwas weiter in der Geschichte zurückgedacht, war die Grundidee des Katholizismus 
die Gnade, das ,,Himmelreich" muss man sich nicht verdienen, sondern man bekommt es 
geschenkt. Im heutigen Anarchismus würde ich das sogar als kritischen Aspekt aufnehmen: 
Gerade die Grundidee des Syndikalismus ist ja eigentlich die Idee, sich kollektiv für die 
gemeinsamen eigenen Interessen einzusetzen. Praktisch ist man aber häufig karitativ tätig. 
Karitatives Engagement würde ich dabei als Gegenbegriff zur Solidarität (die als Begriff 
ja auch in der katholischen Soziallehre eine wesentliche Rolle spielt) verstehen: 
Solidarität ist, laut lexikalischer Definition, die gegenseitige Unterstützung aufgrund 
der Erkenntnis einer gemeinsamen Lage, die Karitas dagegen ist reine Wohltätigkeit. Und 
etwas provokativ könnte man jetzt behaupten, dass die meisten linken Solidaritätsprojekte 
nichts anderes als Karitas sind. Wenn ich etwa an Errico Malatestas Begründung in ,,Die 
moralische Grundlage des Anarchismus" für den Anarchismus denke - ,,dieses Gefühl ist die 
Liebe zu den Menschen" -, dann empfinde ich das als sehr katholisch. Und letztlich halte 
ich das für fatal, denn das entspricht dem weit verbreiteten Vorurteil, AnarchistInnen 
würden auf das ,,Gute" im Menschen vertrauen. Und vielleicht ist das sogar ein Grund, 
warum anarchistische Ideen so wenig verbreitet sind: Um mich karitativ zu engagieren, kann 
ich auch zu Greenpeace, amnesty international oder eben ,,Brot für die Welt" gehen. 
Anarchismus sollte dagegen eine Idee für Selbstbetätigung und Selbstermächtigung sein, die 
Menschen woanders nicht zu ,,Opfern" des Systems macht, sondern ihnen in ihren bestehenden 
Widerständen hilft und diese unterstützt, im Idealfall durch den gleichen Kampf ,,im 
Herzen der Bestie".

Den Protestantismus dagegen würde ich am ehesten mit der protestantischen Arbeitsethik 
assoziieren, wie Max Weber sie analysiert hat. Selbstverständlich war das ursprünglich im 
beginnenden 16. Jahrhundert in weiten Teilen eine revolutionäre Bewegung, und zu der 
Forderung einer aktiven gegenseitigen Solidarität passt der Protestantismus vielleicht 
sogar besser: Statt auf Gnade von oben zu warten, müssen wir selber aktiv werden - ,,uns 
aus dem Elend zu erlösen können wir nur selber tun" hallt dies in der Internationale 
wieder. Daraus wird aber im Protestantismus schnell eine Arbeitspflicht und ein 
Leistungsethos, der sich eben schnell zu einer Eigenverantwortung im neoliberalen Sinne 
steigert - darauf wollte Max Weber in seiner Analyse ja hinaus. Diese ,,Arbeitspflicht" 
versteht sich nun prima mit dem Produktivismus des orthodoxen Marxismus, man denke nur an 
die ,,Aktivistenbewegung" in der UdSSR (Stachanow) und der DDR (Henneke). Und das andere 
Extrem sind die Evangelikalen, deren Tradition man ja bis zu den Täufern und Mennoniten - 
eigentlich religiösen RevolutionärInnen - zurückverfolgen kann.

Den jüdischen Messianismus dagegen halte ich für libertäre Traditionen tatsächlich für am 
ertragreichsten. Ich würde ihn kurz zusammenfassen als eine abwartende Haltung - auf 
etwas, das kommen wird. Das weist den ,,historischen Materialismus" im engeren Sinne in 
seine Schranken, der ja meint, genau zu wissen, was kommt, und andererseits auch einen 
Utopismus, der schon im Voraus formulieren möchte, was passiert, wenn das messianische 
Ereignis eintritt. Der Messianismus hat eine ganze Reihe undogmatischer nicht-religiöser 
oder nur semireligiöser wichtiger Denker hervorgebracht, wie Gustav Landauer, Martin 
Buber, Ernst Bloch und Walter Benjamin. Der wohl späteste dezidierte Vertreter war Jaques 
Derrida, und gerade dessen Interpretation gefällt mir besonders gut und ist sinnvoll an 
den Anarchismus anschließbar: Bei Derrida kommt die Revolution nicht von allein, und man 
weiß auch nicht genau, was sie bringt. Darum ist die Erwartung des Messianischen eine 
durchaus angstvolle. Weil sie aber die Hoffnung auf positive Veränderung birgt, ist sie 
dennoch etwas, auf das aktiv hingearbeitet werden soll. Darum geht es m.E. auch in 
libertärer Theorie und Praxis: In Ablehnung einer Wissenschaft, die uns die Zukunft 
definiert, und in Ablehnung einer utopistischen Vorformulierung (Derrida spricht auch von 
einer ,,von traditionellen Utopien gereinigten Utopie"), die autoritär wäre, sind wir uns 
dennoch sicher, dass das System irgendwann zusammenkrachen muss - und dass es unserer 
aktiven Beteiligung bedarf, dieses zu erwartende Ereignis positiv zu gestalten.

Damit habe ich nun selber meine Eingangsfrage beantwortet, nämlich die Frage, welcher 
religiösen Strömung der Anarchismus aus welchem Grund nahestehen könnte. Dabei ist es 
übrigens auffällig, dass andere Weltreligionen in unserer Diskussion nicht vorkommen. 
Beeinflusst von der lebensreformerischen Jugendbewegung hat es in den 1910er - 1920er 
Jahren einige AnarchistInnen und auch RätekommunistInnen zum Buddhismus hingezogen - 
Rudolf Rocker hat sich darüber mal lustig gemacht. Aber - was ist denn eigentlich mit dem 
Islam und seinem Verhältnis zu Arbeiterbewegung und Anarchismus?

Sebastian Kalicha: Bei mir kommen die anderen Weltreligionen nicht sofort zu Sprache, weil 
ich mich mit libertärem Christentum weitaus intensiver beschäftigt habe als mit anderen 
religiös-anarchistischen Strömungen. Aber wenn du schon den Islam ansprichst, so fallen 
mir da spontan schon einige sehr spannende Sachen ein. Da gibt es z.B. den 
Anarchismus-Link zum Sufismus - dem islamischen Mystizismus. Sog. ,,Sufi-AnarchistInnen" 
kenne ich vor allem aus Jordanien und Indonesien, wo von einer teils jungen 
AnarchistInnen-Generation versucht wird, die libertären Traditionen in ihren Regionen 
ausfindig zu machen, um diese mit dem klassischen europäischen 19. Jahrhundert-Anarchismus 
zu verbinden. Auch in den Schriften des sudanesischen Sufi-Theologen Mahmud Muhammad Taha 
ist es nicht schwer, eine klar anarchistische Dimension zu erkennen. Ein Genosse nannte 
ihn mal den ,,Tolstoi des Islam", ein Vergleich, der meiner Meinung nach sehr gut passt. 
In einem jüngst erschienenen Sammelband mit dem Titel Religious Anarchism. New 
Perspectives finden sich beispielsweise auch zwei Texte zu Anarchismus und Islam, auf 
anarchistischen Buchmessen kann man Zines und Broschüren zum Thema kaufen etc. Hier tut 
sich also durchaus auch einiges!

Torsten Bewernitz

Sebastian Kalicha

Herausgegeben von Sebastian Kalicha erscheint in Kürze der Sammelband Christlicher 
Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung im Verlag Graswurzelrevolution.
Einen ersten Überblick bietet der Artikel Anarchismus und Christentum. Plädoyer für einen 
differenzierten Blick des Autors in der Grundrisse Nr. 44. Die Grundrisse legt hier eine 
auch ansonsten sehr empfehlenswerte Schwerpunktausgabe mit dem Thema Kritik der 
Religionskritik: Glaube und Befreiung vor.

Siehe:

www.grundrisse.net/PDF/grundrisse_44.pdf

LITERATURHINWEISE:

Derrida, Jaques: Marx' Gespenster. Der Staat der Schuld, die Trauerarbeit und die neue 
Internationale. Frankfurt a.M. 1996.

Prüfer, Sebastian: Sozialismus statt Religion. Die deutsche Sozialdemokratie vor der 
religiösen Frage 1863 - 1890. Göttingen 2002.

Löwy, Michael: Erlösung und Utopie: Jüdischer Messianismus und libertäres Denken. Berlin 1997.

Lucas, Erhard: Vom Scheitern der deutschen Arbeiterbewegung. Basel/ Frankfurt a.M. 1983.

Weber, Max: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. München 2010 
(Tübingen 1934).


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